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Title: Das Erdbeben in Chili
Author: Kleist, Heinrich von [Bernd Heinrich Wilhelm von]
   (1777-1811)
Date of first publication: 1807/1810
Edition used as base for this ebook:
   Wiesbaden: Insel-Verlag, 1955
   [Deutsche Erzhler, ausgewhlt und eingeleitet von 
   Hugo von Hofmannsthal (1874-1929); first edition 1912]
Date first posted: 3 October 2017
Date last updated: 3 October 2017
Project Gutenberg Canada ebook #1472

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Titre: Das Erdbeben in Chili
Auteur: Kleist, Heinrich von [Bernd Heinrich Wilhelm von]
   (1777-1811)
Date de la premire publication: 1807/1810
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Wiesbaden: Insel-Verlag, 1955
   [Deutsche Erzhler, ausgewhlt und eingeleitet von 
   Hugo von Hofmannsthal (1874-1929); premire dition 1912]
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   3 Octobre 2017
Date de la dernire mise  jour:
   3 Octobre 2017
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 1472

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HEINRICH VON KLEIST

Das Erdbeben in Chili


In St. Jago, der Hauptstadt des Knigreichs Chili, stand gerade in dem
Augenblicke der groen Erderschtterung vom Jahre 1647, bei welcher
viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein
Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler
des Gefngnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich
erhenken. Don Henrico Asteron, einer der reichsten Edelleute der Stadt,
hatte ihn ungefhr ein Jahr zuvor aus seinem Hause, wo er als Lehrer
angestellt war, entfernt, weil er sich mit Donna Josephe, seiner
einzigen Tochter, in einem zrtlichen Einverstndnis befunden hatte.
Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter
nachdrcklich gewarnt hatte, durch die hmische Aufmerksamkeit seines
stolzen Sohnes verraten worden war, entrstete ihn dergestalt, da er
sie in dem Karmeliter-Kloster Unsrer Lieben Frauen vom Berge daselbst
unterbrachte. Durch einen glcklichen Zufall hatte Jeronimo hier die
Verbindung von neuem anzuknpfen gewut und in einer verschwiegenen
Nacht den Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glckes gemacht.
Es war am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen,
welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die
unglckliche Josephe bei dem Anklange der Glocken in Mutterwehen
auf den Stufen der Kathedrale niedersank. Dieser Vorfall machte
auerordentliches Aufsehn, man brachte die junge Snderin ohne Rcksicht
auf ihren Zustand sogleich in ein Gefngnis, und kaum war sie aus den
Wochen erstanden, als ihr schon auf Befehl des Erzbischofs der
geschrfteste Proze gemacht ward. Man sprach in der Stadt mit einer so
groen Erbitterung von diesem Skandal, und die Zungen fielen so scharf
ber das ganze Kloster her, in welchem er sich zugetragen hatte, da
weder die Frbitte der Familie Asteron noch auch sogar der Wunsch
der btissin selbst, welche das junge Mdchen wegen ihres sonst
untadelhaften Betragens lieb gewonnen hatte, die Strenge, mit welcher
das klsterliche Gesetz sie bedrohte, mildern konnte. Alles, was
geschehen konnte, war, da der Feuertod, zu dem sie verurteilt wurde,
zur groen Entrstung der Matronen und Jungfrauen von St. Jago durch
einen Machtspruch des Vizeknigs in eine Enthauptung verwandelt ward.
Man vermietete in den Straen, durch welche der Hinrichtungszug gehen
sollte, die Fenster, man trug die Dcher der Huser ab, und die frommen
Tchter der Stadt luden ihre Freundinnen ein, um dem Schauspiele, das
der gttlichen Rache gegeben wurde, an ihrer schwesterlichen Seite
beizuwohnen. Jeronimo, der inzwischen auch in ein Gefngnis gesetzt
worden war, wollte die Besinnung verlieren, als er diese ungeheure
Wendung der Dinge erfuhr. Vergebens sann er auf Rettung: berall, wohin
ihn auch der Fittich der vermessensten Gedanken trug, stie er auf
Riegel und Mauern, und ein Versuch, die Gitterfenster zu durchfeilen,
zog ihm, da er entdeckt ward, eine nur noch engere Einsperrung zu. Er
warf sich vor dem Bildnisse der heiligen Mutter Gottes nieder und betete
mit unendlicher Inbrunst zu ihr als der einzigen, von der ihm jetzt noch
Rettung kommen knnte. Doch der gefrchtete Tag erschien, und mit ihm in
seiner Brust die berzeugung von der vlligen Hoffnungslosigkeit seiner
Lage. Die Glocken, welche Josephen zum Richtplatze begleiteten,
ertnten, und Verzweiflung bemchtigte sich seiner Seele. Das Leben
schien ihm verhat, und er beschlo, sich durch einen Strick, den ihm
der Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben. Eben stand er, wie schon
gesagt, an einem Wandpfeiler und befestigte den Strick, der ihn dieser
jammervollen Welt entreien sollte, an eine Eisenklammer, die an dem
Gesimse desselben eingefugt war, als pltzlich der grte Teil der Stadt
mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstrzte, versank und alles,
was Leben atmete, unter seinen Trmmern begrub. Jeronimo Rugera war
starr vor Entsetzen; und gleich, als ob sein ganzes Bewutsein
zerschmettert worden wre, hielt er sich jetzt an dem Pfeiler, an
welchem er hatte sterben wollen, um nicht umzufallen. Der Boden wankte
