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Title: Der Sturm [The Tempest].
Ein Schauspiel von Shakspear, fr das Theater bearbeitet.
Author: Shakespeare, William (1564-1616)
Translator: Tieck, Johann Ludwig (1773-1853)
Author of preface: Tieck, Johann Ludwig (1773-1853)
Date of first publication: 1796
Edition used as base for this ebook:
   Berlin and Leipzig: Carl August Nicolai, 1796
   (first edition)
Date first posted: 21 January 2009
Date last updated:  21 January 2009
Project Gutenberg Canada ebook #241

This ebook was produced by:
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Titre: Der Sturm [The Tempest (La Tempte)]
Ein Schauspiel von Shakspear, fr das Theater bearbeitet.
Auteur: Shakespeare, William (1564-1616)
Traducteur: Tieck, Johann Ludwig (1773-1853)
Prfacier: Tieck, Johann Ludwig (1773-1853)
Date de la premire publication: 1796
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Berlin et Leipzig: Carl August Nicolai, 1796
   (premire dition)
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   21 janvier 2009
Date de la dernire mise  jour:
   21 janvier 2009
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 241

Ce livre lectronique a t cr par:
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D e r  S t u r m.

Ein Schauspiel von Shakspear,

fr das Theater bearbeitet

von

L u d w i g  T i e c k.




Nebst einer Abhandlung ber Shakspears Behandlung des Wunderbaren.

Berlin und Leipzig,
b e y  C a r l  A u g u s t  N i c o l a i.

1796.



Vorrede.


Jedem Leser ist gewi dies Stck bekannt, dessen viele und groe
Schnheiten mich zu dem Versuch bewogen, es fr's Theater zu
bearbeiten. Es ist vielleicht nur eine Art von Eigensinn und
Verwhnung, da wir Shakspear nicht in seiner ursprnglichen Gestalt
auf unsern Theatern dulden wollen. Wir haben uns an die sogenannten
Umarbeitungen seiner Kunstwerke gewhnt, in welchen seine ppigen
Auswchse, so wie die faden Stellen, weggeschnitten sind, in welchen
alles, was bei ihm zerstreuet und umherschweifend scheint, auf Einen
Punkt concentrirt wird, um den Effekt zu erhhen; ob aber nicht diese
Bearbeitungen dem groen Dichter viele seiner Schnheiten genommen
haben, ob sie nicht durch den Schein von Ordnung, der in ihnen
herrscht, die groe weite Aussicht verengt haben, bleibt noch sehr
unentschieden; ich will hier darber nicht weitluftiger seyn, weil
ich den Vorsatz habe, unter den angekndigten Aufstzen einen
besondern ber die Umarbeiter Shakspears zu schreiben.

Es schien mir bei dieser Umarbeitung die erste und heiligste Pflicht,
dem Dichter keine seiner Schnheiten zu rauben, daher habe ich fast
alles so gelassen, wie ich es fand, und meine betrchtlichsten
Aenderungen sind nur Abkrzungen einiger Stellen. Ich gebe zu, da
diese Arbeit beim Sturm ungleich leichter war, wie bei den meisten
brigen Stcken des Dichters, denn selbst dem flchtigsten Leser
drngt sich im Sturm die Ordnung und Planmigkeit auf; er kann nie
den Faden verliehren, er wird durch keine Episoden gestrt, alles
winkt  u n m i t t e l b a r  nach Einem Punkt hin; ich habe daher auch
auf D r y d e n s Umarbeitung des Sturms gar keine Rcksicht genommen,
der den Dichter und seinen Endzweck unmglich verstanden haben kann,
weil er sonst nicht leicht eine so verworrene, unverstndliche und
langweilige Composition htte liefern knnen.

Die Musik war in diesem wunderbaren Schauspiel unentbehrlich, um die
Tuschung zu untersttzen, nur wre die ganze Wirkung ohne Zweifel
verlohren gegangen, wenn man aus diesem Stcke eine eigentliche  O p e r
htte machen wollen; ich sprach vieles ber diesen Gegenstand mit
meinem Freunde, dem Musikdirector  W e s s e l y,  und er war hierin
vllig meiner Meynung. Er hat daher alle Lieder nicht als Arien
componirt, sondern in einer andern, einfachen Manier, die gewi
unmittelbarer auf die Seele wirkt; weil Musik das Schauspiel heben
muste, habe ich zu gleicher Zeit die Geisterchre und einige andre
Gesnge eingeflochten, wo Shakspear die Musik nur andeutet. Statt der
 M a s k e  im vierten Aufzuge, die vielleicht berdies nicht von
Shakspear ist, habe ich ein anderes kleines Geisterschauspiel
eingefhrt; wegen diesen und andern Abnderungen bitte ich um die
Nachsicht des Lesers.

Sollte dies Stck auf dem Theater gefallen, so wrde ebenfalls der
S o m m e r n a c h t s t r a u m  bald erscheinen, zu welchem die
Composition gleichfalls vom Musikdirector  W e s s e l y  ist. --

Ich habe einigemahl die redenden Personen anders abgetheilt, auch
kleine Abnderungen, z. B. in der ersten Scene gemacht, die mir der
Zusammenhang zu rechtfertigen schien.

Auch in Ansehung der Abhandlung bitte ich um nachsichtige Beurtheiler;
manche Ideen scheinen leicht etwas dunkel und unbestimmt, die im
Zusammenhange mit den brigen angekndigten Aufstzen sich deutlicher
entwickeln.




Ueber Shakspeare's Behandlung des Wunderbaren.


Man hat oft Shakspeare's Genie bewundert, das in so vielen seiner
Kunstwerke die gewhnliche Bahn verlt, und neue Pfade sucht; bald
Leidenschaften bis in ihre feinsten Schattierungen, bald bis zu ihren
entferntesten Grnzen verfolgt; bald den Zuschauer in die Geheimnisse
der Nacht einweiht, und ihn in einen Kreis von Hexen und Gespenstern
versetzt; ihn dann wieder mit Feen und Geistern umgiebt, die jenen
frchterlichen Erscheinungen vllig unhnlich sind. Man hat zu oft
ber die Khnheit, mit der Shakspeare die gewhnlichen Regeln des
Drama verletzt, die ungleich grere Kunst bersehen, mit der er den
Mangel der Regel unbemerkbar macht; denn eben darin besteht der
Probierstein des chten Genie's, da es fr jede verwegene Fiction,
fr jede ungewhnliche Vorstellungsart, schon im voraus die Tuschung
des Zuschauers zu gewinnen wei; da der Dichter nicht unsre
Gutmthigkeit in Anspruch nimmt, sondern die Phantasie, selbst wider
unsern Willen, so spannt, da wir die Regeln der Aesthetik, mit allen
Begriffen unsers aufgeklrteren Jahrhunderts vergessen, und uns ganz
dem schnen Wahnsinn des Dichters berlassen; da sich die Seele, nach
dem Rausch, willig der Bezauberung von neuem hingiebt, und die
spielende Phantasie durch keine pltzliche und widrige Ueberraschung
aus ihren Trumen geweckt wird.

In dieser grten unter den dramatischen Vollkommenheiten, wird
Shakspeare vielleicht stets unnachahmlich bleiben; -- diese groe
Alchymie, durch die alles, was er berhrte, in Gold verwandelt ward,
scheint mit ihm verloren. Denn so sehr seine Meisterstcke auch von
seinen Zeitgenossen und spteren Dichtern, von Englndern und
Deutschen nachgeahmt sind, so hat sich doch keiner nach ihm in jenen
magischen Kreis gewagt, in welchem er so gro und furchtbar erscheint.
Die wenigen, die es versucht haben, ihn hierin zu erreichen, stehen
gegen ihn wie Beschwrer da, denen, Trotz ihren geheimnivollen
Formeln, Trotz allen ihren Cirkeln und ihrem Zauber-Apparatus, kein
Geist gehorcht; und die am Ende nur Langeweile erregen, weil sie die
Kunst nicht besitzen, den richtenden Verstand einzuschlfern.

Shakspeare war in seinem Zeitalter mehr als jeder andere
Schriftsteller, der Dichter seiner Nation; er schrieb nicht fr den
Pbel, aber fr sein Volk; und die dramatischen Meisterstcke der
Alten, selbst wenn er sie gekannt htte, waren daher nicht das
Tribunal, vor dem er seine Schauspiele zog, sondern durch ein
aufmerksames Studium des Menschen hatte er gelernt, was auf die
Gemther wirkt, und nach seinem eigenen Gefhl, und den Regeln, die er
aus der Erfahrung abstrahiert hatte, dichtete er seine Kunstwerke.
Eben daher kommt es, da die meisten seiner Stcke bei der Vorstellung
und beim Lesen so allgemein wirken, und nothwendig wirken mssen;
denn vielleicht hat kein Dichter in seinen Kunstwerken so sehr den
theatralischen Effekt berechnet, als Shakspeare, ohne doch leere
Theaterkoups zum Besten zu geben, oder durch armselige Ueberraschungen
zu unterhalten. Er hlt die Aufmerksamkeit, ohne die Kunstgriffe
mancher intriguanten Dichter, und ohne den Beistand der  N e u g i e r,
bis zum Schlu in Spannung, und erschttert durch khne Schlge seines
Genie's innig, und bis zum Erschrecken.

Seine wunderbare Welt besteht daher nicht aus den Rmischen oder
Griechischen Gottheiten, oder aus unwirksamen allegorischen Wesen, die
man vor ihm, und selbst noch zu seiner Zeit, hufig auf dem Theater
sah, obgleich die Zuschauer durch diese an die bernatrlichen Wesen
gewissermaen gewhnt waren; -- sondern als Volksdichter lie er sich
zu der Tradition seines Volkes hinab.

Da die Phantasie des gemeinen Volks den Aberglauben erschafft und
ausschmckt, so ist es natrlich, da in den Produkten der erhitzten
und gengstigten Einbildungskraft immer eben so viel Kindisches als
Schreckliches liegt, eben so viel widrige und abgeschmackte Zge, als
schne und frchterliche. Htte Shakspeare ohne Unterschied diese
Vorstellungsarten des Volks adoptirt, so htte er freilich wohl auf
den Beifall des Pbels rechnen knnen, aber jeder Leser von einigem
Geschmack und geluterter Phantasie htte dann auch unwillig die
Migeburten seines Gehirns aus den Hnden geworfen. Er zeigte aber
hier sein feineres Gefhl; als einem chten Dichter, war es ihm nicht
genug, sich zu den Vorstellungsarten des Volkes herabzulassen, sondern
er hob diese Vorstellungen zugleich zu seinem eigenen Geiste hinauf; -- er
begegnete der Phantasie des Volks, aber er forderte von diesem
auch eine Veredlung und Verfeinerung des Gefhls. In dieser
Vereinigung veredelte er den gemeinen Aberglauben zu den schnsten
poetischen Fictionen, er sonderte das Kindische und Abgeschmackte
davon ab, ohne ihm das Seltsame und Abentheuerliche zu nehmen, ohne
welches die Geisterwelt dem gewhnlichen Leben zu nahe kommen wrde.

Shakspeare ist ein ganz verschiedener Knstler als Tragiker, und in
seinen sogenannten Lustspielen. Jeder Leser wird beim ersten Anblick
auf die Bemerkung gefhrt seyn, da das Wunderbare im Macbeth und
Hamlet, dem Wunderbaren im Sturm und Sommernachtstraum, durchaus
unhnlich sey. Ich wende mich zuerst zu den letztern Stcken.




I.

Ueber die Behandlung des Wunderbaren im Sturm.


Shakspeare's Schauspiele knnen in viele Klassen getheilt werden. Nur
wenige sehen sich unter einander hnlich; fast jedes hat irgend ein
Geprge der Eigenthmlichkeit, einen eigenen Geist, der es von den
brigen absondert. Alle sind treue Spiegel der Seele des Dichters;
fast jedes ist ein Produkt einer eigenen, den brigen unhnlichen
Empfindung. Dem Sturm kann man kein anderes Schauspiel gegenber
stellen, als den Sommernachtstraum; man findet hier ohngefhr dieselbe
Welt, und hnliche Charaktere wieder; eben die blhende, ewig
lebendige Phantasie, und die zarte Empfindung; eben den leisen
Fortschritt einer Begebenheit von kleinem Umfange; eben die Mischung
des Ernsthaften und Komischen. Wenn ich auch nicht mit Malone die
Dichtung des Sommernachtstraums, 17 Jahre vor der des Sturms setzen
mchte,[1] so bin ich doch berzeugt, da das letztere ungleich spter
als jenes geschrieben ward; denn man kann vielleicht sagen, da der
Sturm eine schnere und mehr vollendete Wiederhohlung des
Sommernachtstraums sey.

Das  W u n d e r b a r e,  und die Art der Behandlung desselben, ist es
vorzglich, die diese Schauspiele in eine besondre Klasse stellt, und
sie den brigen Dichtungen der Shakspeareschen Muse unhnlich macht.
Es scheint mir daher der Mhe werth, etwas genauer zu untersuchen, auf
welche Art der Dichter die neue Bahn betritt, und ein Gemhlde
aufstellt, das wir mit eben so hoher Bewunderung als seine andern
Meisterstcke betrachten.

[Funote 1: Es ist sehr wahrscheinlich, da der  S t u r m  das letzte
oder vorletzte Stck Shakespeare's war. Malone setzt die Verfertigung
des Sturms in das Jahr 1612, die des Sommernachtstraums in das Jahr
1595, indessen sind seine Beweise nicht berzeugend. Das letztere
Stck ward erst 1600 gedruckt; doch wird es 1598 schon erwhnt. Ich
mchte es hchstens kurz vor 1598 setzen; denn die inneren Grnde, die
Malone fr das frhere Datum anfhrt sind alle unzureichend. Zwar hat
das Stck auffallend viele Reime, (und dies ist eins der gltigsten
Kennzeichen von Shakspeare's frheren Arbeiten) aber Malone verga,
da diese Reime hier nicht so zwecklos, wie in =Love's labour lost=
stehen; in den Feenscenen vorzglich hatte der Dichter die sehr
natrliche Absicht, fr die Wirkung des Ganzen sein Stck durch den
Reim noch romantischer und musikalischer zu machen.]

Wenn man so eben von der Lesung des Macbeth oder Othello zurckkommt,
so wird man versucht, den Sturm und Sommernachtstraum sehr tief unter
diese groen Zeichnungen zu setzen; denn diese sanften und
freundlichen Gemlde kontrastiren sehr gegen jene gigantischen
Figuren. Man findet hier keine Schule der Leidenschaften, keine
Geisterwelt, die uns mit Schrecken und Schauder fllt: Shakspeare lt
seine Donner schweigen, um ungestrt die Imagination bei den reizenden
Bildern verweilen zu lassen; er weiht in diesen Stcken den Zuschauer
in seine Zauberwelt ein, und lt ihn mit hundert magischen Gestalten
in eine vertrauliche Bekanntschaft treten, ohne da ihn Schrecken und
Schauder von der geheimnivollen Werkstatt in einer grauenhaften
Entfernung halten. Man darf daher im Sturm nicht Scenen erwarten, die
denen im Macbeth oder Hamlet hnlich sind. Der Dichter hat uns hier
die Geisterwelt nher gerckt, sie nicht in jener furchtbaren
Entfernung gelassen, nicht mit jenem undurchdringlichen Schleier
umhllt, der die Blicke der Sterblichen zurckschreckt. Das Reich der
Nacht ist hier von einem sanften Mondschein erhellt: wir treten dreist
zu den freundlichen und ernsten Gestalten hinzu, die uns eben so wenig
schrecklich als schdlich sind.


Wie gewinnt der Dichter nun die Tuschung
fr seine bernatrlichen
Wesen?

1.

     Durch die Darstellung einer ganzen wunderbaren Welt, damit
     die Seele nie wieder in die gewhnliche Welt versetzt, und
     so die Illusion unterbrochen werde. -- Dadurch, da die
     dargestellten Wunder nicht ganz unbegreiflich scheinen.

     *    *    *    *    *

Dem erzhlenden Dichter wird es ungleich leichter, den Leser in eine
bernatrliche Welt zu versetzen: Schilderungen, poetische
Beschreibungen stehen ihm zu Gebot, wodurch er die Seele zum
Wunderbaren vorbereitet; man sieht die Erscheinungen erst durch das
Auge des Dichters, und der Tuschung widersetzen sich nicht so viele
Schwierigkeiten, da sie auch nie so lebhaft werden kann, als die
Tuschung des Drama's werden soll. Man glaubt dem epischen Dichter
gleichsam auf sein Wort, wenn er nur einige Kunst anwendet, seine
wunderbare Welt wahrscheinlich zu machen; aber im Schauspiele sieht
der Zuschauer selbst; der Schleier, der ihn von den Begebenheiten
trennt, ist niedergefallen, und er verlangt daher hier auch eine
grere Wahrscheinlichkeit.

Wenn der dramatische Dichter uns in eine wunderbare Welt einfhren
will, so wird er immer an unserm Unglauben die grste aller
Schwierigkeiten finden. Wir interessiren uns leicht fr Leidenschaften
und Situationen; wir werden bald mit Charakteren vertraut: aber wie
soll die Schwierigkeit berwunden werden, da uns die Geschpfe, die
blos in der Phantasie existiren, nicht  i m m e r   b e r n a t  r l i c h
erscheinen? Oder, wenn der Dichter endlich unsern Hang zur
Illusion auf seine Seite gezogen hat, wie kann er es vermeiden, da
wir nicht in jedem Augenblicke den Betrug bemerken, und dadurch auf
eine desto unangenehmere Art in die Wirklichkeit versetzt werden?

Da die  A l l e g o r i e  diese tuschende Kraft nicht habe, bedarf
wohl kaum einer Bemerkung. Man sieht den Direkteur gleichsam mit der
Hand unter seine nachahmenden Marionetten greifen; man sieht den
dargestellten, moralischen oder philosophischen Satz, fr sich da
stehen: und eben dadurch, da nur allein dem Scharfsinn Beschftigung
gegeben wird, verliert sich das Spiel der Phantasie; und in eben dem
Augenblicke spricht der Verstand auch ber die ganze brige
Composition ein Verdammungsurtheil aus; denn der Dichter lehrt ihn
selbst zuerst, wie inconsistent seine Erdichtungen sind. So hebt
Gthe, in seinem  E g m o n t,  nach einer sehr schnen Scene, durch
eine Allegorie die ganze Wirkung des Schlusses auf. Sonst haben sich
beym neuern Theater diese unpoetischen Fictionen fast ganz allein in
das Gebiet der  P r o l o g e  zurck gezogen. -- Die  M a s k e n  in
den alten Englischen Schauspielen sind oft allegorisch, und selbst die
Maske im Sturm hat einen Anstrich davon; allein sie gehrt nicht
wesentlich zum Stck, und ist auch vielleicht der grte Fehler des
Stcks. Shakspeare vermeidet sonst immer die Allegorie, ob ihm ihr
Gebrauch gleich sehr nahe lag; denn die =Moralities= waren oft ganz
allegorisch; und selbst in den Trauerspielen, die kurz vor ihm, und
selbst noch zu seiner Zelt aufgefhrt wurden, stehen noch oft
allegorische Wesen in der Reihe der handelnden Personen.

Der Sturm und der Sommernachtstraum lassen sich vielleicht mit heitern
Trumen vergleichen: in dem letztern Stck hat Shakspeare sogar den
Zweck, seine Zuschauer gnzlich in die Empfindung eines Trumenden
einzuwiegen; und ich kenne kein anderes Stck, das, seiner ganzen
Anlage nach, diesem Endzweck so sehr entsprche. Shakspeare, der so
oft in seinen Stcken verrth, wie vertraut er mit den leisesten
Regungen der menschlichen Seele sey, beobachtete sich auch
wahrscheinlich in seinen Trumen, und wandte die hier gemachten
Erfahrungen auf seine Gedichte an. Der Psychologe und der Dichter
knnen ganz ohne Zweifel ihre Erfahrungen sehr erweitern, wenn sie dem
Gange der Trume nachforschen: hier lt sich gewi oft der Grund
entdecken, warum manche Ideencombinationen so heftig auf die Gemther
wirken; der Dichter kann hier am leichtesten bemerken, wie sich eine
Menge von Vorstellungen an einander reihen, um eine wunderbare,
unerwartete Wirkung hervorzubringen. Jedermann von lebhafter Phantasie
wird gewi schon oft gelitten, oder sich glcklich gefhlt haben,
indem ihn ein Traum in das Reich der Gespenster und Ungeheuer, oder in
die reizende Feenwelt versetzte. Mitten im Traume ist die Seele sehr
oft im Begriff den Phantomen selbst nicht zu glauben, sich von der
Tuschung loszureien, und alles nur fr betrgerische Traumgestalten
zu erklren. In solchen Augenblicken, wo der Geist gleichsam mit sich
selber zankt, ist der Schlafende immer dem Erwachen nahe; denn die
Phantasien verlieren an ihrer tuschenden Wirklichkeit, die Urtheilskraft
sondert sich ab, und der erste Zauber ist im Begriff zu verschwinden.
Trumt man aber weiter, so entsteht die Nicht-Unterbrechung der
Illusion jedesmal von der unendlichen Menge neuer magischen Gestalten,
die die Phantasie unerschpflich hervorbringt. Wir sind nun in einer
bezauberten Welt festgehalten: wohin wir uns wenden, tritt uns ein
Wunder entgegen; alles, was wir anrhren, ist von einer fremdartigen
Natur; jeder Ton, der uns antwortet, erschallt aus einem bernatrlichen
Wesen. Wir verlieren in einer unaufhrlichen Verwirrung den Maastab,
nach dem wir sonst die Wahrheit zu messen pflegen; eben, weil nichts
Wirkliches unsre Aufmerksamkeit auf sich heftet, verlieren wir in der
ununterbrochenen Beschftigung unsrer Phantasie, die Erinnerung an
die Wirklichkeit; der Faden ist hinter uns abgerissen, der uns durch
das rthselhafte Labyrinth leitete; und wir geben uns am Ende vllig
den Unbegreiflichkeiten Preis. Das Wunderbare wird uns itzt gewhnlich
und natrlich: weil wir von der wirklichen Welt gnzlich abgeschnitten
sind, so verliert sich unser Mitrauen gegen die fremdartigen Wesen,
und nur erst beym Erwachen werden wir berzeugt, da sie Tuschung
waren.

Die ganze Welt von Wunderbarem ist es, die unsre Phantasie in manchen
Trumen so lange beschftiget, wo wir auf eine Zeit lang ganz die
Analogie unsrer Begriffe verlieren, und uns eine neue erschaffen, und
wo alles diesen neuerworbenen Begriffen entspricht. -- Alles dieses,
was die Phantasie im Traume beobachtet, hat Shakspeare im Sturm
durchgefhrt. Die vorzglichste Tuschung entsteht dadurch, da wir
uns durch das ganze Stck nicht wieder aus der wundervollen Welt
verlieren, in welche wir einmal hinein gefhrt sind, da kein Umstand
den Bedingungen widerspricht, unter welchen wir uns einmal der
Illusion berlassen haben. Shakspeare beobachtet eben dies im
Sommernachtstraum, aber nicht auf eine so vorzgliche Art, als im
Sturm.  H i e r  fhrt uns nichts in die wirkliche Welt zurck;
Begebenheiten und Charaktere sind gleich auerordentlich; die Handlung
des Stcks hat nur einen kleinen Umfang, aber sie ist durch so
wunderbare Vorflle, durch eine Menge von Uebernatrlichkeiten
vorbereitet und durchgefhrt, da wir die Grundbegebenheit des Stcks
fast ganz darber vergessen, und uns nicht so sehr fr den Zweck des
Dichters interessiren, als fr die Mittel, durch die er seinen Zweck
erreicht. Der Faden, an welchem alles Uebrige gereiht ist, ist die
Wiedereinsetzung eines vertriebenen Frsten in sein Reich: eine
Begebenheit, die an sich, wegen des Unpoetischen der Situation, wenig
Interesse hat. Dieses einfache Sujet will der Dichter zu einem
wunderbaren erheben; und wenn man nicht annimmt, da Shakspeare es
ganz aus einer Italinischen Novelle schpfte, (man hat aber noch
keine, diesem Stck hnliche, aufgefunden,) so ist es sehr
interessant, zu bemerken, durch wie viele Grade der Dichter die
gewhnliche Begebenheit zu einer ungewhnlichen und wundervollen
erhob. Er lt Prospero durch seinen  B r u d e r  vertrieben werden:
dadurch setzt der Dichter ihn mit seinem Feinde in ein interessantes
Verhltni, das durch das minder Gewhnliche die Aufmerksamkeit schon
etwas mehr rege macht. Statt ihn blos zu verbannen und ins Elend zu
schicken, lt er ihn bers Meer, auf einem zerbrechlichen Nachen
schiffen, und nach vielen Jahren an eine wste, menschenleere Insel
landen, wo er, von der ganzen brigen Welt abgeschnitten, sich selber
berlassen ist. Diese auerordentliche und romantische Situation kommt
schon dem Wunderbaren nahe. Dieser Frst aber, an dessen Schicksalen
wir itzt Theil nehmen, ist kein gewhnlicher Mensch; der Dichter lt
ihn als einen Charakter auftreten, der sich dem Ideale nhert? Er ist
ber die Leidenschaften der Menschen erhaben, er hat ihre Schwchen
abgelegt. Dadurch knnen wir freilich fr sein Unglck nicht gerhrt
werden, weil er es selbst nicht tief genug fhlt; der Charakter
verliert die Theilnahme, die wir dem Elenden schenken, aber er wird in
eben dem Augenblicke ein Gegenstand unsrer Bewunderung, und eben
dadurch, da die Hauptperson kein gewhnlicher Mensch ist, wird das
Wunderbare im Stck wieder um einen Grad erhht. Er lebt aber nicht
ganz einsam in seiner Verbannung; seine  T o c h t e r  ist seine
Begleiterinn gewesen: Auf ihre zarte Unschuld, auf ihre feinen
Empfindungen, auf das reizendste weibliche Geschpf wird nun die
L i e b e  des Zuschauers gelenkt, die den ber ihm erhabenen Prospero
nicht erreichen kann. Durch diesen Charakter verbindet Shakspeare sehr
geschickt seine wunderbare mit seiner wirklichen Welt; die letztere
mu die Empfindung des Zuschauers fr sich gewinnen, wenn ihn die
erstere nie von seinem Erstaunen, und der daraus entstandenen Illusion
zurckkommen lt.

Prospero ist aber noch mehr, als ein edler Mensch; der Dichter lt
ihn zugleich als ein bermenschliches Wesen auftreten, dessen Befehlen
die Natur willig gehorcht, der durch das Studium der Magie eine
Herrschaft ber die Geister erlangt hat, durch die er alle Umstnde
nach seinem Willen lenkt. Der  Z a u b e r e r  Prospero bekommt itzt
seine Feinde in seiner Gewalt; er will sie bestrafen, und sein
verlohrnes Eigenthum wieder erlangen. Ein anderer Zweck Prospero's ist
die Verbindung seiner Tochter mit dem liebenswrdigen Sohn des Knigs
von Neapel: die Liebe der beyden zarten Seelen verbindet hier wieder
den Theil des Stcks, der unser Mitgefhl erregen soll, mit dem andern
Theile, der uns mit dem Reiche der Geister bekannt macht. Shakspeare
fhrt sogar diese Verbindung des Interesse, und der Tuschung des
Aberglaubens, durch  a l l e  ernsthafte Scenen seines Schauspiels
durch; denn unter den Bsewichtern ist  A l o n s o,  der Vater
Ferdinands, darum ein  f  h l e n d e r  Charakter, der sogar in einem
gewissen Grade unser Mitleid erregt, da Sebastian und Anthonio sich
nur unsern Ha durch ihre Klte zuziehn.

