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Title: Das Perpetuum mobile
Author: Ichak, Frida (1879-1952)
Date of first publication: 1914
Edition used as base for this ebook:
   Leipzig and Berlin: B. G. Teubner, 1914
   [Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung
   wissenschaftlich-gemeinverstndlicher
   Darstellungen. 462. Bndchen.]
Date first posted: 28 June 2010
Date last updated: 28 June 2010
Project Gutenberg Canada ebook #561

This ebook was produced by: David T. Jones
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Titre: Das Perpetuum mobile
Auteur:  Ichak, Frida (1879-1952)
Date de la premire publication: 1914
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Leipzig et Berlin: B. G. Teubner, 1914
   [Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung
   wissenschaftlich-gemeinverstndlicher
   Darstellungen. 462. Bndchen.]
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   28 juin 2010
Date de la dernire mise  jour:
   28 juin 2010
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 561

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[Illustration: cover]


Aus Natur und Geisteswelt

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverstndlicher Darstellungen

462. Bndchen


Das Perpetuum mobile

Von

Dr. Frida Ichak

Mit 38 Abbildungen



Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1914



Inhalt.

                                                            Seite

 1. Einleitung                                                  1

 2. Begriff des Perpetuum mobile                                3

 3. Ursprung der Idee                                           5

 4. lteste Dokumente                                           8

 5. Das mechanische Perpetuum mobile                           12

 6. Das magnetische Perpetuum mobile                           22

 7. Das hydraulische Perpetuum mobile                          27

 8. Das Perpetuum mobile und die scholastische Wissenschaft    33

 9. Das chemische Perpetuum mobile                             39

10. Das Perpetuum mobile der Mystiker                          45

11. Perpetuum mobile mit Hilfe der Kapillaritt und
    hnlicher Erscheinungen                                    51

12. Automaten                                                  58

13. Die Geschichte eines wissenschaftlichen Betruges           61

14. Die Ansichten ber das Perpetuum mobile vom
    Standpunkt der vorenergetischen Physik                     68

    a) Motivierung der Mglichkeit des Perpetuum mobile        68

    b) Motivierung der Unmglichkeit des Perpetuum mobile      72

15. Das Perpetuum mobile in der ersten Hlfte des
    19. Jahrhunderts                                           75

16. Das Perpetuum mobile und das Prinzip der Erhaltung
    der Energie                                                79

17. Das Perpetuum mobile II. Art                               85

18. Perpetuum-mobile-Projekte aus neuerer Zeit                 88

19. Das scheinbare Perpetuum mobile                            92

20. Das Perpetuum mobile in der Gegenwart                      94

Namenregister                                                  97

Literaturverzeichnis                                           99

Quellenangabe der Abbildungen                                 104


  Alle Rechte, einschlielich des bersetzungsrechts, vorbehalten.




1. Einleitung.

    Was helfen Fakeln Licht oder Briln,
    So die Leut nicht sehen wollen.

        (Aus H. Khunrath: Amphiteatrum
         sapientiae aeternae. Hanau 1609.)


Die Geschichte des Perpetuum mobile gehrt zum seltsamsten Kapitel aus
der Romantik der Wissenschaft. Einem tiefen Bedrfnis des menschlichen
Geistes entsprungen, hat diese Idee jahrhundertelang die Kpfe
beschftigt. Wir sehen eine schier unendliche Kette der
verschiedenartigsten Versuche vor uns, die eins gemeinsam haben: das
negative Resultat. Aber die Menschheit lt sich durch die unzhligen
Mierfolge von der Unmglichkeit des Unternehmens nicht berzeugen:
hier ist der Wunsch mchtiger als die Vernunft.

Die Rolle, die das Perpetuum mobile in der Geschichte gespielt hat,
ist zu den verschiedenen Zeiten verschieden. Die Idee des Perpetuum
mobile, die als Problem nur den Denkenden zugnglich war, hat zunchst
lediglich die Gelehrtenwelt interessiert. Dann kommt eine Zeit, da die
Frage aus dem Rahmen einer Fachangelegenheit heraustritt und breite
Schichten zu interessieren anfngt. Die Folge ist, da das Perpetuum
mobile, durch die angeblichen Erfolge dieses oder jenes Erfinders
und die Anpreisungen von Charlatanen populr gemacht, zur Sensation
wird. Da tritt zu Ende des 18. Jahrhunderts eine Wendung ein: im Jahre
1775 fhlt sich die Pariser Akademie der Wissenschaften gezwungen zu
erklren, sie nehme ein fr allemal kein Projekt eines Perpetuum
mobile zur Prfung mehr an, ganz gleich, was fr Prinzipien diesem
Projekt zugrunde liegen mgen. Aus dieser Erklrung allein geht schon
hervor, wie berhuft die oberste Instanz aller wissenschaftlichen
Fragen in Frankreich zu jener Zeit mit Perpetuum-mobile-Erfindungen
war. Durch diese Erklrung gert die Idee arg in Mikredit. In der
bekannten Geschichte der Mathematischen Wissenschaften von Montucla,
die nach dem Tode des Verfassers von Lalande weitergefhrt wurde,
lesen wir in der Ausgabe von 1802 die Bemerkung: Es ist eher ein
Schimpf als ein Lob, von jemandem zu behaupten, er suche das Perpetuum
mobile. Aber die Perpetuum-mobile-Sucher mssen auch damals noch
zahlreich gewesen sein. Arago, der groe Astronom und Mathematiker,
macht sogar die Beobachtung, da die Perpetuum-mobile-Projekte
besonders zahlreich im Frhling sind.

Das 19. Jahrhundert liefert durch das Gesetz von der Erhaltung der
Energie den endgltigen Beweis dafr, da das Perpetuum mobile
unmglich ist, und da die Idee auf einer falschen Auffassung vom
Wesen der Arbeit und der Arbeitsbertrgerin, d. h. der Maschine
beruht. Mit diesem Nachweis verliert das Perpetuum mobile seine
wissenschaftliche Bedeutung und gilt fr den Physiker als erledigt.
Aber damit wird die Frage nicht aus der Welt geschafft. Bis in unsere
Tage werden die Versuche fortgesetzt, ein Perpetuum mobile zu
konstruieren.

Fr uns hat das Problem des Perpetuum mobile heute eine eigentmliche
historische und erkenntnistheoretische Bedeutung. Wir fragen: auf
welchem logischen, mehr noch, auf welchem weltanschaulichen Fundament
ruht die Idee des Perpetuum mobile? Ferner: welchen Ursprung hat
dieser Gedanke, mit welchen Mitteln wurde er zu verwirklichen gesucht?
Was hat das Suchen nach dem Perpetuum mobile der Menschheit gegeben?

Man ist gewohnt, das Perpetuum mobile in einem Atemzug mit dem Stein
der Weisen zu nennen. Eine landlufige Meinung ist die, da ebenso wie
das Experimentieren und Kochen der Alchemisten zu vielen wertvollen
Entdeckungen (Gewinnung des Phosphors, Bereitung des Porzellans) und
schlielich indirekt zum Gesetz der Erhaltung des Stoffes gefhrt hat,
so habe auch das Suchen nach dem Perpetuum mobile uns notwendigerweise
zum Gesetz von der Erhaltung der Energie gebracht. So verlockend an
sich dieser Vergleich auch ist, so stimmt er doch nicht.

Die Geschichte des Perpetuum mobile ist mit nichts zu vergleichen. Sie
hat keinen Anfang und kein Ende. Es ist auch keine Geschichte im
eigentlichen Sinne des Wortes. Wir haben es hier nicht mit einem
stetigen Fortschreiten und Weiterentwickeln zu tun, sondern mit einem
verwirrenden Durcheinander von Versuchen und Bemhungen, die immer von
der Tradition (von der Legende, mchte man fast sagen) eines Begriffes
zusammengehalten werden, aber in keinem inneren Zusammenhang der
geleisteten Arbeit miteinander stehen. Jeder Erfinder fngt von
vorne an, ohne von den Erfahrungen seiner Vorgnger etwas gelernt zu
haben; jeder experimentiert auf eigene Faust und mit seinen eigenen
Mitteln, und jeder mu auf eigene Kosten zu der berzeugung der
Unmglichkeit gelangen.

Das historische Material, das ber das Perpetuum mobile existiert, ist
fast unermelich. Wie die Idee selbst, so sind viele Dokumente, die
auf sie Bezug haben, unklar und verworren. Man kann von verschiedenen
Gesichtspunkten aus an diese Idee herantreten. Es gilt indes, aus dem
riesigen Sto von Material die interessantesten und bemerkenswertesten
Exemplare herauszugreifen, sie zu schildern und ihren Wert vom
Standpunkt der heutigen Wissenschaft zu zeigen. Die Details der rein
technischen Seite der Frage sollen nur insoweit bercksichtigt werden,
als sie fr das allgemeine Verstndnis notwendig sind.

Charakteristisch fr das Problem des Perpetuum mobile erscheint uns
auch der Umstand, da es bis jetzt in der ganzen Literatur keine
systematische Behandlung dieser Frage gibt. Von den zwei bis jetzt
existierenden Bchern, die sich mit der Geschichte des Perpetuum
mobile beschftigen, ist das eine (H. Dircks: The perpetuum mobile,
London 1861-72. 2 Bde.) eine fleiige, aber unvollstndige,
ungeordnete und vollkommen wahl- und kritiklose Zusammentragung von
Material, und das andere (Daul: Das Perpetuum mobile, Wien 1900) eine
Kompilation des ersteren. Es wird sich also fr uns darum handeln, den
Quellen nachzugehen und die Dokumente zu prfen. Die Aufgabe wird
sein, das Material gleichzeitig vom Standpunkt der Physik und in
seiner historischen Bedeutung zu gruppieren.




2. Der Begriff des Perpetuum mobile.

Der Begriff Perpetuum mobile ist heutzutage dermaen verbraucht und
ins Lcherliche verzerrt, da man sich kaum noch nach dem eigentlichen
Sinne des Wortes fragt. Bevor wir an die Schilderung der Mittel gehen,
mit denen man zu verschiedenen Zeiten ein Perpetuum mobile zu
konstruieren suchte, wollen wir nher betrachten, was unter dieser
Bezeichnung zu verstehen sei.

Wie die wrtliche bersetzung (perpetuum = fortdauerndes/ewiges,
mobile = bewegliches) zeigt, mu ein Perpetuum mobile etwas sein,
was in bestndiger, ewiger Bewegung ist. Als knstliche Vorrichtung
gedacht, wre das eine Maschine, die blo durch die Tatsache ihrer
Existenz, also nach vollendeter Konstruktion in Bewegung geriete und
eine unbegrenzt lange Zeit in Bewegung bliebe. In der Praxis hat man
sich meist darauf beschrnkt, eine Maschine haben zu wollen, die
einmal in Gang gesetzt, sich auf ewige Zeit weiter bewegte. Eine
solche Maschine wre z. B. eine Uhr, die einmal aufgezogen, bis in
alle Ewigkeit weiter ginge ohne stehen zu bleiben.

Ohne an dieser Stelle nher darauf einzugehen, warum eine solche
Vorrichtung eine Sache der Unmglichkeit ist, mssen wir schon hier
betonen, da allein der Begriff des ewigen (perpetuierlichen) eine
solche Vorrichtung aus dem Bereich der Erfahrung heraushebt und ihr
ein transzendentes Geprge verleiht. Die Erfahrung lehrt, da alles im
Leben begrenzt und zeitlich ist; das Ewige existiert nur als
Begriff, steht aber auerhalb der Erfahrung. Jede Maschine, jede
knstlich ersonnene Vorrichtung mu -- und sei sie noch so vollkommen
-- in ihrer Bewegung ablaufen und eines Tages stehen bleiben. Will man
etwas konstruieren, was nie aufhrt, so will man dadurch die Grenzen
des Mglichen berschreiten, und es ist klar, da ein solches Problem
ungelst bleiben mu.

Als Beispiele von perpetuierlicher Bewegung wurden oft
Naturerscheinungen angefhrt, wie die Bewegung der Himmelskrper, Ebbe
und Flut usw. Aber die Naturwissenschaft fragt doch auch nach dem
Anfang und dem Ende der Himmelskrper, und vom Standpunkt der
Kosmogenie ist die Bewegung der Sonne z. B. ebensowenig ewig zu
nennen, wie die jedes anderen aufgezogenen Mechanismus.

Liegt schon im Begriff des zeitlich Unbegrenzten eine physische
Unmglichkeit, so wird die gedachte Aufgabe des Perpetuum mobile noch
dadurch kompliziert, da es nicht nur ewig gehen, sondern dabei auch
noch eine (ntzliche) Arbeit verrichten sollte. Von den meisten
Autoren, die sich mit dieser Frage beschftigten, wurde das Perpetuum
mobile definiert als eine Maschine, die einmal in Bewegung gesetzt,
ohne weiteren Kraftantrieb eine unbegrenzt lange Zeit weiterginge und
irgendeine ntzliche Arbeit leistete. Unter Arbeit wurde dabei
zumeist eine mechanische Bewegung verstanden: das Heben und Senken
eines Gewichts, das Rollen eines Rades oder sonst eine Bewegung, die
zu praktischen Zwecken benutzt werden knnte.

Eine solche Maschine konstruieren zu wollen, widerspricht unseren
ganzen heutigen Vorstellungen vom Wesen der Maschine und ihrer
Arbeitsfhigkeit. Der Sinn der Maschine besteht darin, da sie die
Richtung der Kraftwirkung ndert und die zur Verfgung stehende
Energie, d. h. die Arbeitsfhigkeit, modifiziert. Die Energie selbst
unterliegt aber dem Gesetz der Erhaltung ebenso wie die Materie: durch
keine Maschine der Welt kann Arbeitsfhigkeit neu geschaffen werden,
ebensowenig wie sie zerstrt werden kann.

In der lteren Literatur findet man zwei Arten des Perpetuum mobile
unterschieden: das Perpetuum mobile physicae und das Perpetuum mobile
naturae. Der erstere dieser Begriffe deckt sich mit dem, was wir bis
jetzt unter einem Perpetuum mobile verstanden haben. Was aber mit dem
natrlichen Perpetuum mobile gemeint war, ist den Autoren, die davon
sprechen, selbst meist unklar geblieben. Soviel steht fest, da dieses
Perpetuum mobile naturae nichts mit Physik und Mechanik, wie
berhaupt nichts mit einer wissenschaftlichen Disziplin zu tun hat.

Bei dem physikalischen Perpetuum mobile an sich wurde wiederum
zwischen einem mechanischen und einem physikalischen Perpetuum
mobile unterschieden. Unter dem ersteren wurde eine Maschine
verstanden, die durch mechanische Mittel allein bewerkstelligt sei,
whrend beim zweiten auch andere physikalische Hilfsmittel, wie
Magnetismus, Elektrizitt usw. mit in Betracht kamen. Der Unterschied
mu aufrechterhalten bleiben, denn vielfach verneinten die einen die
Mglichkeit eines mechanischen Perpetuum mobile, whrend sie von der
Erreichbarkeit des physikalischen berzeugt waren, oder umgekehrt.




3. Ursprung der Idee.

Da die Idee des Perpetuum mobile etwas durchaus Ungewhnliches
darstellt, so ist man zunchst bewogen zu fragen, wie man berhaupt
auf die Idee gekommen ist. Seit wann datiert dieser Gedanke, durch
welche wissenschaftlichen oder praktischen Momente wurde er in die
Welt gerufen, welcher Notwendigkeit entsprang er?

Schon die lateinische Bezeichnung des Begriffes zeigt, da der Gedanke
alt sein mu und da er zumindest schon bekannt war zu der Zeit, da
die Gelehrtensprache Latein war. Rosenberger verlegt in seiner
Geschichte der Physik den Ursprung der Perpetuum-mobile-Idee in jene
Zeit, als man eine besondere Vorliebe fr Automaten und mechanische
Spiele hatte, also etwa in die Zeit zwischen 1690-1750. Dieser Annahme
widerspricht aber die einfache Tatsache, da schon lange vor dieser
Zeit Perpetuum-mobile-Projekte existierten. Geht man in der Literatur
immer mehr zurck, so findet man schon im 13. Jahrhundert einen Plan
zur Herstellung einer fortdauernd sich bewegenden Vorrichtung, und
interessant ist, da der Autor dieses Planes, Vilard de Honnecourt,
selbst schon davon spricht, da man seit einiger Zeit beschftigt
sei, eine solche Vorrichtung zu konstruieren.