unter seinen Fen, alle Wnde des Gefngnisses rissen, der ganze Bau
neigte sich, nach der Strae zu einzustrzen, und nur der seinem
langsamen Fall begegnende Fall des gegenberstehenden Gebudes
verhinderte durch eine zufllige Wlbung die gnzliche Zubodenstreckung
desselben. Zitternd, mit strubenden Haaren, und Knieen, die unter ihm
brechen wollten, glitt Jeronimo ber den schiefgesenkten Fuboden hinweg
der ffnung zu, die der Zusammenschlag beider Huser in die vordere Wand
des Gefngnisses eingerissen hatte. Kaum befand er sich im Freien, als
die ganze, schon erschtterte Strae auf eine zweite Bewegung der Erde
vllig zusammenfiel. Besinnungslos, wie er sich aus diesem allgemeinen
Verderben retten wrde, eilte er ber Schutt und Geblk hinweg, indessen
der Tod von allen Seiten Angriffe auf ihn machte, nach einem der
nchsten Tore der Stadt. Hier strzte noch ein Haus zusammen und jagte
ihn, die Trmmer weit umherschleudernd, in eine Nebenstrae; hier leckte
die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln und trieb
ihn schreckenvoll in eine andere; hier wlzte sich, aus seinem Gestade
gehoben, der Mapochoflu an ihn heran und ri ihn brllend in eine
dritte. Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier chzte noch eine Stimme
unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Dchern herab,
hier kmpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger
Retter bemht, zu helfen; hier stand ein anderer bleich wie der Tod und
streckte sprachlos zitternde Hnde zum Himmel. Als Jeronimo das Tor
erreicht und einen Hgel jenseits desselben bestiegen hatte, sank er
ohnmchtig auf demselben nieder. Er mochte wohl eine Viertelstunde in
der tiefsten Bewutlosigkeit gelegen haben, als er endlich wieder
erwachte und sich mit nach der Stadt gekehrtem Rcken halb auf dem
Erdboden erhob. Er befhlte sich Stirn und Brust, unwissend, was er aus
seinem Zustande machen sollte, und ein unsgliches Wonnegefhl ergriff
ihn, als ein Westwind vom Meere her sein wiederkehrendes Leben anwehte
und sein Auge sich nach allen Richtungen ber die blhende Gegend von
St. Jago hinwandte. Nur die verstrten Menschenhaufen, die sich berall
blicken lieen, beklemmten sein Herz; er begriff nicht, was ihn und sie
hiehergefhrt haben konnte, und erst, da er sich umkehrte, und die
Stadt hinter sich versunken sah, erinnerte er sich des schrecklichen
Augenblicks, den er erlebt hatte. Er senkte sich so tief, da seine
Stirn den Boden berhrte, Gott fr seine wunderbare Errettung zu danken;
und gleich als ob der eine entsetzliche Eindruck, der sich seinem Gemt
eingeprgt hatte, alle frheren daraus verdrngt htte, weinte er vor
Lust, da er sich des lieblichen Lebens voll bunter Erscheinungen noch
erfreue. Drauf, als er eines Ringes an seiner Hand gewahrte, erinnerte
er sich pltzlich auch Josephens und mit ihr seines Gefngnisses, der
Glocken, die er dort gehrt hatte, und des Augenblicks, der dem
Einsturze desselben vorangegangen war. Tiefe Schwermut erfllte wieder
seine Brust; sein Gebet fing ihn zu reuen an, und frchterlich schien
ihm das Wesen, das ber den Wolken waltet. Er mischte sich unter das
Volk, das berall, mit Rettung des Eigentums beschftigt, aus den Toren
strzte, und wagte schchtern nach der Tochter Asterons, und ob die
Hinrichtung an ihr vollzogen worden sei, zu fragen; doch niemand war,
der ihm umstndliche Auskunft gab. Eine Frau, die auf einem fast zur
Erde gedrckten Nacken eine ungeheure Last von Gertschaften und zwei
Kinder an der Brust hngend trug, sagte im Vorbeigehen, als ob sie es
selbst angesehen htte, da sie enthauptet worden sei. Jeronimo kehrte
sich um; und da er, wenn er die Zeit berechnete, selbst an ihrer
Vollendung nicht zweifeln konnte, so setzte er sich in einem einsamen
Walde nieder und berlie sich seinem vollen Schmerz. Er wnschte, da
die zerstrende Gewalt der Natur von neuem ber ihn einbrechen mchte.
Er begriff nicht, warum er dem Tode, den seine jammervolle Seele suchte,
in jenen Augenblicken, da er ihm freiwillig von allen Seiten rettend
erschien, entflohen sei. Er nahm sich fest vor, nicht zu wanken, wenn
auch jetzt die Eichen entwurzelt werden und ihre Wipfel ber ihn
zusammenstrzen sollten. Darauf nun, da er sich ausgeweint hatte und ihm
mitten unter den heiesten Trnen die Hoffnung wieder erschienen war,
stand er auf und durchstreifte nach allen Richtungen das Feld. Jeden
Berggipfel, auf dem sich die Menschen versammelt hatten, besuchte er;
auf allen Wegen, wo sich der Strom der Flucht noch bewegte, begegnete er
ihnen; wo nur irgendein weibliches Gewand im Winde flatterte, da trug
ihn sein zitternder Fu hin; doch keines deckte die geliebte Tochter
Asterons. Die Sonne neigte sich und mit ihr seine Hoffnung schon wieder
zum Untergange, als er den Rand eines Felsens betrat und sich ihm die
Aussicht in ein weites, nur von wenig Menschen besuchtes Tal erffnete.
Er durchlief, unschlssig, was er tun sollte, die einzelnen Gruppen
derselben und wollte sich schon wieder wenden, als er pltzlich an einer
Quelle, die die Schlucht bewsserte, ein junges Weib erblickte,
beschftigt, ein Kind in ihren Fluten zu reinigen. Und das Herz hpfte
ihm bei diesem Anblick, er sprang voll Ahndung ber die Gesteine herab