Prospero fhrt seinen Plan durch Hlfe seiner dienstbaren Geister aus:
A r i e l  ist der oberste seiner Diener. Der Zuschauer wird nun selbst
zu den geheimsten Anschlgen zugelassen; er sieht alle Mittel, durch
welche Prospero wirkt; kein Umstand bleibt ihm verborgen. Die Macht
der Geister selbst ist ihm zwar unbegreiflich; aber es ist ihm genug,
da er sie wirken, und Prospero's Gebote erfllen sieht. Er verlangt
keine nheren Aufschlsse; er glaubt sich in alle Geheimnisse
eingeweiht, indem keine Wirkung erfolgt, die er nicht gleichsam selber
zubereiten sah, -- keine Erscheinung, kein Wunder eintritt, von dem er
nicht vorher wute, da es in demselben Augenblick eintreten wrde. Er
wird daher durch nichts   b e r r a s c h t  oder  e r s c h r e c k t,
ob ihn gleich alles in ein neues Erstaunen, und in einen
traumhnlichen Rausch versetzt, durch welchen er sich am Ende in einer
wunderbaren Welt, wie in seiner Heimath befindet. --Durch die
Charaktere  A r i e l s  und  C a l i b a n s  erschafft Shakspeare
vorzglich diese ganze wunderbare Welt um uns her; sie sind gleichsam
die Wchter, die unsern Geist nie in das Gebiet der Wirklichkeit
zurcklassen: Ariels Gegenwart erinnert uns in allen ernsten, Calibans
in allen komischen Scenen, wo wir uns befinden. Prospero's magische
Veranstaltungen, die ununterbrochen eine nach der andern einfallen,
lassen das Auge auf keinen Moment in die Wirklichkeit zurck, die
sogleich alle Phantome des Dichters zu Schanden machen wrde. Auch der
seltsame Kontrast zwischen Ariel und Caliban erhht unsern Glauben an
das Wunderbare. Die Schpfung dieses abentheuerlichen Wesens war die
glcklichste Idee des Dichters; er zeigt uns in dieser Darstellung die
seltsamste Mischung von Lcherlichkeit und Abscheulichkeit: dies
Ungeheuer steht so weit von der menschlichen Natur entfernt, und ist
mit so hchst tuschenden und berzeugenden Zgen geschildert, da wir
uns schon durch die Gegenwart des Caliban in eine ganz fremde, bis
ist uns unbekannte Welt, versetzt zu seyn glauben wrden.

Shakspeare erffnet das Stck sogleich fr seinen Zweck auf die
schicklichste Weise. Seine Einleitungen sind sonst immer sehr kalt und
ruhig; er fhrt uns gewhnlich erst in das Interesse seines Sujets,
ehe er unsre Phantasie erhitzt. Da er aber beim Sturm einen ganz
unterschiedenen Zweck hatte, so spannt er gleich anfangs die
Imagination und die Erwartung auf einen sehr hohen Grad. Durch die
khne Darstellung des Ungewitters und des gengstigten Schiffes
erschttert er den Zuschauer fast, und bereitet ihn schon hiedurch fr
alles Wunderbare vor, das nachher in seinem Stcke erscheint. Der
erste und grte Schlag ist dadurch geschehen; die wunderbare Welt des
Dichters ist uns dadurch weniger fremdartig; alles Abentheuerliche und
Seltsame ist uns gleich durch die Einleitung nher gerckt; die
Einbildung wird zu einem hohen Grade erhitzt, und jeder Aberglaube
erscheint uns itzt natrlicher.[2] Prospero tritt nun selbst auf, und
kndigt sich als Zauberer an; wir lernen nun den Zusammenhang der
Sachen; und in den folgenden Scenen, in welchen Ariel und Caliban
auftreten, werden wir nicht nur ganz in alle Dichtungen Shakspeare's
eingeleitet, sondern der Glaube daran steht itzt schon in unser Seele
fest. Auch die seltsame Einschlferung der Miranda, die dem Zuschauer
anfangs unbegreiflich ist, stimmt ihn fr eine gewisse dunkle
zauberische Empfindung; -- und im ganzen folgenden Theil des Stcks
verlieren wir die wunderbare Welt nie wieder aus den Augen, nur, indem
der Vorhang fllt, hren wir auf, Prospero fr einen Zauberer zu
halten, und uns in eine Feenwelt versetzt zu glauben.

[Funote 2: Manche Leser haben sich, gewi mit groem Unrecht,
Shakspeare als einen dramatischen Improvisatore gedacht, der sich
niedersetzte, um ein Stck zu schreiben, von dem er weder die Anlage,
noch die Ausfhrung, sondern nur die Geschichte im allgemeinen, wute.
Wre etwas hnliches der Fall gewesen, so htten wir weit mehr Ursach,
den glcklichen Zufall, als sein Genie zu bewundern. -- Aber es finden
sich unverkennbare Spuren, da er ber seine Plne, besonders in
seinen sptern Arbeiten, reiflich nachdachte, und sich nicht dem
ungezhmten Feuer der Imagination berlie. Wenigstens ist die erste
Scene des Sturms ein Beweis, da er durch sie einen Zweck
beabsichtete, den er bey keinem seiner brigen Stcke hatte: denn
obgleich viele derselben, grere und frchterlichere Begebenheiten
darstellen, so fngt doch keines auf eine so groe und frchterliche
Art an.]

Der Zuschauer wird hier durch das nie unterbrochene Wunderbare in eine
Stimmung versetzt, die das auf wenige Stunden ist, was Don Quixotte's
Wahnsinn, auf mehrere Jahre, und in einem hheren Grade ist. Dieser
wird nie aus seinem Glauben an die abentheuerlichsten Rittergeschichten
gerissen, weil seine Phantasie sich allenthalben die Personen und die
Begebenheiten erschafft, die er sucht. Alle Gegenstnde, die er sieht,
entsprechen denen, von denen er gelesen hat; denn er verwandelt Htten
in Pallste, Windmhlen in Riesen, und Aufwrter in Zauberer.
Cervantes htte diesen vortrefflichen Roman daher gewi weit
befriedigender schlieen knnen, wann er gesucht htte, seinem Helden
nur eine einzige Begebenheit in den Weg zu werfen, bei der es dessen
geschftiger Phantasie unmglich geworden wre, sie umzuschaffen.
Dadurch wre er auf einen Zeitpunkt aus seiner Illusion gerissen, und
htte dadurch Gelegenheit bekommen, mehrere Ideen an diesen Vorfall zu
knpfen; und auf diese Art htte der Verfasser nach und nach alle die
Traumgestalten verschwinden lassen knnen, von denen Don Quixotte
umgeben war; denn dieser htte dadurch einen Maastab in die Hand
bekommen, nach welchem er die Wahrheit vom Irrthum unterschieden
htte.

Wenn das Wunderbare aber isolirt steht, und fr sich einen Theil des
Schauspiels ausmacht, so kann es uns auf keine Weise in jene Illusion
versetzen, die unentbehrlich ist, wenn uns die Composition des
Dichters nicht abgeschmackt erscheinen soll. Shakspeare mute von
dieser Idee sehr berzeugt seyn, denn er wendet sie auch da an, wo er
zwar keine bernatrliche Welt darstellt, aber doch solche
Begebenheiten, welche auerordentlich sind und sich dem Wunderbaren
nhern. Er vereinigt daher im  K a u f m a n n  v o n  V e n e d i g  zwei
seltsame Geschichten, wo die eine durch die andre wahrscheinlicher
wird. Wir glauben das abentheuerliche eben deshalb, weil Alles
abentheuerlich ist, weil nichts uns an unsre gewhnliche Welt
erinnert. Ich will zugeben, da sowohl die Hauptbegebenheit als die
Episode, im Kaufmann von Venedig, undramatisch sind, aber in der Art,
wie Shakspeare beide verbindet, und darin, da er grade  d i e s e
Episode whlte, hat er eben so viel Geschmack als Scharfsinn bewiesen.
Wie wenig das Wunderbare wirkt, wenn es der Dichter zu einzeln stehen
lt, sieht man zum Beispiel in der Oper von Marmontel: Zemire und
Azor; in der Fee Urgele, selbst in manchen neueren epischen Gedichten.
Die Henriade kann dafr, so wie fr die Unwirksamkeit der
Allegorischen Wesen, sehr deutliche Beweise liefern. Die neuere
deutsche Operette: Don Juan, ist zu abgeschmackt, um irgend ein
Beispiel aus ihr zu entlehnen. Die getreue Schferin von  F l e t c h e r
giebt einen sehr auffallenden Beweis, wie wenig das Wunderbare
wirkt, wenn nicht Alles im Schauspiel wunderbar ist. Ein alter Schfer
ist pltzlich ein Zauberer, ohne da wir es vorher vermuthet hatten;
ein Mdchen stirbt, und ein Flugott tritt pltzlich hervor, und
erweckt sie wieder. Diesen Fictionen fehlt es ganz an tuschender
Kraft, weil sie zu sehr einzeln fr sich dastehen; das Uebrige der
Handlung versetzt uns in keine Welt, wo wir solches Begebenheiten
erwarten knnten, und daher versagen wir ihnen unsern Glauben.


2.

Durch Mannigfaltigkeit der Darstellungen, und durch die Milderung der
Affekte.


Es lt sich aber kein interessantes Schauspiel denken, in welchem der
Zuschauer blos durch Dekorationen, Erscheinungen und Wunderwerke
befriedigt wrde. Mag die Tuschung auch noch so knstlich
durchgefhrt seyn, das Auge wird ohne die Seele beschftigt: die
Empfindung des Zuschauers mu eben so sehr, als seine Imagination, in
Thtigkeit gesetzt werden, sonst ermdet das Spiel der bernatrlichen
Wesen am Ende, und die Tuschung zerstrt sich eben dadurch, da sie
der Dichter zu wenig auf sein ganzes Stck zu vertheilen, und an
manchen Stellen zu mildern versteht, um das Interesse auf andre
Gegenstnde zu lenken, und das Wunderbare dann mit neuer Kraft
hervortreten zu lassen. Um das Wunderbare vollkommen tuschend zu
machen, scheint die  M e n g e  und ununterbrochene Wirkung der
bernatrlichen Wesen selbst nicht hinreichend, sondern
M a n n i g f a l t i g k e i t  der dargestellten Wesen scheint
unentbehrlich. Ich habe schon oben bemerkt, da es  M i r a n d a
vorzglich ist, die die wunderbare Welt mit der wirklichen verknpft,
und dadurch diese Mannigfaltigkeit hervorbringt; durch die Situationen,
die Prospero veranlat, wird auf diese Art ununterbrochen unsre
Phantasie und unser Gefhl gleich stark beschftigt: Shakspeare
vertheilt so auf die schicklichste Weise das Wunderbare mehr durch das
ganze Stck, und erhlt unsre Illusion durch die Abwechselung in einer
stets gleichen Kraft. -- Die Liebe Ferdinands und Miranda's erregt
unsre Theilnahme bis zum Schlusse des Schauspiels, das zarte Gefhl
dieser beiden Charaktere erwrmt unser Herz, und verhindert, da wir
nicht blos das magische Maschinenspiel Prospero's anstaunen, und leer
und kalt den Vorhang endlich fallen sehen. --

Diese Charaktere, so wie die des Alonso und seiner Gefhrten, wren
aber auch vielleicht fr einen minder genievollen Dichter die Klippe
gewesen, an der die Einheit seines Schauspiels gescheitert wre; in
Ansehung der Art aber, wie Shakspeare die Affekte vertheilt, sie
verstrkt oder mildert, nachdem es sein Zweck erfordert, hat er
vielleicht mehr wie irgend ein anderer dramatischer Dichter den Namen
des  W e i s e n  verdient. -- Kein anderer Dichter zieht zwischen der
Tragdie und dem Schauspiel eine so genaue Grnze, und von dieser
Seite hat man nie Shakspeare's dramatische Kunst hinlnglich
geschtzt. --Htte er unter seinen wunderbaren Erscheinungen eine
Liebe dargestellt, wie die in Romeo und Julie, htte er Alonso den
Verlust seines Sohnes eben so tief empfinden lassen, als Hamlet den
Tod seines Vaters fhlt, so wrden diese Leiden der Seele unsre
Theilnahme so ausschlieend an sich gezogen haben, da durch diesen
festgehefteten Blick die Tuschung des Wunderbaren sogleich aufgehrt
htte. Wir htten dann einen Gegenstand gefunden, der uns nher
interessirt htte, jene bernatrlichen Wesen wren uns gleichgltig,
und eben dadurch unwahrscheinlich geworden, und wenn sie auch
unaufhrlich auf die Begebenheiten gewirkt htten, so wrden sie
dadurch vielleicht mehr unsern Unwillen erregt, als unsre Theilnahme
gewonnen haben, indem wir durch fremdartige Wesen Leiden und
Empfindungen entstehen sehen, die unserm Herzen so nahe liegen, und
die eben dadurch eine tiefe und bleibende Rhrung hervorbringen.

Im ganzen Stcke aber hat der Dichter sorgfltig alle hohen Grade,
alle Extreme der Leidenschaften, vermieden. Am hchsten ist der Affekt
am Schlu des dritten Akts gespannt, aber hier lt der Dichter den
Alonso auch sehr schnell abbrechen, er rckt ihn schnell aus den Augen
der Zuschauer, weil hier der Redende leicht unser Mitleid in einem
hohen Grade erregen, und so zum tragischen Charakter werden konnte. --
Eben so hat der Dichter alle brigen Affekte gemildert, er lt sie
nie einen sehr hohen Grad erreichen, er will uns in keiner Situation
tief rhren oder erschttern, keine Person soll unser Mitleid erregen,
Prospero so wenig als Ferdinand oder Alonso. Tragische Situationen und
hohe Affekte lagen dem Stoff seines Schauspiels ziemlich nahe:
Prospero konnte sich hchst unglcklich fhlen, Alonso konnte
verzweifeln, seine Gefhrten konnten vom Hunger und dem ganzen Gefhle
ihres Elends auf einer wsten Insel gemartert werden; wie lebhaft
konnte der Dichter ihr Entsetzen beim Anblick der Geister zeichnen, --
aber alle diese Gelegenheiten vermeidet Shakspeare, er erhebt Prospero
zu einem fast bermenschlichen Wesen, Alonso und seine Gefhrten
werden uns nicht als Leute gezeigt, die im hchsten Grade unglcklich
sind, ihre Verwunderung beim Anblick der Geister ist kein Schreck oder
Entsetzen; -- der Dichter fhlte es zu lebhaft, wie eine einzige
Scene voll hohen Affekts den Glauben an das Wunderbare zerstren, und
so die Einheit seines Schauspiels vernichten wrde.

Seine dargestellten Affekte sind im Sommernachtstraum, eben so wie
hier, gemildert: Liebe, Eifersucht und Zorn kommen den Gemhlden in
Romeo, dem Wintermhrchen, oder Othello, bey weitem nicht nahe,
--obgleich alles dies im Sommernachtstraum nicht so edel und schn als
im Sturm durchgefhrt ist. -- Keines von allen Lustspielen
Shakspeare's grnzt so sehr, (besonders in den drey ersten Akten,) an
die Tragdie, als das  W i n t e r m  h r c h e n.  Die Eifersucht des
Leontes ist hier nicht die tragische Eifersucht Othello's, aber sie
steht nicht sehr tief unter dieser, der Dichter hat sie doch so weit
und so stark gezeichnet, da sie seine Begebenheiten motivirt, alle
Aufmerksamkeit wird durch die Zeichnung auf diese gelenkt, der Blick
wird vorzglich auf diesen Gegenstand geheftet, -- man kann sich daher
in diesem Stcke nicht gut eine Geisterwelt denken, die uns tuschte;
die hohe Leidenschaft wrde gleichsam bestndig mit dieser in
Widerspruch stehen, neben Hermionens Unglck und Leontes Wuth wrde
ein Ariel oder Puck keine Rolle spielen knnen, man wrde sie
unnatrlich und abgeschmackt finden.

Auch gegen diese Regel, der der feiner empfindende Shakspeare folgte,
hat Fletcher in seiner g e t r e u e n  S c h  f e r i n n gefehlt.
Perigot's Wuth und Eifersucht, in der er seine Geliebte ersticht,
erreicht den hchsten Grad; diese Scene ist ganz im Kolorit der
Tragdie gemahlt, -- und eben diese hohe Leidenschaft vermehrt unsern
Unglauben, wenn wir kurz darauf den Flugott erscheinen sehn, der die
Geliebte ins Leben zurck bringt. Die Phantasie kann sich nicht mit
dieser Fiction beschftigen, da sie der Dichter kurz vorher durch alle
Grade der Wuth und Eifersucht gefhrt hat; die Seele erwartet hier
Gefhle, die jenen entsprechen, und die Einbildungskraft in dieselbe
Thtigkeit setzen, das Wunderbare aber, das hier eintritt, erregt nur
ein Erstaunen, die Illusion hrt auf, und das Wunderbare erscheint uns
nur als ein nichtssagender Scherz des Dichters.

Wenn das Wunderbare und hoher Pathos auf eine solche Art abwechseln,
so entsteht dadurch die widrigste Unterbrechung. Die Illusion eines
Traums und eines wunderbaren Schauspiels hren nach denselben Gesetzen
auf: sobald in einem Traume das Unglck einer Person einen sehr hohen
Grad erreicht, so fang' ich an, an der Wahrheit des Traums zu
zweifeln, oder ich verliere wenigstens die wunderbaren Wesen ganz aus
dem Gedchtni, die die Urheber dieses Unglcks waren.


3.

Durch das Komische.


Wenn die Tuschung des Wunderbaren also dadurch entsteht, da der
Zuschauer nie auf irgend einen Gegenstand einen festen und bleibenden
Blick heftet, da der Dichter die Aufmerksamkeit bestndig zerstreut,
und die Phantasie in einer gewissen Verwirrung erhlt, damit seine
Phantome nicht zu viele krperliche Consistenz erhalten, und dadurch
unwahrscheinlich werden; -- so mute Shakspeare fhlen, da durch die
Art, von der bis itzt von der Behandlung des Wunderbaren gesprochen
ist, diese Forderungen noch nicht hinlnglich erfllt wrden. Sein
Schauspiel hatte Mannigfaltigkeit, indem es nicht blos eine
Geisterwelt darstellte, sondern auch das Herz durch liebenswrdige
Charaktere erwrmte: er glaubte aber die Aufmerksamkeit des Zuschauers
noch nicht genug zerstreut, und gab seinem Stcke einen neuen Zusatz,
durch den es eben so viel an Schnheit, als an psychologischer
Richtigkeit gewann.

Es ist eine sonderbare Erscheinung in der menschlichen Seele, da sie
oft das Frchterliche und Lcherliche so nahe bey einander findet, da
die Phantasie so gern denselben Gegenstand komisch und entsetzlich
macht, und da eben das, was itzt Lachen erregt, bey gespannter
Phantasie in Schauder versetzen kann. Es gehrt dies zur unbegreiflich
schnellen Beweglichkeit der Imagination, die in zwey auf einander
folgenden Momenten ganz verschiedene Ideen an einen und denselben
Gegenstand knpfen, und itzt Lachen, und gleich darauf Entsetzen
erregen kann. In den Geister- und Hexen-Mhrchen des gemeinen Haufens
finden sich eben so viele schreckliche als lcherliche Zge. Aber man
wird sehr hufig finden, da ohne dieses Lcherliche, das Entsetzliche
den grsten Theil seiner Strke verlieren wrde, und eben so oft, da
eben das, was uns in dem einen Augenblicke zum Lachen reizen kann, uns
bey einer exaltirten Phantasie ein Grauen erregt. Kinder frchten sich
vor gezeichneten Carrikaturen eben so leicht, als sie darber lachen;
die Hexen im Macbeth wrden komische Gegenstnde seyn, wenn die
Umstnde, unter welchen wir sie kennen lernen, sie nicht frchterlich
machten. Die Phantasie betrachtet erst abgesondert vom Uebrigen den
Theil der Zusammensetzung, der lcherlich ist, sie findet nun nichts
als das eigentlich Komische, und ergtzt sich an dem Burlesken und
Abgeschmackten: durch eine pltzliche Umwendung erblickt sie nun die
andre, die schreckliche Seite des Gegenstandes, sie entdeckt eine
Beziehung, die sie nicht vermuthet hatte, durch das, was vorher
lcherlich schien, erhlt nun das frchterliche Bild so individuelle
Zge, da die Imagination davon, wie von einem gewaltigen Schlage,
getroffen wird. Es ist nicht unnatrlich, da ein Wanderer, der am
Abend ber seinen migestalteten Begleiter spottet, sich aber
pltzlich erinnert, da er an einem verdchtigen Orte sey, pltzlich
anfngt, seinen Gefhrten fr ein Gespenst zu halten, und da jeder
Zug, der ihm so eben lcherlich war, ihm itzt frchterlich erscheint.

Im Traume verfhrt die Phantasie oft eben so; das Lcherliche
prparirt sehr oft das Grliche. Wir wrden oft das Furchtbare
bezweifeln, aber eben durch die komischen, individuellen Zge, die oft
ganz aus der gewhnlichen Welt hergenommen sind, werden wir gezwungen,
es zu glauben, denn unsre Urtheilskraft wird so verwirrt, da wir die
Kennzeichen vergessen, nach denen wir sonst das Wahre beurtheilen, wir
finden nichts, worauf wir unser Auge fixiren knnten; die Seele wird
in eine Art von Schwindel versetzt, in welchem sie sich am Ende
gezwungen der Tuschung berlt, da sie alle Kennzeichen der Wahrheit
oder des Irrthums verloren hat.  C a z o t t e  hat in seinem
vortrefflichen Mhrchen: =Le diable amoureux=, diese Bemerkung sehr
vortheilhaft genutzt, denn hierin besteht zum Theil das Rthselhafte
und Frchterliche seiner Erzhlung. Er lt selbst am Schlu einen
alten Priester zum  A l v a r e z  sagen: =Aprs vous avoir bloui
autant que vous avez voulu l'tre, contraint  se montrer  vous dans
toute sa difformit, il obit en esclave qui prmdite la rvolte; il
ne veut vous laisser  a u c u n e  i d  e  r a i s o n n a b l e  e t
d i s t i n c t e,  m  l a n t l e  g r o t e s q u e  a u  t e r r i b l e;
le purile de ses escargots lumineux,  la dcouverte effrayante de
son horrible tte; enfine le mensonge  la vrit; le repos  la
veille; de  m a n i  r e  q u e  v o t r e  e s p r i t  c o n f u s  n e
d i s t i n g u e  r i e n,  et que vous puissiez croire, que la vision
qui vous a frapp, toit moins l'effet de sa malice, qu'un rve
occasion par les vapeur de votre cerveau.= --

Um diese Bemerkungen auf den Sturm und den Sommernachtstraum
anzuwenden, so wird man bald fhlen, da es die  k o m i s c h e n
S c e n e n  vorzglich sind, durch welche der Dichter unsre Aufmerksamkeit
zerstreut, und verhindert, da wir nicht ein zu festes und prfendes
Auge auf die Wesen seiner Imagination heften, das sie nicht aushalten
wrden. Das Lcherliche soll zwar hier nicht das Furchtbare verstrken,
aber es vermehrt hauptschlich die  M a n n i g f a l t i g k e i t
d e r  W e s e n,  die die Phantasie beschftigen. Ohne die
komischen Personen  T r i n k u l o  und  S t e p h a n o,  hatte das
Schauspiel immer noch den Fehler einer gewissen Monotonie, alles wies
noch zu sehr auf Prospero und die wunderbare Welt hin, die ihn
umgiebt; Ferdinands und Mirandas Liebe hat selbst etwas Romantisches,
das ans Abentheuerliche grnzt, so wie die Begebenheiten Alonso's und
seiner Gefhrten; das Wunderbare wrde eben darum nicht tuschen, weil
es  z u  w u n d e r b a r  war. Ein seltsamer Traum illudirt uns um so
leichter, wenn wir Personen darin erscheinen sehn, die wir recht genau
kennen. Auf eben diese Art hintergeht uns der Dichter, indem er
Charaktere einfhrt, die seiner wunderbaren Welt zu widersprechen
scheinen, da sie ganz aus der gewhnlichen genommen sind, die nichts
von jenem Auerordentlichen haben, das wir an allen brigen Personen
wahrnehmen. So entfernt uns die brige wunderbare Welt steht, so nahe
stehen uns diese; durch ihre  A l l t  g l i c h k e i t  erhlt das
Ganze mehr individuelle Zge, und indem sie einen Theil der
Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wird das Schauspiel, und das
bernatrliche dadurch um so tuschender und wahrscheinlicher. --
Aber, so wie im Sommernachtstraum, lt sie der Dichter nicht ganz
gewhnlich und alltglich bleiben, dies wrde sie von der wunderbaren
Composition des Ganzen zu sehr trennen, er bringt sie durch  C a l i b a n
in eine abentheuerliche Gruppe zusammen, und durch diesen
seltsamen Charakter verknpft der Dichter wieder auf die geschickteste
Weise das Wunderbare und Komische seines Stcks. Caliban selbst ist
nur halb komischer Charakter, aber er bringt Trinkulo und Stephano in
den Gesichtspunkt, in welchem sie komisch erscheinen, er ist zugleich
die Person, die uns unaufhrlich in die Welt voller Seltsamkeiten und
Wunderwerke versetzt, die uns der Dichter nie will aus den Augen
verlieren lassen. -- Im Sommernachtstraum beobachtet Shakspeare eben
dies, die komischen Personen sind ganz aus der gemeinen Welt entlehnt,
aber durch Puck werden sie in eine wunderbare Verbindung mit dem
brigen Stcke gebracht. Nur ist auch der komische Theil des
Sommernachtstraums viel schwcher als der des Sturms: Caliban ist der
schner erfundene und kunstreicher durchgefhrte Puck, und die
komischen Scenen selbst schlieen sich hier weit besser an den
ernsthaften Theil des Stcks.

Trinkulo und Stephano sind keine komische Charaktere, deren Zeichnung
der Dichter sehr zu entwickeln nthig htte. Feigheit, Sucht zu
scherzen und Liebe zum Trunk sind die Haupteigenschaften, die sie,
ohne eine Beimischung von vielen Nebenzgen, komisch machen. Diese
beyden Charaktere lassen sich schnell erkennen und leicht verstehn,
sie erfordern kein Studium, weil sie der Dichter fast ganz rein und
unvermischt gelassen hat. -- Shakspeare hatte bey dieser Zeichnung
denselben Zweck, den er bey der Milderung der Affekte hatte, sie
sollten die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht zu lange und nicht zu
fest auf sich heften, weil sonst ber das Mittel der Zweck selbst
verlohren gegangen seyn wrde; sie sollten nur die Zerstreuung der
Theilnahme befrdern, und das Wunderbare, und den Eindruck des ganzen
Stcks untersttzen.  P a r o l l e s  aber statt Trinkulo, oder
F a l s t a f f  statt Stephano, wrden die herrschenden Theile des Schauspiels
werden, alle brigen wrden verdunkelt zurcktreten, und so gienge die
Einheit des Ganzen verloren. Shakspeare aber charakterisirte sie in
wenigen auffallenden und bleibenden Zgen.

Die Nothwendigkeit des Komischen haben auch fast alle neueren Dichter
gefhlt, die aus irgend einem wunderbaren Mhrchen eine Oper
zusammensetzten; man findet jedesmal wenigstens einen komischen
Charakter darin. Die Einfhrung des Wunderbaren in seine Schauspiele,
war eines der Mittel, wodurch  G o z z i  seinen talentvolleren
Vorgnger  G o l d o n i  vom Italinischen Theater zu verbannen suchte.
Das Unregelmige seiner Stcke gab einigen reisenden Englndern
Gelegenheit, ihm den Namen eines Italinischen Shakspeare zu geben.
Diese beiden Dichter sind sich aber durchaus unhnlich, sowohl was die
Darstellung der Charaktere und Leidenschaften, als auch die ganze
Anlage ihrer Stcke betrifft. Gozzi hat keinen andern Plan, als zu
unterhalten, und Lachen zu erregen; der grte Theil seiner
Schauspiele ist nur Farce, er dramatisirt irgend ein orientalisches
Mhrchen, besetzt einen Theil der Rollen mit komischen Personen, und
fgt das Wunderbare hinzu, um seine Composition noch bizarrer und
grotesker zu machen. Man kann seinen Stcken nicht eine gewisse
flchtige Laune, einen lebendigen Witz absprechen, aber er hat es
gewi nur dem Hang seiner Landsleute fr die Farce zu danken, da
seine dramatischen Migeburten einen so schreienden Beifall erhielten,
und die Stcke Goldoni's verdunkelten, die in jeder Rcksicht
unendlich ber den seinigen stehen. In der Art, wie Gozzi das
Wunderbare in seinen Stcken benutzt, zeigt es sich vorzglich, wie
wenig er neben Shakspeare genennt zu werden verdient, denn bei ihm ist
es nur ein Spielwerk fr die Augen des Zuschauers, der durch
Verwandlungen oft genug berrascht wird.