In der ltesten Literatur wird vom Perpetuum mobile oft gesprochen,
als von dem groen Geheimnis, an dessen Enthllung Fhrer der
Philosophie wie Demokritos, Pythagoras und Plato gearbeitet haben,
ebenso wie die Gymnosophisten und die indischen Priester. Aber wie es
in der Geschichte jedes Gedankens der Fall ist und in der Geschichte
eines so unproduktiven Gedankens wie der des Perpetuum mobile der Fall
sein mu, werden oft Ansichten bernommen und weiter verbreitet, die
zumindest zweifelhaft sind. So steht es auch mit diesem Zitat. Wir
finden es zuerst bei Bischof Wilkins, einem Autor des 17.
Jahrhunderts; der Gedanke wird immer weiter bernommen bis in das 19.
Jahrhundert. Schlielich gewinnt die Ansicht den Charakter eines
Axioms, ohne da man je ihre Richtigkeit geprft hat.

In Wirklichkeit kann weder bei Plato noch irgend sonstwo in der
klassischen Literatur ein Nachweis dafr gefunden werden, da die
obengenannten Autoren sich mit dem Perpetuum mobile beschftigt
htten. Bei der groen Rolle, die das Perpetuum mobile im ganzen
Mittelalter gespielt hat, ist es nur natrlich, da die Scholastiker
auch in dieser wichtigen Frage das Bedrfnis hatten sich auf die
Autoritt der Alten zu sttzen, und so werden bald Plato, bald
Pythagoras angerufen, auch wo man kein Recht dazu hat.

Es fehlt bis jetzt an historischen Daten, die den Zeitpunkt der
Entstehung des Perpetuum-mobile-Gedankens angben. Man hat keine
historische Berechtigung, positiv zu behaupten, da man schon im
griechischen Altertum oder gar im alten Indien Versuche zur
Verwirklichung dieses Gedankens unternahm. Man kann hier nur
Vermutungen aussprechen, Vermutungen, die mehr oder weniger
Wahrscheinlichkeit fr sich haben.

Man mu einen Unterschied machen zwischen der Idee der ewigen Bewegung
als solcher und den praktischen Versuchen zu ihrer Verwirklichung.
Diese letztere Frage ist eine Frage der Technik und physikalischen
Anschauungsweise. Der Ursprung des Perpetuum mobile als einer
praktischen Angelegenheit mu also zunchst in der Geschichte der
Technik gesucht werden.

Die Anfnge der Technik gehen in das hohe Altertum zurck. Es war vor
allem das Heben von Lasten (beim Huserbau und bei der Wasserversorgung),
das das Bedrfnis nach der Maschine hervorrief. (Man denke an den Bau
der Pyramiden.) Noch in spter Zeit, bei Marcus Vitruvius, dem
rmischen Ingenieur zur Zeit der Geburt Christi wird die Maschine
selbst definiert als hlzerne Vorrichtung, die dazu bestimmt ist,
Lasten zu heben. Mit der Maschine, die Kraft gewinnt auf Kosten der
Zeit, scheint ein ungeheurer Arbeitsaufwand gewonnen zu sein. Die
Maschine befreit sozusagen den Menschen vom Erbfluch der Arbeit. Je
vollkommener die Maschine ist, desto mehr schont sie unsere Kraft und
stellt uns die ihrige zur Verfgung. Das Ideal wre also eine
Maschine, die nichts von uns verlangt, keine Kraft zu ihrer
Unterhaltung fordert, und immer weiter aus sich heraus Arbeit leistet.
In diesem Ideal liegt etwas vom Traum der Menschheit vom goldenen
Zeitalter, da man ernten wird ohne zu sen, und der Mensch nicht mehr
im Schweie seines Angesichts Brot essen wird. Es ist also nur zu
wahrscheinlich, da der Wunsch nach einer von selbst arbeitenden
Maschine sich im Kopfe des Menschen regte, dem zuerst der Wert und der
Nutzen der Maschine berhaupt klar wurde. In diesem Sinne ist die
Behauptung bezeichnend, die man schon in der ltesten Literatur
findet: Das Ding, das sich seit Anbeginn der Welt bis auf diesen Tag
die groen Philosophen mit andauernden Studien und groer Mhe
versucht haben zu bewerkstelligen.

Ist aller Wahrscheinlichkeit nach das Perpetuum mobile als technische
Aufgabe schon sehr alt, so mu der Gedanke der ewigen Bewegung, als
=Idee=, noch lteren Ursprungs sein. Ihre Wurzel ist nicht allein in
den physikalischen Ansichten, sondern in der allgemeinen
Kulturgeschichte zu suchen.

Es war das unvergleichliche Verdienst Berthelots zuerst (in den
Ursprngen der Alchemie) darauf hingewiesen zu haben, da der
Ursprung und die Langlebigkeit der Alchemie nicht im geringen Mae
Momenten religiser Natur zu verdanken seien. Da auch bei dem Problem
des Perpetuum mobile religise und mythologische Momente eine Rolle
spielen, unterliegt keinem Zweifel. Man denke daran, welche Rolle in
der Symbolik der alten Religionen das Rad spielt, das Rad, in dem die
Idee der Bewegung und der in sich wiederkehrenden Wiederholung am
besten verkrpert ist. In der Religion der Veda (vgl. Oldenberg), der
Urreligion des alten Indiens, ist das Rad das Symbol der Gottheit.
Denselben Sinn hat das Rad bei den alten Germanen und den Kelten,
viele religise Bruche und Mythen zeugen vom religisen Ursprung des
Symbols des Rades, das sowohl durch seine Form wie seiner Bewegung mit
der Sonne am nchsten vergleichbar ist. Durch das Radsymbol erklrt
Oldenberg auch die Tatsache, da an dem Pfahl, an den die Opfertiere
angebunden werden, ein Kranz angebracht wurde. Die Wissenschaft, d. h.
das kausale Denken, bernimmt in ihren Anfngen unbewut den
religisen Vorstellungskreis, und Spuren von Ansichten religiser und
okkulter Natur sind hie und da noch zu finden, wenn die Wissenschaft
den Stand der Dinge schon weit berholt hat. Nur durch religise
Einflsse ist z. B. zu erklren, da die Theologen des Mittelalters
das Perpetuum mobile hei verfechten, und die Endlichkeit der
Bewegung, d. h. die Unmglichkeit des Perpetuum mobile fr unvereinbar
mit der gttlichen Wissenschaft halten. Da das Urbild der ewigen
Bewegung, die Bewegung der Himmelskrper, einmal in der Natur gegeben
war, so erschien es absolut anstrebenswert, eine solche Bewegung auch
knstlich hervorzubringen.

In der Mythologie fast aller Vlker findet man Berichte von
Gegenstnden und knstlich erzeugten Vorrichtungen, die ewig whren.
Als Gegenstck zum eigentlichen Perpetuum mobile, als Perpetuum mobile
besonderer Art ist z. B. die ewige Lampe zu betrachten. Die Legende
der ewigen Lampe ist sehr alt. Der heil. Augustinus erwhnt die
angebliche ewige Lampe im Tempel der Venus, die von selbst, ohne
lzufuhr brannte und weder vom Winde noch durch Regen oder Unwetter
ausgelscht werden konnte. Augustinus selbst zweifelt keinen
Augenblick an der Mglichkeit solcher Lampen und sieht in ihnen ein
Werk des Teufels. Eine Lampe, die anderthalb Jahrtausende gebrannt
haben sollte, wollte man 1345 im Grabe der Tullia, der Tochter Ciceros
gefunden haben. Es existieren noch zahlreiche andere Erzhlungen ber
solche von selbst brennende Lichtquellen, die, einmal instand gesetzt,
unaufhrlich brennen und Licht spenden bis sie zerstrt werden.

Die Legende von der ewigen Lampe zeigt, da der Wunsch der Menschheit
nach einer knstlichen Vorrichtung, die ewig funktioniert, uralt ist,
vielleicht ebenso alt wie die Sehnsucht nach Unsterblichkeit.
Abgesehen von der technischen Seite der Frage, gehrt also die Idee
der ewigen Bewegung zu den Urfragen der Kultur.




4. lteste Dokumente.

Das erste, bis jetzt bekannte authentische Dokument ber die
Verwirklichung der Perpetuum-mobile-Idee durch uere Mittel stammt
aus dem 13. Jahrhundert. Sein Autor ist Vilard de Honnecourt, ein
gothischer Architekt zur Zeit Ludwigs des Heiligen. Zu den Schpfungen
dieses Architekten gehrt unter andern die Karthuserkirche von
Vaucelles bei Honnecourt in Nordfrankreich.

In der Pariser cole des Chartes befinden sich die Originale der
erhalten gebliebenen Handzeichnungen Honnecourts, wo sich neben
Architekturentwrfen und Ornamenten das fr uns in Betracht kommende
Projekt befindet.

Ein Gerst (Abb. 1), das aus zwei Balken und einem Querbalken gebildet
ist, trgt in seiner Mitte auf einer Achse ein Rad mit 4 Speichen. Auf
der Peripherie des Rades hngen 7 Schlegel frei hinunter: 4 davon sind
nach der einen, 3 nach der andern Seite gerichtet. Die Zeichnung trgt
die Inschrift: Seit einiger Zeit streiten sich die Meister, wie man
ein Rad durch sich selbst sich drehen lassen knnte. Auf folgende Art
kann man es durch eine ungerade Anzahl von Schlegeln oder durch
Quecksilber erreichen.

[Illustration: Abb. 1.]

Nach dieser Inschrift kann man sich ungefhr vorstellen, wie sich der
Verfasser die Wirkung seiner Vorrichtung gedacht hat. Beim freien
Fallen eines Schlegels an der Peripherie wird das Rad mitgerissen und
etwas gedreht. Nun sollten die Schlegel einer nach dem andern fallen
und das Rad in ununterbrochener Bewegung erhalten.

Das Album des Vilard de Honnecourt ist das einzige Dokument, das von
diesem Manne erhalten geblieben ist, und so lt sich nicht
feststellen, ob er selbst der Urheber dieses Projekts war oder den
Plan eines andern beschreibt. Vilard de Honnecourt baute Kirchen.
Vielleicht gab ihm die Anregung zu dieser Idee die Metalltrommel mit
Schlegeln, die in alten Kirchen jetzt noch an Stelle einer Glocke
gebraucht wird. Er mu gewi beobachtet haben, da die Trommel unter
dem Einflu der Trgheit sich eine Weile noch bewegt, nachdem ihr der
letzte Schlag versetzt worden war, und so mag er vielleicht die Idee
gefat haben, die Trommel knnte sich kontinuierlich bewegen, wenn ihr
immer neue Schlegel zu Hilfe kmen.

Man mu annehmen, da in der auf Vilard de Honnecourt folgenden Zeit
die Idee des Perpetuum mobile weiter entwickelt wurde. Zwei
Jahrhunderte spter finden wir fast dieselbe Form des beschriebenen
Perpetuum mobile wieder, und zwar wieder von einem Knstler
vertreten. Es ist kein geringerer als Lionardo da Vinci (1452-1519),
der sich mit dem Problem des Perpetuum mobile befate.

Bekannt ist, da Lionardo ebenso gro als Techniker und Gelehrter wie
als Maler war. Ein tragisches Geschick lastet ber dem Lebenswerk
Lionardos. Seine Bilder sind zum Teil von der Zeit zerstrt, zum Teil
verloren gegangen. Ebenso sind seine wissenschaftlichen Werke teils
verloren, teils unwirksam geblieben. Aber erwiesen ist, da viele
wichtige wissenschaftliche Ansichten, deren Ursprung man gewhnlich
viel spter datiert, bereits Lionardo gehrten. Lionardo hatte, 100
Jahre vor Galilei, richtige Vorstellungen vom freien Fallen der
Krper, er kannte die Gesetze der auf den Hebelarm schief wirkenden
Krfte, die Gesetze der Reibung usw. Wie tief Lionardo das Wesen der
Mechanik erfate, geht aus einer Bemerkung hervor wie: Die Mechanik
ist das Paradies der mathematischen Wissenschaften, denn mit ihr
gelangt man zur Frucht des mathematischen Wissens.

Neben der Mathematik und der reinen Wissenschaft beschftigten
Lionardo Fragen technischer Natur. Zahlreich sind seine Plne
technischer Erfindungen. Von einer Flugmaschine auf Grund des freien
Vogelfluges bis auf einen Lampenzylinder gegen das Blaken der Lampe
findet man in seinen Skizzen die technischen Projekte der
verschiedensten Art. Unter den Originalskizzen Lionardos im Britischen
Museum zu London befindet sich ein Blatt, das stark vermuten lt, da
Lionardo sich mit dem Problem des Perpetuum mobile beschftigte. Wie
man sieht (Abb. 2), erinnern die Zeichnungen sehr an das
Perpetuum-mobile-Projekt des Vilard de Honnecourt. Besonders
interessant ist Zeichnung 1. Wir sehen darauf ein Rad mit vielen
Fchern, die je ein Gewicht fhren. Besonders diese Modifikation des
Rades, das durch die Schwere angetrieben wird, bildete das
Versuchsobjekt der Erfinder der folgenden Jahrhunderte.

Auch an vielen Stellen des Codex Atlanticus, dem Mailnder
handschriftlichen Nachla Lionardos, findet man Skizzen, die glauben
lassen, da Lionardo die Perpetuum-mobile-Projekte seinerzeit genau
bekannt waren. Doch er selbst erkennt mit dem Scharfsinn des
Mathematikers und der berlegenheit des Technikers, da die Projekte
dieser Art unausfhrbar sind. O Erforscher der ewigen Bewegung, wie
viele eitle Plne habt ihr bei dergleichen Suchen geschaffen, bemerkt
Lionardo bei Gelegenheit eines Perpetuum-mobile-Projekts.[1]

[Footnote 1: Vgl. Franz M. Feldhaus: Leonardo, der Techniker und
Erfinder, 8. Jena 1913.]

[Illustration: Abb. 2.]

[Illustration: Abb. 3.]

Die Autoritt, die Vilard de Honnecourt fr die Nachwelt bedeutete,
mochte viel dazu beigetragen haben, da sein Perpetuum-mobile-Projekt
gerade unter seinen Fachgenossen, den Architekten sehr bekannt war.
Noch am Ende des 17. Jahrhunderts finden wir fast dieselbe
Konstruktion wie bei Vilard von einem Architekten beschrieben.
Alessandro Capra, Architekt in Cremona, nimmt in einem Werke aus dem
Jahre 1683 die Idee des Rades, das durch Gewichte an seiner Peripherie
bewegt wird, wieder auf. Aber Capra scheint sich der ganzen
Schwierigkeit der Konstruktion bewut gewesen zu sein. Damit die
Schlegel (Abb. 3) von rechts nach links ihre Richtung ndern knnen,
modifiziert Capra die Idee. Auf der Achse _C_ schwebt frei ein gut
equilibriertes Rad _A_. An dessen Peripherie hngen in gleichen
Abstnden an einer Art von sen 18 gleich schwere Gewichte. Unter dem
Einflu der Schwerkraft fallen die Gewichte _B_ hinunter, ziehen das
Rad mit und zwingen die Gewichte _I_ ihre Richtung zu ndern. Capra
erklrt die Wirkung der Maschine dadurch, da die Gewichte in Lage _B_
sich weiter vom Zentrum befinden und daher mehr wiegen als die
Gewichte _I_.




5. Das mechanische Perpetuum mobile.

Den einfachsten Eindruck von physikalischer Bewegung bekommen wir
durch den frei fallenden Krper. Im freien Fallen, im Streben zur Erde
reit der fallende Krper alle Gegenstnde mit, die mit ihm verbunden
sind, und wird also selbst zur Ursache einer Bewegung. Da die Ursache
dieser Ursache, die Schwerkraft, konstant ist, so liegt der Gedanke an
sich nahe, man msse nur die Schwerkraft richtig ausnutzen, um die
Bewegung von Krpern ewig zu erhalten. Und so laufen die Bemhungen,
ein Perpetuum mobile mit mechanischen Mitteln zu konstruieren, immer
auf den Versuch hinaus, ein Rad durch Gewichte, d. h. unter dem
Einflu der Schwere sich bewegen zu lassen.

Da eine solche Vorrichtung, so verlockend sie auf den ersten Blick
auch erscheint, nichts als eine khne Phantasie ist, braucht nicht
besonders errtert zu werden. Der einzige, aber auch vollkommen
ausreichende Einwand, der gegen die Vorrichtung gemacht werden kann,
ist der, da sie nicht funktioniert. Wrde man ein solches Rad mit
Gewichten an der Peripherie aufstellen, so wrde es sich nur zu bald
zeigen, da die Vorrichtung gleich nach der Aufstellung in Ruhe gert
und darin verharrt.