und rief: O Mutter Gottes, du Heilige! und erkannte Josephen, als sie
sich bei dem Gerusche schchtern umsah. Mit welcher Seligkeit umarmten
sie sich, die Unglcklichen, die ein Wunder des Himmels gerettet hatte!
Josephe war auf ihrem Gang zum Tode dem Richtplatze schon ganz nahe
gewesen, als durch den krachenden Einsturz der Gebude pltzlich
der ganze Hinrichtungszug auseinandergesprengt ward. Ihre ersten
entsetzenvollen Schritte trugen sie hierauf dem nchsten Tore zu; doch
die Besinnung kehrte ihr bald wieder, und sie wandte sich, um nach dem
Kloster zu eilen, wo ihr kleiner hilfloser Knabe zurckgeblieben war.
Sie fand das ganze Kloster schon in Flammen, und die btissin, die ihr
in jenen Augenblicken, die ihre letzten sein sollten, Sorge fr den
Sugling angelobt hatte, schrie eben, vor den Pforten stehend, nach
Hilfe, um ihn zu retten. Josephe strzte sich unerschrocken durch
den Dampf, der ihr entgegenqualmte, in das von allen Seiten schon
zusammenfallende Gebude, und gleich als ob alle Engel des Himmels sie
umschirmten, trat sie mit ihm unbeschdigt wieder aus dem Portal hervor.
Sie wollte der btissin, welche die Hnde ber ihr Haupt zusammenschlug,
eben in die Arme sinken, als diese mit fast allen ihren Klosterfrauen
von einem herabfallenden Giebel des Hauses auf eine schmhliche Art
erschlagen ward. Josephe bebte bei diesem entsetzlichen Anblicke zurck;
sie drckte der btissin flchtig die Augen zu und floh, ganz von
Schrecken erfllt, den teuern Knaben, den ihr der Himmel wiedergeschenkt
hatte, dem Verderben zu entreien. Sie hatte noch wenig Schritte getan,
als ihr auch schon die Leiche des Erzbischofs begegnete, die man soeben
zerschmettert aus dem Schutt der Kathedrale hervorgezogen hatte. Der
Palast des Vizeknigs war versunken, der Gerichtshof, in welchem ihr das
Urteil gesprochen worden war, stand in Flammen, und an die Stelle, wo
sich ihr vterliches Haus befunden hatte, war ein See getreten und
kochte rtliche Dmpfe aus. Josephe raffte alle ihre Krfte zusammen,
sich zu halten. Sie schritt, den Jammer von ihrer Brust entfernend,
mutig mit ihrer Beute von Strae zu Strae und war schon dem Tore nah,
als sie auch das Gefngnis, in welchem Jeronimo geseufzt hatte, in
Trmmern sah. Bei diesem Anblicke wankte sie und wollte besinnungslos an
einer Ecke niedersinken; doch in demselben Augenblick jagte sie der
Sturz eines Gebudes hinter ihr, das die Erschtterungen schon ganz
aufgelst hatten, durch das Entsetzen gestrkt, wieder auf; sie kte
das Kind, drckte sich die Trnen aus den Augen und erreichte, nicht
mehr auf die Greuel, die sie umringten, achtend, das Tor. Als sie sich
im Freien sah, schlo sie bald, da nicht jeder, der ein zertrmmertes
Gebude bewohnt hatte, unter ihm notwendig msse zerschmettert worden
sein. An dem nchsten Scheidewege stand sie still und harrte, ob nicht
einer, der ihr nach dem kleinen Philipp der liebste auf der Welt war,
noch erscheinen wrde. Sie ging, weil niemand kam und das Gewhl der
Menschen anwuchs, weiter und kehrte sich wieder um und harrte wieder und
schlich, viel Trnen vergieend, in ein dunkles, von Pinien beschattetes
Tal, um seiner Seele, die sie entflohen glaubte, nachzubeten, und fand
ihn hier, diesen Geliebten, im Tale, und Seligkeit, als ob es das Tal
von Eden gewesen wre. Dies alles erzhlte sie jetzt voll Rhrung dem
Jeronimo und reichte ihm, da sie vollendet hatte, den Knaben zum Kssen
dar. -- Jeronimo nahm ihn und htschelte ihn in unsglicher Vaterfreude
und verschlo ihm, da er das fremde Antlitz anweinte, mit Liebkosungen
ohne Ende den Mund. Indessen war die schnste Nacht herabgestiegen, voll
wundermilden Duftes, so silberglnzend und still, wie nur ein Dichter
davon trumen mag. berall lngs der Talquelle hatten sich im Schimmer
des Mondscheins Menschen niedergelassen und bereiteten sich sanfte Lager
von Moos und Laub, um von einem so qualvollen Tage auszuruhen. Und weil
die Armen immer noch jammerten, dieser, da er sein Haus, jener, da er
Weib und Kind, und der dritte, da er alles verloren habe, so schlichen
Jeronimo und Josephe in ein dichteres Gebsch, um durch das heimliche
Gejauchz ihrer Seelen niemand zu betrben. Sie fanden einen prachtvollen
Granatapfelbaum, der seine Zweige voll duftender Frchte weit
ausbreitete; und die Nachtigall fltete im Wipfel ihr wollstiges Lied.
Hier lie sich Jeronimo am Stamme nieder, und Josephe in seinem, Philipp
in Josephens Scho, saen sie, von seinem Mantel bedeckt, und ruhten.
Der Baumschatten zog mit seinen verstreuten Lichtern ber sie hinweg,
und der Mond erblate schon wieder vor der Morgenrte, ehe sie
einschliefen. Denn Unendliches hatten sie zu schwatzen, vom
Klostergarten und den Gefngnissen, und was sie umeinander gelitten
htten; und waren sehr gerhrt, wenn sie dachten, wie viel Elend ber
die Welt kommen mute, damit sie glcklich wrden! Sie beschlossen,
sobald die Erderschtterungen aufgehrt haben wrden, nach La Conception
zu gehen, wo Josephe eine vertraute Freundin hatte, sich mit einem
kleinen Vorschu, den sie von ihr zu erhalten hoffte, von dort nach
Spanien einzuschiffen, wo Jeronimos mtterliche Verwandten wohnten, und
daselbst ihr glckliches Leben zu beschlieen. Hierauf, unter vielen
Kssen, schliefen sie ein.