Nicht blos der dramatische, sondern auch der epische Dichter kann auf
die bis itzt bemerkte Art seiner wunderbaren Welt einen hhern Grad
von Wahrscheinlichkeit geben.  A r i o s t ' s  Zauberkreis ist eben
darum so wahr und berzeugend, weil er uns nie Geister und Zauberer
aus dem Gesichte verlieren lt; wir verlassen nie die Welt wieder, in
die er uns einmal eingefhrt hat; die komischen Episoden, der
scherzhafte Ton, in dem er so oft spricht, befrdern ebenfalls den
Glauben an seine Wunder. Beim  T a s s o  steht die Zauberwelt mehr
isolirt, sie hat daher auch gar nicht jenes lebendige und tuschende
Kolorit, sie ist immer weit von uns entfernt, wenn wir vertraulich
unter allen Phantomen  A r i o s t ' s,  wie unter Bekannten umhergehn.


4.

Durch Musik.


Das letzte, wodurch Shakspeare unsern Glauben fr seine Zaubereien
gewinnt, ist ein vllig mechanischer Kunstgriff, -- nmlich durch die
 M u s i k.  -- Die Erfahrung wird jedermann, berzeugt haben, wie sehr
Gesang und Musik abentheuerliche Ideen und Vorflle vorbereiten, und
gewissermaaen wahrscheinlich machen. Die Phantasie wird durch Tne
schon im voraus bestochen, und der strengere Verstand eingeschlfert;
aus eben dieser Ursach erscheinen uns manche Zauber- und Feen-Mhrchen
als Operetten noch ziemlich ertrglich, die als Schauspiele den
hchsten Grad unsers Widerwillens erregen wrden. -- Jeder Zuschauer
mu es gefhlt haben, wie der Marsch von Hrnern im vierten Akt der
R  u b e r,  den Karl Moor blasen lt, die folgende abentheuerliche und
frchterliche Scene vorbereitet.

Lieder und Gesnge sind daher durch den ganzen Sturm zerstreut:
Ferdinand tritt auf, indem Ariel ein seltsames Lied spielt, das vllig
dem Kolorit der Feenwelt entspricht, und das daher weder Gildon's
Tadel, noch Warburton's groes Lob verdient; Ariel schlfert durch
Musik Alonso und seine Begleiter ein, und erweckt sie wieder durch
Musik, Stephano tritt mit einem Liede auf, Caliban schliet den
zweiten Aufzug mit einem Gesange, Ariel spielt im dritten Akt, indem
Trinkulo und Stephano singen, unter einer feierlichen Musik tragen
Geister dem Alonso und seinen Gefhrten eine Tafel auf, nach Ariels
Verschwindung folgt eine sanfte Musik, eine solche kndigt die Maske
an, die Prospero von Geistern auffhren lt, unter einem feierlichen
Gesange treten die Fremden in Prospero's Zaubercirkel, und Ariel singt
bald nachher ein frhliches Lied. Shakspeare lt auf diese Art die
Musik durch das ganze Stck nicht verstummen, er kannte den Einflu
der Tonkunst auf die Gemther zu sehr.




II.

Ueber die Behandlung des Wunderbaren in der Tragdie.


Ich habe bis itzt nur von der Art des Wunderbaren gesprochen, die im
Sturm und Sommernachtstraum herrscht, und von der Manier, mit der es
der Dichter hier behandelt; ich will itzt noch einige kurze Bemerkungen
ber die Darstellung desselben Stoffs in seinen Tragdien versuchen.

Der Zweck des Trauerspiels ist Furcht und Mitleid. Die Tragdie ist
das Gebiet aller hohen Affekte, der Extreme der Leidenschaften; die
Aufmerksamkeit des Zuschauers mu immer auf einen Punkt geheftet
bleiben, jede Zerstreuung thut der Wirkung des Stckes Schaden. Durch
alle Gradationen des Elends und der Leidenschaften fhrt uns der
Dichter seinem Zweck entgegen: von Othellos Liebe bis zum letzten und
frchterlichsten Augenblicke seiner Eifersucht, von dem Moment, da
Macbeth den ersten, flchtigen Gedanken des Mordes fat, bis zu dem,
da er endlich mit seinem Tode die Zahl seiner Verbrechen schliet.
Kein Vorfall, kein Charakter darf uns hier in den Weg treten, der uns
den Hauptgesichtspunkt verrckte; sobald der Zuschauer hier
unterbrochen wird, ermattet auch die Theilnahme. Ich habe aber eben zu
zeigen gesucht, da das Wunderbare im Sturm und Sommernachtstraum eben
dadurch wahrscheinlich werde, da die Aufmerksamkeit des Zuschauers
nicht zu lange auf einem Punkt geheftet bleibe; der hohe Affekt der
Tragdie, der Endzweck des Trauerspiels selbst, scheinen also nicht
eine solche Geisterwelt zu vertragen, wie sie Shakspeare im Sturm
darstellt.


1.

Die Geisterwelt steht uns hier entfernter, und ist uns unbegreiflicher.


Er handelt auch in der Tragdie ganz umgekehrt: die Geisterwelt ist
hier der wirklichen untergeordnet, der Dichter lt sie nicht als
Hauptzweck hervortreten; sie wahrscheinlich zu machen, sind ihr nicht
die brigen Theile des Stcks untergeordnet, -- sondern Leidenschaften
und Begebenheiten  u n s e r e r  Welt ziehen die Aufmerksamkeit des
Zuschauers auf sich; -- die wunderbare dient ihm nur dazu, das
Furchtbare zu verstrken, uns noch tiefer zu erschttern. Das
Wunderbare tritt hier in den Hintergrund zurck; wie ein Blitzstrahl
bricht es dann pltzlich hervor, und eben darum ist  h i e r  die Kunst
des Dichters, es wahrscheinlich zu machen, nicht so nothwendig; wenn
er es nur dahin bringt, da es nur eintritt, uns zu erschrecken und zu
erschttern, so wird schon dadurch unsre Illusion vllig gewonnen,
denn der Schreck, den wir empfinden, lt den richtenden Verstand
nicht zur Sprache kommen.

Im Sturm und im Sommernachtstraum ist uns die Geisterwelt nher
gerckt. Wir verstehn zwar immer nicht, wie Ariel wirkt, oder wie eine
Blume, (siehe die schne Beschreibung im zweiten Akt des
Sommernachtstraums,) die Wirkungen haben kann, die ihr Oberon beilegt;
-- aber wir sehen doch die Mittel, durch welche eine Wirkung
hervorgebracht wird, der Dichter macht uns mit der Natur des Ariel und
der Titania bekannt. Vllig unbegreiflich hingegen sind uns die
Erscheinungen in der unterirdischen Hexenhhle; der Geist des alten
Hamlet und des Banquo bleiben immer fr uns fremde, unbegreifliche
Wesen. In dem Dunkeln und Rthselhaften dieser wunderbaren Welt liegt
das Erschreckende; -- da wir so unendlich weit von ihr entfernt
stehen, und mehr ahnden, als wirklich wahrnehmen, dies ist es, was
unsern Schauder erregt, und uns so stark erschttert. Shakspeare
charakterisirt im dritten Akt des Sommernachtstraums diese beiden
Arten der Geister selbst sehr gut:

P u c k.

    Das mu, o Geisterfrst, sehr bald geschehn;
    Die schnellen Drachen, die den Wagen ziehen
    Der braunen Nacht, durchschneiden schon die Wolken
    Mit grrer Eil', und dorten scheint Aurorens
    Vorlufer schon, bei dessen Ankunft die
    Umirrenden Gespenster schaarenweise
    Heim zu Kirchhfen eilen. Schon sind alle
    Verdammten Geister, die auf Scheidewegen,
    Und in den Fluthen ihr Begrbni haben,
    Zu ihrem wrmervollen Lager bebend
    Zurckgekehrt; aus Furcht, der helle Tag
    Mcht' ihre Schande sehn, verbannen sie
    Freiwillig sich vom Lichte weg, und bleiben
    Auf ewig zu der schwarzen Nacht gesellt.

O b e r o n.

    Doch wir sind Geister einer andern Art,
    Oft hab' ich mit dem Morgenlicht gescherzt,
    Und kann den Wald so lange wie ein Jger
    Durchtraben, bis des Himmels Pfort' in Osten,
    Ganz feuerroth sich gegen den Neptun
    Mit weit umher ergonen Strahlen ffnet,
    Und seine grnen Strhm' in Gold verwandelt.

Im  H a m l e t  sagt der  G e i s t:

    O wre mir es nicht verboten, das
    Geheimni meines Kerkers zu entdecken,
    Ich knnte eine Schilderung beginnen,
    Die mit dem kleinsten Worte deine Seele
    Zermalmte, da dein junges Blut erstarrte;
    Da deine beiden Augen, Sternen hnlich,
    Aus ihren Hhlen sprngen, da sich trennten
    Die dichten, krausen Locken, jedes Haar
    Sich aufwrts strubte, wie die Stacheln des
    Ergrimmten Igels. -- Aber diese Rthsel
    Der Ewigkeit gehren nicht fr Ohren
    Von Fleisch und Blut.

Und in dieser grauenvollen Dmmerung lt der Dichter auch alle seine
bernatrlichen Wesen in der Tragdie.

Die Geister der Tragdie treten nur auf, um die tragische Wirkung auf
das hchste zu bringen. Im Hamlet erreicht die Scene zwischen ihm und
seiner Mutter einen hohen Grad des Pathetischen, als der Geist
eintritt, und der Scene einen neuen, noch khnern Schwung giebt. Durch
Hamlets Erstaunen, Schaudern und Zittern im ersten Akt, durch Macbeths
Leidenschaft, die an Wahnsinn grnzt, indem er den Geist Banquo's
erblickt, hiedurch lt uns der Dichter gar keinen Zweifel an der
Existenz der Geister selbst brig, indem sich die Empfindung Macbeths
und Hamlets dem Zuschauer mittheilt: der Schreck ist es hier, so wie
das Rthselhafte und Unbegreifliche des Hexenkessels, was uns mit
Grausen erfllt, und uns auf die lebendigste Art tuscht.

Alles Unbegreifliche, alles, wo wir eine Wirkung ohne eine Ursache
wahrnehmen, ist es vorzglich, was uns mit Schrecken und Grauen
erfllt: -- ein Schatten, von dem wir keinen Krper sehen, eine Hand,
die aus der Mauer tritt, und unverstndliche Charaktere an die Wand
schreibt, ein unbekanntes Wesen, das pltzlich vor mir steht, und eben
so pltzlich wieder verschwindet. Die Seele erstarrt bei diesen
fremdartigen Erscheinungen, die allen ihren bisherigen Erfahrungen
widersprechen; die Phantasie durchluft in einer wunderbaren
Schnelligkeit tausend und tausend Gegenstnde, um endlich die Ursache
der unbegreiflichen Wirkung herauszubringen, sie findet keine
befriedigende, und kehrt noch ermdeter zum Gegenstande des Schreckens
selbst zurck. Auf diese Art entsteht der Schauder, und jenes
heimliche Grausen, das uns im Macbeth und Hamlet befllt: ein
Schauder, den ich einen Schwindel der Seele nennen mchte, so wie der
krperliche Schwindel durch eine schnelle Betrachtung von vielen
Gegenstnden entstehen kann, indem das Auge auf keinem verweilt und
ausruht. -- Wren wir mit Hamlets oder Banquo's Geist so vertraut wie
mit Ariel oder Caliban, so wrden sie uns wenig erschrecken; nur in
dem Dunkel, womit der Dichter hier seine wunderbare Welt umhllt,
liegt das Furchtbare, und indem er es mit den hchsten Ausbrchen der
Leidenschaft in Verbindung bringt, erregt er das Erschtternde. --
Daher ist die Geistererscheinung im  C  s a r  nicht so frchterlich
als die im Macbeth, weil Brutus hier nicht mit jenem Entsetzen
Macbeths spricht; aber der Dichter wollte hier auch nur eine bange
Ahndung fr seinen Haupthelden erregen, keinen hohen tragischen
Schreck. -- Die Geister in  R i c h a r d  III. sind nur Vorboten
seines Unterganges, nur Herolde seines Elends; aber sie sind nicht,
wie Banquo's Geist dem Macbeth, das sinnlich dargestellte Elend und
Entsetzen Richards.


2.

Das Wunderbare mu auch hier auf irgend eine Art vorbereitet werden.


Aber auch in der Tragdie wendet Shakspeare fast immer einige Kunst
an, um seine bernatrlichen Wesen vorzubereiten. Wenn das Furchtbare
dieser fremdartigen Erscheinungen in dem Dunkeln, Rtselhaften und
Unbegreiflichen besteht, so kann dies, wenn es zu pltzlich, zu
unvermuthet eintritt, schwerlich anders als durch einen pltzlichen
Schreck wirken, der alle brigen Ideen und Empfindungen verschlingt;
oder es ist ganz ohne Wirkung. Der dramatische Dichter mu sich
berhaupt hten, das Schreckliche nicht ohne alle Vorbereitung
eintreten zu lassen, und es berhaupt nicht zu seltsam, zu
rthselhaft zu machen, so da es zu sehr allen unsern Begriffen
widerspricht; denn sonst fllt er leicht ins Abgeschmackte und
Kindische. Dahin gehrt die pltzliche redende Bildsule im =Festin de
Pierre=.

In einem Stcke, das vor Shakspeare geschrieben ward, =The Spanish
Tragedy=, wird die Handlung mit einem Geist erffnet, der mit der  R a c h e
auftritt: diese Erscheinung wirkt nicht, weil wir sie nicht
erwarteten, und ihre Bedeutung berhaupt nicht wissen. Shakspeare
htte auch vielleicht seinen Macbeth schicklicher, als mit einer
Hexenscene erffnen knnen: wir verstehen diese fremdartigen Wesen gar
nicht, die wir so unvermuthet, und ohne Vorbereitung vor uns sehen;
sie sind uns auch nicht im Anfange, sondern erst nachher furchtbar.
--Sonst bemht sich Shakspeare jedesmal, den Zuschauer auf irgend eine
Art auf seine Erscheinungen vorzubereiten, oft unmittelbar durch einen
einzigen Zug, den er nicht schner whlen konnte. Auf die schnste Art
in allen seinen Schauspielen thut er dies im  H a m l e t.  Horatio
tritt bald nach der Erffnung des Stcks auf; Bernardo und Marcellus
haben ihm von einer Erscheinung gesagt, die sie mehrere Nchte
hintereinander gesehen haben. Horatio ist unglubig. Sie setzen sich,
und  B e r n a r d o  will ihm noch einmal die Begebenheit erzhlen, und
sagt:

    Als eben jener Stern, der westlich vom
    Polarstern ist, an jene Stelle kam,
    Wo er am Firmament itzt funkelt, sahen
    Marcellus und ich selbst, als eben Eins
    Die Klocke schlug. --

      M a r c e l l u s.  Still! sieh, dort kommt es wieder.

Nun tritt der Geist auf: wir haben schon vorher von ihm sprechen
hren, aber durch diese einzige wunderbare Bestimmung werden wir fr
das Wunderbare selbst empfnglich gemacht, wir fhlen uns pltzlich in
eine fremde Welt entrckt, und betrachten nun mit einem stummen
Schreck einen unbekannten Bewohner jener Gegenden. Horatio beschwrt
den Geist, er entfernt sich wieder. Nachdem sich alle von ihrem
Schrecke erholt haben, fngt Horatio an, aus dieser Erscheinung
unglckliche Vorbedeutungen fr Dnnemark zu weissagen, dadurch
gewinnt die Erscheinung selbst an Wrde, und unsre Furcht wird
vermehrt: der Geist tritt von neuem auf, -- Horatio's Beschwrung, die
pltzliche Verschwindung des Geistes, indem der Hahn krht, vermehrt
hier das frchterlich Wunderbare auerordentlich. Hamlet wird von
dieser Erscheinung benachrichtigt, er begleitet seinen Freund auf die
Wache, unsre Erwartung ist gespannt, das Gespennst tritt auf, und bei
der hchst pathetischen Beschwrung Hamlets, bei dem stummen Winken
des Geistes, und der Leidenschaft des Prinzen, erreicht unser Schauder
den hchsten Grad: indem das Gespennst anfngt zu sprechen, verliert
es zwar etwas von seiner Furchtbarkeit, weil hier sogleich etwas von
dem Rthselhaften in der Erscheinung verschwindet; die Worte des
Geistes aber, und seine Art sich auszudrcken, lassen uns nie ganz aus
unserm Erstarren zurckkommen. Alle diese Scenen sind mit
bewundernswrdiger Kunst gedichtet: der Geist im Hamlet hlt von
allen, die Shakspeare darstellt, dem Auge am lngsten Stand; er mute
hier sein ganzes Genie aufbieten, wenn dieser Geist durch dies lange
Verweilen nicht seine tuschende Kraft verlieren sollte. Im dritten
Akt erscheint er ohne diese Vorbereitung, sie ist hier aber auch
unnthig, weil wir ihn schon kennen: Hamlets Pathos, und sein
pltzliches Eintreten machen die Scene demohngeachtet sehr furchtbar,
und die hohe Leidenschaft des Prinzen vornehmlich prparirt schon das
Gemth des Zuschauers, durch sich selbst auf diese wundervolle
Erscheinung. Im Macbeth sehen wir Banquo's Ermordung, Macbeth spricht
von ihm bei der Tafel, er heuchelt eine Besorgni und ngstlichkeit
fr seinen Freund: selbst dadurch werden wir fr die Erscheinung
Banquo's vorbereitet, -- sie erschreckt uns, aber es ist ein Schreck,
dem eine dunkle, ngstliche Furcht voraus gieng. Htte uns der
Dichter nichts um Banquo's Ermordung wissen, und dann den Geist
pltzlich eintreten lassen, um uns noch heftiger zu erschttern, so
wrde er seinen Zweck sehr verfehlt haben, das Gespennst wre uns zu
unbegreiflich und rthselhaft gewesen, um einen bleibenden Eindruck
hervorzubringen. -- Die Geistererscheinung im Csar wird durch Musik
vorbereitet, und Brutus sagt pltzlich, indem er sich zum Lesen
niedersetzt: Wie matt die Kerze brennt! Indem bemerkt er den Geist:
es ist Nacht, nur eine Kerze brennt vor Brutus. Man glaubte, da die
Gegenwart der Geister sich vorzglich an den Lichtern uerte; daher
auch die Bemerkung Richards, als er von seinem Traum auffhrt,  d a 
d i e  L i c h t e r  b l a u  b r e n n e n.  Im Csar setzt auch
Shakspeare die Empfindung des Wunderbaren noch durch die kleine Scene
fort, in welcher Brutus seine Leute weckt; eben diese Empfindung wird
durch Richards Monolog nach den Erscheinungen der Geister fortgesetzt,
weil hier sonst das Wunderbare zu isolirt stehen wrde. Diese
Uebergnge sind der Tuschung wegen nothwendig, vorzglich im Csar
und Richard, weil hier bernatrliche Wesen nur ein einziges mal
auftreten, und dann wieder verschwinden.[3]

[Funote 3: Der Geist, der im 2ten Theile Heinrichs VI. erscheint,
(siehe die 4te Scene des 1sten Akts,) ist auf keine Weise vorbereitet
noch schrecklich, sondern vllig nichtssagend. So sehr ich berzeugt
bin, da der grte Theil dieses vorzglichen Schauspiels von
Shakspeare's Hand sey, so zweifle ich doch, ob man ihm mit Recht diese
matte Scene zuschreiben knne. Hchst wahrscheinlich ist es, da er
bei diesem Schauspiele ein lteres Stck vor sich hatte, an welches er
seine Einschaltungen und Verbesserungen reihte, und vieles daher von
dem Grundtexte stehen lie. Es war natrlich, da er bei seiner
Verbesserung mehr die pathetischen Scenen umschuf, als andre, die nur
zur Einleitung oder Erklrung mancher Begebenheiten dienten.]


3.

Der Dichter lt fr das Wunderbare fast immer eine natrliche
Erklrung brig.


Um nicht zu weitlufig zu werden, will ich itzt mit einer Bemerkung
schlieen, die sich fast auf alles dargestellte Wunderbare des groen
Dichters, auch im Sturm und Sommernachtstraum, bezieht. Kein Dichter
hat vielleicht in diese veredelte Mhrchen des Volks zugleich einen so
groen und tiefen Sinn gelegt, als Shakspeare. --Noch kein Kritiker
hat im Charakter des  H a m l e t  den so hervorstechenden Zug der
Frmmeley bemerkt, womit sein Hang zum Grbeln, und seine bestndige
Zweifelsucht genau zusammenhngen. Die Einleitung des Stcks konnte
daher nicht schicklicher und zugleich grauenhafter, dem Stck und
vorzglich dem Charakter Hamlets angemessener, gewhlt werden. Ein
Jngling, der unaufhrlich in dunkeln, trben Empfindungen lebt, der
an allen Gegenstnden nur die traurige Seite aufsucht, um sich selbst
damit zu qulen, dieser wird durch eine Geistererscheinung aus seiner
melancholischen Trgheit gerissen, und zum Handeln aufgefordert; seine
glhende Phantasie und sein Hang zum Aberglauben kommen der
Erscheinung gleichsam entgegen; einem Brutus oder Csar gegenber
gestellt, verliert die Erscheinung fast alles von ihrer Schnheit. Die
Hexen, ihre Prophezeihungen und ihre Art zu wirken, passen eben so gut
in das Kolorit Macbeths. Dort wird ein Sohn vom Geist seines Vaters
zur Rache aufgefordert; hier ein Feldherr von hllischen Unholden zum
Morde seines Knigs und seiner Freunde. Der Charakter Macbeths ist
hrter, rauher und kriegerischer; die That selbst zu der er verleitet
wird, steht eben so schn den noch grauenhafteren und wilderen
Hexenphantomen gegenber, als der weichere Charakter Hamlets dem
Geiste seines Vaters: man kann hier keine Vernderung der Personen
vornehmen, und z. B. einen Othello mit den Hexen zusammenstellen, ohne
dem Dichter sehr viel von seinen Schnheiten zu rauben.

Shakspeare vermeidet es gern, da Gespenster von mehr als  e i n e r
Person gesehen werden, und darin besteht vielleicht die grste
Schnheit seiner Geistererscheinungen, denn er legt dadurch in diese
eine Art von allegorischem Sinn, der sie fr den Verstand und die
Phantasie gleich interessant macht; diese Allegorie ist aber von der
oben getadelten ganz verschieden. Er personificirt allerdings Affekte
oder Ideen, aber er lt sie unter einem Gewande auftreten, unter
welchem man sie nur nach langer Prfung entdeckt: der Leser mu sie
erst suchen, sie verbergen sich lange vor ihm. Vielleicht da
Shakspeare selbst durch die damals in den Schauspielen so gewhnlichen
allegorischen Personen auf diese Art der Darstellung gefhrt ward; nur
da sein Genie allem, was es von auen empfing, eine schne und
vollendete Gestalt gab. Statt der kalten Allegorien, in welchen eine
abstrakte Idee als Person eingefhrt wird, wie Tugenden oder Laster,
personificirte er die hchsten Leidenschaften, den Seelenzustand, in
welchem das Gemth beunruhigt, und die Phantasie auf einen hohen Grad
erhitzt ist. In einer solchen Stimmung, wenn das Herz von
Gewissensbissen gefoltert, oder von der Reue geqult wird, glaubt der
gengstiqte Verbrecher die ganze Natur gegen sich emprt, er sieht
allenthalben Gestalten, die ihn erschrecken, in seinen Trumen sieht
er Gespenster, die ihm seinen Untergang drohen. -- In der Zeichnung
solcher Charaktere zeigt sich nun Shakspeare als chter dramatischer
Dichter, der alles dem Auge vorfhrt, und den Zuschauer alles selber
sehen lt. Statt das Weie in einem Monologe  s e i n e n  R i c h a r d
Geister sehen lt, die der Zuschauer  n i c h t  sieht, lt
Shakspeare wirklich alle die Geister der von Richard Ermordeten
auftreten, und ihm seinen Untergang verkndigen. Macbeth wird vom
Geiste Banquo's bis in sein Gemach verfolgt, er sitzt an seiner Tafel
und erfllt ihn mit Schauder und Entsetzen, als er eben anfangen will,
den Genu seiner neuen Wrde zu empfinden. -- Hier sind Richard's
Angst und Macbeth's Elend dem Auge auf die frchterlichste Art
dargestellt; dies wirkt mehr, als wenn wir Macbeth unaufhrlich sein
Unglck beklagen hrten. Hamlet ist im Begriff, in der Wuth gegen
seinen Oheim, die Schonung seiner Mutter zu vergessen, pltzlich aber
fllt ihm sein Vorsatz ein: zwar Dolche mit ihr zu sprechen, aber
keinen zu gebrauchen. Diese pltzliche Idee in der hchsten Wuth, im
ganzen Feuer der Leidenschaft, hat der Dichter auf die schnste Art
sinnlich dargestellt, indem er pltzlich den Geist des Vaters aus der
Wand treten lt. Dadurch wird der Uebergang nicht nur natrlicher,
sondern der Zuschauer wird dadurch in die Seele des Prinzen gleichsam
hineingefhrt, und das Magische und Uebernatrliche macht den Eindruck
bleibend und unvergnglich[4].

[Funote 4: Warum der Geist hier erscheint, ist zwar nicht vllig
deutlich, aber ich habe mir diesen Grund immer als den vorzglichsten
seines Auftretens gedacht. Hamlet hat den Polonius erstochen, er hlt
das Schwerdt noch in der Hand, oder heftet es in den Boden; nun tritt
er vor die Gemhlde seines Oheims und seines Vaters, die in der
Schlafkammer seiner Mutter hngen: es ist eben so sonderbar, als
unnatrlich, wenn der Schauspieler diese Gemhlde =en miniature=
selbst mit sich bringt, wie auf unsern Theatern geschieht:) -- bey der
Vergleichung der beyden Bildnisse gerth er in Enthusiasmus, und
endlich in Wuth gegen seinen Oheim; =A king of shreds and patches!=
schreyt er, reit das Schwerdt aus dem Boden, und zersticht das
Gemhlde; er nhert sich der Mutter, und ist vielleicht im Begriff,
auf diese seine Wuth von seinem Oheim berzutragen, --als pltzlich
der Geist aus dem Theil der Wand tritt, an welchem das Gemhlde hngt. -- So
habe ich mir diese Scene immer gedacht, die wenigstens, auf diese Art
dargestellt, ein sehr schnes Theaterspiel geben kann; wiewohl ich
ungewi bin, ob ich die Meinung des Dichters ganz getroffen habe.]

In dieser Art der Darstellung liegt zugleich eine andre Schnheit, die
auf die Phantasie vielleicht am meisten wirkt, und die Ursache ist,
da Shakspeare's Geister, auch oft gesehen, immer noch erschttern,
und die Phantasie nicht in der kalten Ruhe lassen, mit der man die
Geister in einigen Franzsischen Tragdien und neueren deutschen
Stcken auftreten sieht. Macbeth allein sieht Banquo's Geist; eben so
nimmt Hamlets Mutter ihren vergifteten Gemahl nicht wahr; sie glaubt,
die Erscheinung sey nur eine Geburt der erhitzten Phantasie ihres
Sohns; eben dies glauben auch die Freunde Macbeths: -- der Zuschauer
findet ihren Glauben sehr natrlich, aber der Dichter stellt ihn
gleichsam   b e r  diese Aufklrung, er sieht ihren Unglauben in ihren
verschlossenen Augen gegrndet, sie sind blind fr das, was der
Zuschauer und Macbeth sehen. Eben so sieht der Zuschauer das wirklich,
was Richard nachher seinen Traum nennt; er wird durch diese
Darstellungsart in eine hhere Welt verseht, wo er alles bersieht,
und jeden Irrthum der dargestellten Personen wahrnimmt. Wre Macbeths
oder Richards Gewissensangst so dargestellt, wie sie Weie in dem oben
angefhrten Monolog schildert, so hinge gleichsam ein Vorhang zwischen
dem Zuschauer und der Seele des dargestellten Charakters; man wrde
stets die Gespenster suchen, die Richard zu sehen glaubt. Dieser
Monolog kann sich daher nie an Kraft den wirklichen Shakspeareschen
Geistern nhern.