Heute, da sich die physikalische Erfahrung auf streng tatschliches
Material sttzt, erscheinen uns Projekte wie diese fast unglaublich.
Wir fragen uns unwillkrlich: haben denn die klugen Erfinder des von
selbst sich bewegenden Rades nie versucht, ihre Idee in Praxis
umzusetzen, um zu sehen, wie tricht sie ist, oder ist der Plan die
Ausgeburt eines ungebildeten Kopfes und berhaupt nicht ernst zu
nehmen?

Die Namen allein zeigen, da die Idee durchaus ernst zu nehmen ist. Es
ist schwer zu sagen, wer der Urheber dieses Gedankens ist. Wir treffen
ihn zu den verschiedensten Zeiten bei den verschiedensten Autoren.
Kaspar Schott, ein Physiker des 17. Jahrhunderts, bezeichnet das Rad,
das durch Gewichte gedreht wird, als Erfindung eines gewissen Mitz,
dem er noch die Erfindung eines andern Perpetuum mobile zuschreibt
(von den Arbeiten des Mitz ist aber sonst nichts bekannt). Das Zeugnis
Schotts entspricht, wie wir gesehen haben, in diesem Fall nicht den
Tatsachen, denn wir finden ja dasselbe Projekt schon lange vorher. Ein
Zeitgenosse Schotts, der sich ebenso wie dieser viel mit der Frage des
Perpetuum mobile befat, ist John Wilkins, der Schwager Cromwells und
berhmte Bischof von Chester. In seiner Mathematical Magick errtert
er auch die Frage des mechanischen Perpetuum mobile, und es ist zu
bewundern, mit welch kritischem Geiste er dabei verfhrt.

Der Irrtum, auf dem die Konstruktion des Rades mit den Gewichten
beruhte, lag vor allem in der falschen Auffassung des Hebelprinzipes.
Das Hebelprinzip ist an sich schon sehr alt. Archimedes (der der
Legende nach mit einem Hebel die Welt aus den Angeln heben wollte,
wenn man ihm den richtigen Untersttzungspunkt zeigte) beweist, da
ein durch zwei Gewichte belasteter Hebel im Gleichgewicht sein mu,
wenn die einzelnen Gewichte sich umgekehrt proportional verhalten wie
die Hebelarme. So klar fr uns diese Archimedische Behauptung ist, so
wurde sie doch von den Perpetuum-mobile-Konstruktoren falsch
verstanden. Sie beriefen sich darauf, da beim Fallen der Gewichte,
einige Gewichte sich weiter vom Zentrum befanden und daher mehr
Schwere (oder wie einige Autoren sagten: mehr Gewicht) besen als
die andern, so da sie die letztern berwiegen mten. Es ist
interessant, wie Bischof Wilkins mit den Mitteln seiner Zeit sich
gegen diese Behauptung wendet.

[Illustration: Abb. 4.]

Angenommen, der Mittelpunkt des Rades sei _A_ (Abb. 4); der
Durchmesser _DC_ sei in 10 gleiche Teile geteilt. Es ist evident, laut
dem Hebelgesetz, da 1 Pfund in _C_ 5 Pfund in _B_ im Gleichgewicht
halten, denn die Arme _AC_ und _AB_ stehen im Verhltnis 5 : 1. Dabei
ist es gleichgltig, ob und wieviele Gewichte horizontal hngen.
Obwohl _C_ z. B. hher hngt als das Gewicht in _F_ oder niedriger als
in _E_, so ist die Wirkung dieselbe, denn die Gewichte streben abwrts
in vertikaler Linie. Ihre Schwere (meint Wilkins) ist zu messen durch
den Teil des horizontalen Durchmessers, auf, unter oder ber dem die
Last hngt. Wird die Last _C_ nach _G_ oder _H_ gebracht, so verliert
sie 2/3 ihres frheren Gewichts und wird so schwer, als ob sie auf dem
Wagebalken selbst 3 Teilstriche vom Zentrum weit aufgehngt wre. Die
Teilstriche auf dem Wagebalken knnen also, laut Wilkins, als Mastab
der Schwere eines jeden Gewichts in den verschiedenen Lagen dienen.

Wir sehen, Wilkins hat andere Vorstellungen ber das Gewicht und die
Schwere als wir heute. Wir nennen heute das Gewicht die Kraft, mit der
ein Krper zum Erdmittelpunkt strebt. Diese Kraft ist konstant. Bei
Wilkins hngt das Gewicht von der jeweiligen Lage des Krpers ab. Er
nennt Gewicht und Schwere das, was wir heute beim Hebel mit dem
Worte statisches Moment bezeichnen, d. h. das Produkt aus Last und
Lastarm (Entfernung der Last vom Untersttzungspunkt). Ein Hebel, auf
den verschiedene Lasten einwirken, befindet sich in Ruhe, wenn die
algebraische Summe aller Momente gleich 0 ist. Aber obwohl Wilkins'
Terminologie der unsrigen widerspricht, so kommt er doch zu einem
richtigen Resultat in der Verneinung der Perpetuum-mobile-Frage.

[Illustration: Abb. 5]

Zu diesem Zweck denkt er sich zwei konzentrische Kreise, die auf ihrer
Peripherie je 8 gleiche Gewichte tragen.[2] Die Gewichte sind so
gewhlt, da die im inneren Kreise zu denen im ueren Kreise im
Verhltnis der Radien, der Entfernungen vom Zentrum stehen. Obwohl
beim Fallen der Gewichte ihre Entfernung vom Zentrum, also ihr Gewicht
vermehrt wird (meint Wilkins), so kann doch keine perpetuierliche
Bewegung der Kreise eintreten. Wilkins zhlt die Summe aller
Gewichte auf den beiden Kreisen zusammen und findet, da die Summe
aller Gewichte (der Momente, wrden wir sagen) stets gleich ist der
Summe der Gewichte auf dem andern Kreise.

Wie wir sehen, ist Wilkins' Interpretierung, abgesehen von der
Terminologie, ganz richtig. Um dem Gedanken eine allgemeine Fassung zu
geben, sttzt er sich auf die Autoritt des groen Mathematikers
Cardanus (1501-1576), der aussagt: alle Krper unter dem Monde fallen
oder steigen, und diese Bewegung mu aufhren, wenn der Krper auf dem
Platz angelangt ist, zu dem er strebt.

Nicht so einsichtsvoll wie Wilkins waren seine Zeitgenossen. Einer der
gelehrtesten Mnner seiner Zeit, ein wirklicher Physiker, Athanasius
Kircher (1602-1680), der unter anderen die Laterna magica erfunden
hat, versucht es, das mechanische Perpetuum mobile theoretisch zu
begrnden. Er untersucht folgenden Fall.

Ist auf dem Kreise (Abb. 5) _ADBC_ das Gewicht _D_ = _C_, so ist keine
Bewegung mglich, denn Gleiches kann nicht Gleiches heben. Wird jedoch
das Gewicht _D_ etwa nach _F_ verschoben, so da _FE_ grer als _CE_
ist, so mu _D_ entschieden _C_ heben. Ja, auch wenn _D_ leichter wre
als _C_, z. B. 3 Pfund gegen 4, so wrde _D_ doch _C_ heben.

[Footnote 2: Die Originalzeichnung auf Seite 269 von Math. Magick 8,
London 1648, ist fehlerhaft.]

Daraus sieht man, da eine kleinere Last im allgemeinen eine grere
heben kann, und daraus folgt, schliet Kircher, da das mechanische
Perpetuum mobile mglich ist.

Kirchers Schlu beruht auf der Vernachlssigung eines Gesetzes, das
wir die goldene Regel der Mechanik nennen. Zwar kann eine grere
Last durch eine kleinere gehoben werden, aber was an Kraft dabei
gewonnen wird, geht an Zeit verloren, und es findet kein Gewinn an
Arbeit statt.

Bei dem groen Ansehen, das Athanasius Kircher bei seinen Zeitgenossen
und ganz besonders unter seinen Ordensbrdern (Kircher war Jesuit)
geno, konnte seine theoretische Ansicht ber das mechanische
Perpetuum mobile nur zu neuen Versuchen anspornen. Das 17. Jahrhundert
ist an Projekten von Rdern, die unter dem Einflu der Gravitation
bewegt werden, besonders reich. Eine andere Modifikation des Rades,
das durch Gewichte angetrieben wird, ist ein Rad oder vielmehr eine
Trommel, die in einzelne Fcher geteilt ist und durch rollende Kugeln
oder Quecksilber in diesen Fchern angetrieben wird. Das ist das
Projekt, dessen Schema die Zeichnung 1 auf Lionardos Blatt zeigt
(siehe Seite 11). Obwohl also diese Idee schon zur Zeit Lionardos
bekannt sein mute, so ist doch uerst charakteristisch fr die
Unfruchtbarkeit der ganzen Perpetuum-mobile-Idee, da dasselbe Projekt
immer wieder von neuem entworfen wird. So kommt es, da 300 Jahre nach
Lionardo die Idee noch fr ganz neu galt. Ein besonders bitterer
Witz der Geschichte besteht darin, da ein Mann durch diese
Erfindung zu hohen Ehren gelangte, dessen wirkliche
wissenschaftliche Verdienste lange Zeit unbeachtet blieben.

Der Mann war Edward Somerset, Marquis von Worcester (1601-1667). Er
spielte nicht nur eine groe politische Rolle zur Zeit Karls I.,
sondern machte sich auch in der Mechanik verdient. Sein Name wird vor
allem mit der Erfindung der Dampfmaschine in Verbindung gebracht. In
seinem Buche A Century of Inventions, finden wir unter anderen
Projekten, wie der fliegende Mann, der Segelwagen usw. auch ein
Perpetuum mobile angefhrt, das der Erfinder selbst das
unglaublichste Ding der Welt nennt.

Die Erfindung soll unter groem Pomp im Tower von London dem Knig,
dem Herzog von Richmond, dem Herzog von Hamilton und dem versammelten
Hofe vorgefhrt worden sein. Die Zeitgenossen sprachen mit hchster
Begeisterung von diesem Wunder, und es sind zahlreiche Berichte
erhalten ber das Aufsehen, das der Marquis erregte. Aber ber die
Erfindung selbst sind fast keine Berichte erhalten geblieben. Es heit
nur so viel, da es ein Rad von 14 Fu Durchmesser war, das durch 14
Gewichte von je 50 Pfund angetrieben wurde. Partington, der das Buch
des Marquis von Worcester 1825 neu herausgab, fgte eine Zeichnung
bei, die der Zeichnung I auf unserer Abb. 2 entspricht.

[Illustration: Abb. 6.]

Auch diese Perpetuum-mobile-Idee erfuhr eine zeitgenssische Kritik,
hnlich wie das Rad mit den Gewichten von Bischof Wilkins. Jakob
Leupold, ein Mechaniker aus dem Ende des 17. und Anfang des 18.
Jahrhunderts, dessen Luftpumpe, die er fr Christian Wolf angefertigt
hat, bis jetzt noch eine Sehenswrdigkeit bietet, zeigt die
Unhaltbarkeit der Idee auf Grund einer Berechnung. Eine Trommel (Abb.
6) mge durch Bretter in 12 Kammern eingeteilt sein. In jeder Kammer
befindet sich eine schwere Kugel. Leupold fllt von jedem Gewichte ein
Lot auf die Vertikalachse der Trommel. Addiert man alle diese Lote, in
einem beliebigen Ma gemessen, bei _a_ -- 44, _b_ -- 47, _c_ -- 37,
_d_ -- 18, so ergibt das die Summe 146; und ebenso ist die Summe der
Lote auf der linken Seite _e_ -- 7, _f_ -- 15, _g_ -- 35, _h_ -- 23,
_i_ -- 27, _k_ -- 24, _l_ -- 15 und _n_ -- 0 gleich 146! Leupold
betrachtet die Lote als Ma fr die Krfte und meint, das Rad msse im
Gleichgewicht verharren, weil die Krfte auf beiden Seiten gleich
seien. Nach unserer Auffassung tritt Gleichgewicht ein, wenn die
Momente (Produkt aus Gewicht und Arm) auf beiden Seiten gleich sind.
Das Resultat stimmt bei Leupold (hnlich wie Wilkins, siehe Seite 15)
zufllig, denn er setzt voraus, da alle Gewichte einander gleich
sind, so da an Stelle der Summe der Momente die Summe der Arme
gesetzt werden kann.

Das mechanische Perpetuum mobile, wie wir es bis jetzt geschildert
haben, geht von einer falschen Auffassung der Gravitation aus. Man sah
in der Gravitation, infolge deren die Krper zueinander gezogen
werden, eine unerschpfliche Quelle von Arbeitsfhigkeit. Diese
Auffassung der Gravitation geht besonders deutlich aus dem
sogenannten Scheinerschen Gnomon hervor, einer erdachten Konstruktion,
die im 17. Jahrhundert und auch spter noch eine viel umstrittene
Frage der Physik bildete.

Christoph Scheiner, Jesuit und Astronom (1575-1650), ist in der
Geschichte der Wissenschaft als der Entdecker der Sonnenflecken
bekannt. Bei seiner Beschftigung mit kosmischen Problemen war er auch
der Frage der Gravitation nahegekommen. Der Gnomon Scheinerianus in
centro mundi besteht in folgendem.

Man denke sich durch den Mittelpunkt _A_ des Weltalls (Abb. 7), also
durch den Mittelpunkt der Gravitation, eine Achse. An diese Achse sei
ein Gnomon _BC_ befestigt, dessen ueres Ende _C_ ein Gewicht trgt.
Wiegt das Gewicht ber, meint Scheiner, so mte der Gnomon sich um
das Zentrum des Weltalls bewegen und zwar perpetuierlich. Das Ende _C_
kommt infolge des Gewichts nach _D_, dann der Reihenfolge nach nach
_E_, _F_, _G_ und wieder nach _C_; es kann nirgends stehen bleiben,
weil nirgends dafr ein Grund vorhanden ist; alle diese Punkte sind
vom Gravitationszentrum gleich weit entfernt. Nur wenn man dem Gnomon
noch einen Arm _BG_ = _BC_ hinzufgt, gert er in Ruhe; wird aber
dieser Gegenarm weggenommen, so beginnt der Gnomon sich zu drehen und
bleibt nirgends stehen.

[Illustration: Abb. 7.]

Schon Zeitgenossen Scheiners lieen gegen diese Konstruktion Einwnde
gelten. Der Astronom und ebenfalls Jesuit Giov. Baptista Riccioli
(1598-1671), einer der letzten Gegner des Kopernikanischen
Weltsystems, wandte mit Recht ein, da ein Gnomon nur das Bestreben
habe, nach dem Gravitationszentrum zu fallen. Das Gewicht habe ja gar
keine Veranlassung von _C_ nach _D_ zu fallen, denn dadurch komme es
dem Gravitationszentrum nicht nher. Ein anderer Ordensbruder
Scheiners, der Mathematiker Mario Bettino (1584-1657) meinte, ein
solcher Gnomon mte sich nicht in perpetuierlicher Bewegung, sondern
in perpetuierlicher Ruhe befinden. Nur eine uere Kraft knnte ihn in
Bewegung versetzen, und nach Aufhren dieser Kraft msse wieder Ruhe
eintreten.

Allen Versuchen, ein Perpetuum mobile durch Ausnutzung der Gravitation
zu konstruieren, ist ein Irrtum gemeinsam: der Glaube, man brauche nur
in geeigneter Weise den Schwerpunkt eines Krpers abwechselnd zu
verschieben, um eine unaufhrliche Bewegung zu erhalten. Diese
Auffassung spricht von einer groen Unklarheit ber die Begriffe der
Mechanik, und vor allem der Statik. Das groe Genie Galileis
(1564-1642) hat durch seine Fallgesetze in der Dynamik seiner Zeit
eine Revolution hervorgerufen. Aber die Statik blieb von Archimedes
bis auf Stevin (1548-1620) fast dieselbe. Die Gravitation, ein
Gleichgewichtszustand, vermengte man mit dynamischen Elementen, und es
ist doppelt interessant, da ein Schler und Getreuer Galileis,
Clemens Septimus, es unternimmt, die Mglichkeit des mechanischen
Perpetuum mobile durch eine Konstruktion zu beweisen.

[Illustration: Abb. 8.]