Als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und sie
bemerkten in ihrer Nhe mehrere Familien, beschftigt, sich am Feuer
ein kleines Morgenbrot zu bereiten. Jeronimo dachte eben auch, wie
er Nahrung fr die Seinigen herbeischaffen sollte, als ein junger
wohlgekleideter Mann mit einem Kinde auf dem Arm zu Josephen trat und
sie mit Bescheidenheit fragte, ob sie diesem armen Wurme, dessen Mutter
dort unter den Bumen beschdigt liege, nicht auf kurze Zeit ihre Brust
reichen wolle. Josephe war ein wenig verwirrt, als sie in ihm einen
Bekannten erblickte; doch da er, indem er ihre Verwirrung falsch
deutete, fortfuhr: Es ist nur auf wenige Augenblicke, Donna Josephe,
und dieses Kind hat seit jener Stunde, die uns alle unglcklich gemacht
hat, nichts genossen, so sagte sie: Ich schwieg -- aus einem andern
Grunde, Don Fernando; in diesen schrecklichen Zeiten weigert sich
niemand, von dem, was er besitzen mag, mitzuteilen und nahm den kleinen
Fremdling, indem sie ihr eigenes Kind dem Vater gab, und legte ihn an
ihre Brust. Don Fernando war sehr dankbar fr diese Gte und fragte,
ob sie sich nicht mit ihm zu jener Gesellschaft verfgen wollten, wo
eben jetzt beim Feuer ein kleines Frhstck bereitet werde. Josephe
antwortete, da sie dies Anerbieten mit Vergngen annehmen wrde, und
folgte ihm, da auch Jeronimo nichts einzuwenden hatte, zu seiner
Familie, wo sie auf das innigste und zrtlichste von Don Fernandos
beiden Schwgerinnen, die sie als sehr wrdige junge Damen kannte,
empfangen ward. Donna Elvire, Don Fernandos Gemahlin, welche schwer an
den Fen verwundet auf der Erde lag, zog Josephen, da sie ihren
abgehrmten Knaben an der Brust derselben sah, mit vieler Freundlichkeit
zu sich nieder. Auch Don Pedro, sein Schwiegervater, der an der Schulter
verwundet war, nickte ihr liebreich mit dem Haupte zu. -- In Jeronimos
und Josephes Brust regten sich Gedanken von seltsamer Art. Wenn sie sich
mit so vieler Vertraulichkeit und Gte behandelt sahen, so wuten sie
nicht, was sie von der Vergangenheit denken sollten, vom Richtplatze,
von dem Gefngnisse und der Glocke, und ob sie blo davon getrumt
htten. Es war, als ob die Gemter seit dem frchterlichen Schlage,
der sie durchdrhnt hatte, alle vershnt wren. Sie konnten in der
Erinnerung gar nicht weiter als bis auf ihn zurckgehen. Nur Donna
Elisabeth, welche bei einer Freundin auf das Schauspiel des gestrigen
Morgens eingeladen worden war, die Einladung aber nicht angenommen
hatte, ruhte zuweilen mit trumerischem Blicke auf Josephen; doch der
Bericht, der ber irgendein neues grliches Unglck erstattet ward,
ri ihre der Gegenwart kaum entflohene Seele schon wieder in
dieselbe zurck. Man erzhlte, wie die Stadt gleich nach der ersten
Haupterschtterung von Weibern ganz voll gewesen, die vor den Augen
aller Mnner niedergekommen seien, wie die Mnche darin mit dem Kruzifix
in der Hand umhergelaufen wren und geschrieen htten: das Ende der Welt
sei da! wie man einer Wache, die auf Befehl des Vizeknigs verlangte,
eine Kirche zu rumen, geantwortet htte: es gbe keinen Vizeknig von
Chili mehr! wie der Vizeknig in den schrecklichsten Augenblicken htte
mssen Galgen aufrichten lassen, um der Dieberei Einhalt zu tun; und
wie ein Unschuldiger, der sich von hinten durch ein brennendes Haus
gerettet, von dem Besitzer aus bereilung ergriffen und sogleich auch
aufgeknpft worden wre. Donna Elvire, bei deren Verletzungen Josephe
viel beschftigt war, hatte in einem Augenblick, da gerade die