Fast immer hat Shakspeare auch, um in die Phantasie keine Unterbrechung
fallen zu lassen, dafr gesorgt, da alle seine bernatrlichkeiten
sich von den Personen im Schauspiele knnen  n a t  r l i c h  erklren
lassen. So im Macbeth und Hamlet: beyde mssen am Ende selbst an den
Erscheinungen zweifeln, da sie keinen andern Brgen, als sich selbst,
fr ihre Wahrheit haben. Dasselbe findet bey Richards Traum statt; und
auch bey dem Geiste, den Brutus in seinem Zelte sieht, -- eine Scene,
die Shakspeare so psychologisch richtig gezeichnet hat, um eben diese
Wirkung durch das Wunderbare hervorzubringen. Brutus lt einen seiner
Sklaven auf der Laute spielen, dieser aber schlft bald, so wie die
brigen, ein; in der nchtlichen Stille setzt er sich zum Lesen
nieder, -- eine Gestalt tritt ein, Brutus erschrickt, -- der Geist
verschwindet in eben dem Augenblicke, da Brutus wieder kalt geworden
ist. Hier ist die Erscheinung fast nur eine sichtbar dargestellte bse
Ahndung; der Held ist schwach und aberglubisch, indem er sich dieser
Ahndung berlt; sie verschwindet, indem er seine Krfte wieder
sammelt. --Alle Begebenheiten des Sommernachtstraums erscheinen den
handelnden Personen nachher als eine Traumgestalt, und der Dichter hat
sehr knstlich dafr gesorgt, da kein Vorfall zu isolirt stehen
bliebe, an dem sie nachher ihre Erinnerungen knpfen und ordnen
knnten. Wenn Prospero seine Tochter durch seine magische Kunst
einschlafen lt, so sagt sie nachher beym Erwachen, seine traurige
Erzhlung habe sie so schlfrig gemacht; sie findet hier auch eine
natrliche Erklrung ihres Schlafs, dessen Ursache der Zuschauer aber
besser wei. Eben so wird Gonzalo im zweiten Akt aus dem Schlafe
geweckt, indem ihn Anthonio ermorden will: er hlt einen Traum fr die
Ursache seines Erwachens, aber der Zuschauer hat Ariel gesehen, der
ihn auf Prospero's Gehei weckte.

Die Anlage des Sturms, so wie des Macbeth und Hamlet, machte es
freylich dem Dichter unmglich,  a l l e  Erscheinungen auf diese Art
auftreten zu lassen. Hamlet wrde die Erscheinung seines Vaters bald
nur fr einen Traum gehalten haben, Macbeth die sonderbare
Prophezeihung nur fr ein Hirngespinnst, wenn sie in dem Zeugnisse
ihrer Freunde nicht ein Unterpfand fr ihre Wahrheit gehabt htten.
Prospero kann seine Wirkungen vor den brigen Personen unmglich
verbergen, ob sie gleich das Ungewitter, so wie mehrere andre durch
ihn veranlate Vorflle, fr natrliche Ereignisse halten; aber er
straft seine Feinde durch seine Zauberkunst, -- er mute sich ihnen
als Zauberer zu erkennen geben, wenn Shakspeare nicht tausend
Unnatrlichkeiten einer Schnheit zum Opfer bringen wollte.

Ich gebe diesen Aufsatz als eine Probe einer grern Arbeit ber
Shakspeare: ich wnschte das Urtheil der Freunde dieses groen
Dichters hierber zu erfahren. Ich habe mehrere Anmerkungen ber den
  S t u r m  niedergeschrieben und versucht, den Leser in einen
Gesichtspunkt zu stellen, wo er nach meiner Meinung das Genie
Shakspeare's am richtigsten fat; jenen Anmerkungen habe ich daher
folgende grere Aufstze angehngt:

1) Kurze Geschichte des Englischen Theaters bis auf Shakspeare.

2) Zustand der Bhne, vor, und zu seiner Zeit.

3) Ueber die drey Einheiten des Drama's.

4) Ueber Shakspeare's Vorzge und Fehler.

5) Ueber den Unterschied der Tragdie und des Schauspiels.

6) Ueber den Sturm im Allgemeinen.

7) Ueber Shakspeare's Behandlung des Wunderbaren.

8) Ueber Shakspeare's Zeichnung der Bsewichter.

9) Ueber die Charaktere im Sturm.

10) Vergleichung des Sturms und Sommernachtstraums.

11) Ueber die Nachahmung des Sturms in der =Sea-Voyage=, einem
    Schauspiele von Beaumont und Fletcher.

12) Ueber Drydens Umarbeitung des Sturms.




Der Sturm.

Schauspiel in fnf Aufzgen

nach

Shakspeare.




P e r s o n e n:

A l o n s o,  Knig von Neapel.
S e b a s t i a n,  sein Bruder.
P r o s p e r o,  rechtmiger Herzog von Mayland.
A n t h o n i o,  sein Bruder, und unrechtmiger Herzog von Mayland.
F e r d i n a n d,  Sohn des Knigs von Neapel.
G o n z a l o,  Rath des Knigs von Neapel.
A d r i a n,        } Hofleute.
F r a n c e s c o,  }
C a l i b a n,  ein wilder, migeschaffner Sklave.
T r i n k u l o,  ein Narr.
S t e p h a n o,  Kellermeister.
S c h i f f s p a t r o n.
B o o t s m a n n.
M a t r o s e n.
M i r a n d a,  Prospero's Tochter.
A r i e l,  ein Geist.
M e h r e r e  G e i s t e r.




Erster Aufzug.


Erste Scene.

     (Die See im heftigen Sturm, der whrend dieser Scene
     immer zunimmt. Blitz und Donner. Ein groes Schiff
     erscheint, das schon vom Sturme gelitten hat. Die
     Matrosen in voller Arbeit; ein unordentliches Geschrei
     und Gerusch durcheinander, durch welches man die
     Pfeife des Patrons hrt.)

     (Ein  B o o t s m a n n  tritt auf, und arbeitet am
     Tauwerke des Schiffes.)


S c h i f f s p a t r o n.  (hinter der Scene) Bootsmann!

B o o t s m a n n.  Hier, Patron! --

P a t r o n.  Wie steht's?

B o o t s m.  Gut. -- (zu den Matrosen drauen) Rhrt die Fuste, oder
wir gehen zu Grunde!

P a t r o n.  Munter! munter! (geht fort).

    (Matrosen kommen.)

B o o t s m.  Mutter, Kinder! -- Lustig, lustig, Kinder! -- Rhrt euch,
Bursche! -- Ziehts Brahmseegel ein! -- Pat auf Patrons Pfeifchen!--Nun
so blase du und der Teufel!

    (S e b a s t i a n,  A n t h o n i o  und  G o n z a l o  kommen.)

G o n z a l o.  Sey achtsam, guter Freund! --Wo ist der Patron? -- Haltet
euch wie Mnner!

B o o t s m.  Bitt' euch, bleibt unten!

A n t h.  Wo ist der Patron, Bootsmann?

B o o t s m.  Hrt Ihr denn nicht? -- Ihr seyd uns hier im Wege; bleibt
in Eurer Kajte! Ihr helft dem Sturm!

G o n z.  Nur ruhig, guter Mann.

B o o t s m.  Wenn's die See ist. -- Fort! in Eure Kajte! Sitzt still
und strt uns nicht.

G o n z.  Gut, aber vergi nie,  w e n  du am Bord hast.

B o o t s m.  Keinen, der mich nher angeht, als ich. -- Was fragen die
Rebellen da unten nach dem Namen eines Knigs? -- Ihr seyd Rath, knnt
Ihr die Elemente zum Schweigen bringen, und alles ins Gleiche richten,
gut, so wollen wir kein Tau mehr anrhren; braucht doch mal Eure
Autoritt!-- Gehts nicht, so seyd froh, da Ihr so lange gelebt habt;
huckt Euch in der Kajte zusammen, und macht Euch zum Abfahren fertig!
-- Hurtig, Bursche! -- Aus dem Wege da, sag' ich! -- (Er geht trotzig ab.)

G o n z.  Der Kerl ist noch mein Trost. -- Er sieht nicht aus, als wenn
er ersaufen wrde, denn er hat eine chte Galgenphysiognomie. -- Soll
er gehngt werden, liebes Schicksal, so bleib bei deinem Entschlusse!
-- (Sie gehen ab.)

    (Der  B o o t s m a n n  kommt wieder.)

B o o t s m.  Mit dem Brahmsteng 'runter! Frisch! 'runter! -- noch
mehr! -- Lat das Schnfahrseegel treiben! -- (Geschrei hinter der
Bhne) Die Pest, ber das verfluchte Geheul! -- Sie sind lauter, als
das Wetter und wir.

    (S e b a s t i a n,  A n t h o n i o  und  G o n z a l o
     kommen wieder.)

B o o t s m.  Schon wieder da? Was wollt Ihr? Sollen wir alles liegen
lassen, und ersaufen? Habt Ihr Lust unterzugehn? he?

S e b a s t i a n.  Hol' Dich der Satan! Du bellender, unbarmherziger
Hund!

B o o t s m.  Nun so scheert Euch fort!

A n t h.  An den Galgen, du Schlingel! du unverschmter Schreyhals! Wir
frchten uns vor dem Ersaufen weniger, als du.

B o o t s m.  Unter den Wind mit dem Schiff! -- Die beiden Seegel
angespannt! -- Wieder in See!

         ( M a t r o s e n  kommen, von Wasser triefend.)

M a t r o s e n.  Alles aus! -- Betet! betet! -- Alles aus! -- (sie
gehen ab.)

B o o t s m.  Was? Mssen wir uns das Maul doch kalt machen?

G o n z.  Der Knig und der Prinz beten, wir wollen zu ihnen, denn
unser Schicksal ist wie das ihrige.

S e b a s t.  Ich mchte rasend werden.

A n t h.  Von besoffenen Schurken sind wir um unser Leben geprellt! --
Dieser gromuligte Spitzbube hier, -- o, lgst du doch in der Tiefe,
zehnmal von der Fluth abgesplt!

         (Ein lautes Geschrey hinter der Scene.)

G o n z.  Gott steh' uns bey!

         ( S t i m m e n  hinter der Bhne.)

Wir scheitern! wir scheitern!

A n d r e  S t i m m e n.  Lebt wohl, Weib und Kinder.

A n d r e.  Lebe wohl, Bruder!

A n d r e.  Weh! wir scheitern! scheitern! (Alles dies fast zu gleicher
Zeit.)

A n t h o n.  La uns mit dem Knige sinken!

         (Geht ab.)

S e b a s t.  Wollen Abschied von ihm nehmen.

         (ihm nach.)

G o n z.  Jetzt gb' ich von Herzen tausend Quadratmeilen See fr eine
Hufe drren Boden. -- Der Wille des Himmels geschehe! doch mcht' ich
lieber eines trocknen Todes sterben! (Er geht ab.)

         (Der Sturm dauert fort; -- das Schiff wird vom Winde
         fortgetrieben.)


Zweite Scene.

     (Ein Theil einer Insel; auf der Seite eine kleine
     Htte, im Hintergrunde das Meer: --  P r o s p e r o  und
     M i r a n d a  treten auf; Prospero in einem langen,
     magischen Gewande, mit Charakteren bezeichnet, er trgt
     einen Stab in der Hand. Der Sturm dauert noch etwas im
     Anfange der Scene fort.)


M i r a n d a.  O, lieber Vater, wenn es durch deine Kunst geschah, da
die wilde Fluth in diesen Aufruhr kam, so besnftige sie auch wieder.
-- Ein brennender Schwefelregen wollte sich vom Himmel herabgieen,
nur die See schumte bis hoch in die Wolken hinein, und schlug das
Feuer wieder aus. --Ach, wie sehr hab' ich mit den Leidenden gelitten!
--Ein schnes Schiff, das auch gewi einige edle Menschen trug, in
tausend Stcken zertrmmert! - Ach, wie schnitt ihr Geschrei mitten
durch mein Herz! --Die armen Seelen, -- sie sanken unter. -- O, htte
i c h die Macht eines Gottes gehabt, ich htte lieber die ganze See
tief in die Erde hineingesenkt, ehe sie so das gute Schiff htte
verschlingen sollen, und alle die jammernden Seelen mit ihm.

P r o s p e r o.  Sey ruhig. Sage deinem mitleidigen Herzen: es ist
kein Unglck geschehen.

M i r.  O, schrecklicher Tag! Kein Unglck?

P r o s p.  Alles, was ich that, that ich nur aus Liebe fr dich, meine
geliebte, meine einzige Tochter, die du nicht weit, wer du bist, und
wer dein unglcklicher Vater ist; da er etwas mehr ist, als Prospero,
der Eigenthmer dieser armseligen Htte.

M i r.  Es ist mir nie eingefallen, mehr zu erfahren.

P r o s p.  Ich mu dir mehr entdecken. -- Hilf mir dies magische
Gewand ablegen. -- (Er legt mit Miranda's Hlfe seinen Mantel ab.) Nun
trockne deine Augen und beruhige dich. -- Dies frchterliche
Schauspiel des Schiffbruchs, welches dein innerstes Herz so tief
bewegt hat, hab' ich durch meine Kunst so vorsichtig angeordnet, da
kein Geschpf, ja kein Haar der Geschpfe, die du schreyen hrtest,
die du sinken sahest, verletzt ist. -- Setz' dich nieder, denn du mut
jezt mehr erfahren.

M i r.  Du fingst schon oft an, mir zu erzhlen, wer ich sey, aber
immer sagtest du: halt, noch nicht! --brachst ab, und berlieest mich
einem fruchtlosen Nachsinnen.

P r o s p.  Aber jezt ist die Stunde gekommen, ja dieser
A u g e n b l i c k  befiehlt dir, dein Ohr zu ffnen. Gehorch' und
merke auf. -- Kannst du dich einer Zelt erinnern, ehe wir in dieser
Htte lebten? -- Ich glaube nicht, denn du warst damals kaum drey
Jahr alt.

M i r.  Und doch, Vater.

P r o s p.  Wobey? Bey einem andern Hause oder Menschen? -- Sage mir,
welch Bild dein Gedchtni so lange aufbewahrt hat.

M i r.  Ach, es liegt weit weg, es ist mehr wie ein Traum, als wie eine
deutliche Erinnerung. -- Hatt' ich nicht einmal vier oder fnf Frauen,
die mir aufwarteten?

P r o s p.  Du hattest sie, Miranda, und mehr. Aber wie ist dies noch
in deiner Seele so lebendig? Was siehst du sonst noch in dem dunkeln,
tiefen Hintergrund der Vergangenheit? Wenn du dich einer Zeit erinnern
kannst, ehe du hier warst, so weit du auch vielleicht, auf welche Art
du hieher kamst.

M i r.  Nein, das wei ich doch nicht.

P r o s p.  Zwlf Jahre sind nun verflossen, Miranda, zwlf Jahre, als
dein Vater Herzog von Mayland und ein angesehener Frst war.

M i r.  Bist du denn nicht mein Vater?

P r o s p.  Ich bin es, und du warst Frstinn, und die einzige Erbinn
meines Herzogthums.

M i r.  O, Himmel! welch Unglck vertrieb uns denn von dort? -- Oder
war es vielleicht unser Glck?

P r o s p.  Beydes, beydes, mein Kind. Ein Unglck trieb uns dort weg,
und ein Glck fhrte uns hieher.

M i r.  O mein Herz blutet! Wie vielen Gram mu ich dir damals gemacht
haben, dessen ich mich jetzt nicht einmal erinnern kann. Fahre fort,
mein Vater. -- (Miranda ist auf Prospero's Erzhlung sehr aufmerksam,
auer da sie zuweilen nach dem Meere hinsieht, um etwas von dem
Schiffe zu entdecken.)

P r o s p.  Mein Bruder und dein Oheim,  A n t h o n i o,  -- ich bitte
dich, merk' auf; wie treulos ein Bruder seyn konnte, -- er, den ich
nach dir in der ganzen Welt am meisten liebte, so, da ich ihm
gnzlich die Regierung meines Staats bertrug. Mayland war damals
unter allen Staaten der mchtigste, und Prospero der angesehenste
Herzog; eben so war ich in den Wissenschaften der Erste, und da diese
ganz allein meine Beschftigung ausmachten, so bergab ich die
Regierung meinem Bruder, und ward ein Fremdling in meinem eigenen
Lande. -- Dein falscher Oheim -- hrst du mich auch?

M i r.  Sehr aufmerksam, mein Vater.

P r o s p.  Da er nun eingelernt war, wie er Gesuche bewilligen, und
wie er sie abschlagen sollte, wen er befrdern, und wessen ppigen
Wuchs er beschneiden mute, so verwandelte er bald alle meine
Geschpfe in die seinigen. Er ward ein Epheu, der meinen frstlichen
Stamm umschlang, und sein Mark aussaugte. -- Aber du giebst nicht
Acht.

M i r.  O ja, lieber Vater.

P r o s p.  Ich bitte dich, merke auf. -- Ich ergab mich also ganz der
Einsamkeit und der Beschftigung meines Geistes, und bekmmerte mich
um nichts, was die brigen Menschen trieben: aber eben dadurch
erwachte ein bser Geist in meinem Bruder. Er war Herr meiner
Einknfte und meiner Macht, -- und wie ein Mensch durch fteres
Erzhlen derselben Lgen aus seinem Gedchtnisse einen solchen Snder
machen kann, da er selbst seine Lge glaubt, -- so glaubte auch mein
Bruder am Ende, er sey wirklicher Herzog. Daher wuchs sein Ehrgeiz
--hrst du mir auch zu?

M i r.  Deine Erzhlung, Vater, knnte die Taubheit heilen.

P r o s p.  Um allen Unterschied zwischen der Rolle die er spielte, und
dem fr den er sie spielte, aufzuheben, wollte er durchaus selbst
Herzog von Mayland werden. Mir armen Manne war ja mein Bcherschrank
Herzogthums genug; ein weltliches Frstenthum zu verwalten, glaubte er
mich unfhig. -- Er versprach also dem Knige von Neapel, -- so sehr
drstete er nach Herrschaft, -- einen jhrlichen Tribut, und zugleich,
sein Vasall zu werden, den Frstenhut seiner Krone zu unterwerfen, und
das freie Herzogthum, (o armes Mayland!) zur schimpflichen
Knechtschaft zu erniedrigen.

M i r.  Himmel!

P r o s p.  Nun hre die Bedingung und den Ausgang, und dann sage, ob
das ein  B r u d e r  that. --Der Knig von Neapel, mein alter Feind, nahm
meines Bruders Antrag an: Dieser Antrag war, mich und meine Tochter,
fr die Anerkennung der Lehnsherrschaft, und, ich wei nicht wie
vielen Tribut, sogleich aus dem Herzogthume zu vertreiben, und ihn mit
dem schnen Mayland und meiner Wrde zu belehnen. -- Zu diesem
Vorhaben brach in einer Mitternacht eine verrtherische Rotte auf,
Anthonio ffnete ihnen die Thore von Mayland, und seine Buben
schleppten mich und dich in der todten Dunkelheit, so sehr du auch
schriest, hinweg. --

M i r.  O Rettung! Barmherzigkeit! -- Ich wei nicht mehr wie ich
damals schrie, und mu jetzt von neuem weinen; die bloe Vorstellung
zwingt meinen Augen diese Thrnen ab.

P r o s p.  Hre weiter, dann sollst du erfahren, was jetzt fr uns zu
thun ist, denn sonst wre diese Geschichte sehr unntz.

M i r.  Warum brachten sie uns aber damals nicht um?

P r o s p.  Gut gefragt, Mdchen; meine Erzhlung veranlat diese
Frage. -- Das Volk, mein Kind, liebte mich so sehr, da sie es nicht
wagten, ihrer Bosheit einen blutigen Stempel aufzudrcken, sondern sie
bertnchten ihre Niedertrchtigkeit mit schnern Farben. -- Sie
schleppten uns auf eine Barke, und trieben einige Meilen in die See
hinein: dort setzten sie ein Boot aus, ein verwestes Gerippe, ohne
Tau, Mast und Seegel, selbst die Ratten hatten es aus Instinkt
verlassen; dort warfen sie uns hinein, der See entgegen zu jammern,
die uns mit Brausen antwortete, den Winden entgegen zuseufzen, die in
unsre Klage heulten, und unserm Jammer durch ihr Mitleid mehrten.

M i r.  Ach, wie mu ich deinen Kummer damals vermehrt haben!

P r o s p.  O ein Cherub warst du, der mich beschtzte. -- Als ich
unter der Brde chzte, und schwere, salzige Thrnen in die See
fielen, -- da lcheltest du, und wie ein Muth vom Himmel herab sprach
mich dein Lcheln an, -- ich beschlo nun alles zu tragen, was da
kommen wrde.

M i r.  Wie kamen wir denn ans Land?

P r o s p.  Durch gttliche Vorsicht. -- Wir hatten Speise und etwas
frisches Wasser, das uns  G o n z a l o,  ein Edler aus Neapel, aus
Barmherzigkeit gegeben hatte; ihn hatte man zum Anfhrer der boshaften
Schaar ernannt. Er gab uns auch zugleich reiche Kleider, Wsche und
andre Nothwendigkeiten, die uns seitdem gute Dienste gethan haben: er
wute, wie sehr ich meine Bcher liebte, und seine
Menschenfreundlichkeit verschaffte mir einige davon, die ich weit
hher achte, als mein Herzogthum.

M i r.  Wenn ich doch diesen Mann einmal sehn knnte!

P r o s p.  Wir landeten auf dieser Insel, und hier hast du aus meinem
Unterrichte mehr gelernt, als andre Frstentchter knnen, die zwar
mehr mige Stunden, aber keinen so sorgfltigen Erzieher haben.

M i r.  Der Himmel mag es dir vergelten! --Aber jetzt bitt' ich dich,
mein Vater, denn mein Herz ist noch immer nicht beruhigt, warum hast
du diesen Sturm erregt?

P r o s p.  So erfahre denn: -- durch einen seltsamen Zufall hat das
Glck, das mir jetzt wieder lchelt, meine Feinde an dies Gestade
gefhrt. Durch meine Kunst hab' ich erforscht, da ein gnstiger Stern
in meinem Zenith steht; benutz' ich seinen Einflu nicht, sondern
lasse ihn entschlpfen, so ist mein Glck nachher auf ewig
untergegangen. -- Hier hre auf, zu fragen. Du bist schlfrig: es ist
eine heilsame Mdigkeit, gieb ihr nach, -- ich wei, du kannst nicht
anders. -- (Miranda ist eingeschlafen.) Herbey, mein Diener, herbey!
jetzt bin ich fertig. --Nahe, mein Ariel, komm!

     (Einige Tne, die Ariel ankndigen.)

     (A r i e l  tritt auf.)

A r i e l.

    Heil dir, mein groer Meister!
    Ehrwrdiger Beherrscher, sey gegrt! --
    Ich komme auszufhren dein Gebot:
    Es sey zu fliegen, oder zu schwimmen, mich
    In Flammen zu tauchen, auf den krausen Wolken
    Zu fahren: deinem ernsten Willen
    Dient Ariel und seine Geisterkraft.

P r o s p.  Hast du, Geist, den Sturm genau so ausgefhrt, wie ich dir
befahl?

A r i e l.

    Bis auf den kleinsten Umstand.
    Ich flog zum Schiff des Knigs, und flammte
    Entsetzen rings umher, jetzt in den Raum,
    Auf das Verdeck, in jegliche Kajte.
    Ich schwrmt' oft in getrennten Brnden hell
    Um Seegel, Mast und Bogspriet,
    Und zuckte dann pltzlich wieder in Eine Gluth zusammen.
    Die Blitze Jovis, furchtbarer Donnerschlge Bothen,
    Sind nicht behender, dem Auge vorber zu flattern:
    Die krachende, donnernde Gluth der Schwefelstrhme
    Schien den allmchtigen Neptun
    Zur Schlacht zu fordern, die ganze freche Fluth
    Erbebte, ja es schien
    Sein furchtgebietender Trident zu wanken.

P r o s p.  Mein wackerer Geist! -- Wer war so festen Muths, da seine
Vernunft nicht diesem Getmmel unterlag?

A r i e l.  Auch nicht einer; alle ergriff ein Wahnsinnsfieber, jeder
rannte in blinder Verzweiflung umher. Alle, nur die Schiffer nicht,
sprangen aus dem Schiffe, das um mich her ein einziger Brand war, in
die kochende See; Ferdinand, des Knigs Sohn, war der erste der sich
hinunterstrzte; mit aufgestrubtem Haar, mehr Binsen als Haaren
hnlich, schrie er laut:  D i e  H  l l'  i s t  l e e r  u n d  a l l e
T e u f e l  s i n d  h i e r!

P r o s p.  Ha! gut, mein Geist! Aber es war doch nahe am Ufer?

A r i e l.  Ganz nahe, mein Gebieter.

P r o s p.  Und sie sind auch alle gerettet, Ariel?

A r i e l.  Alle: auf ihren Kleidern ist kein Fleck, sondern sie sind
glnzender als vorher, und wie du es gebotest, hab' ich sie auf der
Insel in mehreren Haufen zerstreut. Den Sohn des Knigs lie ich
einsam landen, ich verlie ihn in einem fernen Winkel dieser Insel, da
sitzt er, khlt die Luft mit seinen Seufzern ab, die Arme in diesen
traurigen Knoten geschlungen.

P r o s p.  Wo sind die Matrosen von dem kniglichen Schiffe, und wo
die brige Flotte?

A r i e l.  In Sicherheit liegt das knigliche Schiff, in jener tiefen
Bucht versteckt, wohin du mich einst um Mitternacht riefst, um Thau
fr dich von den strmischen Bermuden zu holen. Zusammengedrngt
liegen die Matrosen alle im Raum des Schiffes, ich lie sie dort, in
einen tiefen Schlaf versenkt, von der Arbeit und durch meinen Zauber
ermdet. Die brige Flotte, die ich zerstreut hatte, ist wieder
versammelt, alle sind auf der Atlantischen See, und segeln traurig
nach Neapel heimwrts, im Wahn, das Schiff des edeln Knigs sey
gescheitert, der Knig  s e l b s t  ein Raub der Wellen.

P r o s p.  Ariel, du hast deinen Auftrag getreulich ausgerichtet; aber
es giebt noch mehr zu thun. --Wie hoch ist es am Tage?

A r i e l.  Der Mittag ist seit zwey Stunden schon vorber.

P r o s p.  Die Zeit zwischen jetzt und der sechsten Stunde mu von uns
beiden sehr kostbar angewendet werden.

A r i e l.  Noch mehr Geschfte? Da du mir so viel Mhe machst, so la
dich auch an ein Versprechen erinnern, das du mir noch nicht gehalten
hast.

P r o s p.  Wie? Du murrst? Was kannst du wollen?

A r i e l.  Meine Freyheit.

P r o s p.  Ehe die Zeit um ist? -- Nichts mehr.

A r i e l.  Ich bitte, bedenke, wie manchen wackern Dienst ich dir
gethan habe; da ich dir nie Lgen vorsagte, nichts durch
Ungeschicklichkeit verdarb, und immer ohne Groll und Maulen diente. --
Du versprachst mir ein ganzes Jahr nachzulassen.

P r o s p.  Hast du denn vergessen, von welcher Qual ich dich befreyte?

A r i e l.  Nein.

P r o s p.  Du hast es, und glaubst dich nun geqult, im Schlamm der
salzigen Tiefe zu waten, auf dem scharfen Nord zu rennen, oder mein
Gebot in den Adern der Erde auszurichten, wenn sie vom Frost erstarrt
ist.

A r i e l.  Nicht doch, mein Gebieter.

P r o s p.  Du lgst, boshaftes Geschpf! Hast du die schnde Hexe
Sycorax vergessen, die vor Alter und Neid in einen Reif
zusammengewachsen war? Hast du sie vergessen?

A r i e l.  Nein.

P r o s p.  Ja, du hast es. Wo war sie gebohren? sprich, erzhle mir!

A r i e l.  In Algier, mein Gebieter.

P r o s p.  So, wirklich? -- Ich mu dich doch in jedem Monat Ein mal
an deinen vorigen Zustand erinnern. Du weit es, da diese verruchte
Hexe Sycorax, fr tausendfaches Unheil und fr Zaubereyen, deren
Erzhlung kein menschliches Ohr ertrgt, aus Algier verbannt ward. Ist
es nicht so?