Eine Kupfertrommel (Abb. 8) _AFBG_ sei in einem Zylinder
eingeschlossen, dessen Enden durch zwei gut polierte Scheiben
geschlossen und verltet sind. Innerhalb der Trommel befinde sich eine
Platte _FCG_, die die Rolle eines Diaphragma spielt. Die eine Hlfte
des Zylinders _FCG_ sei mit Wasser oder Quecksilber, die andere mit l
oder Luft, also einer spezifisch leichteren Substanz gefllt. Die
Platte dient dazu, um dem Quecksilber den Zutritt von _FAG_ nach _GFB_
zu verwehren. Diese Platte ist mit der festen Achse _C_ verbunden, an
der ein Hebel _H_ angebracht ist, so da sie gedreht werden kann. Die
Trommel ruht auf zwei vertikalen Sttzen und kann sich frei bewegen.
Die Wirkung der Trommel sollte folgende sein.

Da auf _CA_ das grere Gewicht des Quecksilbers drckt, so rckt der
Hebelarm in die Lage _DE_, und der Schwerpunkt des Hebels fllt in
irgendeinen Punkt _D_ zwischen _A_ und _C_. Da aber das Quecksilber
nicht zusammengedrckt werden und auch nicht in die andere Hlfte des
Zylinders eindringen kann, so erhlt der Zylinder einen Sto, und die
Trommel rollt in der Richtung nach _G_. Durch das Rollen gewinnt das
Ganze den frheren Schwerpunkt, und das Spiel beginnt von neuem. Auf
diese Art mute eine solche Trommel in demselben Moment, da sie
hergestellt wurde, zu rollen anfangen und nie zu rollen aufhren.

Eine Besprechung dieser Trommel des Clemens Septimus findet man bei
dessen gutem Freunde Borelli. Giov. Alfonso Borelli (1608-1679),
Mitglied der berhmten Florentiner Akademie del cimento, war der
ideenreichste der italienischen Physiker des 17. Jahrhunderts.
Borellis Wirken war sehr vielseitig: neben physikalischen Fragen
beschftigte er sich auch mit Mathematik und Astronomie. In einem
bedeutenden Werke ber die Planetenbewegung geht er auch auf die Frage
der Gravitation ein und gelangt, lange vor Newton, zu einer
bemerkenswerten Gravitationstheorie. Borelli erklrt die Bewegung der
Himmelskrper durch eine Zentrifugalkraft, die aus der Beharrung der
Krper resultiert, und =nicht= durch die Attraktionskraft der
Zentralkrper, also durch bloe Gravitation, wie man damals allgemein
annahm. Setzen wir voraus, sagt Borelli, da der Planet zur Sonne
hinstrebt, und da er zugleich durch seine Bewegung von der Sonne, die
im Mittelpunkt steht, im Kreise weggehen mu. Sind dann diese
entgegengesetzten Krfte unter sich gleich, so werden sie sich
aufheben, und der Planet wird weder nher zu der Sonne hinrcken, noch
weiter als bis zu einer bestimmten Grenze von ihr weggehen knnen. Auf
diese Weise wrde er im Gleichgewicht um die Sonne schwebend erhalten
bleiben.

Auf irdische Verhltnisse bertragen sind es dieselben Ansichten ber
die Gravitation, die Borelli zum entschiedenen Gegner der
Perpetuum-mobile-Idee machen. Die Gravitation, die auf alle Teile
eines Systems die gleiche Wirkung ausbt, kann nicht zur Ursache einer
konstanten Gleichgewichtsstrung werden. Die Schwerkraft ist keine
Arbeitsfhigkeit, die sich einem anderen System mitteilt. Der Einwand,
den Borelli gegen die Trommel des Clemens Septimus macht, ist der, da
gar kein Grund dafr vorliegt, da die Trommel sich nach _G_ bewege.
Und wrde die Trommel nach _D_ rollen, so mte sie in dieser neuen
Lage verharren, aber nicht in die ursprngliche zurckkehren.

Ungeachtet der wichtigen Einwnde, die ein Mann wie Borelli gegen das
Unternehmen machte, ein Rad durch bloe Gravitation bewegen zu wollen,
lie sich die Mit- und Nachwelt noch lange nicht von dieser Idee
abbringen. Man glaubte, was sich mit =einem= Rade nicht erreichen
lasse, msse vielleicht mit mehreren Rdern gehen. Caspar Schott, der
fr die Idee des mechanischen Perpetuum mobile berhaupt sehr
eingenommen ist, beschreibt unter anderen das Projekt eines gewissen
Wilhelm Schrter. Da (Abb. 9) sollten von 9 Zahnrdern je Z in einer
Reihe durch drei Gewichte _XYZ_ angetrieben werden, die unter
verschiedenen Winkeln zum Horizont stehen.

[Illustration: Abb. 9.]

Aber durch die Einfhrung von bertragungen und Zahnrdern wurde die
Sache natrlich nicht erleichtert, sondern eher erschwert, denn je
mehr Teile eine Maschine hat, um so grer ist die Reibung, und um so
eher wird sie zum Stillstand kommen. Schon Leupold warnt ausdrcklich
vor der Friktion und erteilt den weisen Rat allen, so das Perpetuum
mobile noch bestndig suchen: da sie solches mit den allersimpelsten
Maschinen tun; denn je mehr die Maschine bersetzet ist, je mehr sie
Zapfen, Zhne und Materialien hat, je weniger wird der Motus perpetuus
erhalten werden, und wenn es nicht in der Simplicitt geschieht, wird
es in Komposition wohl ewig auen bleiben.

Die Idee des Rads oder des Rdersystems, das unter dem Einflu der
Gravitation sich immer weiter bewegte, hat aber lange nach Leupold
noch die Kpfe der Erfinder in Anspruch genommen. Die Projekte zu
ihrer Verwirklichung sind ebenso zahlreich wie fruchtlos.




6. Das magnetische Perpetuum mobile.

Der Grundgedanke der Perpetuum-mobile-Konstruktion auf mechanischer
Basis war, die Gravitation, die eine konstante Naturerscheinung
darstellt, zur Ursache einer konstanten Bewegung zu machen. Auer der
Gravitation schien eine solche nie versiegende Ursache einer mglichen
Bewegung noch in einer anderen Naturkraft gegeben zu sein, nmlich im
Magnetismus.

Die Kenntnis von der Anziehungskraft der Magneten ist an sich uralt.
Aristoteles schreibt sie bereits Thales von Milet (640-500 v. Chr.),
dem ersten Physiker der Griechen zu. Von Plinius (23-79 n. Chr.)
stammt die bekannte Fabel vom Schfer Magnes, der den Magnetismus
dadurch entdeckt haben sollte, da seine Schuhngel von einem
natrlichen Magneten angezogen wurden. Im Mittelalter bildeten sich
die wissenschaftlichen Ansichten ber die Natur des Magnetismus.
Wichtig ist in dieser Hinsicht die Auffassung des Cusanus (eigentlich
Nikolaus Krebs aus Kues an der Mosel, 1401-1464), der zuerst zeigt,
da man die Anziehung der Magnete durch Gewichte feststellen kann. Mit
dieser Feststellung war zuerst auf die Analogie hingewiesen, die
zwischen Magnetismus und Schwerkraft besteht. Da man sich dieser
Analogie schon sehr frh bewut war, geht aus der Tatsache hervor, da
dieselben Personen, die sich mit der Konstruktion eines mechanischen
Perpetuum mobile beschftigten, es auch mit Hilfe des Magnetismus
versuchten.

[Illustration: Abb. 10]

Einen ausfhrlichen Bericht ber ein magnetisches Perpetuum mobile
finden wir bereits im 16. Jahrhundert. Sein Autor ist Joh. Taisnerius,
Belgier von Geburt, der gegen 1558 Erzbischof von Kln war. In einem
Buche ber die Natur des Magneten gibt Taisnerius eine Anleitung zur
Herstellung eines Perpetuum mobile durch magnetische Hilfsmittel. Der
Wortlaut dieser Anleitung ist aber derart charakteristisch sowohl
fr unsere Frage wie fr den ganzen damaligen Stand der Forschung, da
es sich der Mhe verlohnt, ihn in den Hauptzgen aus dem Lateinischen
zu bersetzen:

Man nehme einen Behlter aus Eisen nach der Art von konkaven Glsern,
von auen mit allerlei knstlichen Gravierungen geschmckt, nicht
allein wegen der Zierde, sondern auch wegen der Leichtigkeit, denn je
leichter er ist, desto besser kann er in Bewegung gesetzt werden. Aber
er darf dabei nicht so durchbrochen sein, da man das darin
eingeschlossene Geheimnis leicht sehen kann. An der Innenseite des
Behlters mssen mehrere kleine gleich schwere Leistchen aus Eisen
befestigt werden, von der Dicke einer Bohne oder Erbse. Das im
Behlter benutzte Rad (Abb. 10) mu in allen Teilen gleich schwer
sein. Die Vorrichtung, auf der das Rad sich drehen kann, wird so in
die Mitte gesetzt, da sie vllig unbeweglich bleibt. Daran wird ein
silberner Stift angebracht und auf den hchsten Punkt ein Magnetstein
gesetzt. Wenn der Stein so vorbereitet ist, mu er zuerst in eine
runde Form gebracht werden: darauf mssen die Pole bestimmt werden.
Spter, whrend die Pole unberhrt bleiben, mssen zwei einander
gegenberliegende Seiten in der Mitte zwischen den Polen, nach der
Form eines Eies ausgefeilt werden, und auch mssen jene zwei Seiten
zusammengedrckt werden, damit der untere Teil die niedrigste Stelle
einnehme, und so wird er mit den Wnden des Gehuses in Berhrung
kommen nach der Art eines Rades. Ist das ausgefhrt, so schiebt man
den Stein auf den Stift derart, da der Nordpol gegen die Leistchen
ein wenig geneigt ist, damit die Kraft nicht unmittelbar, sondern
unter einer gewissen Schrge auf die eisernen Leistchen wirke. Daher
wird jedes Leistchen zum Nordpol kommen und wenn es dann aus dem
Antrieb des Rades den Nordpol berschritten haben wird, wird es zum
Sdpol kommen, der es dann in die Flucht treiben wird; und dann wird
es wieder vom Nordpol angezogen, so da es im Gang bleibt. Damit das
Rad schneller seine Arbeit verrichte, schliee man im Behlter ein
kleines rundes erzenes oder silbernes Steinchen ein, von solcher
Gre, da es bequem zwischen zwei Leistchen aufgenommen werden kann.
Wenn das Rad in die Hhe geht, wird das Steinchen auf die Gegenseite
fallen; und da die Bewegung des Rades nach dem tiefsten Teil
perpetuierlich ist, so wird auch das Fallen des Steinchen zwischen je
zwei Leistchen perpetuierlich sein, da es ja durch sein Gewicht nach
dem Mittelpunkt der Erde und dem tiefsten Orte strebt . . .

[Illustration: Abb. 11.]

Diese Beschreibung ist rechtschaffen unklar. So viel geht aus ihr
hervor, da man es hier mit dem Projekt eines Rades zu tun hat, das
durch die Kombination von magnetischer Anziehung und Schwerkraft in
bestndiger Bewegung erhalten werden soll.

Von Taisnerius, dem Autor dieses dunklen Berichtes, ist bekannt, da
er ein sehr abenteuerliches Leben gefhrt hat; er begleitete unter
anderem den Kaiser Karl V. nach Tunis und reiste viel in Asien. Seine
Zeitgenossen sprechen von ihm, als von einem anmaenden prahlerischen
Charakter, der sich nicht genierte, die Werke anderer zu plndern und
sie fr die seinen auszugeben. Und so wird es uns nicht wundernehmen,
da wir die ganze Beschreibung in einem frheren Buche finden, das
Peter Peregrinus zum Autor hat. Derselbe Peregrinus meinte, da eine
magnetische Kugel (terella), die richtig auf ihre Pole gesetzt ist,
eine konstante Drehung hnlich der des Erdballs haben msse.

Die Idee, ein Perpetuum mobile durch magnetische Hilfsmittel
konstruieren zu wollen, mu im 17. Jahrhundert sehr verbreitet gewesen
sein, denn auch Bischof Wilkins beschftigt sich sehr ausfhrlich
damit. Die bekannteste Konstruktion aus jener Zeit, die sich bei
vielen Autoren wiederholt, hat folgende Form.

Ein Magneteisenstein (Abb. 11) _AB_ ruht auf einem Pfeiler, vor dem
eine schiefe Ebene _EF_ mit einer kleinen Stahlkugel _C_ plaziert ist.
Der Magnet zieht die Kugel an und zwingt sie, die schiefe Ebene
hinaufzuklimmen. Ist sie gengend hoch hinaufgekommen, so fllt sie
durch die ffnung _E_ durch und rollt auf einer abschssigen Bahn _EG_
nach unten. Hier wird sie von neuem vom Magneten angezogen, und der
Proze wiederholt sich von neuem.

Obwohl diese Erfindung auf den ersten Blick sehr wahrscheinlich
erscheint, meint Wilkins, so werden verschiedene Einzelheiten ihre
Unzulnglichkeit erweisen.

[Illustration: Abb. 12.]

Warum steigt die Kugel auf der schiefen Ebene bis zur ffnung _E_ und
nicht weiter? Ist der Magnet stark genug, um die Kugel so weit zu
bringen, so kann er ihr auch ber die ffnung hinweghelfen. Oder: ist
die Kugel zu schwer dazu, so wird sie auch nicht so weit vom Magneten
hinaufgezogen werden knnen.

Das sind die Einwnde, die schon Bischof Wilkins gegen die Vorrichtung
macht. William Gilbert (1540-1610), der berhmte Leibarzt der Knigin
Elisabeth von England, der der Vater der modernen Lehre vom
Magnetismus genannt werden darf, kannte ebenfalls dieses Projekt und
war von seiner Unmglichkeit tief berzeugt. Doch bei anderen
Physikern, wie z. B. Ath. Kircher oder Caspar Schott, spielt ebenso
wie das mechanische Perpetuum mobile auch dieser Plan eine groe
Rolle.

Ath. Kircher hatte im allgemeinen sehr zutreffende Ansichten ber die
Natur des Magnetismus. Aber er stand lange nicht auf dem Boden exakter
Forschung, wie z. B. Gilbert. Ihm fehlte auch der letzte
wissenschaftliche Ernst. So ist der grte Teil seines Buches ber den
Magnetismus magnetischen Spielereien gewidmet, unter denen das
Perpetuum mobile keine geringe Stelle einnimmt. Als Perpetuum mobile
denkt er sich z. B. eine eiserne Scheibe (Abb. 12) _ABCD_ mit eisernen
Spitzen an der Peripherie, die sich unter dem Einflu von 4 Magneten
_FGHJ_ immerwhrend dreht. Es gehrt ein gut Teil Blindheit dazu, um
ein solches Projekt, wie viele andere, die sich bei Kircher oder
Schott befinden, ernst zu nehmen.

Kirchers Werk hat die Sache des Perpetuum mobile ebensowenig gefrdert
wie die Lehre vom Magnetismus berhaupt. Seine gelehrten Traktate
sind im allgemeinen von sehr ungleichem Wert. Neben exakten
Mitteilungen findet man bei ihm zuweilen geradezu lcherliche
Ansichten. So z. B. ist er berzeugt, da die Kraft eines natrlichen
Magneten verstrkt wird, wenn man ihn zwischen zwei trockene Bltter
der Isatis sylvatica legt.

Im brigen liegt die Bedeutung Kirchers viel weniger in seinen
wissenschaftlichen Entdeckungen als in den Sammlungen, die er
hinterlassen hatte. Seiner ganzen Veranlagung nach war er berhaupt
viel mehr Sammler und Polyhistor als Physiker. Seine Sammlung von
naturwissenschaftlichen Kuriositten, Antiquitten, physikalischen und
mathematischen Modellen und Apparaten ist bis jetzt noch im Collegio
Romano zu Rom zu sehen. Seit 1870 ist dieses Museo Kircheriano
Eigentum des italienischen Staates.

[Illustration: Abb. 13.]

Das magnetische Perpetuum mobile wird besonders ausfhrlich von
Kirchers Schler und Ordensbruder Kaspar Schott beschrieben. Ebenso
wie Kircher ist Schott ein Physiker der alten Schule. Die zahlreichen
Perpetuum-mobile-Projekte, die sich in Schotts Werken befinden, machen
auf uns einen fast kindischen Eindruck. So wird z. B. als Erfindung
eines gewissen Dr. Jakobus eine Vorrichtung beschrieben, wie sie Abb.
13 zeigt. Eine Kette eiserner Blle ist um die Peripherie einer
Scheibe geschlungen, die sich zwischen zwei vertikalen Stangen _FF_
auf einer Achse _BC_ frei bewegen kann. Bei _H_ befindet sich ein
Magnetstein, der die Eisenkugeln anzieht. Indem die Eisenblle einer
nach dem andern zum Magneten hingezogen werden, sollte sich die
Scheibe unaufhrlich drehen.