Erzhlungen sich am lebhaftesten kreuzten, Gelegenheit genommen, sie zu
fragen, wie es denn ihr an diesem frchterlichen Tag ergangen sei. Und
da Josephe ihr mit beklemmtem Herzen einige Hauptzge davon angab, so
ward ihr die Wollust, Trnen in die Augen dieser Dame treten zu sehen;
Donna Elvire ergriff ihre Hand und drckte sie und winkte ihr zu
schweigen. Josephe dnkte sich unter den Seligen. Ein Gefhl, das sie
nicht unterdrcken konnte, nannte den verflonen Tag, so viel Elend er
auch ber die Welt gebracht hatte, eine Wohltat, wie der Himmel noch
keine ber sie verhngt hatte. Und in der Tat schien, mitten in diesen
grlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Gter der Menschen
zugrunde gingen und die ganze Natur verschttet zu werden drohte, der
menschliche Geist selbst wie eine schne Blume aufzugehn. Auf den
Feldern, soweit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Stnden
durcheinanderliegen, Frsten und Bettler, Matronen und Buerinnen,
Staatsbeamte und Tagelhner, Klosterherren und Klosterfrauen einander
bemitleiden, sich wechselseitig Hilfe reichen, von dem, was sie zur
Erhaltung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob
das allgemeine Unglck alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie
gemacht htte. Statt der nichtssagenden Unterhaltungen, zu welchen sonst
die Welt an den Teetischen den Stoff hergegeben hatte, erzhlte man
jetzt Beispiele von ungeheuern Taten: Menschen, die man sonst in der
Gesellschaft wenig geachtet hatte, hatten Rmergre gezeigt; Beispiele
zu Haufen von Unerschrockenheit, von freudiger Verachtung der Gefahr,
von Selbstverleugnung und der gttlichen Aufopferung, von ungesumter
Wegwerfung des Lebens, als ob es, dem nichtswrdigsten Gute gleich, auf
dem nchsten Schritte schon wiedergefunden wrde. Ja, da nicht einer
war, fr den nicht an diesem Tage etwas Rhrendes geschehen wre oder
der nicht selbst etwas Gromtiges getan htte, so war der Schmerz in
jeder Menschenbrust mit so viel ser Lust vermischt, da sich, wie sie
meinte, gar nicht angeben lie, ob die Summe des allgemeinen Wohlseins
nicht von der einen Seite um ebensoviel gewachsen war, als sie von der
anderen abgenommen hatte. Jeronimo nahm Josephen, nachdem sich beide in
diesen Betrachtungen stillschweigend erschpft hatten, beim Arm und
fhrte sie mit unaussprechlicher Heiterkeit unter den schattigen Lauben
des Granatwaldes auf und nieder. Er sagte ihr, da er bei dieser
Stimmung der Gemter und dem Umsturz aller Verhltnisse seinen
Entschlu, sich nach Europa einzuschiffen, aufgebe; da er vor dem
Vizeknig, der sich seiner Sache immer gnstig gezeigt, falls er noch am
Leben sei, einen Fufall wagen wrde; und da er Hoffnung habe (wobei er
ihr einen Ku aufdrckte), mit ihr in Chili zurckzubleiben. Josephe
antwortete, da hnliche Gedanken in ihr aufgestiegen wren; da auch
sie nicht mehr, falls ihr Vater nur noch am Leben sei, ihn zu vershnen
zweifle; da sie aber statt des Fufalles lieber nach La Conception zu
gehen und von dort aus schriftlich das Vershnungsgeschft mit dem
Vizeknig zu betreiben rate, wo man auf jeden Fall in der Nhe des
Hafens wre, und fr den besten, wenn das Geschft die erwnschte
Wendung nhme, ja leicht wieder nach St. Jago zurckkehren knnte. Nach
einer kurzen berlegung gab Jeronimo der Klugheit dieser Maregel seinen
Beifall, fhrte sie noch ein wenig, die heitern Momente der Zukunft
berfliegend, in den Gngen umher und kehrte mit ihr zur Gesellschaft
zurck.