A r i e l.  Ja, mein Herr.

P r o s p.  Schwanger ward die grauaugigte Unholdin  h i e h e r
gebracht, und an dies Gestade von den Schiffern ausgesetzt. Du, mein
Sklave, warst damals, wie du mir selbst erzhlt hast, ihr unterthan;
und weil deine geistige Natur zu wild war, um ihre grausen, irdischen
Befehle auszufhren, weil du dich der grlichen Knechtschaft
widersetztest, so sperrte sie dich, mit Hlfe ihrer strkeren Diener,
mit eisenhartem Grimm, in eine aufgespaltene Fichte; zwlf peinvolle
Jahre bliebst du in diesem Risse eingekerkert; sie starb inde, und
lie dich dort, du sthntest deine Seufzer so schnell, wie das Gesause
von Mhlenrdern; damals war diese Insel noch mit keiner menschlichen
Gestalt beehrt, auer jenem gefleckten wilden Wechselbalg, den Sycorax
hier gebahr.

A r i e l.  Ja, Caliban, ihr Sohn.

P r o s p.  Das ist's ja was ich sage, derselbe Caliban, der mir jetzt
dient. -- Du weit es am besten, in welcher Qual ich dich fand; dein
Aechzen machte die Wlfe heulen und durchschnitt die Brust ewig
ergrimmter Bren; es war eine Folter fr die Verdammten, und selbst
Sycorax konnte ihren Zauber nicht wieder lsen: nur meiner Kunst, als
ich bei meiner Ankunft dich hrte, sprang die Fichte auseinander und
lie dich frey.

A r i e l.  Wie dank' ich dir, mein Gebieter!

P r o s p.  Murrst du aber wieder, so will ich einen Eichenstamm
aufreien, und dich in seine knotigen Eingeweide klammern, bis du
zwlf Winter hinweggeheult
hast.

A r i e l.  Vergieb mir, Herr! Ich will deinem Befehl gehorchen, und
willig meinen Geisterdienst thun.

P r o s p.  Gut, so la ich dich nach zwei Tagen frey.

A r i e l.  O mein edler Gebieter! Was soll ich thun? sage, was, was
soll ich thun?

P r o s p.  So hre mich. -- (Er sagt ihm etwas ins Ohr.)

A r i e l.  Es soll geschehen, mein Beherrscher. (Er geht ab.)

P r o s p.  Erwache, liebe Tochter, erwache! du hast sanft geschlafen.
-- Erwache!

M i r.  Deine seltsame Geschichte hat mich ganz mde gemacht.

P r o s p.  Ermuntre dich, steh auf; wir wollen Caliban, unsern Sklaven
besuchen, der uns nie eine freundliche Antwort giebt.

M i r.  Es ist ein Boshafter, lieber Vater, ich mag ihn ungern sehn.

P r o s p.  In unsrer Lage knnen wir ihn aber nicht entbehren: er
macht uns Feuer, holt unser Holz, und thut uns viel ntzliche Dienste.
-- He! Sklave! Caliban! -- Du trger Klumpen, antworte doch!

C a l i b a n.  (Hinter der Bhne.) 'S ist Holz genug drinne!

P r o s p.  Komm hervor, sag' ich, du giftiger Sklave! es sind andere
Geschfte fr dich da, du Schildkrte! --

     (C a l i b a n  tritt auf.)

C a l i b a n.  Der giftigste Thau, den meine Mutter jemals mit
Rabenflgeln vom faulen Moor abgebrstet hat, beregn' euch beide! Ein
Sdwest blas' euch Geschwre auf den ganzen Leib!

P r o s p.  Dafr, sey versichert, sollst du in der Nacht Krmpfe
bekommen, und Seitenstechen, das deinen Athem einschnre; Igel sollen
sich an dir mde arbeiten, so dicht wie Honigwaben sollst du
zerstochen werden, und jeder Stich brennender, als der Stich der
Biene.

C a l i b.  Mein Mittagbrod will ich! -- Das ist meine Insel hier, von
Sycorax, meiner Mutter, her; du hast sie mir gestohlen. -- Als du erst
ankamst, ja, da ward ich von dir gestreichelt, da ward viel aus mir
gemacht; da gabst du mir auch ein schnes Wasser, mit Beeren drinn; da
sagtest du mir, wie das groe und kleine Licht heit, das bei Tage und
in der Nacht brennt: und damals war ich dir gut, da zeigt' ich dir
hier alle Sachen auf der Insel, alle sen und salzigen Wasser, die
drren Pltze und auch die fruchtbaren. O verflucht bin ich, da ich
so that! -- Alle Hexenknste der Sycorax, Krten, Schrter und
Fledermuse ber euch! denn ich bin nun hier euer Knecht und einziger
Unterthan, da ich vorher mein eigner Knig war: in den harten Fels da
sperrt ihr mich ein, und behaltet alles brige von meiner Insel fr
euch.

P r o s p.  Lgenhafter Sklave, den nur Schlge, nicht Freundlichkeit
bezhmen knnen! Trotz deiner wilden Art bin ich dir mit
Menschenfreundlichkeit begegnet, ich gab dir in meiner eignen Htte
einen Platz, bis du mein Kind zu entehren suchtest.

C a l i b.  Oho! oho! -- wollt' es wr' geschehn! du kamst nur zu frh,
 sonst htt' ich die Insel mit Calibanen bevlkert.

P r o s p.  Abscheulicher Sklave, keinem guten Eindruck offen, nur fr
Schndlichkeiten gelehrig! Ich hatte Mitleiden mit dir; mit vieler
Mhe bracht' ich dich zum sprechen, und lehrte dich stndlich bald
dies, bald jenes. Du, Wilder, konntest deine Meynung nicht kennbar
machen, sondern wie ein verchtlich Vieh schlugst du ein Gebell an,
ich verlieh deinen dunkeln Begriffen erst Worte. Aber trotz allem
blieb dir deine rohe Art, die dich edleren Wesen abscheulich macht,
darum hast du verdient, da ich dich in den Felsen sperre, ja, du hast
mehr als einen Kerker verdient.

C a l i b.  Ihr lehrtet mich die Sprache, und mein Vortheil ist, da
ich nun doch fluchen kann. -- Die Pest ber euch, da ihr mich eure
Sprache gelehrt habt!

P r o s p.  Fort Wechselbalg! Trage Reiser zusammen, und schnell, denn
du bekmmst noch andre Arbeit. -- Du zuckst die Schultern, Tckischer?
--Bist du nachlig, oder thust du mein Gebot unwillig, so will ich
dich mit schweren Krmpfen foltern, alle deine Gebeine mit Schmerzen
fllen, und dich so brllen lassen, da das Wild selbst bey deinem
Geheule zittert.

C a l i b.  Nein, bitte! -- (bey Seite) Ich mu gehorchen, denn seine
Kunst ist so gewaltig, da er den Setebos, den Gott meiner Mutter,
zhmen knnte, und ihn als Knecht brauchen.

P r o s p.  Nun, fort, Sklave! --

     (Caliban geht ab.)

     (P r o s p e r o  und  M i r a n d a  stehen auf der einen
     Seite der Bhne; jetzt tritt  A r i e l  auf, spielend
     und singend, auf der andern Seite;  F e r d i n a n d
     folgt Schritt vor Schritt der Musik, wie
     unwillkhrlich.)

A r i e l.

        Still ist das Meer, --
        Nun flieget hieher
    Und schwrmt auf dem blhenden Ufer umher!

        Bey freundlichen Kssen
        Tanzt Arm in Arm,
        Mit flchtigen Fen
            Schwebe,
            Brderlich hebe
    Sich hpfend und jauchzend der luftige Schwarm.

        Dem Widerklang
        Am Felsenhang
    Ertne der lustige Rundgesang!

G e i s t e r  (hinter der Bhne.)

    Bau, -- Wau!

A r i e l.

    Der Wachthund schlgt an!

G e i s t e r.

    Bau, -- Wau!

A r i e l.

    Der muntere Hahn
    Schreit krhend und kichernd zum Himmel hinan.

G e i s t e r.

    Kock -- kock -- akockerikiki!

F e r d i n a n d.  Wo ist diese Musik? -- In der Luft, oder auf der
Erde? -- Gewi erklang sie zur Ehre einer Gottheit auf dieser Insel.
-- Als ich auf einer Sandbank sa, und den Tod des Knigs, meines
Vaters, beweinte, schlich diese Musik auf den Wellen zu mir herber,
und ihre sen Accente besnftigten den Trotz der Fluth, und meinen
Schmerz; seitdem bin ich ihr gefolgt; sie hat mich nach sich gezogen.
-- Aber sie schweigt: -- nein, sie beginnt von neuem.

A r i e l.

    In des Meeres wsten Hallen
      Liegt dein Vater, tief und fern,
    Sein Gebein wird zu Korallen,
      Perle wird sein Augenstern.

    Auf dem dunkeln, feuchten Boden
      Wandelt bald der Leichnam sich,
    Alles wird zu Seekleinoden
    Auf des Meeres dunkelm Boden,
      Wundervoll und schauerlich.

    Seegttinnen durch die weiten
    Meergemcher leise schreiten,
    Ihm den Todtensang zu luten. --
        Den Todtensang,
        Ding,-- dang!

G e i s t e r,  (ungesehen.)

    Ding, -- dang.
    Ding, -- dang.

F e r d i n a n d.  Das Lied spricht von meinem ertrunkenen Vater. --
Nein, das ist keine irrdische Melodie. -- Jetzt fliegt sie ber mir
hinweg.

P r o s p.  (Zu Miranda.) Erffne dein Auge, und sage mir, was du dort
siehst.

M i r.  Was ist das? -- Ein Geist? -- Sieh, wie es um sich blickt. -- O
wahrlich, Vater, das ist eine schne Gestalt. -- Aber es ist ein
Geist.

P r o s p.  Nein, Kind, es it und schlft, und hat nicht andre Sinne
wie wir. -- Der Jngling, den du dort siehst, war mit im Schiffbruch,
und man knnte ihn ziemlich schn nennen, wenn ihn der Gram nicht
etwas entstellt htte. -- Er hat seine Gefhrten verlohren, und
schweift nun umher um sie wieder zu finden.

M i r.  Ich mchte ihn ein gttliches Wesen nennen, so berirrdisch
edel erscheint er mir.

P r o s p.  (Bey Seite.) Es geht, wie es meine Seele wnscht. -- Mein
lieber Geist, dafr bist du in zwey Tagen frey.

F e r d i n.  Ha! die Gottheit, welcher die Gesnge tnten! -- O
antworte meinem demthigen Flehen, ob diese Insel dein Wohnsitz ist,
und gieb mir einen gtigen Wink, wie ich mich hier betragen mu.

M i r.  Keine Gottheit, -- nur ein armes Mdchen.

F e r d.  Meine Sprache! O Himmel! -- Ich bin der Vornehmste von denen
die sie reden, wr' ich nur dort, wo sie gesprochen wird!

P r o s p.  Wie? der Vornehmste? Was wrde aus dir werden, wenn dich
der Knig von Neapel so reden hrte?

F e r d .  Ich erstaune darber, da du ihn nennst. -- Ach! er hrt
mich, und da er mich hrt, das ist eben worber ich weine. -- Ich
selbst bin jetzt der Knig von Neapel, und diese meine Augen sind
seitdem nicht trocken geworden, seit sie meinen Vater untersinken
sahn.

M i r.  Ach! Erbarmen!

P r o s p.  (Bey Seite.) Beym ersten Blick tauschten sie ihre Herzen
aus. -- Mein zarter Ariel, dies macht dich frey. -- (Laut.) Ein Wort
mit euch, -- ich frchte, -- nur ein Wort mit euch.

M i r.  Warum ist mein Vater so unfreundlich? das ist der dritte Mann,
den ich jemals sah, und der erste, fr den ich seufze. O Mitleid! la
meinen Vater so wie mich empfinden!

F e r d.  O, wenn du eine Jungfrau bist, wenn du deine Liebe noch nicht
versagt hast, so will ich dich zur Knigin von Neapel machen.

P r o s p.  Gemach, nur Ein Wort! -- (Bey Seite.) Sie lieben sich, --
ich mu aber dieser Liebe etwas in den Weg legen, sonst verliert der
Preis beym zu leichten Gewinnst. -- (Laut.) Hre; ich befehle dir, mir
zu folgen. Ohne Recht hast du dich in diese Insel eingeschlichen, um
sie mir, ihrem Besitzer, zu entreien.

F e r d.  Nein, so wahr ich ein redlicher Mann bin!

M i r.  Nein, in einer so schnen Gestalt kann nichts bses wohnen.

P r o s p.  (Zu Ferdinand.) Folge mir, -- und du sprich nicht fr ihn;
er ist ein Verrther! --Komm, ich will deinen Nacken und deine Fe
zusammenschnren, Seewasser sollst du trinken, und frische Bachbungen,
welke Wurzeln und Eichelhlsen sollen deine Nahrung seyn. -- Folge
mir!

F e r d.  Nein, einer solchen Begegnung will ich mich so lange
widersetzen, bis mein Feind der Strkere ist, -- (Er zieht den Degen,
P r o s p e r o  berhrt ihn mit seinem Stabe,  F e r d i n a n d  steht
fest gezaubert, das Schwerdt entfllt seiner Hand.)

M i r.  O lieber Vater, verdamme ihn nicht zu rasch, er ist ja
freundlich, und du brauchst ihn nicht zu frchten.

P r o s p.  Wie? -- Du sprichst fr ihn? -- Nimm sein Schwerdt auf,
Verrther! Du hast keine Kraft, so sehr drckt die Schuld dein
Gewissen. Mit diesem Stab hab' ich dich entwaffnet.

M i r.  Ich bitte dich, lieber Vater!

Prosp.  Fort! hng' dich nicht an mein Kleid.

M i r.  Ich bitte dich, habe Mitleid, ich will Brge fr ihn seyn.

P r o s p.  Schweig! noch ein einziges Wort, und ich hasse dich! --
Wie? fr einen Betrger zu sprechen? Ha! du denkst, es giebt nicht
mehr solche Mnner, weil du nur Caliban und ihn gesehn hast; Nrrin,
gegen die meisten Mnner ist er ein Caliban, und sie sind Engel gegen
ihn.

M i r.  So sind meine Neigungen denn sehr bescheiden; ich verlange gar
nicht, einen schnern Mann zu sehen.

P r o s p.  (Zu Ferdinand.) Komm, und gehorche; -- deine Sehnen sind
wieder so schwach, wie sie in ihrer Kindheit waren.

F e r d.  So ist es; alle meine Lebensgeister sind, wie in einem Traum,
gefesselt. -- Aber meines Vaters Tod, die Ohnmacht, die ich fhle,
der Verlust aller meiner Freunde, und die Drohungen dieses Mannes, dem
ich jetzt unterworfen bin, sind mir nur gering, wenn ich nur Einmal am
Tage durch mein Gefngni dieses Mdchen sehe: die Freyheit mag auf
der brigen Erde wohnen, fr mich ist in solchem Kerker Raum genug.

P r o s p.  (Bey Seite.) Es wirkt. -- (Laut.) Folge. -- (Zu Ariel.) Ich
danke dir, mein Ariel. Hre, was du noch fr mich thun sollst. (Er
spricht leise mit Ariel.)

M i r.  Gieb dich nur zufrieden; mein Vater ist milder als er jetzt
gesprochen hat; so wie er jetzt war, ist er nie.

P r o s p.  So frey wie die Winde auf den Bergen sollst du seyn; aber
richte mein Gebot aufs genauste aus.

A r i e l.  Bis auf den geringsten Umstand.

     (Geht ab.)

P r o s p.  Folge mir. -- Du sprich nicht fr ihn.

     (Alle gehen ab.)

    *    *    *    *    *




Zweyter Aufzug.

     (Eine andere Gegend der Insel.)


Erste Scene.

A l o n s o,  S e b a s t i a n,  A n t h o n i o,  G o n z a l o,
A d r i a n,  F r a n c e s c o,  und andre  H o f l e u t e.


G o n z a l o.  Ich bitt' euch, mein Knig, seyd heiter; ihr und wir
alle haben Ursach uns zu freuen.

A l o n s o.  Ich bitte dich, schweig.

G o n z.  Unser Unglck ist etwas ganz gewhnliches, an jedem Tage hat
irgend ein Schifferweib oder ein Kaufmann dieselbe Ursach zu klagen;
aber von einem solchen Wunderwerke, wie unsre Rettung ist, knnen
unter Millionen nur wenige sagen: wir leben, auf eine wunderbare Art
von den Wellen ans Land getragen; ja, es ist unbegreiflich, wie das
Seewasser unsre Kleider kaum feucht gemacht hat, sie haben keinen
Flecken, sondern sie sind noch eben so neu, wie damals, als wir sie in
Afrika zum erstenmale trugen, als die Hochzeit eurer schnen Tochter
Claribella mit dem Knige von Tunis gefeyert ward. -- Drum, mein
guter Knig, lat uns weislich unsern Gram gegen unsern Trost abwgen.

A l o n s o.  Ich hre das Schellengelute deiner Worte mit Verdru an.
-- O htt' ich doch meine Tochter nie in Tunis verheirathet! Denn auf
der Rckkehr hab' ich meinen Sohn verlohren, -- und auch meine
Tochter, denn sie ist von Italien so weit entfernt, da ich sie
niemals wiedersehen werde. -- O, mein Sohn, welchem Seeungeheuer bist
du zur Beute geworden?

F r a n c e s c o.  Mein Knig, er lebt vielleicht. Ich sah, wie er
alle Wogen unter sich niederschlug, und auf ihrem Rcken schwebte: er
schlug die feindliche Fluth auf die Seite, und bot den grten Wogen
eine knigliche Brust. Er erhielt sein khnes Haupt immer ber dem
Wasser, und ruderte mit starken Armen nach der Kste, die sich ihm,
von den Wogen untergraben, entgegenbog. -- Gewi erreichte er lebend
das Ufer.

A l o n s o.  Nein, nein! er ist dahin!

S e b a s t.  Diesen groen Verlust habt ihr euch nur selbst zu
verdanken; freilich durfte Europa nicht mit eurer Tochter beglckt
werden, dafr ward sie lieber an einen Afrikaner verschleudert; wo sie
wenigstens weit genug aus eurem Auge verbannt ist, das hinlngliche
Ursach hat, aus Gram darber zu weinen.

A l o n s o.  Ich bitte dich, schweig!

S e b a s t.  Man lag zu euren Fen, wir alle bestrmten euch mit
Bitten; die schne Seele selbst schwankte zwischen Gehorsam und
Widerwillen in ngstlicher Erwartung, welche Schaale niedersinken
wrde. -- Euer Sohn, frcht' ich, ist auf immer verlohren. -- Diese
Reise hat in Mayland und Neapel mehr Wittwen gemacht, als wir Mnner
mitbringen, um sie zu trsten. -- Ihr allein habt die grte Schuld.

A l o n s o.  So wie den grten Verlust.

G o n z.  Mein Prinz Sebastian, die Wahrheit, die ihr sagt, ist
unfreundlich, und zur unrechten Zeit; ihr reibt die Wunde statt ein
Pflaster darauf zu legen.

S e b a s t.  Schn gesprochen!

A n t h o n.  Und sehr chirurgisch.

G o n z.  Mein Knig, wir alle haben schlechtes Wetter, wenn eure Stirn
bewlkt ist.

S e b a s t.  Schlecht Wetter?

A n t h.  Ja wohl, schlecht.

G o n z.  Wenn ich der Knig dieser Insel wre, -- so wrd' ich hier
eine eigne, ganz neue Regierungsform einfhren. In meinem Staate
drfte kein Handel getrieben, kein Krieg gefhrt werden; die
Wissenschaften sollten nach und nach wieder einschlafen; es mten
keine Obrigkeiten seyn, ich wollte mich bemhen, das goldne Zeitalter
wieder herzustellen.

A n t h.  O, du glckliches Zeitalter!

G o n z.  Alles eine einzige groe, eintrchtige und glckliche
Familie! kein Ha und Zwiespalt, kein Neid und keine Verfolgung! --
Keiner der andre beherrscht, und keiner der beherrscht wird, die
glcklichste Gleichheit aller Stnde.

S e b a s t.  Und doch wollte er Knig seyn!

A n t h o n.  Das Ende seiner Staatsverfassung vergit den Anfang!

S e b a s t.  Gott erhalte Seine Majestt!

A n t h o n.  Lange lebe Gonzalo, der Wiederhersteller des goldenen
Zeitalters!

G o n z.  Ihr hrt mich nicht, mein Knig!

A l o n s o.  Ich bitte dich, hr' auf; du sagst mir da ein langes
Nichts.

G o n z.  Es geschah blos, um diesen Herren eine Erschtterung des
Zwerchfells zu machen.

     (A r i e l tritt auf, mit einer feyerlichen Musik.)

A n t h o n.  Ihr habt uns im Gegentheil schlfrig gemacht, denn seht,
Francesco schlft schon.

G o n z. Und ich selbst bin mde!

A n t h o n.  Nun so schlaft und schweigt.

     (G o n z a l o,  A d r i a n,  F r a n c e s c o  und die
     brigen  H o f l e u t e  sind eingeschlafen.)

A l o n s o.  So schnell eingeschlafen? -- Und auch meine Augen fallen
zu. --

A n t h o n.  Schlaft, mein Knig, der Schlaf ist im Unglck stets ein
Trster.

S e b a s t.  Wir beyde wollen unterde fr eure Sicherheit wachen.

A l o n s o.  Sonderbar. -- (Er schlft ein.)

A r i e l  (singt und spielt.)

        Vor Gefahren
    Seine Freunde zu bewahren,
    Schickt mein Meister mich hieher!
          Hieher! Hieher!

          Ruhe senke
          Sich hernieder,
          Schlummer trnke
    Ihre mden Augenlieder.

          Susle, Hain!
          Wieg' ein,
          Dmmerschein!
          Sie -- schlafen -- ein!

S e b a s t.  Was ist das fr eine seltsame Betubung, die sie ergreift!

A n t h o n.  Die Eigenschaft des Klima's.

S e b a s t.  Aber warum bleiben unsre Augen offen? -- Ich fhle mich
gar nicht schlfrig.

A n t h o n.  Ich auch nicht; meine Lebensgeister sind munter. -- Sie
fielen zusammen, als wenn sie's abgeredet htten, wie vom Blitz
erschlagen. -- Was knnte, edler Sebastian, o was knnte! -- Nichts
mehr. -- Und doch dnkt mich, les' ich in deinem Gesichte, was du seyn
solltest. -- Die Gelegenheit redet dir zu, und meine erhitzte
Phantasie sieht eine Krone, die auf dein Haupt niederfllt.

S e b a s t.  Wie? Bist du wach?

A n t h o n.  Hrst du mich denn nicht sprechen?

S e b a s t.  Freilich, und wahrhaftig, es ist die Sprache eines
Trumers. -- Was sagtest du denn? -- Seltsam, so mit weit offnen Augen
zu schlafen! zu stehn, zu sprechen, sich zu bewegen, -- und doch fest
eingeschlafen!

A n t h o n.  Edler Sebastian, du lieest dein Glck schlafen, -- nein,
s t e r b e n  vielmehr. -- Du schlfst, indem du wachst.

S e b a s t.  Du schnarchst verstndlich; es ist Sinn in deinem
Schnarchen.

A n t h o n.  Ich bin ernsthafter wie gewhnlich; wenn du mich
verstehst, so sey es auch, und ich will dich dreymal grer machen als
du bist.

S e b a s t.  Nun gut, ich bin stehendes Wasser.

A n t h o n.  Ich will dich flieen lehren.

S e b a s t. Thu's: denn stillstehn lehrt mich meine
angebohrne Trgheit.

A n t h o n.  O wtest du nur, wie sehr du meinem
Vorschlag entgegen kmmst, indem du ihm ausweichst!
wie du dich unter dem Struben nur noch
mehr verwickelst! -- Langsame Menschen werden oft
durch ihre Furcht oder Trgheit nur um so schneller
auf den Grund gezogen.

S e b a s t.  Ich bitte dich, sprich! -- Das Feuer deines Auges und
deiner Wange verkndet einen groen Gedanken, mit dem du schwanger
bist.

A n t h o n.  So ist es, Prinz. -- Dieser Herr schwachen Angedenkens,
-- (man wird seiner eben so wenig gedenken, wenn er einmal
eingescharrt ist,) er hat den Knig fast berredet, (denn er hat einen
Geist der Ueberredung,) da sein Sohn noch lebt. Da er aber nicht
ertrunken sey, ist eben so unmglich, als da er, der hier schlft,
jetzt schwimmen knnte.

S e b a s t. Ich habe auch keine Hoffnung, da er nicht ertrunken sey.

A n t h o n. O wie viele Hoffnung hast du eben daher, weil du hier
keine Hoffnung hast! --  H i e r  keine Hoffnung, ist  d o r t  eine so
hohe Hoffnung, da selbst der Ehrgeiz nur einen zweifelnden Blick so
hoch hinauf werfen kann. -- Du giebst mir also zu, da Ferdinand
ertrunken ist?

S e b a s t.  Er ist todt.

A n t h o n.  So sage mir, wer ist der nchste Erbe von Neapel?

S e b a s t.  Claribella.

A n t h o n.  Sie, die Kniginn von Tunis? -- Sie, die zehn Meilen
jenseits aller Menschen wohnt? Sie, die von Neapel keine Nachrichten
haben kann, wenn nicht die Sonne ihr Postbothe wird? -- Neugebohrne
Kinne werden inde rauh und brtig. -- Sie, -- -- hat uns nicht alle,
als wir von ihr reisten, die See verschluckt? -- obgleich einige
wieder ausgeworfen sind, die durch diesen Zufall eine Scene spielen
knnen, von der die lange Vergangenheit nur ein Prolog ist; alles was
 j e t z t  geschehen soll, ist meine und deine Rolle.

S e b a s t.  Was ist das? -- Wie sagst du? --
Freilich ist meines Bruders Tochter Kniginn von
Tunis; eben so ist sie die Erbinn von Neapel; --
und zwischen beyden Lndern ist ein ziemlicher Zwischenraum.

A n t h.  Ein Raum, wovon jede Spanne auszurufen scheint:  W i e  s o l l
u n s  d i e s e  C l a r i b e l l a   n a c h  N e a p e l
z u r  c k m e s s e n?  -- Bleibe sie in Tunis, und
mge Sebastian erwachen! -- Wenn dies nun der Tod wre, der sie jetzt
befallen htte; je nun, sie wren darum nicht bler dran. Es giebt
Leute, die Neapel eben so gut regieren knnen, wie der Schlfer hier;
Herren, die eben so viele und leere Worte machen knnten, als dieser
Gonzalo, ich selbst wollte mich zu einem solchen Staar abrichten. -- O
httest du doch mein Gemth! -- welch heilsamer Schlaf wre dies dann
fr deine Befrderung! -- Verstehst du mich?

S e b a s t.  Ich glaube.

A n t h .  Und wie gefllt dir dein gutes Glck?

S e b a s t.  Ich dachte eben dran, da du deinen Bruder Prospero aus
dem Sattel hobest.

A n t h.  Freilich, und sieh, wie gut mir meine Kleider stehn; weit
besser, als vorher. Meines Bruders Untergebene waren damals meines
Gleichen, jetzt sind sie meine Diener.

S e b a s t.  Aber dein Gewissen --

A n t h.  Ho ho, Freund! wo liegt das? Wr's ein Hhnerauge, so mt'
ich in Pantoffeln gehn: aber ich fhle diese Gottheit in meinem Busen
nicht. -- Htten sich zwanzig Gewissen zwischen mich und Mayland
gestellt, sie htten frieren und wieder aufthauen mgen, ohne mir im
Wege zu seyn. -- Hier liegt dein Bruder, um nichts besser als die Erde
auf der er liegt, wenn er das wre, was er jetzt scheint: todt! -- Mit
drey Zollen von diesem gehorsamen Stahl kann ich ihn auf immer zu
Bette bringen: du kannst in dem nmlichen Augenblick dasselbe mit
diesem Klugheitsspiegel, diesem Ritter  T u g e n d r e i c h  thun,
damit er uns nachher keine Hndel macht. Alle brigen werden sich
krmmen und drehen, wie ein Kater, der Milch bekmmt: sie werden die
Uhr auf jede Stunde stellen, die wir angeben wollen.