Wir sehen den Grund einer solchen vermeintlichen perpetuierlichen
Bewegung nicht ein, denn warum sollte der Magnet auf Kommando bald die
eine, bald die andere Eisenkugel anziehen? Ebenso willkrlich und
experimentell absurd sind auch die anderen magnetischen
Perpetuum-mobile-Projekte dieser wie folgender Zeit, so da es sich
wohl kaum verlohnt, sie ausfhrlich zu beschreiben. Noch im Jahre 1763
finden wir den Plan eines gewissen Andrew Doswil, der von derselben
Grundlage ausgeht. In einem Gehuse _ABCD_ (Abb. 14) befinden sich auf
gemeinsamer Achse _G_ zwei gleich groe und bewegliche Zahnrder _E_
und _F_, zwischen deren Zhnen sich nah aneinander eine Reihe von
Stabmagneten befindet. Alle _N_-Pole sind bei _E_, alle _S_-Pole bei
_F_. An der Wand _BD_ sind wiederum zwei Magnete _K_ und _L_
befestigt, ebenso an der entgegengesetzten Wand zwei andere Magnete
_J_ und _H_. Der Sdpol _J_ zieht alle Nordpole bei _E_ an, der
Nordpol _H_ stt sie ab; dieselbe Wirkung wird verstrkt durch
Anziehung und Abstoung von _K_ und _L_. Die Folge mte sein, da die
Rder mit den Magneten sich unaufhrlich drehen.

[Illustration: Abb. 14.]

In Wirklichkeit aber mu diese Vorrichtung, wie alle oben
geschilderten, in Ruhe verharren. Das magnetische Feld eines Magneten
ist eine Erscheinung der Statik; nur durch Strken und Schwchen des
magnetischen Feldes kann Arbeit erzeugt werden, und dazu ist wiederum
Arbeit notwendig.




7. Das hydraulische Perpetuum mobile.

Da die Idee des Perpetuum mobile sich weder mit rein mechanischen noch
magnetischen Hilfsmitteln verwirklichen lie und man andererseits von
der Unmglichkeit des Unternehmens sich nicht berzeugen konnte, so
mute nach neuen Mitteln gesucht werden.

Eine der natrlichsten Triebkrfte ist das Wasser. Das Wasserrad ist
eine der ltesten Eroberungen der Kultur und ist berall dort schon zu
treffen, wo man die Verwendung des Rades berhaupt gelernt hat. Die
Wassertechnik stand sowohl im Griechenland der Antike wie im alten
gypten auf einer hohen Stufe der Entwicklung. Dem Archimedes wird
eine hydraulische Erfindung zugeschrieben, die auch in der Geschichte
des Perpetuum mobile eine groe Rolle gespielt hat. Das ist die
sogenannte Wasserschnecke oder Wasserschraube (coclea). Die Coclea
(vgl. _I_, _M_ Abb. 16) ist eine Wasserhebemaschine, die aus einem
schraubenfrmig gewundenen Wasserkanal besteht, deren Achse unter
einem gewissen Winkel zum Horizont geneigt ist. Der schraubenfrmige
Kanal wird durch eine Rhre gebildet, die um eine Spindel gewunden
ist, oder durch einen spiralfrmig ausgehhlten Balken. Das untere
Ende des Apparates taucht ins Wasser, das obere ist an ein Rad
angeschlossen. Wird das Rad gedreht, so steigt das Wasser in der Rhre
und fliet am oberen Ende aus.

[Illustration: Abb. 15.]

An diese Archimedische Wasserspirale knpften die Erfinder des
Mittelalters an, die ein Perpetuum mobile durch hydraulische
Hilfsmittel erzwingen wollten. Der Plan ist eigentlich einfach und auf
den ersten Blick auch einleuchtend. Einerseits hat man die
Wasserschnecke, die durch ein Rad angetrieben wird und Wasser von
einem niederen Niveau auf ein hheres bringt. Andererseits kennt man
das oberschlchtige Wasserrad, das durch fallendes Wasser in Betrieb
gehalten wird. Nun braucht man, so scheint es, diese beiden
Vorrichtungen: das Wasserrad und die Wasserschnecke nur miteinander zu
verbinden, um eine Kreisbewegung des Wassers, also ein Perpetuum
mobile zu erhalten. Das Rad treibt die Wasserschnecke an, diese hebt
das Wasser in die Hhe, und dieses wird wiederum durch ein Rohr auf
das Rad gebracht, um es zu bewegen.

Eine Maschine von diesem Typus soll laut Kaspar Schott bereits 1634
von Alfons Iseis erfunden worden sein. In einem Wasserbassin _E_ (Abb.
15) befindet sich die Archimedische Schraube _DG_, deren unteres Ende
in _G_, und oberes in _D_ ist. Das Wasser, das hinaufgeschraubt wird,
fliet in ein Becken und von da durch ein langes horizontales Rohr bei
_F_ auf ein oberschlchtiges Rad _ABC_. Dies wiederum ist so mit der
Coclea verkuppelt, da beim Drehen des Rades die Coclea sich mitdreht,
und auf diese Weise wird das Wasser in die Hhe gepumpt.

Der Einwand, der gegen diese Konstruktion gemacht werden kann und
gemacht wurde, besteht darin, da das abfallende Wasser nicht gengt,
um die Schraube zu bewegen. Um dieser Verlegenheit auszuweichen,
versuchte man, wie bei den anderen Projekten des Perpetuum mobile, die
Natur zu berlisten, indem verschiedene Komplikationen eingefhrt
wurden. Das abfallende Wasser sollte (Abb. 16) aus dem Gef _E_ auf
das Wasserrad _H_ geleitet werden, und von da in ein zweites Gef _F_
und auf ein zweites Rad _J_ gebracht werden. Sollte auch dieser
Antrieb nicht gengen, um die Coclea zu drehen, so mute man so viele
weitere Wasserrder einschalten, bis der Apparat funktioniert.

Das ist das Projekt des hydraulischen Perpetuum mobile, wie wir es bei
Bischof Wilkins finden. Wilkins selbst verhlt sich zu ihm sehr
skeptisch. Mit Recht meint er, man brauche dreimal soviel Wasser, um
die Schraube zu drehen, als da von ihr hinaufgeschraubt werde. Der
Fehler der Konstruktion in Abb. 16 besteht in der falschen
Voraussetzung, da man die Triebkraft des Wassers verdreifacht, wenn
man dieselbe Wassermenge dreimal wirken lt. Nicht die Menge des
Wassers, sondern die Fallhhe ist der Arbeitsfhigkeit proportional.
Die Fallhhe bleibt aber dieselbe, ob das Wasser denselben weg auf
einmal oder dreimal je ein Drittel durchluft.

[Illustration: Abb. 16.]

Die Idee des hydraulischen Perpetuum mobile, wie wir es geschildert
haben, gehrt zu den verbreitetsten Projekten des Perpetuum mobile
berhaupt. Wir finden sie bei den verschiedensten Autoren mit den
verschiedensten Details.[3] Aus der Ausfhrlichkeit, mit der diese Art
von Apparaten von den alten Autoren beschrieben wurde, geht hervor,
welche Wichtigkeit man ihnen beima. Man glaubte nicht nur einen
selbstttigen Wasserelevator vor sich zu haben, sondern auch der
Kraftgewinn war evident: man brauchte nur weniger Wasser abflieen zu
lassen, als gehoben wurde, und der gesparte Rest des Wassers konnte
fr allerhand ntzliche Vorrichtungen ausgebeutet werden.

[Footnote 3: Auch Lionardo da Vinci hat den hydraulischen Typ des
Perpetuum mobile gekannt, aber mit dem Scharfsinn des Praktikers
verwirft er diese Art von Projekten.]

In einem interessanten und mit prchtigen Kupfern geschmckten Werke
des Ingenieurs und Architekten G. Andr. Bckler aus dem 17.
Jahrhundert finden wir auf den drei Tafeln 150, 151 und 252 recht
kuriose Projekte dieser Art. Am hbschesten ist die Tafel 151 (Abb.
17) mit der Aufschrift: Wirbel- und Schraubkunst mit doppeltem
Angriff. Da kommt der Wasserschnecke eine Reihe von Schrauben und
Zahnrdern zu Hilfe. Aus dem oberen Reservoir _A_ fliet das Wasser
durch den Kanal _B_ auf das Rad _C_. _C_ dreht das Rohr _D_. Durch den
Schraubengang auf diesem Rohre wird wiederum das Zahnrad _E_ ebenso
wie die Scheibe _F_, das Rad _G_ und der vertikale Zylinder _H_
gedreht. Durch bertragung werden auch das Rad _J_ und die Scheibe _K_
gedreht. _J_ aber greift in die Zhne des Rades _L_. Dies dreht sich
zusammen mit dem Zylinder _M_ und dem Rad _R_. _R_ wiederum dreht die
Wasserschraube _Q_, die schlielich das Wasser wieder in das obere
Bassin _A_ pumpt. So wird der Kreis geschlossen. Ein Teil des Wassers
fliet bei _P_ auf den Schleifstein, vor dem ein Mann sitzt und seine
Messer schrft, ohne die geringste Anstrengung zum Drehen des
Schleifsteins zu machen!

Es ist auffallend, welcher Wunderglaube an die Maschine und ihre
Funktion im allgemeinen in einem Projekt wie diesem steckt. Da die
Maschine als Kraftbertrgerin nur einmal Arbeit zu leisten vermag,
so konnte man nicht einsehen, warum sie nicht so viel Arbeit leisten
sollte, da unsere Mhe ganz erspart bleibt. Man brauchte nur, so
glaubte man, die richtige Anzahl von Hebeln und Schrauben der Natur an
den Leib zu setzen, um sie zu einer ewigen Arbeitsleistung zu zwingen.

Das hydraulische Perpetuum mobile hat besonders bei den Physikern der
scholastischen Schule eine groe Rolle gespielt. Bei Kaspar Schott
finden wir die mannigfaltigsten Beschreibungen und Abbildungen solcher
Apparate. Die meisten dieser Physiker sind Jesuiten, und bei dem
groen Einflu, den der Jesuitenorden auf die ffentliche Meinung
hatte, ist es nur verstndlich, da diese Projekte in hohem Ansehen
standen. So fhrte z. B. 1661 ein Jesuit, der polnische Pater
Stanislaus Solski, seine Maschine feierlich vor dem Knig Joh. Casimir
in Warschau vor und erregte allgemeine Bewunderung.

[Illustration: Abb. 17.]

Die Maschine Solskis bestand (Abb. 18) im wesentlichen aus einem
Pumpwerk und einem groen Rad _mm_. Wenn das Gewicht _V_ sinkt steigt
der Eimer _P_ in die Hhe. Zugleich wird der Stempel des Pumpwerkes in
die Hhe gehoben, und das Wasser steigt in das Reservoir _abcd_. Das
Wasser fliet durch den Hahn _n_ in ein Bassin, ffnet hier eine
Klappe und fliet durch den Hahn _r_ in den Eimer _P_, der dadurch
schwerer geworden, sinkt; aber bei einer gewissen Hhe, gezwungen
durch die Krze der Kette _t_, wird der Eimer wieder geleert und
schnellt in die Hhe, so da das Gewicht wieder fllt, und das Spiel
von neuem beginnen kann.

[Illustration: Abb. 18.]

An keinem anderen Typus des Perpetuum mobile ist so wie beim
hydraulischen Perpetuum mobile zu sehen, wie diese ganze Idee auf
einer falschen Auffassung von dem Wesen der Arbeit beruht. Die
Projekte sind im einzelnen manchmal sehr geistreich, aber fr unseren
heutigen Standpunkt ist das Beginnen von vorneherein verfehlt, denn
woher sollte die Energie kommen, die einen berschu von Arbeit in
dieser Maschine lieferte? Durch Einschaltung von verschiedenen
Vorrichtungen kann keine Arbeit gewonnen werden: eher geht sie dabei
verloren, d. h. sie wird zerstreut. Aber vom Standpunkt der
vorenergetischen Physik lieferte gerade das Pumpwerk ein frappantes
Beispiel dafr, da Arbeit durch knstliche Vorrichtungen gewonnen
werden knne. Wir werden sehen, da die Idee des hydraulischen
Perpetuum mobile nicht aus den Kpfen der Menschen weichen wollte,
selbst zur Zeit nicht, da die Ansichten ber das Wesen der Arbeit sich
gendert hatten.




8. Das Perpetuum mobile und die scholastische Wissenschaft.

Die Kraft der Gravitation, magnetische Anziehung und Abstoung und
hydraulische Hilfsmittel -- das waren die drei Hauptmethoden, durch
die man jahrhundertelang ein Perpetuum mobile zu konstruieren hoffte.
Diese Bestrebungen waren besonders im 16. und 17. Jahrhundert
zahlreich. Die Persnlichkeiten, die sich mit dem Problem befassen,
sind nicht etwa bedauernswerte Ignoranten, sondern wirkliche Mnner
der Wissenschaft, denen positive Verdienste zu verdanken sind. Nur
wenige dieser Mnner sehen die Unmglichkeit des Perpetuum mobile ein,
auch diese nehmen die Frage durchaus ernst wie die anderen, die von
der Mglichkeit des Beginnens tief berzeugt waren.

Uns, die wir jetzt auf einem anderen Standpunkte stehen, kommt diese
Sachlage etwas sonderbar vor. Ganz abgesehen vom Gesetz der Erhaltung
der Energie, das die Frage umstt, mutet es uns seltsam an, da man
Plne von Vorrichtungen diskutiert, die in der Realitt nie
funktionieren. Das Museo Kircheriano war voll von
Perpetuum-mobile-Modellen, die alle in grter Ruhe verharrten. Wie
konnte man so blind sein, Tatsachen nicht zu sehen? Wie war es
mglich, da man sich aufs Theoretisieren beschrnkte, dort wo es sich
rein um eine Angelegenheit der Praxis handelte?

Um auf diese Fragen, die sich uns von selbst aufdrngen, eine Antwort
zu geben, ist es notwendig, etwas nher die Methoden zu schildern, mit
denen die Physik der beschriebenen Epoche betrieben wurde, und den
Geist zu charakterisieren, von dem die wissenschaftliche Forschung der
damaligen Zeit berhaupt getragen wurde.

Mit Recht bemerkt Rosenberger: Jede physikalische Forschung mu, wenn
sie von Erfolg gekrnt sein will, drei Momente in sich vereinigen:
Erfahrung, mathematische Hilfsmittel und Spekulation. Die Physik ist
in ihrem Werdegange nicht immer dieser Regel gefolgt. Die Physik der
Alten fing als reine Naturphilosophie an. Dann kommt die Mathematik
hinzu. ber der Tr der platonischen Akademie stehen die Worte: Kein
der Mathematik Unkundiger betrete dieses Haus. Das Experiment, die
Erfahrung, beschftigte sich lediglich mit technischen Problemen und
spielte in der reinen Physik nur eine geringe Rolle.

Mit dem Sturze der antiken Welt geht auch ihre Wissenschaft verloren.
Mit den heidnischen Gelehrten verschwinden auch die Naturwissenschaften,
und darunter die knappen Brocken der Physik der Alten. Erst nach der
Vlkerwanderung, nachdem das neuentstandene Europa festere Umrisse
gewonnen hat, setzt die wissenschaftliche Forschung wieder ein, aber
nun unter ganz anderen Umstnden als in der Antike.

Mit dem Ende des ersten Jahrtausends beginnt in der Wissenschaft
Europas jener Abschnitt, der unter dem Namen Scholastik in den
mannigfaltigsten Formen das ganze Mittelalter beherrscht.

Ihren Namen haben die Scholastiker daher erhalten, da sie zumeist
Lehrer an den Kloster- und bischflichen Schulen waren. Das
Charakteristische an dieser Weltanschauung, die im Laufe der Zeit
viele Wandlungen erfahren hat, ist, da sie ihren Ursprung und ihren
Inhalt aus der kirchlichen Theologie nahm. Alle theoretischen
Kenntnisse, Knste und Wissenschaften, wurden aus der hierarchischen
Idee des christlichen Gottesstaates abgeleitet und bauten
dementsprechend ihren Inhalt auf. Nicht die Welt uerer Erscheinungen
an sich war der Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern
vielmehr die darin ausgesprochene gttliche Idee. Jede Kunst und jede
Wissenschaft, sagt der Frhscholastiker Vincenz von Beauvais
(gestorben 1264), mu der gttlichen Wissenschaft, die zur Erbauung,
d. h. zum Glauben und Rechthandeln gegeben ist, dienen und darauf, als
auf seinen Zweck und sein Ziel bezogen und gerichtet werden. Denn wie
Gott das Ende aller Dinge ist, so ist auch die Gottesgelehrtheit, die
von gttlichen Dingen handelt, Endzweck aller Knste.[4] Thomas von
Aquino (1226-1274) bezeichnet berhaupt jedes Streben nach Erkenntnis
der Dinge als Snde, insofern sie nicht auf die Erkenntnis Gottes
hinzielt.