Inzwischen war der Nachmittag herangekommen, und die Gemter der
herumschwrmenden Flchtlinge hatten sich, da die Erdste nachlieen,
nur kaum wieder ein wenig beruhigt, als sich schon die Nachricht
verbreitete, da in der Dominikanerkirche, der einzigen, welche das
Erdbeben verschont hatte, eine feierliche Messe von dem Prlaten des
Klosters selbst gelesen werden wrde, den Himmel um Verhtung ferneren
Unglcks anzuflehen. Das Volk brach schon aus allen Gegenden auf und
eilte in Strmen zur Stadt. In Don Fernandos Gesellschaft ward die Frage
aufgeworfen, ob man nicht auch an dieser Feierlichkeit teilnehmen und
sich dem allgemeinen Zuge anschlieen solle. Donna Elisabeth erinnerte
mit einiger Beklemmung, was fr ein Unheil gestern in der Kirche
vorgefallen sei, da solche Dankfeste ja wiederholt werden wrden und
da man sich der Empfindung alsdann, weil die Gefahr schon mehr vorber
wre, mit desto grerer Heiterkeit und Ruhe berlassen knnte. Josephe
uerte, indem sie mit einiger Begeisterung sogleich aufstand, da sie
den Drang, ihr Antlitz vor dem Schpfer in den Staub zu legen, niemals
lebhafter empfunden habe als eben jetzt, wo er seine unbegreifliche
und erhabene Macht so entwickle. Donna Elvire erklrte sich mit
Lebhaftigkeit fr Josephens Meinung. Sie bestand darauf, da man die
Messe hren sollte, und rief Don Fernando auf, die Gesellschaft zu
fhren, worauf sich alles, Donna Elisabeth auch, von den Sitzen erhob.
Da man jedoch letztere mit heftig arbeitender Brust die kleinen
Anstalten zum Aufbruche zaudernd betreiben sah und sie auf die Frage,
was ihr fehle, antwortete, sie wisse nicht, welch eine unglckliche
Ahndung in ihr sei, so beruhigte sie Donna Elvire und forderte sie auf,
bei ihr und ihrem kranken Vater zurckzubleiben. Josephe sagte: So
werden Sie mir wohl, Donna Elisabeth, diesen kleinen Liebling abnehmen,
der sich schon wieder, wie Sie sehen, bei mir eingefunden hat. Sehr
gern, antwortete Donna Elisabeth und machte Anstalten, ihn zu
ergreifen; doch da dieser ber das Unrecht, das ihm geschah, klglich
schrie und auf keine Art dareinwilligte, so sagte Josephe lchelnd, da
sie ihn nur behalten wolle, und kte ihn wieder still. Hierauf bot Don
Fernando, dem die ganze Wrdigkeit und Anmut ihres Betragens sehr
gefiel, ihr den Arm; Jeronimo, welcher den kleinen Philipp trug, fhrte
Donna Konstanzen; die brigen Mitglieder, die sich bei der Gesellschaft
eingefunden hatten, folgten; und in dieser Ordnung ging der Zug nach der
Stadt. Sie waren kaum funfzig Schritte gegangen, als man Donna
Elisabeth, welche inzwischen heftig und heimlich mit Donna Elvire
gesprochen hatte, Don Fernando! rufen hrte und dem Zuge mit unruhigen
Tritten nacheilen sah. Don Fernando hielt und kehrte sich um, harrte
ihrer, ohne Josephen loszulassen, und fragte, da sie, gleich als ob sie
auf sein Entgegenkommen wartete, in einiger Ferne stehen blieb, was sie
wolle. Donna Elisabeth nherte sich ihm hierauf, obschon, wie es schien,
mit Widerwillen, und raunte ihm, doch so, da Josephe es nicht hren
konnte, einige Worte ins Ohr. Nun? fragte Don Fernando, und das
Unglck, das daraus entstehen kann? Donna Elisabeth fuhr fort, ihm mit
verstrtem Gesicht ins Ohr zu zischeln. Don Fernando stieg eine Rte des
Unwillens ins Gesicht; er antwortete: es wre gut! Donna Elvire mchte
sich beruhigen; und fhrte seine Dame weiter. -- Als sie in der Kirche
der Dominikaner ankamen, lie sich die Orgel schon mit musikalischer
Pracht hren, und eine unermeliche Menschenmenge wogte darin. Das
Gedrnge erstreckte sich bis weit vor den Portalen auf den Vorplatz der
Kirche hinaus, und an den Wnden hoch, in den Rahmen der Gemlde, hingen
Knaben und hielten mit erwartungsvollen Blicken ihre Mtzen in der Hand.
Von allen Kronleuchtern strahlte es herab, die Pfeiler warfen bei
der einbrechenden Dmmerung geheimnisvolle Schatten, die groe, von
gefrbtem Glas gearbeitete Rose in der Kirche uerstem Hintergrunde
glhte wie die Abendsonne selbst, die sie erleuchtete, und Stille
herrschte, da die Orgel jetzt schwieg, in der ganzen Versammlung, als
htte keiner einen Laut in der Brust. Niemals schlug aus einem
christlichen Dom eine solche Flamme der Inbrunst gen Himmel wie heute
aus dem Dominikanerdom zu St. Jago; und keine menschliche Brust gab
wrmere Glut dazu her als Jeronimos und Josephens! Die Feierlichkeit
fing mit einer Predigt an, die der ltesten Chorherren einer, mit dem
Festschmuck angetan, von der Kanzel hielt. Er begann gleich mit Lob,
Preis und Dank, seine zitternden, vom Chorhemde weit umflossenen Hnde
hoch gen Himmel erhebend, da noch Menschen seien auf diesem in Trmmer