S e b a s t.  Du sollst mein Beyspiel seyn, Freund: wie du Mayland
gewannst, eben so will ich zu Neapel kommen. Zieh dein Schwerdt; ein
einziger Sto soll dich von deinem Tribut befreyen, und ich, der
Knig, werde dir noch Dank schuldig bleiben.

A n t h .  Zieh dein Schwerdt zugleich, und wenn ich meine Hand
aufhebe, so durchstoe du Gonzalo.

S e b a s t.  Hre, nur noch Ein Wort! (Sie reden heimlich
miteinander.)

A r i e l  (singt dem Gonzalo ins Ohr.)

    Ohne Bedacht
    Schlaft ihr, es wacht
    Bosheit, und lacht!
    Schleichend und sacht
    Wird itzt vollbracht,
    Was sie erdacht: -- --
    Nun so erwacht!

A n t h.  So lat uns denn schnell seyn!

G o n z.  Ihr guten Engel, schtzt den Knig!

     (Alle wachen.)

A l o n s o.  Wie? -- Was ist das? -- Erwacht! -- Warum die Schwerdter
gezogen? -- Was soll dieser wilde Blick? --

G o n z.  Was giebts?

A n t h.  Als wir hier standen, euren Schlaf zu schtzen, da hrten
wir, eben jetzt, ein hohles, dumpfes Brllen, wie von Stieren, oder
vielmehr von Lwen. -- Machte es euch nicht wach? -- Es schallte
entsetzlich in mein Ohr.

A l o n s o.  Ich hrte nichts.

S e b a s t.  O es war ein Getse, das Ohr eines Ungeheuers zu
erschrecken! -- um ein Erdbeben zu erregen! -- wahrhaftig es war das
Gebrlle von einer ganzen Heerde von Lwen.

A l o n s o.  Hast du es gehrt, Gonzalo?

G o n z.  Auf meine Ehre, mein Knig, ich hrte ein Summen, und von
einer seltsamen Art, dies weckte mich auf. Ich stie euch an, gndiger
Herr, und rief; als ich meine Augen aufschlug, sah ich ihre Schwerdter
gezogen: -- ein Gerusch war, das ist gewi. -- Das beste ist, wir
sind auf unsrer Hut; oder verlassen diesen Ort. -- Wir wollen alle
unsre Schwerdter ziehn.

A l o n s o.  Wir wollen von hier weggehn, und meinen armen Sohn weiter
suchen.

G o n z.  Der Himmel beschtze ihn vor diesen wilden Thieren, denn er
ist gewi auf der Insel.

A l o n s o.  Kommt! --

     (Sie gehen ab.)

A r i e l.  Mein Gebiether Prospero soll erfahren, was ich gethan habe.
-- So, Knig, geh' unversehrt, und suche deinen Sohn. --

     (Geht ab.)


Zweite Scene.

     (Eine andre Gegend der Insel. -- Man hrt donnern.)

     (C a l i b a n  tritt auf, mit einem Regenmantel. Er
     trgt eine Ladung Holz.)


C a l i b a n.  So wollt' ich, da alles Gift, das die Sonne aus
Smpfen, Mooren und verfaulten Wassern saugt, auf Prospero falle, und
ihn zu einer einzigen Eiterbeule mache! -- Seine Geister hren mich,
aber ich kann nicht helfen, ich mu fluchen. --Und sie wrden mich
auch nicht stechen, nicht als Stachelschweine mich erschrecken, in den
Morast tauchen, oder mich als Feuerbrnde im Finstern aus meinem Wege
locken, wenn er es ihnen nicht befhle. Aber er hetzt sie um jede
Kleinigkeit auf mich. Oft als Affen, die schnattern und mir Muler
ziehn und mich nachher beien; dann wieder wie Igel, die
zusammengerollt in meinem Wege liegen und mir in die Fersen stechen,
wenn ich falle; manchmal zerbeien mich Ottern, die mit der
gespaltenen Zunge zischen bis ich toll bin. -- (Trinkulo tritt auf.)
-- Sieh! sieh! da kmmt einer von seinen Geistern; der will mich
qulen, weil ich das Holz nicht geschwinde gebracht habe: -- ich will
nur niederfallen, vielleicht sieht er mich nicht. -- (Er wirft sich
nieder.)

T r i n k u l o.  Da ist weder Busch noch Strauch, um sich vor dem
Wetter zu verkriechen, und es kmmt schon wieder ein neues Gewitter;
man kann's am Winde hren; und jene schwarze Wolke, jener Riese von
Wolke, sieht gerade wie ein Oxhoft aus, das sich ausgieen will. -- Wenn
wieder solch Gedonner anfngt, wie vorher, so wei ich nicht, wo
ich meinen Kopf hinstecken soll: eimerweise mu die Wolke da
herunterfallen. -- Was haben wir denn hier? Mensch, oder Fisch? --Todt
oder lebendig? -- Ein Fisch, denn es riecht wie ein Fisch! -- Ein
kurioser Fisch! -- Wr' ich jetzt nur in Europa, und htte diesen
Fisch blos abgemahlt, da wre kein Feyertagsnarr, der mir nicht ein
Stck Geld gbe: das Ungeheuer wrde mich da zu einem ganzen Kerl
machen; -- durch seltsame Bestien wird man da ein gemachter Mann. -- Wenn
sie nicht einen Pfennig geben wollen, um einem lahmen Bettler
beyzustehn, so geben sie zehn, um einen todten Indianer zu sehn. -- Beine,
wie ein Mensch! und seine Flofedern sind wie Arme! -- Warm,
bey meiner Treu! -- Nein, ich habe mich geirrt, das ist kein Fisch,
das ist ein Eingebohrner, den ein Donnerkeil umgeschmissen hat. -- O
weh! da kmmt der Sturm wieder! Das gescheidteste ist, ich krieche
unter seinen Regenmantel, ein andres Obdach giebt's hier nicht. -- Das
Elend kann einem seltsame Schlafkameraden zufhren: ich will mich
hierunterstecken, bis der rgste Sturm vorber ist.

     (S t e p h a n o  tritt auf, mit einer Flasche in der
     Hand.)

S t e p h a n o.  (singt.)

    Ich will nicht mehr in Wassersnoth,
    Am Ufer such ich meinen Tod!

Das ist gut auf einem Kirchhof, oder unterm Galgen zu singen. --

    Mag der Sturmwind brausen
      Von Nord und Ost,
    Und wthend die krausen
    Gewlke zerzausen,
       H i e r  ist mein Trost! (Er trinkt.)

    Mag zum Himmel schwellen
      Die wilde Fluth,
    Und Winde mit Wellen
    Wie Hund' umher bellen, --
       H i e r  ist mein Muth! (Er trinkt.)

    Mag's strmen von Norden, mag's strmen von West,
    So lange das Schicksal dich Theure mir lt,
    So hr' ich dem Sturme mit heiterer Ruh,
    Dem Einfall des Himmels mit Frhlichkeit zu.

     (Er trinkt.)

C a l i b.  Qule mich nicht, oh!

S t e p h.  Was giebt's hier? -- Ha! ich bin nicht dem Ersaufen
entwischt, um mich nun vor deinen vier Beinen zu frchten! denn es ist
immer gesagt worden: ein so wackrer Mann, als nur je auf vier Beinen
gieng, kann ihn nicht zum Weichen bringen! Und es soll auch noch
ferner gesagt werden, so lange Stephano durch seine Nasenlcher Athem
einzieht!

C a l i b.  Der Geist qult mich! Oh!

S t e p h.  Das ist ein vierbeinigtes Ungeheuer hier von der Insel,
das, so viel ich begreifen kann, das Fieber gekriegt hat. -- Aber, wie
der Teufel hat es unsre Sprache gelernt? -- Ich will ihm eine
Herzstrkung geben, wr's auch nur um Gotteswillen. -- Kann ich ihn
kuriren und zahm machen, und komme wieder mit ihm nach Neapel, so ist
er ein Geschenk fr den grten Kaiser, der jemals auf Kuhleder gieng.

C a l i b.  Qul mich nicht: bitte dich; ich will mein Holz ja
schneller bringen.

S t e p h.  Er ist jetzt in der Hitze, und spricht nicht zum
gescheidtesten. -- Er soll von meiner Flasche kosten; hat er noch
keinen Wein getrunken, so vertreibt er gewi das Fieber. -- Wenn ich
ihn kuriren und zahm machen kann, so will ich nicht zu viel fr ihn
nehmen. Er soll mir gewi ein tchtiges Geld einbringen.

C a l i b.  Bis jetzt hast du mir noch nicht viel gethan, aber nun
wirst du anfangen, ich merk's an deinem Zittern: Prospero wirkt jetzt
auf dich!

S t e p h.  Mach fort! Thu' dein Maul auf! Nun! -- Ich versichre dich,
das wird dein Zittern wegschtteln, und das aus dem Grunde. -- Man
wei nicht, wo man einen guten Freund antreffen kann. -- Thu die
Kinnbacken noch einmal von einander!

T r i n k.  Die Stimme kmmt mir bekannt vor; es ist -- aber der ist
ersoffen, und das hier sind Teufel! -- O sey uns gndig!

S t e p h.  Vier Beine und zwey Stimmen; ein recht zierliches
Ungeheuer! -- Seine vordere Stimme wird gut von seinem Freunde
sprechen, und hinterrcks kann er ihn zugleich verlumden. -- Und
sollte aller Wein aus meiner Flasche draufgehn, so will ich ihn von
seinem Fieber kuriren. -- Komm, -- ich will etwas in dein andres Maul
gieen.

T r i n k.  Stephano! --

S t e p h.  Ruft mich dein zweyter Mund? Gott sey bey uns! dies ist der
Teufel, und kein Ungeheuer. -- Nein, ich will machen, da ich
fortkomme.

T r i n k.  Stephano, -- wenn du Stephano bist, so rhr' mich an, und
sprich mit mir, denn ich bin Trinkulo, -- frchte dich nicht, -- dein
guter Freund Trinkulo.

S t e p h.  Wenn du Trinkulo bist, so komm hervor; ich will dich bey
den dnnern Beinen ziehen; wenn hier Trinkulo's Beine drunter sind, so
sind es diese. -- Wahrhaftig du bist Trinkulo; aber wie kamst du denn
mit diesem Mondkalbe zusammen?

T r i n k.  Ich glaubte es wre von Donner erschlagen. -- Bist du aber
nicht ersoffen, Stephano? -- Ich hoffe jetzt, du bist nicht ersoffen.
-- Ist der Sturm vorber? Aus Furcht vor dem Sturme kroch ich unter
des Mondkalbs Regenmantel. -- Und lebst du denn, Stephano? -- O
Stephano, zwey Neapolitaner sind entronnen!

S t e p h.  Ich bitte dich, dreh' mich nicht so um, mein Magen ist noch
nicht in seiner Verfassung.

C a l i b.  Das sind hbsche Dinger, wenn es keine Geister sind. -- Das
da ist ein braver Gott, und fhrt ein himmlisches Getrnk. -- Ich will
vor ihm niederknien.

S t e p h.  Wie wurdest du gerettet? Wie kamst du hieher? Schwre mir,
bey dieser Flasche, wie kamst du hieher? -- Ich rettete mich auf einer
Weintonne, die die Matrosen ber Bord warfen: bey dieser Flasche, die
ich mit eigenen Hnden aus Baumrinde gemacht habe, so wie ich ans Ufer
kam.

C a l i b.  (der vor Stephano niedergeknieet ist.) Ich will bey dieser
Flasche schwren, dein treuer Unterthan zu seyn; denn das Getrnk da
ist nicht irrdisch.

S t e p h.  Hier, so schwre denn. -- Aber wie wardst du gerettet?

T r i n k.  Ich schwamm ans Ufer, Kerl, wie eine Ente. Ich kann
schwimmen, wie eine Ente, das will ich beschwren.

S t e p h.  Hier, ksse das Buch.

T r i n k.  (nachdem er getrunken.) O Stephano, hast du mehr davon?

S t e p h.  Ein ganzes Fa, Kerl. Mein Keller ist in einem Felsen, an
der Seeseite, dort liegt mein Wein verborgen. -- Nun, Mondkalb, was
macht dein Fieber.

C a l i b.  Bist du nicht vom Himmel gekommen?

S t e p h.  Aus dem Monde, ich versichre dich: es gab eine Zeit, wo ich
der Mann im Monde war.

C a l i b.  Ich habe dich dort gesehen, und ich bete dich an. Meine
Gebieterin hat dich mir gezeigt, und auch deinen Hund und deinen
Busch.

S t e p h.  Komm, beschwre das; Ksse das Buch, ich will es mit einem
neuen Inhalte versehen; schwre.

T r i n k.  Beym Himmel, das ist ein sehr abgeschmacktes Ungeheuer! --
Ich mich vor ihm frchten? -- ein elendes Ungeheuer! -- der Mann im
Monde? -- ein klgliches, leichtglubiges Ungeheuer. -- Mein Seel,
Ungeheuer, das war ein guter Zug!

C a l i b.  Ich will dir alle fruchtbaren Oerter auf der Insel zeigen;
und deine Fe will ich auch kssen. -- Ich bitte dich, sey mein Gott.

T r i n k.  Beym Himmel, ein nichtswrdiges, versoffenes Ungeheuer!
Wenn sein Gott schlft, so wird er ihm die Flasche stehlen.

C a l i b.  Ich will deine Fe kssen, ich will dir als ein Unterthan
schwren.

S t e p h.  Nun so knie nieder und schwre!

T r i n k.  Ich werde mich noch ber dies Hundsgesicht von Ungeheuer zu
Tode lachen! -- Ein ganz miserables Ungeheuer! -- Fast krieg' ich
Lust, es abzuprgeln.

S t e p h.  Ksse!

T r i n k.  Wenn das elende Ungeheuer nicht besoffen wre! -- Ein
vermaledeytes Ungeheuer!

C a l i b.  Ich will dir die besten Quellen zeigen; ich will dir Beeren
pflcken; will dir Fische fangen und dir Holz zutragen. -- Die Pest
ber den Tyrannen, dem ich diene! Ich will ihm keine Kltze mehr
zutragen, sondern dir folgen, du wundervoller Mann.

T r i n k.  Ein lcherliches Ungeheuer! Aus einem armen besoffenen Kerl
ein Wunder zu machen!

C a l i b.  Bitte dich, la dich hinfhren, wo Holzpfel wachsen. Mit
meinen langen Ngeln will ich dir Trffeln graben; will dir ein
Nuhehernest zeigen, und dich lehren, wie man die schlaue Meerkatze
fngt. Zu dichten Haselstauden will ich dich fhren, und dir manchmal
junge Gemsen von Felsen hohlen. -- Willst du mit mir gehn?

S t e p h.  Ich bitte dich, zeig' uns den Weg, ohne so viel zu
schwatzen. -- Trinkulo, da der Knig und alle unsre Gefhrten ersoffen
sind, so wollen wir vom Lande Besitz nehmen. -- Hier, trage die
Flasche! -- Wir wollen sie gleich wieder fllen, Kamerad Trinkulo.

C a l i b.  Heda! Freyheit! Freyheit!

T r i n k.  Ein heulendes, ein besoffenes Ungeheuer!

C a l i b.  Mein Herr Prospero,

            Lebt wohl!
            Lebt wohl!
    Bin jetzt mein eigner Herr so!
    Brauch' ich nicht mehr zu dienen, o!
            zu dienen euch! o!

            Keine Fische
            Fang' ich mehr,
            Keine Tische
            Scheur' ich mehr;
            Mache kein Feuer,
            Setze kein Wasser bey:
        Das Ungeheuer
        Ca -- Caliban ist frey!
            Frey! frey!
            Und dabey
        Bin ich mein eigner Herr,
        Kein dummer Holztrger mehr.

S t e p h a n o.

    So lange Wein
    Die Flasche hlt,
    Lacht uns die Welt
    Im Sonnenschein!
    So lat uns freun,
    Wie Knige schrein,
    Und glcklich seyn!

C a l i b a n,  S t e p h a n o  und  T r i n k u l o.

    So lat uns freun
    Wie Knige schrein,
    Und glcklich seyn!

C a l i b a n.

    Heisa! Heisa!
    Juchhei und Hopsasa!
    Froh und befreyt,
    Ist Caliban heut.

A l l e  d r e y.

    Heisa! heisa!
      Frhlich,
      Seelig,
    Betrunken und froh
    In Ewigkeit so!
      So! so!
    In Ewigkeit so!

     (Sie taumeln ab.)




Dritter Aufzug.


Erste Scene.

     (Vor Prospero's Wohnung.)

     (F e r d i n a n d  tritt auf, mit einem Block auf der
     Schulter.)


F e r d i n a n d.  Es giebt Spiele, die mhsam sind, aber eben diese
Mhe erhht oft das Vergngen. Manchen niederen Geschften kann man
sich auf eine ehrenvolle Art unterziehn, und Armseeligkeiten fhren
zuweilen zu einem glnzenden Ziele. Diese meine knechtische Arbeit
wrde mir eben so beschwerlich als verhat seyn, wenn mir nicht die
Gebieterinn, der ich diene, Leben einflte, und meine Arbeiten in
Vergngungen verwandelte. O! sie ist zehnmal so freundlich, als ihr
Vater rauh, ob er gleich lauter Hrte ist. -- Auf seinen strengen
Befehl mu ich einige tausend dieser Blcke hieher tragen, und
aufeinanderpacken. Meine reizende Gebieterinn weint, wenn sie mich
arbeiten sieht, und sagt, so niedrige Geschfte wren noch nie von
einem solchen Manne ausgefhrt. -- Ich vergesse meine Arbeit. -- Aber
diese sen Gedanken geben mir neue Krfte.

     (Miranda kommt aus der Htte.)

M i r.  Ach! ich bitte dich, arbeite nicht so eifrig. -- Ich wollte,
der Blitz htte diese Kltze verbrannt! -- Ich bitte dich, setz' dich
nieder, und ruhe aus. -- Mein Vater liest jetzt msig in seinen
Bchern; ich bitte dich, ruhe aus. In drey vollen Stunden wird er sich
nicht um dich bekmmern.

F e r d i n.  O, meine theuerste Gebieterinn! die Sonne wird
untergehen, ehe ich mein auferlegtes Tagewert werde vollendet haben.

M i r.  Wenn du dich niedersetzen willst, so will ich unterde deine
Kltze tragen. Ich bitte dich, gieb mir das, ich will es zu dem Haufen
schleppen.

F e r d i n.  Nein, ses Geschpf! eher sollen meine Sehnen reien,
und mein Rckgrad brechen, ehe du eine solche Sklav
enarbeit thun solltest, und ich
mig dabey sitzen.

M i r. Es wrde sich fr mich nicht weniger schicken, als fr dich,
und es wrde mir nicht so beschwerlich fallen, denn ich tht' es dann
mit gutem Willen, das thust du nicht.

     (P r o s p e r o  tritt unbemerkt aus der Htte; er
     bleibt im Hintergrunde, und beobachtet sie.)

P r o s p.  Armes Geschpf! -- Deine Freyheit ist dahin! dieser Besuch
beweist es.

M i r.  Du siehst mde aus.

F e r d i n.  Nein, meine edle Gebieterinn. Wenn du auch am Abend bey
mir bist, so ist doch frischer Morgen um mich her. -- Ich bitte dich,
vornehmlich, damit ich dich in mein Gebet schlieen kann, wie ist dein
Nahme?

M i r.  Miranda. -- O, mein Vater, ich habe dein Gebot bertreten!

F e r d i n.  Gttliche Miranda! so viel werth, wie das Kostbarste in
der ganzen Welt! -- Mit aufmerksamem Auge hab' ich so manches
Frauenzimmer betrachtet, und manchmal hat die Musik ihrer Zungen mein
horchendes Ohr gefesselt; wegen mancherley guten Eigenschaften haben
mir verschiedene Weiber gefallen; aber nie hat eine so sehr meine
ganze Seele ausgefllt, da nicht bald irgend ein Fehler ihren
schnsten Vorzug bestritten und berwltigt htte. --Du, du allein
bist ganz vollkommen, ganz ohne Gleiches, aus allen Vorzgen der
brigen Wesen zusammengesetzt!

M i r.  Ich kenne keine meines Geschlechts, ich habe kein andres
weibliches Gesicht, als mein eignes, im Spiegel gesehn, auch hab' ich
keinen andern Mann gesehn, als dich, meinen lieben Freund, und meinen
theuren Vater. Ich kann nicht wissen, welche Gestalten anderswo seyn
mgen, aber ich wnsche mir in der ganzen Welt keinen andern
Gefhrten, als dich; auch kann ich mir keine Gestalt vorstellen, die
mir so gefiele, wie du. -- Aber ich schwatz' auch gar zu unbesonnen,
und vergesse ganz meines Vaters Ermahnungen.

F e r d i n.  Ich bin ein Prinz, Miranda, und, wie ich glaube, (ich
wollte, es wre nicht so,) ein Knig, und ich wrde diese
Sklavenarbeit so wenig erdulden, als es leiden, wenn sich eine
Fleischfliege auf meine Lippen setzte; -- aber jetzt hre meine Seele
reden, -- im ersten Augenblicke, da ich dich sah, flog mein Herz in
deinen Dienst, und machte mich zu deinem Sklaven, aus Liebe z
u dir bin ich ein so geduldiger
Holztrger.

M i r.  Du liebst mich also?

F e r d i n.  O Himmel! O Erde! seyd meine Zeugen, und krnt mein
Bekenntni mit einem glcklichen Erfolge, wenn ich die Wahrheit sage;
bin ich ein Lgner, so verwandelt meine schnsten Hoffnungen in
Unglck. Ueber alle Grnzen, ber alles, was sonst in der Welt ist,
liebe, schtze, verehr' ich dich!

M i r.  Ich bin eine Thrinn, darber zu weinen, worber ich froh bin.

P r o s p.  Wie schn begegnen sich hier zwey seltene Herzen! --
Schttet euren Seegen, ihr Himmel, auf ihre keimende Liebe!

F e r d i n.  Worber weinst du?

M i r.  Ueber meine Unwrdigkeit, da ich das nicht anbieten darf, was
ich doch zu geben wnsche, und noch weniger das annehmen, dessen
Beraubung mein Tod seyn wrde; aber das ist nur leeres Geschwtz! --
Hinweg, du falsche Schaam! du allein beseele mich, einfache, heilige
Unschuld! Ich bin dein Weib, wenn du mich heirathen willst, wo nicht,
so will ich als deine Geliebte sterben; du kannst mich als Gattinn
verstoen, aber deine Sklavinn will ich seyn, du magst es wollen, oder
nicht.

F e r d.  (kniend.) Meine Gebieterinn bist du, Theuerste, und ich so
dir ewig unterthan.

M i r.  Mein Gemahl also?

F e r d.  Ja, und mit so verlangendem Herzen, als sich nur Knechtschaft
je nach Freyheit sehnte; hier ist meine Hand.

M i r.  Und hier die meinige, mit meinem Herzen darin. -- Und nun lebe
auf auf eine halbe Stunde wohl.

F e r d.  Tausend, tausend Lebewohl!

     (Sie gehen zu verschiedenen Seiten ab.)

P r o s p.  So froh wie sie kann ich nicht seyn, denn sie sind ganz
Entzcken; aber ber nichts anders kann meine Freude so hoch steigen.
-- Jetzt will ich zu meinen Bchern, denn vor Abend mu ich noch viel
zu Stande bringen. (Er geht ab.)


Zweite Scene.

     (Eine andere Gegend der Insel.)

     (C a l i b a n,  S t e p h a n o,  T r i n k u l o.)


S t e p h.  Nichts mehr davon, wenn das Fa leer ist, wollen wir Wasser
trinken, eher nicht einen Tropfen! -- Trink mit zu, Dienst-Ungeheuer!

T r i n k.  Dienst-Ungeheuer? -- Eine nrrische Insel! -- Es sollen nur
fnfe hier seyn; wir sind drey davon, wenn die andern nicht richtiger
im Kopfe sind, als wir, so steht der Staat auf schwachen Fen.

S t e p h.  Trink, Dienst-Ungeheuer, wenn ich's dir heie. Deine Augen
sind ganz in den Kopf eingesunken. -- Dieser Bediente von Ungeheuer
hat seine Zunge in Sekt ersuft; was mich betrifft, mich kann die See
nicht ersufen, ich schwamm, beym Element! fnf und dreyig Meilen hin
und her, ehe ich ans Ufer kommen konnte. -- Aber Mondkalb, so sprich
doch einmal in deinem Leben, wenn du ein gutes Mondkalb bist.

C a l i b.  Wie geht's dir, Gndiger? Ich will deine Schuhe lecken. --
Dem da will ich nicht dienen, er ist nicht herzhaft.

T r i n k.  Du lgst, du dummes Ungeheuer; ich bin im Stande, es mit
einem Gerichtsdiener aufzunehmen. -- Wie, du liederlicher Fisch du,
war jemals ein Mann eine Memme, der in einem Tage so viel Sekt
getrunken hat? Kannst du dich unterstehen, so ungeheure Lgen zu
sagen, und bist doch nur halb ein Fisch und halb ein Ungeheuer?

C a l i b.  Sieh, er hat mich zum Narren, willst du ihn das so hingehen
lassen, gndiger Herr?

T r i n k.  Gndiger Herr! -- da ein Ungeheuer so dumm seyn kann!

C a l i b.  Sieh, sieh, schon wieder; bei ihn todt, bitte dich.

S t e p h.  Trinkulo, habe auf deine Zunge in deinem Kopfe Acht; wirst
du aber den Znker spielen, so soll der nchste Baum -- -- das arme
Ungeheuer ist mein Unterthan, und ihm soll kein Unrecht widerfahren.

C a l i b.  Danke dir, edler Herr. -- Gefllt es dir, meine Bitte noch
einmal zu hren?

S t e p h.  Ja, es gefllt mir. Knie nieder, und wiederhohle sie, ich
will stehn, und Trinkulo soll auch stehn.

     (A r i e l  kmmt unsichtbar.)

C a l i b.  Wie ich dir schon sagte, ich bin einem Tyrannen unterthan,
einem Zauberer, der mich durch seine List um diese Insel betrogen hat.

A r i e l.  Du lgst.

C a l i b.  Du lgst, du Maulaffe du! Ich wollte, mein tapferer Herr
vernichtete dich; ich lge nicht.

S t e p h.  Trinkulo, wenn ihr ihn noch einmal in seiner Erzhlung
unterbrecht, so will ich euch mit dieser Hand einige Zhne
einschmeien.

T r i n k.  Was? Ich sagte ja nichts!

S t e p h.  Nun so schweigt denn. -- (zu Caliban) Fahre fort.

C a l i b.  Ich sage, durch Zauberey gewann er die Insel; von mir
gewann er sie. Willst du ihn nun, Gromchtiger, dafr strafen? denn
ich wei, du hast Herz, der da aber hat kein Herz. --

S t e p h.  Das ist eine ausgemachte Sache.

C a l i b.  So sollst du Herr hier seyn, und ich will dir dienen. --

S t e p h.  Wie soll das aber geschehen? Kannst du mir ein Mittel
sagen?

C a l i b.  Ja, ja, mein Gebieter; ich will dir ihn schlafend liefern,
da kannst du ihm denn einen Nagel durch den Kopf schlagen.

A r i e l.  Du lgst, das kannst du nicht.

C a l i b.  Was ist denn das fr ein buntscheckiger Flegel? Du
Lumpenhund du! -- Bitte dich, Gromchtiger, gieb ihm Schlge, und
nimm ihm die Flasche; wenn er die nicht mehr hat, so mu er lauter
Seewasser trinken, denn ich will ihm nicht zeigen, wo die frischen
Quellen sind.

S t e p h.  Trinkulo, gieb dich nicht weiter in Gefahr; unterbrichst du
das Ungeheuer noch mit einem einzigen Worte, siehst du, so will ich
meine Barmherzigkeit zur Thr hinausstoen, und einen Stockfisch aus
dir machen.

T r i n k.  Nun, was sagt' ich denn? Ich sagte nichts. -- Ich will
weiter weg gehn.

S t e p h.  Sagtest du nicht, er lge?

A r i e l.  Du lgst.

S t e p h.  (indem er ihn schlgt) So? -- da nimm das. Wenn's dir
schmeckt, so heie mich ein andermahl wieder Lgner.