So wie die Wissenschaft im allgemeinen eine Magd im Dienste der Kirche
war, so sollte auch die Naturwissenschaft nur den Zweck haben, die
Allmacht Gottes zu beweisen. Das Wissen aller Weisheit hat keinen
Nutzen, sagt Vincenz, wenn es ohne die Erkenntnis Gottes bleibt.[5]
Die Naturwissenschaft gipfelte demnach in einer Art Metaphysik. Das
Studium der Welt der sichtbaren Dinge hatte nur insofern Wert, als sie
eine Frderung der Liebe zu Gott und der christlichen Kirche gewhrte.

Die Methode der scholastischen Wissenschaft war also durchaus
dogmatisch. Ihr Inhalt ist dementsprechend unschpferisch: sie sttzt
sich auf berlieferung und befat sich hauptschlich mit dem Deuten
und Kommentieren des berlieferten Materials. Dieses Material
bildeten in erster Linie die lateinischen Schriften der Kirchenvter,
besonders Augustins. Daneben wurde der Inhalt des Studiums durch die
damals drftigen berlieferungen des klassischen Altertums, vor allem
Aristoteles und Plato geboten. Man studierte sie mit Eifer und suchte
in jedem Satz einen verborgenen Sinn. Den Plato oder Aristoteles zu
verstehen galt als wissenschaftliche Leistung. Man studierte
schlielich in der Naturlehre des Aristoteles nicht die Natur sondern
den Aristoteles. Die zahlreichen Kommentare, die die Scholastiker zu
den klassischen Werken machten, bezogen sich immer auf die Autoren,
nie auf den Inhalt oder gar auf eine Kritik der Werke. Zugleich mit
dem Dogmatismus ist fr diese ganze Epoche ein kritikloser Hang zum
Autorittenglauben hchst charakteristisch.

[Footnote 4: H. v. Eicken, Geschichte und System der mittelalterlichen
Weltanschauung. 8. Stuttgart 1887.]

[Footnote 5: Ebenda.]

Lag schon also in der allgemeinen Methode der damaligen Wissenschaft
eine Gefahr fr die Physik, so wurde der Schaden durch die geringe
Rolle, die die scholastische Physik dem Experiment und der Erfahrung
beimit, noch grer. Wie der Inhalt der Philosophie und der Theologie
in einer Auslegung und Kommentierung des althergebrachten Materials
bestand, so wollte man auch in der Naturwissenschaft disputieren,
anstatt zu beobachten und zu prfen. In den Schriften der Scholastiker
findet man Dispute ber Fragen, wie die krperliche Natur der Engel,
ihre Kleidung, Sprache, ihr Alter und ihre Verdauung. Die
Naturbeobachtung mute sich dem Dogma unterwerfen und gelegentlich
sich selbst korrigieren. Als der bereits genannte Christoph Scheiner
am 21. Mrz 1611 in Ingolstadt den ersten Sonnenfleck beobachtete und
als frommer Sohn der Kirche zuerst seinem Provinzial Busus davon
Mitteilung machte, legte ihm dieser Stillschweigen auf, denn die
Sonnenflecke paten nicht zu der Lehre der Scholastiker, die in der
Makellosigkeit der Sonne einen Beweis fr die Vollkommenheit Gottes
sahen. Mein Sohn, schrieb der Jesuitenprovinzial an Scheiner, ich
habe den Aristoteles zweimal durchgelesen und habe nichts derartiges
darin gefunden. Die Flecke existieren nicht, sondern sind Fehler
deiner Glser oder deiner Augen. Bekanntlich fhrte spter der
Gehorsam Scheiner zu einem jahrelangen Priorittenstreit mit Galilei,
einem Streite, der erst durch sptere Forschungen zugunsten Scheiners
entschieden wurde.

Es wird hier klar, wie eng die Frage des Perpetuum mobile mit der
Scholastik zusammenhngt. Die Erfahrung allein konnte zeigen, da die
Idee undurchfhrbar sei. Aber den in der Scholastik gebten Geistern
kam es weniger auf die Erfahrung als darauf an, eine Spekulation zu
haben, die in der Theorie stimmte. Zu einer unproduktiven Zeit der
Physik war das Perpetuum mobile ein willkommenes Objekt, um immer neue
Projekte zu produzieren.

Neben der geringen Schtzung der Erfahrung war in der Scholastik noch
ein Moment gegeben, das fr die Frderung der Perpetuum-mobile-Idee
von Wichtigkeit war. Das ist der Glaube an Wunder und das Wunderbare,
ein Glaube, der in der ganzen Wissenschaft der Scholastik stark
ausgeprgt ist. Die gelehrten Schriften des Mittelalters bieten
berhaupt den seltsamsten Tummelplatz von wissenschaftlichen
Erkenntnissen neben den wildesten Phantasiegebilden. Besonders
bezeichnend in dieser Hinsicht ist Giambattista Porta, eine der
wunderlichsten Gestalten des 16. Jahrhunderts. Er ist ein guter
Experimentator, aber die Beschreibung seiner Experimente mu man mit
grter Vorsicht hinnehmen. Er ist, wie schon erwhnt, der Erfinder
der Laterna magica, aber neben wichtigen optischen Beobachtungen
beschreibt er z. B. eine Lampe, die alle Anwesenden mit einem
Pferdekopf zeigt, oder er spricht davon, wie man die Keuschheit einer
Frau mit Hilfe eines Magneten feststellen knne.

Wir sehen also, da die mittelalterliche Physik durch ihre Methode und
ihren Inhalt dafr sorgte, das Ansehen der Perpetuum-mobile-Frage zu
erhalten und ihr stets neue Nahrung zuzufhren. Aber wir finden in der
Weltanschauung des christlichen Mittelalters noch weitere Elemente,
mit denen der =Ursprung= dieser Idee in Zusammenhang gebracht werden
mu.

Hier wurde schon frher darauf hingewiesen, da der Gedanke des
Perpetuum mobile eine merkwrdig transzendente Frbung hat. Die Idee
der ewigen Bewegung geht darauf hinaus, da etwas in der Natur aus
sich selbst, ohne uere Veranlassung geschehen kann. Damit wird das
Gesetz der =Kausalitt= durchbrochen, von der jede Naturerkenntnis
streng beherrscht ist. Im engsten Zusammenhang damit steht die Frage
der Schpfung aus dem Nichts, eine Frage, die bei den Scholastikern
eine groe Rolle spielt. Um die Naturlehre mit der Bibel in Einklang
zu bringen, wurde diese Frage zunchst in dem Sinne entschieden, da
eine Schpfung aus Nichts im allgemeinen mglich sei. Fr die Physik
wollte man eine Ausnahme machen, da hier jede Wirkung eine Ursache
hat. Albertus Magnus, einer der bedeutendsten Scholastiker
(eigentlich Graf von Bollstdt, 1193-1280), den die Mitwelt wegen
seiner umfnglichen Kenntnisse den Doctor universalis nannte, stellt
sogar den Satz auf: Aus nichts wird nichts. Doch bei dem stndigen
bergreifen kirchlicher Anschauungen auf weltliche Fragen wurde das
Gesetz der Kausalitt nur zu oft vergessen. Dazu kommt noch die Lehre
des heil. Augustin vom freien Willen, eine Lehre die der Kausalitt
bewut widerspricht. Die Lehre vom freien Willen des Menschen hat
bekanntlich auf die Konstituierung der mittelalterlichen Kirche den
grten Einflu gehabt und ihr das moralische Geprge verliehen.

Es ist schwer bei einer Idee, die aus so verschiedenartigen Elementen
gebildet ist, wie die Idee der ewigen Bewegung, den Ursprung
festzustellen. Als wir es am Eingang unserer Errterungen versucht
haben, konnten nur Vermutungen aufgestellt werden. Und so mag auch als
Hypothese aufgefat werden, wenn wir die Ansicht aussprechen, da die
Idee des Perpetuum mobile berhaupt erst ein Produkt der christlichen
Kultur ist. Gewi ist die Idee der ewigen Bewegung an sich noch lter;
sie hat immer existiert, aber die Idee, die ewige Bewegung durch
uere Mittel erreichen zu wollen, scheint uns besonders fr eine
Weltanschauung charakteristisch, die die Lehre vom freien Willen zu
ihrer Basis macht und andrerseits glaubt, da man durch uere Mittel
(Bue, Gebet usw.) das Seelenheil erlangen kann. Eine Sttze unserer
Ansicht ist die, da man bis jetzt in der vorchristlichen Wissenschaft
keine Zeugnisse vom Perpetuum mobile, als solchem gefunden hat.

Die Scholastik, die schon im 11. Jahrhundert durch eine Persnlichkeit
wie Albertus Magnus zur Entfaltung kam, geriet gegen das Ende des 15.
Jahrhunderts in Verfall, kam aber gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts
zur neuen Blte infolge der Grndung des Jesuitenordens durch Ignatius
Loyola (um 1534). Die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Ordens
beruht vor allem darauf, da er die dem rmischen Katholizismus
innewohnenden geistigen Krfte praktisch neu belebte und ihnen zu
einer schrferen Ausprgung verhalf. Der Jesuitismus flte der
Scholastik neues Blut ein, zu einer Zeit, da sie aus Mangel an Nahrung
zu verdorren anfing. Und bei der straffen Organisation und der Macht
dieses Ordens lieen die Frchte nicht lange auf sich warten.
Auffallend ist, wieviele Namen von Jesuiten man im 16. und 17.
Jahrhundert in der Geschichte des Perpetuum mobile trifft: Kircher,
Schott, Riccioli, Scheiner usf. Sie waren alle durchaus ernste
Forscher, aber mehr oder minder schleppten sie alle den Ballast der
scholastischen Tradition mit sich. Die Ausgangspunkte der Jesuiten
waren einerseits der heil. Augustin und die brigen Kirchenvter,
andererseits die berlieferte Wissenschaft. Was Wunder, da das
Problem des Perpetuum mobile wie eine Erbsnde sich von Generation zu
Generation immer weiter fortpflanzte und nicht sterben wollte.

Welch ein Unterschied, wenn man die zwei wichtigsten Chronisten des
Perpetuum mobile im 17. Jahrhundert vergleicht: den Englnder Wilkins
und den aus italienischer Schule kommenden Kaspar Schott. Wilkins ist
Geistlicher, Schott weltlicher Lehrer der Wissenschaft (zuerst
Professor der Theologie und Mathematik in Palermo, dann Professor der
Mathematik in Wrzburg). Aber der eine ist Republikaner und
Protestant, der andere Jesuit. Der eine schreibt in seiner
Muttersprache englisch; der andere latein. Wilkins reprsentiert nicht
nur das Wissen seiner Zeit, sondern er bietet es stets mit der grten
Vorsicht dar; er berichtet nie von einer Erfindung, ohne die eigene
Kritik daran zu knpfen. Selbst wenn der Inhalt seiner Schriften ins
Phantastische auszuarten droht, so z. B. wenn er von der Bewohnbarkeit
des Mondes und die Mittel, durch die wir mit den Mondbewohnern in
Verbindung treten knnten, spricht, bewundern wir die Geistesschrfe
und die Klarheit des Autors. Wie anders dagegen Kaspar Schott! Sein
Schaffen ist nicht ohne Verdienste. So z. B. findet man bei ihm zum
erstenmal eine Beschreibung der Magdeburgischen Luftdruckversuche
von Guericke. Aber wie wahl- und kritiklos ist hier alles
nebeneinandergesetzt. Neben den Berichten ber die Toriccelischen
Versuche behlt Schott den Glauben an das horror vacui, neben der
Luftpumpe beschreibt er Erfindungen von Perpetuum mobile, die wie
ein Scherz anmuten. Die Autoritt seines Lehrers Kircher oder seiner
Ordensbrder (Mitz, Jacobus usw.) gengt ihm, um eine Sache kritiklos
hinzunehmen.

Die beiden Autoren wirken in der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts.
Das war eigentlich die Geburtszeit der neuen Physik. Man sah immer
mehr und mehr den Wert des Experiments ein, durch die Entwicklung der
allgemeinen Philosophie erkannte man auch die Wichtigkeit
erkenntnistheoretischer Untersuchungen in der Naturwissenschaft. Die
Physik entwickelte sich immer strker zu einer exakten Naturlehre.

Rumlich rckte die Wissenschaft nach dem Norden und fand hier einen
neuen Boden zum Gedeihen. Es ist fast kein Zufall, da Wilkins
Englnder war und Schott aus Italien kam. In Italien bewachte die
Kirche mitrauisch und drohend jede freie Regung der Wissenschaft. Das
Schicksal eines Galilei war nicht dazu angetan, den Mut zur Forschung
zu strken und wissenschaftliche Erkenntnis in die breiten Massen zu
tragen. Dagegen nahmen durch die Grndung der Akademien in London
(1662), Paris (1666) und der ersten deutschen gelehrten Gesellschaft
in Schweinfurt (1651) die Wissenschaft in England, Frankreich und
Deutschland einen neuen Aufschwung. Mit den Erkenntnissen wanderten
zunchst auch die Irrtmer nach dem Norden. Wenn die
Perpetuum-mobile-Projekte bis dahin zumeist von italienischen
Physikern und ihren Schlern ausgingen, so werden wir es von nun ab
hauptschlich mit englischen, franzsischen und deutschen Arbeiten zu
tun haben.




9. Das chemische Perpetuum mobile.

Unter den Mitteln, mit denen man ein Perpetuum mobile erreichen knne,
fhrt Bischof Wilkins neben der Gravitation und der magnetischen
Anziehung auch die chemische Attraktion an.

Mit der Beschreibung des chemischen Perpetuum mobile beschreiten wir
einen Weg, wo wir es mit der grten Unklarheit der Begriffe zu tun
haben. Wenn bis jetzt eine groe Uneinigkeit ber die Mittel bestand,
mit denen man ein Perpetuum mobile konstruieren knnte, so war man
sich doch ber den Begriff selbst so ziemlich einig: eine Maschine,
die ohne Zufuhr von uerer Kraft von selbst arbeitet. Aber bei den
Autoren, die von einem Perpetuum mobile auf chemischem Wege (oder was
sie chemischen Weg nennen) sprechen, gert auch der Begriff des
Perpetuum mobile selbst ins Wanken. Da aber dieser Punkt sowohl fr
das Perpetuum mobile wie fr die Zeit, in der sie behandelt wurde,
sehr wichtig ist, so wollen wir die betreffenden Autoren selbst
sprechen lassen. So lesen wir bei Wilkins:

Die Entdeckung einer perpetuierlichen Bewegung wurde zuerst auf
chemischem Wege versucht. Paracelsus und seine Schler haben damit
geprahlt, da sie mit Hilfe chemischer Separationen und Extraktionen
eine frmliche Welt im kleinen mit allen Himmelserscheinungen
herstellen und in einer =perpetuierlichen Bewegung= erhalten knnten
. . . Die Art und Weise, wie man auf chemischem Wege eine
perpetuierliche Bewegung erhalten knne, ist z. B. diese:

Man mische 5 Unzen ? [astronomical symbol for Earth] (alchemistisches
Zeichen fr Amalgam) mit einem gleichen Gewicht von ? [astronomical
symbol for Jupiter] (Zinn), reibe sie mit 10 Unzen Sublimat zusammen,
lasse dies in der Zelle (Retorte?) 4 Tage lang auf einer Marmorplatte
sich auflsen, bis es wie Olivenl wird, destilliere dies ber
Strohfeuer, bis es zu einer trockenen Substanz wird. Durch
Wiederholung dieser Auflsung und Destillation werden mit der Zeit
verschiedene kleine Atome sich ablsen, die, wenn sie in ein Glas
gebracht werden, eine perpetuierliche Bewegung haben werden.

Wilkins selbst verhlt sich sehr skeptisch zu dem mitgeteilten Rezept:
Dinge, die auf eine solche gewaltttige Art bewerkstelligt werden,
wie diese Ingredentien, haben nicht den Anschein, da sie nach soviel
Vernderungen und Destillationen von Dauer sein knnten, denn je mehr
etwas ber seine gewhnliche Natur hinausgestreckt wird, desto weniger
kann es andauern. Heftigkeit und Perpetuierlichkeit passen gewi nicht
zueinander, meint Wilkins.