zerfallenden Teile der Welt, fhig, zu Gott emporzustammeln. Er
schilderte, was auf den Wink des Allmchtigen geschehen war; das
Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein; und als er das gestrige
Erdbeben gleichwohl, auf einen Ri, den der Dom erhalten hatte,
hinzeigend, einen bloen Vorboten davon nannte, lief ein Schauder
ber die ganze Versammlung. Hierauf kam er im Flusse priesterlicher
Beredsamkeit auf das Sittenverderbnis der Stadt; Greuel, wie Sodom und
Gomorrha sie nicht sahen, straft' er an ihr: und nur der unendlichen
Langmut Gottes schrieb er es zu, da sie noch nicht gnzlich vom
Erdboden vertilgt worden sei. Aber wie dem Dolche gleich fuhr es durch
die von dieser Predigt schon ganz zerrissenen Herzen unserer beiden
Unglcklichen, als der Chorherr bei dieser Gelegenheit umstndlich des
Frevels erwhnte, der in dem Klostergarten der Karmeliterinnen verbt
worden war; die Schonung, die er bei der Welt gefunden hatte, gottlos
nannte und in einer von Verwnschungen erfllten Seitenwendung die
Seelen der Tter, wrtlich genannt, allen Frsten der Hlle bergab!
Donna Konstanze rief, indem sie an Jeronimos Armen zuckte: Don
Fernando! Doch dieser antwortete so nachdrcklich und doch so heimlich,
wie sich beides verbinden lie: Sie schweigen, Donna, Sie rhren auch
den Augapfel nicht und tun, als ob Sie in eine Ohnmacht versnken,
worauf wir die Kirche verlassen. Doch ehe Donna Konstanze diese
sinnreich zur Rettung erfundene Maregel noch ausgefhrt hatte, rief
schon eine Stimme, des Chorherrn Predigt laut unterbrechend, aus:
Weichet fern hinweg, ihr Brger von St. Jago, hier stehen diese
gottlosen Menschen! Und als eine andere Stimme schreckenvoll, indessen
sich ein weiter Kreis des Entsetzens um sie bildete, fragte: Wo? --
Hier! versetzte ein Dritter und zog, heiliger Ruchlosigkeit voll,
Josephen bei den Haaren nieder, da sie mit Don Fernandos Sohne zu Boden
getaumelt wre, wenn dieser sie nicht gehalten htte. Seid ihr
wahnsinnig? rief der Jngling und schlug den Arm um Josephen; Ich bin
Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr alle
kennt. Don Fernando Ormez? rief, dicht vor ihn hingestellt, ein
Schuhflicker, der fr Josephen gearbeitet hatte und diese wenigstens so
genau kannte als ihre kleinen Fe. Wer ist der Vater zu diesem Kinde?
wandte er sich mit frechem Trotz zur Tochter Asterons. Don Fernando
erblate bei dieser Frage. Er sah bald den Jeronimo schchtern an, bald
berflog er die Versammlung, ob nicht einer sei, der ihn kenne. Josephe
rief, von entsetzlichen Verhltnissen gedrngt: Dies ist nicht mein
Kind, Meister Pedrillo, wie Er glaubt; indem sie, in unendlicher Angst
der Seele, auf Don Fernando blickte. Dieser junge Herr ist Don Fernando
Ormez, Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr alle kennt! Der
Schuster fragte: Wer von euch, ihr Brger, kennt diesen jungen Mann?
Und mehrere der Umstehenden wiederholten: Wer kennt den Jeronimo
Rugera? Der trete vor! Nun traf es sich, da in demselben Augenblicke
der kleine Juan, durch den Tumult erschreckt, von Josephens Brust weg
Don Fernando in die Arme strebte. Hierauf: Er ist der Vater! schrie
eine Stimme, und: Er ist Jeronimo Rugera! eine andere, und: Sie
sind die gotteslsterlichen Menschen! eine dritte; und: Steinigt
sie! steinigt sie! die ganze im Tempel Jesu versammelte Christenheit!
Drauf jetzt Jeronimo: Halt! Ihr Unmenschlichen! Wenn ihr den Jeronimo
Rugera sucht, hier ist er! Befreit jenen Mann, welcher unschuldig ist!
-- Der wtende Haufen, durch die uerung Jeronimos verwirrt, stutzte;
mehrere Hnde lieen Don Fernando los; und da in demselben Augenblick
ein Marineoffizier von bedeutendem Rang herbeieilte und, indem er sich
durch den Tumult drngte, fragte: Don Fernando Ormez! Was ist Euch
widerfahren?, so antwortete dieser, nun vllig befreit, mit wahrer
heldenmtiger Besonnenheit: Ja, sehn Sie, Don Alonzo, die Mordknechte!
Ich wre verloren gewesen, wenn dieser wrdige Mann sich nicht, die
rasende Menge zu beruhigen, fr Jeronimo Rugera ausgegeben htte.
Verhaften Sie ihn, wenn Sie die Gte haben wollen, nebst dieser jungen
Dame, zu ihrer beiderseitigen Sicherheit; und diesen Nichtswrdigen,
indem er Meister Pedrillo ergriff, der den ganzen Aufruhr angezettelt
hat! Der Schuster rief: Don Alonzo Onoreja, ich frage Euch auf Euer
Gewissen, ist dieses Mdchen nicht Josephe Asteron? Da nun Don Alonzo,
welcher Josephen sehr genau kannte, mit der Antwort zauderte und mehrere
Stimmen, dadurch von neuem zur Wut entflammt, riefen: Sie ists, sie
ists! und Bringt sie zum Tode!, so setzte Josephe den kleinen
Philipp, den Jeronimo bisher getragen hatte, samt dem kleinen Juan auf