T r i n k.  Ich sagte nichts von Lgner. -- Hast du den Verstand
verlohren, und die Ohren dazu? -- Hohl' der Henker deine Flasche! das
kann Sekt und Saufen thun! -- da die Pest dein Ungeheuer, und der
Teufel deine Finger!

C a l i b.  Ha! ha! ha!

S t e p h.  Nun, weiter in deiner Erzhlung, -- (zu Trinkulo) Ich bitte
dich, geh' weiter zurck!

C a l i b.  Schlag' ihn tchtig, nachher will ich ihn auch etwas
prgeln.

S t e p h.  Geh weiter zurck. -- Nun fahre du fort.

C a l i b.  Nun, wie ich dir sagte, hat er die Gewohnheit, da er
Nachmittags schlft, da kannst du ihm dann den Kopf zerschlagen, wenn
du ihm erst seine Bcher genommen hast. Oder du kannst ihn auch mit
einem Klotze todt schmeien, oder mit deinem Messer den Hals
aufschneiden. Aber vergi nicht, ihm zuerst seine Bcher wegzunehmen,
denn ohne sie ist er so dumm wie ich bin, und hat keinem einzigen
Geiste zu befehlen; sie hassen ihn alle, so giftig, wie ich ihn hasse.
Darum verbrenne nur seine Bcher. Er hat auch viele wackre Sachen,
womit er sein Haus einrichten will, wenn er erst ein Haus hat. Was
aber von allem am besten und am schnsten ist, das ist seine Tochter,
er selber nennt sie unvergleichlich. Ich sah kein andres Weib, als nur
Sykorax, meine Mutter, und sie, aber sie bertrifft die Sykorax so
sehr, wie das Grte das Kleinste.

S t e p h.  Sie ist also hbsch?

C a l i b.  Ja, mein Gebieter; ich versichre dich, sie wird dein Bett
zieren, und dir eine brave Zucht bringen.

S t e p h.  Ungeheuer, ich will den Mann umbringen; seine Tochter und
ich wollen Knig und Kniginn seyn. Gott erhalte unsre Majestten! und
Trinkulo und du, ihr sollt Viceknige seyn. -- Ist's dir so recht,
Trinkulo?

T r i n k.  Vortreflich.

S t e p h.  Gieb mir die Hand, es thut mir leid, da ich dich
geschlagen habe: aber so lange du lebst, halte deine Zunge in
Schranken.

C a l i b.  In einer halben Stunde wird er wohl eingeschlafen seyn;
willst du ihn dann umbringen?

S t e p h.  Ja, auf meine Ehre.

A r i e l.  Das will ich meinem Herrn erzhlen.

C a l i b.  Du machst mich ganz lustig; ich bin herzensvergngt. Wollen
uns eine Freude machen. -- Wollen wir den Gesang singen, den ihr mich
erst gelehrt habt?

S t e p h.  Auf deine Vorbitte, Ungeheuer. -- Du meynst den Gassenhauer?

C a l i b.  Gassenhauer nennt ihr das? -- Nun mag es heien wie es
will, so ist es ein gttlicher Gassenhauer.

S t e p h a n o.

    Beschreibe mir Schlaraffenland!

T r i n k u l o.

    Die Sitten von Schlaraffenland
    Sind jedem Kinde ja bekannt.

C a l i b a n.

    Den Kindern sind sie ja bekannt,
    Die Sitten in Schlaraffenland:
    Ein Mdchen im Arm, und ein Glas in der Hand!

A l l e  d r e y.

    Die Sitten in Schlaraffenland
    Sind allen Narren ja bekannt:
    Ein Mdchen im Arm, und ein Glas in der Hand;
    O fnden wir baldigst das herrliche Land!

S t e p h a n o.

    Erzhle weiter, lieber Sohn.

T r i n k u l o.

    Ein jeder braver Erdensohn
    Bekmmt frs Schlafen starken Lohn.

C a l i b a n.

    Frs Schlafen kriegt man reichen Lohn,
    Der allerbravste Erdensohn,
    Der zehnmal am Tische sitzt, den frstlichen Throne.

A l l e  d r e y.

    Verdienste rndten dort den Lohn;
    Wer zehnmal it, bekmmt die Kron':
    O wr' ich im preislichen Lande doch schon,
    Ich erbte wahrhaftig den frstlichen Thron.

A r i e l.

     (fngt an, die Melodie des Liedes auf einer Pfeife zu
     spielen, und singt dann leiser, mit Begleitung einer
     Handtrommel.)

    Ey ey! ha ha! die Narren da!
    La la! zum Lachen! ha ha ha!
    La la la! ha ha ha! zum Lachen! ha ha!
    Hi hi hi! ha ha ha! die Narren! ha ha!

S t e p h.  Was ist das?

T r i n k.  Unser Lied!

S t e p h.  Bist du ein Mensch, so zeige dich in deiner wahren Gestalt;
bist du der Teufel, so zeige dich wie du Lust hast.

T r i n k.  O vergieb mir meine Snden!

S t e p h.  Wer stirbt bezahlt alle seine Schulden. -- Ich biete dir
Trotz!

T r i n k.  Der Himmel steh' uns bey!

C a l i b a n.  Frchtest du dich?

S t e p h.  Nein, Ungeheuer, ich nicht.

C a l i b.  Du mut dich nicht frchten. Die Insel ist voll von Getse,
von allerley Tnen, auch von schnen Melodien, die hbsch klingen, und
keinem etwas thun. Manchmal sumsen tausend klimpernde Instrumente um
mein Ohr, manchmal Stimmen, die, wenn ich auch eben aus einem langen
Schlaf aufwachte, mich doch wieder schlfrig machen wrden. Im Traum
ist mir dann, als wenn sich die Wolken aufthten, dann seh' ich
glnzende Sachen, die auf mich sollen heruntergeschttet werden; wenn
ich dann aufwache, schrey' und wein' ich, um wieder einzuschlafen.

S t e p h.  Das wird ein wackres Knigreich fr mich seyn; ich werde
meine Musik umsonst haben.

C a l i b.  Wenn Prospero todt ist.

S t e p h.  Das soll geschehn; ich hab' es nicht vergessen.

T r i n k.  Wir wollen gehn. --

     (A r i e l  geht voran, und spielt einen Marsch; hinter
     ihm  C a l i b a n,  ihm folgt  S t e p h a n o,  dann
     T r i n k u l o.)

S t e p h.  Ich wollte ich knnte diesen Trommelschlger sehn. -- Nun,
willst du nicht kommen?

T r i n k.  Ich folge dir, Stephano.

     (Alle gehen ab.)


Dritte Scene.

     (Eine andre Gegend der Insel.)

     (A l o n s o,  S e b a s t i a n,  A n t h o n i o,
      G o n z a l o,  A d r i a n,  F r a n c e s c o,  und
      G e f o l g e.)


G o n z.  Beym Himmel, ich kann nicht weiter, mein Knig: meine alten
Knochen schmerzen mich; wir gehen hier durch lauter Irrwege und
Labyrinthe. Mit Eurer Erlaubnis, ich mu hier ausruhen.

A l o n s o.  Ich kan dich nicht tadeln, alter Mann, denn ich bin
selbst bis zur Betubung meiner Lebensgeister abgemattet; setze dich
und ruhe aus. Ich will nun meine Hoffnung aufgeben, und sie nicht
lnger wie einen Schmeichler beherbergen: er ist ertrunken, nach dem
wir so herumirren, und die See spottet unsers vergeblichen Suchens auf
dem Lande. -- Nun gut! so mag er denn todt seyn!

A n t h o n.  (bey Seite zu Sebastian) Ich freue mich, da er alle
Hoffnung aufgiebt. La nur nicht, eines fehlgeschlagnen Versuchs
wegen, deinen Vorsatz fahren.

S e b a s t.  Wir wollen die nchste Gelegenheit benutzen.

A n t h.  Diese Nacht, denn sie sind vom Herumwandern so ermdet, da
sie nicht so wachsam seyn knnen und wollen, als wenn sie frisch
wren.

S e b a s t.  Gut, diese Nacht! -- Nichts mehr.

     (Eine seltsame und feyerliche Musik;  s o n d e r b a r e
      G e s t a l t e n  treten auf,  P r o s p e r o
      unsichtbar an ihrer Spitze.)

C h o r  d e r  G e i s t e r.

    Willkommen hier auf diesem Strande,
    Ihr Fremdling' aus dem fernen Lande!
    Wir gren Euch durch frohe Lieder,
    Drum kommt, vertraut uns, setzt Euch nieder
    Und labt mit Speise, labt mit Trank,
    Den heien Gaumen, strkt die mden Glieder
    Mit Speisen und durch sen Trank:
    Vertraut uns; dies sey Euer Dank!

     (Ein pantomimischer Tanz, whrend dessen eine Tafel mit
     Speisen und Getrnk hereingebracht wird; man bittet den
     Knig und seine Gefhrten, sich niederzusetzen und zu
     essen.)

C h o r.

    Wenn Verbrechen
    Eure Herzen nicht zerbrechen,
    Wenn kein Frevel auf Euch liegt;
    O so nahet,
    Und empfahet,
    Was wir, gesandt von unserm Herrn,
    Mit gutem Willen bringen gern.
    Drum, wenn kein Frevel auf Euch liegt,
    So et und trinkt und seyd vergngt!

     (Die Pantomime des Einladens dauert fort; ein
     flchtiger Geistertanz; sie verschwinden pltzlich;
     eben so bricht die Musik pltzlich ab.)

A l o n s o.  Was war das?

A n t h.  Nun will ich alles glauben, was man mir je Wunderbares
erzhlt hat.

S e b a s t.  Alles Unbegreifliche komme zu mir, und ich will schwren,
es sey wahr. Reisebeschreiber haben nie gelogen, obgleich Narren
hinterm Ofen sie dessen beschuldigen.

G o n z.  Wrde man mir glauben, wenn ich dies in Neapel erzhlte? --
Gewi sind dies die Bewohner dieser Insel, und sie sind eben so
freundlich und leutselig, als ihre Bildung migestaltet und
abentheuerlich ist.

F r a n c e s c o.  Sie verschwanden auf eine seltsame Art.

S e b a s t.  Einerley, da sie uns ihre Speisen zurckgelassen haben;
denn wir haben Hunger. --Wollt ihr nicht zugreifen?

A l o n s o.  Ich nicht.

G o n z.  Wahrhaftig, mein Knig, ihr habt nicht Ursache, besorgt zu
seyn.

A l o n s o.  Nun gut, so will ich denn essen, und wenn es mein letztes
seyn sollte: es ist einerley, denn ich fhle doch, da das Beste weg
ist. -- Bruder, Herzog, ihr alle, kommt und folgt meinem Beyspiel.

     (Sie setzen sich um den Tisch. -- Pltzlich Donner und
     Blitz, die Scene verfinstert sich,  A r i e l  springt in
     Gestalt einer Furie auf die Tafel, alle fahren
     erschrocken auf.)

A r i e l.

    Ihr seyd drey Mnner der Snde! das Schicksal,
    Dem die Welt gehorcht, gebot der Nimmersatten See,
    An dies Gestad' Euch auszuwerfen.
    An dies Gestade, das kein Mensch bewohnt,
    Denn unter Menschen zu leben
    Seyd ihr nicht wrdig.
    Um Euer Elend zu vollenden, hab' ich noch
    Wahnsinnig Euch gemacht. --

     (A l o n s o,  S e b a s t i a n  und  A n t h o n i o
     ziehen die Schwerdter, und stoen wahnsinnig nach  A r i e l;
     die Schwerdter entfallen ihrer Hand.)

    Ihr Thoren!
    Ich bin, und so sind meine Gefhrten,
    Des Schicksals Diener!
    Ihr knntet eben so leicht mit euren irrd'schen Schwerdtern
    Den lauten Sturm,
    Die zusammenschlieende Fluth verwunden!
    So unverletzlich sind auch meine Diener.
    Vermchtet Ihr's, so sind doch Eure Waffen
    Fr Euren Arm zu schwer, Ihr knnt sie nicht
    Vom Boden heben.
    Gedenkt, denn dazu ward ich hergesandt,
    Da drey von euch, aus Mayland
    Den edlen Prospero verjagten, ihn,
    Sein schuldlos Kind, den Fluthen Preis gegeben!
    Fr diese Frevelthat
    Haben die rchenden Mchte jetzt
    Die See, die Kste, ja die ganze Schpfung gegen euch emprt!
    Dich deines Sohns beraubt, Alonso!
    Und jetzt verknd' ich euch
    Ein langsam, schleichend Elend,
    Das, schlimmer als der Tod, euch Schritt fr Schritt verfolgt!

     (A r i e l  verschwindet im Donner. -- Eine sanfte,
     ankndigende Musik; mit seltsamen Gebehrden treten die
     Geister wieder auf.)

C h o r  d e r  G e i s t e r.

    Willkommen hier auf diesem Strande,
    Ihr Fremdling' aus dem fernen Lande!
        Durch Speis' und Trank
        Seyd ihr erquickt:
    Fr das Vertraun zu sagen Dank,
    Sind wir von Eurem Wirth geschickt.

     (Pantomimischer Tanz der Geister, whrend dessen einige
     von ihnen die Tafel wegtragen. Die Geister verspotten
     die Fremden.)

C h o r.

      Warum steht Ihr
      In der Ferne?
      Warum verschmht Ihr,
      Was wir gerne
        Dargebracht? -- --
    Auf! auf! zum lustigen Reigen,
        Und scherzt und lacht!
        Fat Hand in Hand,
    Und schlinget ein luftiges, gaukelndes Band!
    Denn seht, die Gste schweigen,
        Und neigen
    Das Haupt zur Brust hinab.
        Tanzt auf und ab!
        In muntern Chren
        Die Gste zu ehren,
    Und nach der Tafel, dem strkenden Wein,
    Die traurenden Fremdlinge zu erfreun!

     (Ein flchtiger Geistertanz, in welchem sie noch ihren
     Spott ausdrcken: dann verschwinden sie.)

G o n z.  Im Namen alles Heiligen, mein Knig, warum steht Ihr in
dieser frchterlichen Erstarrung?

A l o n s o.  O, es ist entsetzlich! -- entsetzlich! -- Mir war's, als
wenn die Wellen redeten und von ihm sprachen, die Winde brausten mir
von ihm entgegen, und der tiefe, frchterliche Donner sprach ihn aus,
den Namen  P r o s p e r o.  Er sprach mein Todesurtheil aus. -- Darum
liegt mein Sohn im Bette des Abgrundes, und ich will ihn jetzt suchen,
tiefer als je ein Senkbley fiel, und mit ihm im Schlamm begraben
liegen. --

     (Er rennt davon.)

A n t h.  Nur Einen Teufel auf einmal, und ich will mich durch ganze
Legionen schlagen!

S e b a s t.  Und ich will dir helfen. --

     (Beyde gehen schnell ab.)

G o n z.  Alle drey sind in Verzweiflung. Wie ein Gift, das nach
einiger Zeit wirkt, frit ihre groe Schuld jetzt an ihrer Seele.--
Ich bitte euch, die ihr biegsamere Gelenke habt, folgt ihnen schnell,
und verhindert das, wozu sie der Wahnsinn treiben knnte.

A d r i a n.  Folgt mir, ich bitte euch.

     (Alle gehen ab.)




Vierter Aufzug.


Erste Scene.

     (Die Gegend vor Prospero's Wohnung.)

     P r o s p e r o,  F e r d i n a n d,  M i r a n d a.


P r o s p e r o.  Wenn ich dich zu hart behandelt habe, so mag es
dieser Ersatz vergten, denn ich habe dir hier die Hlfte meines
Lebens bergeben, oder vielmehr das, wofr ich nur allein lebe. Ich
lege ihre Hand noch einmal in die deinige; alles, was du erduldet
hast, waren nur Proben deiner Liebe, und du hast auf eine schne Art
die Prfung berstanden. Hier, im Angesichte des Himmels besttige ich
dies mein kostbares Geschenk. O Ferdinand, lchle nicht ber mich, da
ich stolz auf sie bin, denn du wirst finden, da sie bey weitem alles
Lob bertrift.

F e r d i n.  Ich glaub' es, und gegen einen Orakelspruch.

P r o s p.  Nun so empfange denn, als mein Geschenk, und zugleich als
dein edel erworbenes Eigenthum, empfange meine Tochter. Lsest du aber
ihren jungfrulichen Grtel, ehe alle heiligen Gebruche, nach altem
ehrwrdigen Herkommen, vollzogen sind, so wird der Himmel allen seinen
reichen Seegen von eurer Verbindung zurckhalten: ein unfruchtbarer
Ha, sauersehender Widerwille und Zwietracht werden dann euer Bette
mit so wildem Unkraute bestreuen, da ihr es selber verabscheuen
werdet.

F e r d i n.  So gewi ich ruhige Tage hoffe, eine schne
Nachkommenschaft und ein langes Leben, mit einer solchen Liebe, wie
die jetzige, so gewi soll nie mein bser Genius diese Liebe in
zgellose Lust verwandeln.

P r o s p.  Gut gesprochen. So setze dich, und sprich mit ihr; sie ist
die deinige. -- Ariel! mein msiger Diener, Ariel! --

     (A r i e l  tritt auf.)

A r i e l .  Was befiehlst du, mein mchtiger Beherrscher? Hier bin
ich.

P r o s p.  Du und deine geringeren Gefhrten habt vorher euer Geschft
sehr gut ausgerichtet, jetzt will ich euch zu einem andern Spiele
brauchen. Geh' und fhr' den ganzen Geisterschwarm hieher, muntre sie
auf, schnell zu seyn, denn ich mu die Augen dieses jungen Paars mit
irgend einem Blendwerke meiner Kunst belustigen. Es ist ein
Versprechen von mir, und sie erwarten jetzt die Erfllung.

A r i e l.  Sogleich?

P r o s p.  In einem Augenblick.

A r i e l.

        Den Diener freut,
        Was der Meister gebeut:
        In weniger Zeit
        Ist alles bereit:
        Sie sind nicht weit,
        Die mit sem Klang
        Und frohem Gesang
    Hier wandeln die blhende Flur entlang,
        Mit Tanz und Gesang
        Die Flur entlang.
      Schon sind sie bereit, schon warten sie froh:
      Mein theurer Gebieter, sprich, liebst du mich so?

P r o s p.  Zrtlich lieb' ich dich, mein ser Ariel. --

     (A r i e l  geht ab.)

P r o s p.  Vergi nicht dein Versprechen; die strksten Eide sind oft
nur Stroh fr das Feuer im Blute. Jetzt komm, mein Ariel. -- Gebt
Acht. --

     (Eine kurze, ankndigende Symphonie.  M e l i d a,  eine
     Sylphide, tritt auf.)

M e l i d a.

    Wohin seyd ihr entschwunden,
    Ihr lieblichen, dmmernden Gestalten?
    Bin ich allein erschienen? --
    Vernehmt ihr nicht in euren Hainen,
    Auf euren lichten Gewlken,
    Im duftenden Schoo der Blumen,
    Die sen Tne, die euch rufen?

        Schwebt auf lichtem Glanzgefieder
        Her aus euren Felsenklften,
        Unter sen Blumendften
        Sinkt aus bunten Wolken nieder!
          O vernehmt im fernen Thal
          Was der Herrscher euch befahl.

C h o r  v o n  S y l p h e n  u n d  S y l p h i d e n.

     (Anfangs ganz in der Ferne, dann immer nher: beym
     Schlu des Chors sind alle Geister auf der Bhne
     versammelt.)

    Wir kommen, wir kommen,
    Wir haben vernommen,
    In hohen Lften,
    In Felsenklften,
    Im einsamsten Thal,
    Was der Herrscher befahl.

M e l i d a.

    Der gtige Gebieter
    Befiehlt uns seine Gste zu ergtzen;
    Es labt sein freundlich-milder Sinn
    Wohlwollend sich an unsrer Freude:
    Drum drckt euch in die Arme der Geliebten,
    Und kt die zarten Lippen, kt die zarten Wangen,
    Und, edle Seelen zu ergtzen,
    Singt eure Freude, euer Glck.

C h o r  d e r  G e i s t e r  (mit Tnzen.)

    Uns Sylphen und Sylphiden,
      Mit buntem, gaukelndem Sinn,
    Entfliehn im ew'gen Frieden,
    Von Mensch und Welt geschieden,
      Die tanzenden Stunden dahin.

      Wir schwrmen im Hain,
          Im Abendschein,
      Und schlafen im Dunkeln,
      Wenn Sterne funkeln,
          In Blthen ein:
      Und die dstern
      Wipfel flstern
          Schlafgesang. --

      Im leuchtenden Morgenstrahle
    Kt der Sylphe der Sylphide,
      Im blhenden Thale,
    Den letzten Schlaf vom Augenliede.

          Still und rein,
          Wie Mondenschein,
    Leuchtet uns die holde Liebe!
    Liebe! Liebe! holde Liebe!

     (Beym Schlu des Chors haben die Geister sich leise von
     der Bhne entfernt.)

F e r d i n.  Darf ich glauben, da diese schne Erscheinungen nur
Geister sind?

P r o s p.  Geister, die ich durch meine Kunst aus ihren Bezirken
hieher gerufen habe, um meine Phantasien auszufhren.

F e r d i n.  O la mich hier immer leben! ein so wundervoller Vater,
und dieses Weib, machen diese Gegend zu einem Paradiese.

     (A r i e l  tritt auf.)

A r i e l.

    Welche Tne flsterten durch das Gebsch?
    Welch leiser, lieblicher Nachhall zieht
    So wonniglich durch die wankenden Blumen hin? --
    Welche frohe Ahndung erfllt mein Herz? --
    O kehrt zurck mit euren Gesngen!
    Und singt mir Trost,
    Und singt mir Muth
    In meine leere Seele! --
    Ich irre rastlos,
    Durch Busch, durch Thal,
    Erklimme Felsen,
    Und strecke mit pochender Brust
    Die Arme sehnsuchtsvoll
    Dem Frhlingsschein entgegen:
    Doch abgewandt entfliehen die Freuden, --
    Wohin ich wandle,
    Neigt sich die lachende Rose abwrts,
    Der Hain rauscht ernster,
    Und seine bunten Snger werden stumm.

        Ach! wann, wann wird doch enden
          Die Sehnsucht, die mich qult?
        Und welcher Gott kann senden,
          Was diesem Herzen fehlt?
          (Das vorige Chor, ganz in der Ferne.)
        Liebe! Liebe! holde Liebe!

A r i e l.

        Ha! enthllet
        Und gestillet
        Ist dem Bangen
        Sein Verlangen!

    Liebe, Liebe fehlte meinem Herzen,
    Darum, darum fhlt' ich diese Schmerzen. --
        Die Gtter enden,
        Und schenken Ruh,
        Die Gt'gen senden
        Dem Armen die Geliebte zu!

     (Das  G e i s t e r c h o r  ist inde zurckgekommen,
     und  A r i e l  fliegt in die Arme der  M e l i d a.)

A r i e l.

    O seel'ger, seel'ger Augenblick!
        Es ist gelungen,
        Nun hab' ich errungen
    Des Lebens wonnevollstes Glck!

M e l i d a.

    Ich drcke dich hier an mein Herz,
        Da ich ihn mindre,
        Und kosend dir lindre
    Den unglckseel'gen, bangen Schmerz.

A r i e l.

    Es ffnet pochend sich die Brust
        Dem schnsten Glcke.

M e l i d a.

        Geliebter, ich drcke
    Ans Herz dich nun mit Gtterlust.

B e y d e.

    Ha! wie Entzcken
    Aus deinen Blicken
  Zu meinem Geiste spricht!
    Wahrlich, ich neide
    Den Gttern die Freude
  Des Himmels nicht!

C h o r  d e r  G e i s t e r  (mit Tnzen.)

        Des Lebens May
        Ist Lieb' allein:
        Sie wandelt neu
        Den grnen Hain;
        Ihr Frhlingsschein
        Lockt aus den Zweigen
        Die Blthen hervor.
        Da endet das Schweigen,
      Ein lautes Nachtigallenchor
    Begrt den Lenz; die Wipfel neigen
    Mit stiller Andacht sich hernieder,
    Und suseln in die sen Lieder.

        Wollst'ge Tne schleichen
      Durch Wlder, bern Felsenhang,
      Und tausendjhr'ge Eichen
    Stimmen in den jauchzenden Rundgesang.
        Der Chorgesang schallt
        Durch Thal und Flur,
      Ueber die Felsen, dahin durch den Wald;
    Laut klingen alle Saiten der Natur!
    Und alles tnt in einem allmchtigen Klang
        Der hohen Liebe Lobgesang! --

     (Der Tanz dauert fort.  P r o s p e r o  steht pltzlich
     auf.)

P r o s p.  Ich hatte die schndliche Verschwrung des Viehes Caliban
und seiner Gesellen, gegen mein Leben, vergessen. -- Der Augenblick,
ihr Vorhaben auszufhren, ist da. -- (zu den Geistern) Gut! -- hinweg!
-- nichts mehr! --

     (D i e  G e i s t e r  verschwinden pltzlich unter einem
     dumpfen Getse, eben so die Musik.)

F e r d.  Seltsam! -- Dein Vater fllt pltzlich in eine Leidenschaft,
die ihn heftig ngstigt.

M i r.  Zum erstenmale seh' ich ihn in solcher
Wuth.

P r o s p.  Du betrachtest mich, mein Sohn, und bist bestrtzt. -- Sey
ruhig. -- Unsre Spiele sind geendigt. --

Wie ich dir sagte, diese Spieler waren Geister; -- sie zerschmolzen in
Luft, in dnne Luft. --

Wie diese wesenlosen Luftgebilde, so werden wolkenbekrnzte Thrme, --
herrliche Pallste,-- ehrwrdige Tempel, -- die groe Erde selbst, --
ja, alles in ihr, auf ihr, wird zerstieben, -- und, so wie dieses
leere Schattenbild verschwand, -- nicht eine Spur zurcke lassen. --

Wir sind solcher Stoff, woraus die Trume gemacht sind, -- und die
Spanne unsers Lebens ist rund mit einem Schlaf umgeben. -- -- --

Ich bin in Verwirrung, -- habt Geduld mit meiner Schwche; mein altes
Gehirn ist in Unordnung. -- Lat euch durch meine Schwachheit nicht
stren. -- Wenn es euch gefllt, so geht in meine Wohnung, und ruht
dort aus. -- Ich will ein- oder zweymal auf- und abgehen, um mein Herz
zur Ruhe zu bringen.

F e r d. }
         } Wir wnschen dir Ruhe.
M i r.   }

     (Sie gehen in die Htte.)

P r o s p.  Komm schnell, wie ein Gedanke. -- Ich danke dir. -- Ariel
komm!

     (A r i e l  tritt auf.)

A r i e l.  Ich schmiege mich an deine Gedanken. -- Was ist dein
Befehl?

P r o s p.  Geist, wir mssen uns rsten, Caliban zu bekmpfen.

A r i e l.  Ja, mein Gebieter, ich wollte dich schon whrend des
Schauspiels daran erinnern, aber ich frchtete, dich verdrlich zu
machen.

P r o s p.  Sage, wo verlieest du diese Nichtswrdigen?

A r i e l.  Wie ich dir sagte, Herr, sie waren von Besoffenheit roth
und hei; so voll von Tapferkeit, da sie die Luft schlugen, weil sie
ihnen ins Gesicht wehte, den Boden stampften, weil er ihre Fe kte:
aber sie vergaen dabey nicht ihr Vorhaben. Ich schlug nun meine
Trommel, und wie unberittene Fllen spitzten sie ihre Ohren, zogen die
Augenlieder in die Hhe, und hoben die Nasen auf, als wenn sie Musik
rchen. Ich bezauberte ihre Ohren so, da sie mir wie Klber folgten,
durch stachlichtes Gestruch und Disteln und Dornen. Endlich lie ich
sie in dem Morast hinter deiner Wohnung, wo sie bis an die Knie
hineinsanken.

P r o s p.  Gut, mein Vogel; behalte deine Unsichtbarkeit. Hohle die
abgetragenen Kleider aus meinem Hause, um diese Diebe in Versuchung zu
fhren.

A r i e l.  Ich geh', ich gehe. (Er geht ab)

P r o s p.  Ein Teufel, ein gebohrner Teufel ist er, an dessen Natur
keine Erziehung haftet; gnzlich ist meine Mhe, die ich mir
menschenfreundlich gab, verlohren; gnzlich, durchaus verlohren. So
wie mit jedem Tage sein Krper hlicher wird, so wird auch seine
Seele abscheulicher.