Dieser Bericht ist in doppelter Hinsicht fr uns interessant: erstens
durch den Namen des Paracelsus und dann durch die Methode, nach der
hier operiert wird.

Mit dem Namen Paracelsus verbindet man gewhnlich Vorstellungen, die
fr die dunkelste Epoche der mittelalterlichen Wissenschaft
charakteristisch sind. Der ebenso berchtigte wie berhmte Arzt und
Alchemiker Theophrastus Bombastus Paracelsus ab Hohenheim (1493-1541)
ist eine der markantesten Persnlichkeiten des 16. Jahrhunderts. In
ihm paart sich zugleich ein heller Geist mit dem grbsten Aberglauben.
Seine Schriften, die oft sehr dunkel sind, bilden ein Konglomerat von
einigen genialen Gedanken und einem Wust von kabbalistem Hokuspokus.
Man wei heute, da Paracelsus groe Verdienste um die Medizin hatte;
er erkannte als erster die chemische Wirkung der Arzeneien auf den
Organismus (Iatrochemie) und darf somit der Ahne der modernen
Pharmakologie genannt werden; auch fhrte er die Sektion in das
Studium der Anatomie ein. Aber zugleich ist er Alchemist, er glaubt an
die Mglichkeit des Steins der Weisen und gibt ein Rezept an, wie man
den Homunkulus, den in der Retorte zu erzeugenden Menschen, herstellen
knne.

Ob Paracelsus sich auch mit der Frage des Perpetuum mobile beschftigt
hat ist nicht festgestellt. In Paracelsus' Werken hat Verf. das
angefhrte Rezept nicht finden knnen, aber gerade dem Paracelsus
werden durch die Jahrhunderte hindurch mehr Werke zugeschrieben, als
er htte in seinem ganzen Leben schreiben knnen. (Sudhoff)[6] hat in
einem zweibndigen Buche festgestellt, wieviel Werke Paracelsus
flschlich zugeschrieben wurden. Und es ist wiederum charakteristisch
fr die Legendenbildung des Perpetuum mobile, da jenes Rezept unter
der Flagge des Paracelsus von einem Autor zum andern bergeht, von
Bischof Wilkins im Jahre 1648 bis auf einen populrwissenschaftlichen
Artikel unserer Tage (Walter von Molo in Velhagen und Klasings
Monatsheften, November 1913), ohne da die Richtigkeit des Zitats
nachgeprft worden wre.

Was die Methode betrifft, nach der das Rezept verfhrt, so hat es
nichts mit der Chemie im heutigen, exakten Sinne zu tun. Wollten wir
heute im Laboratorium die Manipulationen genau nachmachen, so wrde
alles andere eher als eine perpetuierliche Bewegung erhalten. Das
Rezept, das Wilkins bringt, mu seinerzeit sehr bekannt gewesen sein,
denn, unter gewissen kleinen Abnderungen finden wir es auch bei
Kaspar Schott als Mobile perpetuum chymico-hydraulicum geschildert.

Das Perpetuum mobile gehrte zum Programm der Alchemie ebenso wie der
Stein der Weisen und das Lebenselexier. J. J. Becher, ein Autor des
17. Jahrhunderts zhlt 8 Probleme auf, die die Philosophie (will
sagen, die Wissenschaft) seiner Zeit beschftigten: 1. Den Lapis
philosophorum, 2. das Liquor Alcahest, 3. das Glas weich zu machen, 4.
das ewige Licht, 5. die Linie hyperbolae in einem Brennpunkt, 6. die
Longitudo zur See, 7. die Quadratur des Zirkels und 8. das Perpetuum
mobile.

Das Perpetuum mobile hat all die brigen aufgezhlten Probleme
berlebt. Auch Geister, die sonst von alchemistischen Vorstellungen
frei und in mancher Hinsicht ihrer Zeit weit voraus waren, konnten
sich vom Vorurteil der perpetuierlichen Bewegung nicht freihalten.
Ein frappantes Beispiel dafr liefert ein Name, wie Robert Boyle.

[Footnote 6: K. Sudhoff: Versuch einer Kritik der Echtheit der
Paracelsischen Schriften. 8. Berlin 1894.]

Bei dem Namen Boyle (1627-1691) denkt man vor allem an jenes Gesetz
aus der Theorie der Gase, das wir als Boyle-Mariottesches Gesetz der
Ausdehnung der Gase kennen. Boyle lernte durch ein Werk Kaspar
Schotts die Versuche Guerickes kennen, wiederholte sie und stellte
selbst eine Luftpumpe her. Die augenscheinlichen Beweise der
gasartigen Natur der Luft, die sich daraus ergaben, konnten die
Anhnger der alten Physik doch nicht davon berzeugen, da eine so
dnne und nach allen Seiten nachgebende Substanz wie die Luft das
Quecksilber in der Barometerrhre in die Hhe treiben knne. Ein
scholastischer Physiker stellte schlielich die Behauptung auf, da
das Quecksilber sich mit unsichtbaren Fden an dem oberen Rand der
Barometerrhre festhalte, und wollte sogar diese Fden gefhlt haben,
als er die Rhre mit dem Finger verschlo. Boyles aerostatische
Arbeiten verhalfen im hohen Mae den neuen, noch heute geltenden
Anschauungen der Physik zum Siege.

In der Naturphilosophie war Boyle Anhnger des Bacon von Verulam, der
durch das Hervorheben der induktiven Methode gegen die alte deduktive
viel zum Sturz der scholastischen Naturwissenschaft beigetragen hat.
Boyles Verdienst ist, zur Zeit der allgemeinen Reaktion ein geradezu
exakter Forscher gewesen zu sein. Er erklrt sich auch gegen die
Alchemie; und so mu es doppelt verwunderlich erscheinen, wenn wir bei
ihm folgendes lesen. Wir nehmen uns das Vergngen, den Wortlaut des
alten englischen Autors zu verdeutschen.

Ein ausgezeichneter Lehrer der Mathematik hatte eine neue
Feuermaschine erfunden und die Erlaubnis erhalten, dieselbe seiner
Majestt dem Knig vorzuzeigen. Dabei stellte er ein Gemenge von
verschiedenen Ingredienzien in einem irdenen Topfe ber glhende
Kohlen. Da fing die Mischung Feuer, so da er sie so hastig wie
mglich lschen mute. Er nahm das Gef vom Feuer und als die
Mischung wieder erkaltet war, sah er nach derselben, um zu ermitteln,
was von ihr noch brig geblieben sei. Er war aber nicht wenig
erstaunt, als er sah, da die briggebliebene Flssigkeit sich lebhaft
bewegte. Er stellte sie noch einmal zur Seite, damit sie vllig
erkalte. Als er nach einigen Stunden wieder nachsah, fand er, da sie
wie vorher in Bewegung war. Er warf dann eine Menge Smereien darauf,
um zu sehen, ob die Flssigkeit die Bewegung auf sie bertragen wrde.
Aber der teerartige Teil der Flssigkeit verband sich mit den
Smereien und bildete einen dicken Schaum, der sich auf der Oberflche
ausbreitete; dazwischen konnte man jedoch sehen, wie sich die
Flssigkeit fortwhrend bewegte.

Zwei Tage spter, als der Erfinder mit mir von seiner Feuermaschine
sprach, erzhlte er auch von diesem seltsamen Fall. Als ich ihn
fragte, ob die Bewegung noch fortdauerte, antwortete er bejahend, und
da wurde meine Neugier so gro, da, obwohl es bereits dunkle Nacht
und schlechtes Wetter war, ich bat, mir den Topf, wie er war, holen zu
lassen. Ich wollte mich einerseits des Vorkommnisses vergewissern und
andererseits versuchen, mit denselben Ingredienzien, die er mir
aufzhlte, denselben Erfolg zu erzielen.

Nachdem das Gef angekommen war, zeigte die darin enthaltene
Flssigkeit, obwohl sie infolge des etwas zu hastigen Transports
ziemlich durcheinander geschttelt war, die Anzeichen derselben
Bewegung, wie sie mir der Erfinder beschrieben hatte. Derselbe war
auch geneigt, sie mir zu berlassen, und so lie ich sie in mein
Laboratorium setzen, wo einige fen die Luft bestndig warm erhielten.
Hier, ebenso wie an anderen Orten sah ich von Zeit zu Zeit nach der
Flssigkeit, hie und da den Schaum abnehmend, der in dicker Schicht
die Oberflche bedeckte; dabei hatte ich Gelegenheit, verschiedene
Phnome zu beobachten, von denen die folgenden die wichtigsten sind:

1. Ich beobachtete, da die Bewegung der Flssigkeit nicht nur heftig,
sondern auch wechselnd war; als ich einen Teil der Schaumes vom Reste
abgelst hatte, wurde eine Hlfte davon im Nu nach rechts gezogen,
whrend die andere zu gleicher Zeit nach links ging.

2. Wo die Flssigkeit aus dem Schaum herausquoll, schien sie sich am
lebhaftesten, wie ein Strom zu bewegen, der vorwrts getrieben wird,
aber durch ein ihm im Wege stehendes Hindernis zurckflieen mu.

3. Einige Bewegungen dieser Flssigkeit konnten besser beobachtet
werden, denn obwohl sie dunkel war, erschien sie ungleichfrmig. Sie
bestand teilweise aus ligen und teerigen Bestandteilen, die zwar mit
dem brigen Teil der Flssigkeit dieselbe Oberflche hatten, aber
durch Farben und ihre Heftigkeit das Licht reflektierten und sich
leicht genug vom brigen Teil unterscheiden lieen. Ich bemerkte oft,
da einige der klebrigen Teile der Substanz, wenn sie an die
Oberflche stiegen, obwohl sie anfangs kaum grer als ein
Stecknadelkopf schienen, bei ihrer Fortbewegung, ringsum auseinander
gingen und dann einen groen Hof um sich bildeten, der die Farben des
Regenbogens hatte und ein amsantes und zuerst berraschendes
Schauspiel boten. Diese phantastischen Erscheinungen folgten manchmal
so rasch aufeinander und blieben so lange sichtbar, bis sie wieder
unter dem dicken Schaume verschwanden.

4. Die Bewegungen dieser seltsamen Flssigkeit waren nicht nur
abwechselnd, sondern zuweilen auch wirbelnd. Um mich davon zu
berzeugen, warf ich manchmal kleine stckchen Stroh oder Teilchen
irgendeines anderen leichten Stoffes auf die Oberflche, wodurch diese
auch jedesmal gleich nach der anderen Seite des Gefes geschleudert
wurden. Um diese Wirbelbewegung sichtbar zu machen, lste ich manchmal
ziemlich groe Portionen Schaum vom brigen Teil und hatte das
Vergngen, ihn in allmhlich sich bildenden Schlangenlinien und durch
eine Bewegung seiner mittleren Teile sich rhren zu sehen. All dies
geschah, whrend die Flssigkeit sich ganz kalt anfhlte.

5. Um zu sehen, ob das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein der Luft
auf die Flssigkeit eine Wirkung ausbe, lie ich mehrere Lffel davon
mit etwas Schaum darauf in ein zylindrisches Glas tun, das ziemlich
gro war und einen etwa daumengroen Hals hatte, so da es sich mit
einem Kork gut verstopfen lie. Als ich nun auf diese Art die freie
Luft verhindert hatte, in eine volle und unmittelbare Berhrung mit
der ganzen Oberflche der Mischung zu kommen, wie es frher der Fall
gewesen war, konnte ich keine Hin- und Herbewegung der Flssigkeit
beobachten, selbst nicht wenn ich das Gef offen lie. Wenn ich aber
ein wenig von der Flssigkeit in ein sehr flaches und weites Gef
go, bewegte sie sich wieder ebenso lebhaft und verschiedenartig, wie
im groen irdenen Topf (der dieselbe Form hatte) und zuweilen lebhaft
und sich von selbst ausdehnende Kreise zeigte wie unter Nummer 3. Und
diese Kreise boten durch ihre Feinheit sowie die Schnelligkeit, mit
der sie aufeinander folgten, ein ergtzliches Schauspiel, solange ich
dastand, um die Flssigkeit zu beobachten.

6. Obwohl die Bewegungen der erwhnten Flssigkeit immer fortdauerten,
so schienen sie einigermaen unter dem Einflu der Witterung zu
stehen, wenn sie auch immer sehr lebhaft waren, ob es warm oder kalt
war; ebenso bewegte sie sich sowohl bei Kerzen- wie bei Tageslichte.
Als ich mich nicht wohl fhlte und nicht selbst danach sehen konnte,
beauftragte ich einen anderen um 10 Uhr nachts nachzusehen; und mir
wurde stets die Nachricht gebracht, da die Flssigkeit sich in bisher
beobachteter Weise weiter bewege. Und so hat sie sich 10 Tage in
Bewegung erhalten, und wie lange sie sich noch immer bewegen wird,
wird die Zeit zeigen usw. usw. . . .

Der Bericht endet damit, da der Topf eines Tages . . . zerbricht und
dem Phnomen, das so ausfhrlich hier beschrieben ist, ein Ende
macht. Der einzige Umstand, der diesen ganzen Bericht wissenschaftlich
wertvoll machen knnte, wre, zu erfahren, was das fr Ingredienzien
waren, die sich so hartnckig bewegten. Aber darber gerade sagt der
Autor nichts. Und so ist auch dieser Beitrag zur Frage des ewigen
Bewegens ebenso unklar und innerlich wertlos wie die anderen Berichte
aus jener Zeit -- trotzdem ein Forscher wie Robert Boyle sein
Verfasser ist. Boyle schildert eine Reaktion, die langsam und unter
stndiger Energieentwicklung verluft. Solche Reaktionen kennt die
Chemie. Jedoch beschreibt Boyle nur die ueren Symptome der Reaktion,
nicht aber die Reaktion selbst.

Im allgemeinen geht der Versuch, ein chemisches Perpetuum mobile
herzustellen, auf den Versuch hinaus, eine Reaktion zu finden, die
Analyse und Synthese zugleich ist. Eine solche Reaktion wurde nie
gefunden und kann, wie es in der Natur der Sache liegt, auch nie
gefunden werden.




10. Das Perpetuum mobile der Mystiker.

Die Versuche, eine perpetuierliche Bewegung durch chemische
Experimente herzustellen, sind so eng mit den Begriffen und
Vorstellungen der Alchemie verknpft, da es schwer ist, die einen von
der anderen zu trennen.

Die Alchemie ist bekanntlich nicht immer auf dem Boden des Experiments
und des Versuches geblieben. Im Laufe ihrer Entwicklung hat sie sich
vielfach mit Elementen der Mystik verquickt, die die hermetische
Kunst aus dem Gebiete der Praxis heraushebt und sie zum Mittelpunkt
einer Weltanschauung macht. Es ist also notwendig, auch unter diesem
Gesichtswinkel das Perpetuum mobile anzusehen und seine Beziehungen
zur Mystik zu untersuchen.

In der Geschichte Europas bezeichnet man gewhnlich mit Mystik jene
Richtung des religisen Lebens, die ihre Ausprgung im Gegensatz zu
der scholastischen Theologie des Mittelalters gefunden hat. Aber schon
ein Jahrtausend frher, in der alexandrinischen Philosophie (gegen 200
n. Chr.) sieht man Elemente orientalischen Gefhlslebens auftauchen,
die den Spekulationen der folgenden Jahrhunderte eine eigentmliche
Frbung verliehen haben. Das System jener Philosophen, die man
Neoplatoniker nennt, ist ganz auf den Ergebnissen der inneren
Anschauung (Extase) gegrndet, ohne jeden Anspruch auf Naturerkenntnis.
Es wird nicht nur unsere Unkenntnis der ueren Welt anerkannt,
sondern es wird auf die Mglichkeit, sie je zu erkennen, von
vorneherein verzichtet. Ob die Fixsterne fest am Himmel stehen oder
frei in der Luft schwimmen, von welcher Form und Masse der Himmel ist,
wie gro die Erde sein mag und auf welche Art sie aufgehngt oder im
Gleichgewicht gehalten wird -- ber solche Dinge zu forschen und zu
disputieren ist dasselbe, als wenn wir ber eine Stadt in fernem Lande
sprechen und streiten wollten, von der niemand mehr als den Namen
gehrt hat, sagt der Neoplatoniker =Lactantius=.

Mit diesem Verzicht auf die Erforschung der ueren Welt hrte man
auf, die Sinneserscheinungen aus der gewhnlichen Verbindung von
Ursache und Wirkung abzuleiten. Im Gegenteil, man forschte nach dem
verborgenen Sinn der irdischen Ereignisse und man suchte die Erklrung
der Natur in gewissen Zustnden der Seele zu finden.