Don Fernandos Arm und sprach: Gehn Sie, Don Fernando, retten Sie Ihre
beiden Kinder und berlassen Sie uns unserm Schicksale! Don Fernando
nahm die beiden Kinder und sagte, er wolle eher umkommen, als zugeben,
da seiner Gesellschaft etwas zuleide geschehe. Er bot Josephen, nachdem
er sich den Degen des Marineoffiziers ausgebeten hatte, den Arm
und forderte das hintere Paar auf, ihm zu folgen. Sie kamen auch
wirklich, indem man ihnen, bei solchen Anstalten, mit hinlnglicher
Ehrerbietigkeit Platz machte, aus der Kirche heraus und glaubten sich
gerettet. Doch kaum waren sie auf den von Menschen gleichfalls erfllten
Vorplatz derselben getreten, als eine Stimme aus dem rasenden Haufen,
der sie verfolgt hatte, rief: Dies ist Jeronimo Rugera, ihr Brger,
denn ich bin sein eigner Vater! und ihn an Donna Konstanzens Seite mit
einem ungeheuren Keulenschlage zu Boden streckte. Jesus Maria! rief
Donna Konstanze und floh zu ihrem Schwager; doch: Klostermetze!
erscholl es schon mit einem zweiten Keulenschlage von einer andern
Seite, der sie leblos neben Jeronimo niederwarf. Ungeheuer! rief ein
Unbekannter, dies war Donna Konstanze Xares! Warum belogen sie uns!
antwortete der Schuster, sucht die rechte auf und bringt sie um! Don
Fernando, als er Konstanzens Leichnam erblickte, glhte vor Zorn; er zog
und schwang das Schwert und hieb, da er ihn gespalten htte, den
fanatischen Mordknecht, der diese Greuel veranlate, wenn derselbe nicht
durch eine Wendung dem wtenden Schlag entwichen wre. Doch da er die
Menge, die auf ihn eindrang, nicht berwltigen konnte: Leben Sie wohl,
Don Fernando, mit den Kindern! rief Josephe -- und: Hier, mordet mich,
ihr blutdrstenden Tiger! und strzte sich freiwillig unter sie, um dem
Kampf ein Ende zu machen. Meister Pedrillo schlug sie mit der Keule
nieder. Drauf, ganz mit ihrem Blute bespritzt: Schickt ihr den Bastard
zur Hlle nach! rief er und drang mit noch ungesttigter Mordlust von
neuem vor. Don Fernando, dieser gttliche Held, stand jetzt, den Rcken
an die Kirche gelehnt; in der Linken hielt er die Kinder, in der Rechten
das Schwert. Mit jedem Hiebe wetterstrahlte er einen zu Boden; ein Lwe
wehrt sich nicht besser. Sieben Bluthunde lagen tot vor ihm, der Frst
der satanischen Rotte selbst war verwundet. Doch Meister Pedrillo ruhte
nicht eher, als bis er der Kinder eines bei den Beinen von seiner Brust
gerissen und, hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchpfeilers Ecke
zerschmettert hatte. Hierauf ward es still, und alles entfernte sich.
Don Fernando, als er seinen kleinen Juan vor sich liegen sah, mit aus
dem Hirne vorquellendem Mark, hob voll namenlosen Schmerzes seine Augen
gen Himmel. Der Marineoffizier fand sich wieder bei ihm ein, suchte ihn
zu trsten und versicherte ihn, da seine Unttigkeit bei diesem
Unglck, obschon durch mehrere Umstnde gerechtfertigt, ihn reue; doch
Don Fernando sagte, da ihm nichts vorzuwerfen sei, und bat ihn nur, die
Leichname jetzt fortschaffen zu helfen. Man trug sie alle bei der
Finsternis der einbrechenden Nacht in Don Alonzos Wohnung, wohin Don
Fernando ihnen, viel ber das Antlitz des kleinen Philipp weinend,
folgte. Er bernachtete auch bei Don Alonzo und sumte lange unter
falschen Vorspiegelungen, seine Gemahlin von dem ganzen Umfang des
Unglcks zu unterrichten; einmal, weil sie krank war, und dann, weil er
auch nicht wute, wie sie sein Verhalten bei dieser Begebenheit
beurteilen wrde; doch kurze Zeit nachher, durch einen Besuch zufllig
von allem, was geschehen war, benachrichtigt, weinte diese treffliche
Dame im stillen ihren mtterlichen Schmerz aus und fiel ihm mit dem Rest
einer erglnzenden Trne eines Morgens um den Hals und kte ihn. Don
Fernando und Donna Elvire nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum
Pflegesohn an, und wenn Don Fernando Philippen mit Juan verglich, und
wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als mte er sich
freuen.




HINWEIS


Drei nderungen wurden vorgenommen. _ongefhr_ erscheint nun als
_ungefhr_ im Kontext:

    (...) hatte ihn ungefhr ein Jahr zuvor aus seinem Hause, wo
    er als Lehrer angestellt war, entfernt (...)

Das Wort _die_ wurde im Folgenden durch _sie_ ersetzt:

    Josephe bebte bei diesem entsetzlichen Anblicke zurck; sie
    drckte der btissin flchtig die Augen zu und floh (...)

Im Text erscheint durchweg _Josephens_ als Genitiv; die Form _Josephes_
im folgenden Passus wurde entsprechend gendert:

    In Jeronimos und Josephens Brust regten sich Gedanken von
    seltsamer Art.






[End of Das Erdbeben in Chili, by Heinrich von Kleist]

[Fin de Das Erdbeben in Chili, par Heinrich von Kleist]