     (A r i e l  kmmt, mit verschiedenen reichen Kleidern.)

P r o s p.  Komm, hnge dies an diese Schnur. --Ich will sie durch
meine Kobolde mit Zuckungen zermalmen lassen; Krmpfe sollen ihre
Sehnen zusammenziehen, und fleckigt sollen sie gezwickt werden, wie
das Panterthier. -- Ich will sie weidlich unter ihrem Heulen
herumjagen lassen.

     (A r i e l  und  P r o s p e r o  gehen ab.)

     (C a l i b a n,  S t e p h a n o  und  T r i n k u l o
     treten auf.)

C a l i b.  Bitt' euch, tretet leise auf, da der blinde Maulwurf
keinen Fu fallen hrt; wir sind ganz nahe bey seiner Wohnung.

S t e p h.  Ungeheuer, euer Geist da, der, wie ihr sagt, ein Geist ist,
der einem nichts zu Leide thut, hat nichts mehr gethan, als uns wacker
zum Narren gehabt. -- Hrt ihr nicht, Ungeheuer? Wenn ich einen
Unwillen gegen euch fassen sollte, seht ihr --

T r i n k.  Da wrst du ein verlornes Ungeheuer.

C a l i b.  Mein guter Herr, erhalte mir deine Gunst. Sey nur ruhig,
denn der Gewinnst, zu dem ich dich fhren will, soll das Unglck
wieder gut machen. -- Sprich nur leise; -- alles ist so still, wie um
Mitternacht.

T r i n k.  Ja, aber unsre Flasche im Sumpf zu verlieren!

S t e p h.  Ungeheuer, es ist nicht nur Schimpf und Schande dabey,
sondern auch ein unersetzlicher Verlust.

T r i n k.  Darber grm' ich mich vorzglich; -- ja, und das ist dein
Geist, Ungeheuer, der niemand Leides thut.

S t e p h.  Ich mu meine Flasche wiederhohlen, und sollt' ich fr
meine Mhe bis ber die Ohren hineinplumpen.

C a l i b.  Bitte dich, mein Knig, sey ruhig. -- Siehst du hier, das
ist der Eingang des Hauses. -- Nur still, und geh' hinein. -- Thu' das
heilsame Unheil, und die Insel ist dein fr immer, und ich bin dein
Caliban, auf ewig dein Knecht.

S t e p h.  Gieb mir deine Hand. -- Ich fange an blutige Gedanken zu
kriegen.

T r i n k.  O Knig Stephano! Sieh hier deine knigliche Garderobe!

C a l i b.  La es hngen, du Narr, das ist nur Plunder.

T r i n k.  Oho, Ungeheuer! -- Wir verstehen uns wahrhaftig auch wohl
auf Plunder. -- O Knig Stephano!

S t e p h.  Nimm den Rock herunter, Trinkulo, beym Element! ich will
diesen Rock haben.

T r i n k.  Deine Hoheit soll ihn bekommen.

C a l i b.  Da der Narr die Wassersucht kriegte! Seyd ihr klug, da
ihr euch mit den Lumpen hier aufhaltet? -- Lat uns gehn, und erst den
Mord verrichten; wenn er aufwacht, so wird er uns vom Kopf bis zur
Zehe zerkneipen lassen.

S t e p h.  Sey nur ruhig, Ungeheuer! -- Ist das nicht mein Wamms hier?

T r i n k.  Wir stehlen hier nach der Schnur, wenn's Euer Gnaden
beliebt.

S t e p h.  Ich danke dir fr den Spa, da ist ein Kleid dafr. Witz
soll nicht unbelohnt bleiben, so lange ich Knig dieses Landes bin. --
N a c h  d e r  S c h n u r  s t e h l e n; das ist ein vortreflicher
Ausdruck: da ist noch ein Kleid dafr!

T r i n k.  Komm, Ungeheuer, thu' etwas Vogelleim an deine Finger, und
fort mit allem brigen.

C a l i b.  Ich will nichts davon; wir verlieren unsre Zeit, und werden
alle in Gnse verwandelt werden, oder Affen, mit verdammt niedrigen
Stirnen.

S t e p h.  Ungeheuer, hilf Hand anlegen. Trage dies dahin, wo mein
Weinfa liegt, oder ich will dich aus meinem Knigreiche verbannen.
Geh', trage das.

T r i n k.  Und das.

S t e p h.  Ja, und das.

     (Eine verwirrte Jagdmusik aus der Ferne; Gebell von
     Hunden.  G e i s t e r  treten auf in seltsamen und
     frchterlichen Jgergestalten, mit Spieen und Bogen
     bewaffnet.)

C h o r  d e r  G e i s t e r!

        Hieher! Hieher!
        Die Kreuz und die Queer
    Jagt tobend und brausend das wthende Heer!
        Es bellen die Hunde!
            Bau, Vau!
            Bau, Vau!
        Es drhnt in die Runde
        Mit jauchzendem Schall
    Des Hfthorns Schmettern durch Busch und durch Thal!
            Trarah! Trarah!
            Trarah! Trarah!
        Auf! muntre Genossen,
        Und strzt unverdrossen
          Dem Wildprete nach!
        Herbey! herbey!
        Hrt der Hunde Geschrey!
        Es tnt jauchzend das Horn --
    Ihnen nach, durch die Disteln und stechenden Dorn!
        Jagt sie ab, jagt sie auf,
        Im fliegenden Lauf!
        Auf! muntre Genosen!
        Strtzt unverdrossen
    Zur Jagd, zur Jagd, zur Jagd herbey!
        Der Hunds Geschrey,
        Der Hrner Klang,
    Ermuntert uns alle zum glcklichen Fang!
        Hieher! hieher!
        Die Kreuz und die Queer
    Jagt tobend und brausend das wthende Heer!

     (Sie jagen  C a l i b a n,  S t e p h a n o  und  T r i n k u l o
      umher, und strzen ihnen nach.)




Fnfter Aufzug.

     (Vor Prospero's Wohnung.)


Erste Scene.

     P r o s p e r o  (in seinem magischen Gewande) und  A r i e l.


P r o s p e r o.  Nun kmmt mein Entwurf zur Reife; meine Bezauberungen
wirken, meine Geister gehorchen, und die Zeit geht aufrecht mit ihrer
Brde. --Wie viel ist's am Tage?

A r i e l.  Um die sechste Stunde. -- Um diese Zeit, mein Gebieter,
sagtest du, sollte unsre Arbeit gethan seyn.

P r o s p.  Das sagt' ich gleich, als ich den Sturm zuerst erregte. --
Sage mir, mein Geist, was macht der Knig und seine Gefhrten?

A r i e l.  Sie sind alle zusammengebannt, so wie du es gebothest, noch
eben so, wie du sie verlassen hast; alle stehn als Gefangene in dem
kleinen Walde, der deine Wohnung vor dem Wetter schtzt. Sie knnen
sich nicht bewegen, bis du sie frey machst. Der Knig, sein Bruder,
und der deinige, stehen in einer dumpfen Betubung, im tiefen Jammer
stehn die brigen umher, und betrachten sie mit nassen Augen, vorzglich
Ein Mann, den du immer  d e n  g u t e n  a l t e n  G o n z a l o  nennst;
seine Thrnen laufen ber seinen Bart, wie Eistropfen von einem
rohrgedeckten Dache. Dein Zauber wirkt so heftig auf sie, da, wenn du
sie jetzt sehn solltest, dein Zorn sich gewi in Mitleid auflsen
wrde.

P r o s p.  Meinst du das, Geist?

A r i e l.  Ich wrde meinen Zorn vergessen, wenn ich ein Mensch wre.

P r o s p.  Und auch ich will es. Hast du, der du nur Luft bist, eine
Ahndung, ein Gefhl von ihren Leiden, und ich selbst, einer ihrer Art,
der dieselben Empfindungen hat, sollte nicht inniger gerhrt werden,
als du? -- Ob sie mich gleich durch schwere Beleidigungen verwundet
haben, so soll doch meine edlere Vernunft meinen Ha berwltigen.
Verzeihung ist menschlicher, als Rache. -- Sie bereuen: das ist genug!
Kein zorniger Blick soll sie weiter strafen. -- Geh' Ariel, und mache
sie frey; ich will meinen Zauber lsen, ihre Sinne erwecken, und sie
sich selber zurckgeben.

A r i e l.  Ich will sie herfhren, mein Gebieter.

     (Er geht ab.)

P r o s p.  Ihr Elfen der Hgel, -- der Bche, -- der stehenden Seen, --
und Wlder! -- Und ihr, die ihr auf Sandbnken bey der Ebbe mit
luftigem Fue hpft, und entflieht, wann die Fluth zurckkmmt! -- Ihr
kleinen Geister, die ihr beym Schein des Mondes kleine Ringe im Grase
zieht, -- und ihr, die ihr um Mitternacht zum Spiele Schwmme bildet,
-- die ihr euch freut, die feyerliche Abendklocke zu vernehmen, --
durch deren Hlfe, so klein ihr seyd, ich die Mittagssonne
verfinstert, -- die widerspenstigen Winde herbeygerufen, und zwischen
der grnen See und dem blauen Gewlbe lauten Krieg erregt. -- Dem
furchtbar-rasselnden Donner gab ich Feuer, -- und spaltete Jupiters
stattliche Eiche mit seinem eignen Donnerkeil. -- Das festgegrndete
Vorgebirge lie ich zittern,-- ich raufte Fichten und Cedern zusammt
den Wurzeln aus. -- Die Grber schttelten auf mein Gebot die Schlfer
wach, -- sie ffneten sich, und lieen sie frey, von meiner gewaltigen
Kunst gezwungen. --

Aber hier schwr' ich diese wilde Zauberkunst ab. -- Ertne, himmlische
Musik, um ihre Sinne zu erwecken, auf denen ein luft'ger Zauber liegt,
-- dann will ich meinen Stab zerbrechen, -- und klaftertief ihn in die
Erde vergraben, -- mein Buch will ich ins Meer versenken, -- tiefer
als ein Senkbley jemals fiel! -- --

     (Feyerliche Musik.)

     (A r i e l  kmmt, ihm folgt  A l o n s o,  betubt und
     wie wahnsinnig,  G o n z a l o  begleitet ihn; dann
     S e b a s t i a n  und  A n t h o n i o,  eben so von
     A d r i a n  und  F r a n c e s c o  gefhrt. Sie treten
     alle in den Kreis, den  P r o s p e r o  gemacht hat, und
     bleiben da bezaubert stehn.)

P r o s p. Die Zauberkraft der Musik heile eure zerrttete Phantasie.
-- Hier steht, denn ihr seyd alle fest gezaubert! --

Ehrwrdiger Gonzalo, edler Mann, meine Augen weinen sympathetisch mit
den deinigen. -- Der Zauber zerfliet allmhlig, -- und wie der Morgen
die Nacht berrascht, und die Finsternis hinwegschmelzt, -- so
verjagen ihre erwachenden Sinne den dicken Nebel, der verfinsternd auf
ihrer Seele lag. --O guter Gonzalo, mein edler Beschtzer und treuer
Diener deines Knigs; -- in der Heimath will ich dir durch Wort und
That deinen Edelmuth vergelten. --

O Alonso, du warst grausam gegen mich und meine Tochter; --

Dein Bruder war ein Befrderer deines harten Unternehmens, -- dafr,
Sebastian, wirst du jetzt gefoltert. --

Du, mein Bruder, der Gewissen und Natur seinem Ehrgeiz opferte, -- der
mit Sebastian, dessen innerer Schmerz um so grer ist, seinen Knig
ermorden wollte, -- ich vergebe dir, so unnatrlich du auch bist. --

Ihre Vernunft fngt an zu schwellen, -- bald wird die wiederkehrende
Fluth das Gestade der Vernunft anfllen, das jetzt faul und sumpfig
liegt. -- Noch keiner von ihnen erkennt mich, oder sieht mich an. --
--

Ariel, hole meinen Hut und Degen aus meiner Wohnung, ich will mich
ihnen so zeigen, wie ich als Herzog von Mayland war. (Ariel geht ab.)
Schnell mein Geist, bald bist du frey.

     (A r i e l  kmmt zurck und hilft ihn ankleiden, indem
     er singt.)

A r i e l.

            Bald bin ich befreyt,
            O goldne Zeit!
    Dann schlaf' und trum' ich ohne Sorgen,
        Wenn dumpf bey Nacht die Eule schreyt,
    Im duftenden Schooe der Primel verborgen.
            Ich flieg' in die Runde,
            Und necke die Rosen
            Und stehle mit Kosen
            Zu jeglicher Stunde
    Balsamische Ksse dem purpurnen Munde.
        Mit Bienenschwrmen durchzieh' ich die Au'
        Und trinke von Blumen den Morgenthau.
            Wenn die frhlichen Lieder
        Der Lerche verstummen, der Sommer entflieht,
        Die wandernde Schwalbe den Himmel durchzieht;
    Dann hng' ich mich still an der Schwalbe Gefieder,
        Und fliege vor Regen und Ungemach
        Dem warmen, lieblichen Sommer nach.
        Im Sonnenschein,
        Im blhenden Hayn,
    Wird bald meine glckliche Heimath seyn!
            Ich springe
        Von Baum zu Baum, und singe
    Im Wettgesange durch Busch und Thal
    Mit der holden Sngerinn Nachtigall,
            Mit der Nachtigall!
          O goldne Zeit,
          Bald bin ich befreyt!

P r o s p.  Gut, das ist mein wackrer Ariel; ich werde dich vermissen,
aber du sollst doch deine Freyheit haben. -- So, so. -- Jetzt,
unsichtbar wie du bist, zu des Knigs Schiffe: dort wirst du die
Matrosen im Raum schlafend finden. Wecke den Patron und Bootsmann auf,
und bringe sie hieher. Aber hurtig, ich bitte dich.

A r i e l.  Ich trinke die Luft vor mir weg.

     (Er geht ab.)

G o n z.  Nichts als Quaal, Verwirrung, Schrecken und Entsetzen wohnen
hier. Ihr himmlischen Mchte! fhrt uns fort aus dieser frchterlichen
Gegend!

P r o s p.  Sieh hier, o Knig, den gekrnkten Herzog von Mayland,
Prospero. Um dich zu berzeugen, da ein lebendiger Frst zu dir
spricht, umarme ich dich, und sage dir, und deinen Gefhrten ein
herzliches: Willkommen.

A l o n s o.  Ich wei nicht, ob du es selbst bist, oder ein
bezaubertes Phantom, wie ich so eben selbst war. -- Ich fhle das
Schlagen deines Herzens, und seit ich dich sehe, vermindert sich die
Bangigkeit, in welche mich, wie ich frchte, ein Wahnsinn versetzte.
Ist alles hier wirklich, so mu es einen seltsamen Zusammenhang haben.
-- Ich gebe dir dein Herzogthum zurck, und bitte dich, vergieb mir,
da ich dich beleidigt habe. -- Aber wie kann Prospero leben und hier
seyn?

P r o s p.  (zu Gonzalo) La dich, alter, edler Freund, umarmen; du
dessen Redlichkeit unschtzbar und ohne Grnzen ist.

G o n z.  Ich wollte nicht darauf schwren, ob alles hier wirklich ist,
oder nicht.

P r o s p.  Ihr seyd noch von einigen Seltsamkeiten dieser Insel so
betubt, da ihr an allen Dingen zweifelt. -- Willkommen hier, alle
meine Freunde! -- (leise zu Anthonio und Sebastian) Wenn ich wollte, so
knnte ich euch beyden den Zorn des Knigs zuziehn, und beweisen, da
ihr Verrther seyd: aber ich will jetzt keine Geschichten erzhlen.

A n t h.  Der Teufel spricht aus ihm!

P r o s p.  Dir, boshafter Bruder, vergeb' ich alle deine Verbrechen,
und fordre dafr nur mein Herzogthum zurck, welches du mir nicht
verweigern kannst.

A l o n s o.  Wenn du  P r o s p e r o  bist, so sage uns, wie du
erhalten wurdest, wie du uns hier fandest, die wir heute an dieser
Insel Schiffbruch litten, -- in welchem ich, -- o wie schmerzlich ist
die Erinnerung! -- meinen geliebten Sohn Ferdinand verlohr!

P r o s p.  Ich bedaure dich, mein Knig.

A l o n s o.  Der Verlust ist unersetzlich; selbst die Geduld vermag
nicht ihn zu heilen.

P r o s p.  Ich glaube nur, du hast ihre Hlfe nicht gesucht; denn ihre
sanfte Stimme hat mich ber einen hnlichen Verlust getrstet.

A l o n s o.  Du einen hnlichen Verlust?

P r o s p.  Ich habe meine Tochter verlohren!

A l o n s o.  Eine Tochter? -- O Himmel! wren sie doch beyde lebend in
Neapel, um Knig und Kniginn dort zu seyn! Gern wollt' ich dann in
dem nassen Bette liegen, worin mein Sohn jetzt liegt. --Wann verlohrst
du deine Tochter?

P r o s p.  In diesem Sturm. -- Aber seyd mir hier willkommen, mein
Knig; dort steht meine Wohnung. -- Ich bitte dich, sieh hinein: Du
hast mir mein Herzogthum wiedergegeben, und ich will dir etwas
zurckgeben, was eben so viel werth ist!

     (Er ffnet die Thr des Hauses, man sieht F e r d i n a n d
      und  M i r a n d a,  die Schach miteinander spielen.)

A l o n s o.  Ist das eine von den Erscheinungen dieser Insel, so werde
ich einen geliebten Sohn zweymal verlieren.

S e b a s t .  (fr sich ) Ein rechtes Wunderwerk!

F e r d.  (strzt hervor, und kniet vor seinem Vater) Wenn die Wellen
auch drohen, so sind sie doch mitleidig; ich habe ihnen ohne Ursach
geflucht!

A l o n s o.  Allen Seegen eines erfreuten Vaters auf dein Haupt! --
Steh' auf und sage mir, wie du hieherkamst?

M i r.  O Wunder! Wie viel gute Geschpfe sind hier beysammen! -- Wie
schn ist das menschliche Geschlecht! O herrliche neue Welt, die
solche Einwohner hat!

P r o s p.  Das ist fr dich etwas Neues.

A l o n s o.  Wer ist dies Mdchen? Ist sie die Gottheit, die uns
getrennt und wieder vereinigt hat?

F e r d.  Nein, mein Vater, sie ist eine Sterbliche, und durch den
Willen des Schicksals, mein. Ich whlte sie, als ich meinen Vater
nicht um Rath fragen konnte, als ich glaubte keinen Vater mehr zu
haben. Sie ist die Tochter dieses berhmten Herzogs von Mayland, von
dem ich so oft habe erzhlen hren, ihn aber bis jetzt nie sah. Von
ihm hab' ich ein zweytes Leben empfangen, und dieses Mdchen hat ihn
zu meinem zweyten Vater gemacht.

A l o n s o.  Auch ich bin ihr Vater. -- Aber, o da ich mein eignes
Kind um Vergebung bitten mu!

P r o s p.  Halt ein, Knig! Wir wollen uns nicht durch die Erinnerung
an Dinge traurig machen, die jetzt vorber sind.

G o n z.  Ich habe innerlich geweint, sonst wrd' ich schon eher
geredet haben. Blickt herunter, ihr Gtter, und lat eine seegensvolle
Krone auf dieses Paar herniedersinken! denn ihr wart es, die den Weg
zeichneten, der uns hieherfhrte!

A l o n s o.  Ich sage: Amen!

G o n z.  So wurde Prospero darum vertrieben, damit seine Nachkommen
Knig von Neapel wrden! O freut euch ber alle gewhnliche Freude,
und grabt es in Gold auf ewig dauernde Pfeiler!

A l o n s o  (zu Ferdinand und Miranda.) Gebt mir eure Hnde. -- Gram
und Kummer umschling' auf ewig dessen Herz, der euch nicht Freude
wnscht.

G o n z.  Amen!

     (A r i e l  mit dem  S c h i f f s p a t r o n  und dem
      B o o t s m a n n,  die ihm erstaunt folgen.)

G o n z.  Sieh, mein Knig, noch mehr von unserer Gesellschaft. -- Nu,
was giebts neues?

B o o t s m.  Die beste Neuigkeit ist, da wir unsern Knig und unsre
Gesellschaft gesund wieder antreffen; nchst diesem, da unser Schiff,
welches wir heute dem Sturme Preis gaben, wieder so ganz, so neu und
so wohl getakelt ist, als da wirs zuerst von Stapel laufen lieen.

A r i e l.  Mein Gebieter, alles dies hab ich gethan, seit ich dich
verlie.

P r o s p.  Mein gewandter Geist!

A l o n s o.  Das sind keine natrliche Begebenheiten! Eine immer
wunderbarer, wie die andre! -- Wie kamst du hieher?

B o o t s m.  Wir lagen alle im tiefen Schlaf, ich wei selbst nicht
wie, im Raum zusammengepackt; pltzlich hren wir ein seltsames,
verwirrtes Getse, von Brllen, Schreyen, Heulen, Rasseln mit Ketten;
wir wachten auf. Alles ist still, und sieh da, unser schnes
knigliches Schiff mit allem Zubehr im besten Zustande! Der Patron
springt hin und her, um es recht anzusehn, und wie in einem Traume
wurden wir von unsern Kameraden geschieden und pltzlich hieher
gebracht.

P r o s p.  Du msiger Diener! Bald sollst du frey seyn.

A l o n s o.  Unbegreiflich!

P r o s p. Beunruhige nicht dein Gemth, mein
Knig, bald will ich dir alles auflsen. -- (zu Ariel.)
Hre, Geist! Mache Caliban und seine Gefhrten
frey vom Zauber. -- (Ariel geht ab.) -- Wie befindest
du dich jetzt, mein Knig? Es fehlen noch ein
Paar nrrische Kerle von deinem Gefolge, die du vergessen
hast.

     (A r i e l,  der  C a l i b a n,  S t e p h a n o  und
      T r i n k u l o  hereintreibt: sie tragen noch die
     gestohlnen Kleider.)

S t e p h.  Jeder sorge nur fr andre, und keiner bekmmere sich weiter
um sich; denn alles ist Zufall. -- Lustig, du dickes Ungeheuer,
lustig!

T r i n k.  Ey! ey! da seh' ich einen erfreulichen Anblick!

C a l i b.  O Setebos! das sind wahrhaftig brave Geister! Wie artig
mein Meister ist! Aber ich frchte er wird mich noch zchtigen.

S e b a s t.  Ha ha! Was sind das fr Dinger, Anthonio? -- Kann man sie
kaufen?

A n t h o n.  Wahrscheinlich, denn einer ist ein vollkommener Fisch,
und gewi feil.

P r o s p.  Seht doch, was diese Kerle da tragen, und dann sagt mir, ob
sie ehrliche Leute sind. --Zwey von diesen Gesellen werdet ihr fr die
eurigen erkennen; dieses Geschpf der Finsterni, mu ich gestehen,
gehrt mir zu.

C a l i b.  Ich werde zu Tode gezwickt werden.

A l o n s o.  Ist das nicht Stephano, mein trunkner Kellermeister?

S e b a s t.  Er ist wirklich betrunken. -- Wo kriegte er Wein?

A l o n s o.  Und Trinkulo ist so voll, da er taumelt.

S e b a s t.  Wie geht's, Stephano?

S t e p h.  O rhrt mich nicht an, ich bin ein einziger Krampf.

P r o s p.  Du wolltest Knig von der Insel werden?

S t e p h.  Da wr' ich ein sehr ungesunder Knig geworden.

A l o n s o.  (auf Caliban zeigend.) Das ist das seltsamste Wesen, das
ich je sah.

P r o s p.  Sein Gemth ist eben so hlich, als seine Gestalt. --
Geh, Schurke, in meine Wohnung, nimm deine Kameraden mit, und rume
alles gut auf, wenn dir deine Begnadigung lieb ist.

C a l i b.  Ja, das will ich, und knftig will ich klger seyn, und mir
um deine Liebe Mhe geben. Was fr ein dreydoppelter Esel war ich
doch, diesen dummkpfigen Kerl fr einen Gott zu halten, und diesen
dummkpfigen Narren anzubeten!

P r o s p .  Nun so geh.

A l o n s o.  Und tragt die Kleider wieder hin, wo ihr sie gefunden
habt.

S t e p h.  Oder vielmehr gestohlen.

P r o s p.  Mein Knig, ich lade dich und dein Gefolge in meine arme
Htte ein, ihr sollt nur diese einzige Nacht dort ruhen. Ich will dir
meine Geschichte erzhlen, und dich morgen zu deinem Schiffe, und dann
nach Neapel fhren, wo wir die Hochzeit unsrer geliebten Kinder feyern
wollen. --Ich verspreche euch eine ruhige See, glckliche Winde, und
so schnelle Seegel, da wir deine Flotte bald einhohlen wollen. --
Mein Ariel, dies ist deine letzte Arbeit, dann kehre frey zu den
Elementen zurck, und lebe wohl. -- Tretet herein!

     (Alle gehen in Prospero's Wohnung.)

A r i e l.

     (der zurck geblieben ist.)

    O goldne Zeit!
    Nun bin ich befreyt!

C h o r  d e r  G e i s t e r.

     (die sich von allen Seiten auf der Bhne versammeln.)

    O seelige Zeit!
    Von der Dienstbarkeit
    Sind wir alle befreyt!

A r i e l  und  M e l i d a.

    Wir flattern hier,
    flattern da,
    Bald sind wir uns nah,
    Bald fliegst du nach mir.
    Ha! fr und fr
    Gebiete hier
    Die Lieb' und wir!

C h o r  (mit Tnzen.)

        Ha! Wonne! Wonne!
        Die Seegel schwellen,
        Wenn kaum die Sonne
        Der Fluth entsteigt;
        Wir sausen im Winde
        Und fhren gelinde
        Das Schiff ber Wellen,
    Die Pfade, die unser Gebieter uns zeigt!
    Dann sind wir, o goldne, goldne Zeit,
    Auf immer, auf immer vom Dienste befreyt!

E n d e.


Anmerkungen des Bearbeiters:

Bestimmte veraltete Rechtschreibungen wurden beibehalten, um
die historische Form zu erhalten.

Gesperrter Druck wurde durch  L E E R Z E I C H E N   bernommen.

In Antiqua gesetzte Wrter (in der Regel Fremdwrter) wurde als Fettdruck
bertragen.

Durchgefhrte nderungen:

1. Seite 1--Vorrede-- ein Semikolon nach 'um den Effekt
    zu erhhen'hinzugefgt.

2. Bei Jahresangaben wurde der Punkt hinter der Jahreszahl entfernt.

3. Seite 11-- Neuer Satzanfang nach 'sich dem Ideale nhert?' gebildet.

4. Seite 12-- nderung von  'Geschopf' zu 'Geschpf'.

5. Seite 13-- nderung von 'Gegegenwart' zu 'Gegenwart'.

6. Seite 14-- nderung von 'Plane' zu 'Plne'.

7. Seite 24-- Falschen Apostroph vom Wort 'Miranda's' gestrichen.

8. Seite 25-- nderung von 'inviduelle' zu 'individuelle'.

9. Seite 38-- nderung von 'aufgefodert' zu 'aufgefordert'.

10. Seite 58-- Am Ende des Satzes '...Weib und Kinder' einen fehlenden
    Punkt ergnzt.

11. Seite 61-- nderung von  'jezt' zu 'jetzt'.

12. Seite 67-- nderung von 'fodern' zu 'fordern'.

13. Seite 68-- nderung von 'seegeln' zu 'segeln'.

14. Seite 71-- nderung von 'Syrocax' zu 'Sycorax'.

15. Seite 89-- Im Satz 'Es giebt Leute, die Neapel...' ein fehlendes
    Komma ergnzt.

16. Seite 93-- Am Ende des Satzes '...helfen, ich mu fluchen,' Komma
    durch Punkt ersetzt.

17. Seite 97-- nderung von 'kien' zu 'kein'.

18. Seite 114-- nderung von 'zehmal' zu 'zehnmal'.

19. Seite 118-- nderung von 'hereingedracht' zu 'hereingebracht' und
    fehlendes ' ergnzt.




[End of _Der Sturm [The Tempest]_
by William Shakespeare, translated by Ludwig Tieck]

[Fin de _Der Sturm [The Tempest (La Tempte)]_
par William Shakespeare, traduit par Ludwig Tieck]