Die Welt des Sinnlichen und die des bersinnlichen sind fr den
Mystiker nicht zwei scharf getrennte Gebiete -- im Gegenteil, die
Mystik sucht diese Grenze mglichst zu vernichten und in der Natur
selbst bersinnliche Elemente zu finden. Die erste Folge einer solchen
Naturbetrachtung ist die Verschmelzung von =Gott= und =Natur= --
dadurch ist alle Mystik mit Pantheismus verwandt. Das Suchen nach
bersinnlichen Beziehungen in den sinnlichen Wahrnehmungen der Natur
lt die Natur selbst gewissermaen zu einer Zeichensprache des
bersinnlichen verblassen, so erblickten die Mystiker des Mittelalters
nicht nur in einzelnen Fllen in der Welt eine Offenbarung des
Gttlichen, sondern sie faten die ganze Natur auf als fortdauernde
und allgemeine Offenbarung Gottes. Hand in Hand damit ging eine stark
ausgeprgte Symbolik. Die Objekte der Natur: Tiere, Pflanzen und
Mineralien sind nicht nur Wesen fr sich, sondern bedeuten irgendeine
Idee. Die sogenannte wissenschaftliche Literatur des Mittelalters
enthlt eine unerschpfliche Menge symbolischer und allegorischer
Beziehungen. Wie das Lamm und das Einhorn das Sinnbild Christi waren,
so galten der Drache, die Schlange und der Br als Symbole des
Teufels; ebenso bedeutet der Apfelbaum die Erbsnde oder die Olive die
gttliche Liebe. Die Symbolik der Steine ist noch ausfhrlicher: sie
geht vielfach in Alchemie ber. Jedes Mineral versinnbildet irgendeine
Eigenschaft (Jaspis -- Lebendigkeit, Saphir -- himmlische Reinheit,
Chrysopras -- Strenge usw.), und man sucht die objektive
Beschaffenheit der Dinge aus Beziehungen der Symbole zueinander
abzuleiten. Da das ganze System der Mystik auf ein Sprengen der
Grenzen des Sinnlichen gerichtet war und nur in einer Verknpfung mit
dem bersinnlichen die Wege zur Erkenntnis (Offenbarung) sah, so ergab
sich daraus eine Vermengung des irdisch wahrnehmbaren mit dem bildlich
erdachten. Die Philosophie selbst artet in eine Theosophie aus, die
Astronomie kann nicht mehr von der Astrologie geschieden werden, die
Alchemie hat nichts Gemeinsames mehr mit der Chemie, die Kunst der
Physik wird zur Magie.

Zum Kreis dieser Weltanschauung pat das Problem des Perpetuum mobile
von vornherein. Die Mystik, die an und fr sich die Erfahrung
verachtet, mute sich dieses Problems als ihres eigentlichen Kindes
annehmen. Die Erfahrung hatte ergeben, da sich durch keine irdische
Vorrichtung eine ewige Bewegung erzielen lie. Was tat's! Man glaubte
ja Mittel und Wege genug zu besitzen, um auerhalb der natrlichen
Mittel das zu erreichen, was jeder Erfahrung der Physik spottete.
Reichten die irdischen Krfte nicht aus, so sollten die himmlischen
helfen. Die Magie wute auch ein Rezept zur Herstellung eines
Perpetuum mobile. Ein solches Rezept wollen wir als Beispiel einem
Buche entnehmen, das betitelt ist: Magia Divina oder Grund-und
deutlicher Unterricht von den furnehmsten caballistischen
Kunst-Stcken. Von L. v. H. Anno 1745.

Wie ein Perpetuum mobile naturae zu machen, heit das kuriose
Kapitel.

Sehe[7] zu da du in denen zwlff Nchten nach Weynachten Dufft von
tragbaren Bumen so viel bekommest, da es eine halbe oder gantze Ma
Wasser gebe. Dieses hebe wohl verwahret auf. Im Martio fange auch von
tragbaren Bumen, oder den Frchten im Feld Nebel Wasser, das im Majo
colligiret hat auf den Wiesen, und so bald ein Donner-Wetter mit Regen
kommt, nehme auch davon. Giee von jedem dieser vier Wassern in eine
schne groe weisse Phiol ein halb oder gantze Maa zusammen. Setze
das Gla mit einem blinden Helm verwahret, oder sonsten wohl lutiriert
einen Monath lange in Petrufaction. Hiernach bringe es in zweyten Grad
des Feuers, setze einen Helm darauf und destilliere alles bis auf
Honig dicken Safft herber und nicht mehr da es nicht verbrenne,
sonsten wre alles verdorben. Das berdestillierte rectificiere da
nur eine Ma spirituentes Wasser bleibe, und die hebe auf. Zu der
Remanenz in der Phiol thue von der Astralischen Tinctur ehe sie mit
dem Gold versetzet wird, vier Grana, dann setze das Gla wohl
lutriert, wieder in den ersten Grad, so wird sich die Materie zusammen
begeben, zu einem dicken Kohl schwartzen Klumpen, und dieser wird sich
scheiden: Unten als eine Dinte, oben aber wie ein Nebel von vielerley
Farben und Gestalten erscheinen. Diese werden sich wieder verlieren,
und unten alles zu Wasser werden. Di Wasser wird alsdann anfangen zu
grnen, und werden sich grne Pltze zeigen, welche immer hin grer
werden, und zuletz Berge und luftige Felder erscheinen und das Wasser
wird alles nach und nach verschwinden.

[Footnote 7: Wir lassen die Orthographie des Originals erhalten.]

Wann du nun siehst, da kein Thau mehr aus der Erden aufsteiget, und
alles Gra und Blumen verwelcken wollen, so nimm obiges rectificiert
und asservirtes Wasser, und wenn dessen eine Maa ist, so thue ein
Quintlein von der Astralischen Tinctur hinein, und hiervon gie ein
Loth ins Gla und verwahre es feste mit einem Stopffel, so wird alles
wieder leben und wachsen. Wo du aber dieses nicht thtest, wrde sich
deine Materie im Gla entznden, und es in tausend Stcke zerschlagen,
und du, wenn du nahe und zugegen wrest, knntest leicht des Todes
seyn.

Wenn du nun angezeigter maen von deinem Menstruo in das Gla
gegossen, und es immer einen Monat im ersten Grad stehen gelassen
hast, so werden sich allerhand Geschirr, artig anzusehen, zeigen. Nach
verflossener Zeit giee wieder ein Loth von dem Liquore in das Gla,
vermache es fest, und la es ohnbewegt stehen, so wird sich anjetzo
die Erde spalten, und Wasser zeigen, in welchem es leben wird.
Nachgehends darffest du nur alle Monath etwas von dem Liquore
zugieen, bi es aufgebrauchet ist, darnach auch alles wieder
vergehet.

Mercke aber nchst diesem da, wenn du das Gla immer unbewegt stehen
lst, sich ein Dunst in die Hhe begiebt, welcher einen Schein wie die
Sonne von sich geben, und des Nachts wie der Mond und die Sterne
leuchten, auch wie diese 2 Lichter in der groen Welt ab- und zunehmen
wird. Und wenn es von aussen trb, regnerisch, windig ist, oder
Donner, Blitz, Schnee, Reiffe, Nebel, Thau, so werden sich gleichfalls
nach drey Monathen alle diese Dinge in dem Gla zeigen, und bi dein
Menstruum aufhrete, daurn. Hierin siehst du nun wie der Natur Geist
wrcket, was er vermag, es erhellet auch hieraus kenntlich die groe
Weiheit GOttes, was das Verbum Fiat seye: und wie GOtt in allen
Dingen zugegen: Du wirst nicht allein dieses, sondern auch weit
mehrere, als angezeiget worden sehen, und der Allmchtige Schpffer
dir offenbahren, wenn du ihn nur fr Augen und im Hertzen hast, auch
dieses groe Geheimni vor der bsen Welt verwahrest.

Man sieht, wohin das Problem des Perpetuum mobile allmhlich gefhrt
hat. Dieses Rezept hat schon mit dem abstrusen Ritual der Magie mehr
zu tun als mit der Physik. Es zeigt, welche Verschiebung der Begriffe
ein Problem im Laufe seiner Entwicklung erfhrt, und wie Fragen der
Naturwissenschaft mit Elementen des Aberglaubens verschmelzen.
Auffallend an diesem Dokument menschlichen Irrens ist ferner noch
eins: das Jahr, aus dem es stammt, -- 1745. Diese Zeit ist der letzte
Auslufer einer Epoche, da Wissenschaft und Mystik, Erkenntnis und
Aberglaube Hand in Hand gingen.

Aber auch das Problem des Perpetuum mobile in unserem Sinne finden wir
von anderen Mystikern behandelt. Da ist vor allem Robert =Fludd de
Fluctibus= (1574-1637) zu nennen. Der Englnder Fludd war ein
berhmter Arzt und Alchemist. Als Arzt war er Nachfolger des
Paracelsus; im System seines Denkens war er ein geistiger Schler des
Cornelius Agrippa, dessen Weltanschauung ganz auf kabbalistischen
Vorstellungen aufgebaut ist. Fludd glaubt an die Mglichkeit der
Metallwandlung, und identifiziert manchmal in der Symbolik des
christlichen Mystizismus den Stein der Weisen mit Christus. Aber
auffallend ist, da in der Frage des Perpetuum mobile Fludd sich sehr
skeptisch verhlt. Er schildert die Erfindung eines gewissen
Italieners, ein hydraulisches Perpetuum mobile vom Typ, wir es auf S.
28 bereits kennen gelernt haben. Fludd, der im allgemeinen von der
Schpfung aus nichts berzeugt ist, meint, die Maschine gehe in der
Praxis nicht. Die Werke von Fludd sind eine Mischung von praktisch
wichtigen Hinweisen und einer fr unsere Begriffe wirren Kabbalistik
(berhmt wurde die Polemik gegen Kepler wegen der Fluddschen
Sphrenmusik). So strubt er sich hier, er der Alchemist, eine
Maschine anzuerkennen, deren Unzulnglichkeit evident ist.

Eines der besonderen Kennzeichen der Mystik, so verschieden sie in
ihren Formen und uerungen auch sein mag, besteht darin, da sie in
der objektiven Natur und den Naturerscheinungen bestimmte Zeichen fr
eine freundliche oder feindliche Beziehung der Gottheit zum Menschen
sieht. Der Mystiker will in allem irgendeinen verborgenen Sinn finden,
aus dem er sein Handeln und moralisches Verhalten abzuleiten sucht.
Diese Anschauungsweise, die im gewhnlichen Leben oft in Aberglauben
ausartet, kommt aus einem besonderen Bedrfnis des Gefhls und ist
ganz unabhngig von den Fortschritten der exakten Forschung. Aus
diesem Grunde bestand die Mystik zu allen Zeiten und wird auch ewig
bestehen. Nur die Ziele und die uerungsmittel der Mystik ndern
sich; ihr Grundinhalt bleibt stets derselbe. Und so besteht zur Zeit
der drahtlosen Telegraphie und der Flugtechnik die Mystik ebenso fort
wie im Mittelalter. Selbst die Probleme sind vielfach erhalten
geblieben, und so soll es uns nicht wundern, wenn wir finden, da der
moderne Okkultist an die Mglichkeit des Perpetuum mobile ebenso
glaubt, wie der Mystiker der alten Zeit. Nur besteht ein Unterschied.
Der moderne Okkultist ist sich der Schwierigkeit bewut, seinen
Glauben mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft zu vereinigen.
Einerseits kennt er das Gesetz der Erhaltung der Energie, das eine
Arbeitsschpfung aus nichts ausschliet, andererseits aber knpft er
an die Tradition der mittelalterlichen Kabbalisten an, die glaubten,
da in der Natur inponderable Krfte (was soll sich der moderne
Physiker darunter vorstellen?) vorhanden seien, die der Mensch zu
seinem Nutzen verwerten knne.

In den Schriften der modernen Theosophen und Okkultisten findet man
noch bis heute das Perpetuum mobile behandelt. Wenn wir z. B. das
Jahrbuch des franzsischen Okkultismus fr das Jahr 1908
aufschlagen, so finden wir darin eine Stelle, wie: Ampre verdanken
wir eine Hypothese der magnetischen Erdstrme, schreibt Pierre
=Piobb= (brigens, der bersetzer von Fludd ins Franzsische). Wir
brauchen nur diese Strme durch irgendwelche Mittel zu bannen, und wir
htten das Problem des Perpetuum mobile gelst, mit einer leichten
Vernderung: wir wrden zwar keine Kraft ohne Aufwand schpfen, aber
wir wrden zumindest einem unversiegbaren Vorrat ohne Mhe immer neue
Energie entlehnen knnen. Das wre wenn nicht eine perpetuierliche, so
doch eine unentgeltliche (gratuit) Bewegung.

Die physikalische Anschauung, die sich hier so vag uert,
charakterisiert den Stand der Frage: die moderne Wissenschaft mu und
soll die Frage beantworten, die von der alten kabbalistischen
Wissenschaft aufgestellt worden ist.

So erfhrt das Perpetuum mobile der Mystiker seine Fortsetzung in den
modernen okkultistischen Strmungen. Das alte Problem bleibt hier
unantastbar: es gehrt zur berlieferung. Zu gleicher Zeit sorgen die
vielen Mitlufer all dieser Sekten, sehr oft Personen, bei denen sich
Sinn und Unsinn zu einem konfusen Ganzen verschmilzt, dafr, da die
Frage nichts von ihrem Nimbus verliert. berlieferung und Aberglaube,
Halbbildung und das Bedrfnis nach dem Wunder auf Erden, Opposition
gegen die herrschende Meinung und Dnkel, Gewinnsucht und reiner
Idealismus -- all das trgt mit dazu bei, da die alte Frage des
Perpetuum mobile immer wieder von neuem aufgebauscht wird und unter
neuer Form immer wieder aufersteht, wenn man sie schon tot glaubt.




11. Perpetuum mobile mit Hilfe der Kapillaritt und hnlicher
Erscheinungen.

Wir haben bis jetzt die Hauptversuche geschildert, durch die man ein
Perpetuum mobile durch rein mechanische, magnetische, hydraulische und
schlielich chemische Hilfsmittel zu konstruieren erhoffte. Alle diese
Mittel versagten. Aber die Geschichte des Perpetuum mobile umfat
einen zu groen Zeitraum, und diese Frage hat zu sehr die Menschheit
beschftigt als da irgendein Mittel zu diesem Zwecke unversucht
geblieben wre.

Die Schwierigkeit, mit der die Perpetuum-mobile-Konstrukteure auf
mechanischer Grundlage zu kmpfen hatten, bestand (nach ihrer eigenen
Auffassung) darin, da ein Gewicht (oder Flssigkeit) von selbst von
einem hheren Niveau auf ein niedriges kommt, nicht aber umgekehrt.
Nun gibt es aber in der Natur gewisse Erscheinungen, die eine Ausnahme
von diesem Gesetz zu bilden scheinen. Um eine Flssigkeit ber ihren
gewhnlichen Spiegel zu bringen, gengt eine so einfache Vorrichtung
wie der =Heber=.

Einen Heber (oder Siphon) nennt man bekanntlich eine gebogene enge
Rhre mit zwei ungleichen Schenkeln. Taucht man den krzeren Schenkel
in eine Flssigkeit, so steigt diese bis zum Knick der Rhre und
fliet schlielich aus dem lngeren Schenkel aus. Diese Erscheinung
benutzt man gewhnlich um Flssigkeiten aus einem Gef in ein anderes
berflieen zu lassen.

Diese Kraft des Hebers war schon dem =Heron= von Alexandrien (gegen
150 v. Chr.) bekannt. Porta (S. 36) glaubte, man knnte diese Kraft
dazu verwenden, um durch Heber das Wasser ber Berge zu leiten. Dazu
brauchte man, glaubte er, eine gebogene Rhre nur ber den Berg
hinwegzufhren und diese an beiden Enden, ebenso wie an der hchsten
Stelle, mit Hhnen zu versehen. Das Wasser wrde von selbst an der
einen Seite steigen und an der anderen ausflieen.

[Illustration: Abb. 19.]

Dieses phantastische Projekt Portas zeugt davon, da man von der Kraft
des Hebers eine recht bertriebene Vorstellung hatte. Die Arbeit zum
Heben der Flssigkeit wird im Heber durch den Luftdruck besorgt: sie
wird geleistet durch den Niveauunterschied des Wasserspiegels gegen
die Mndung des lngeren Schenkels. Damit der Heber funktionieren
kann, darf der hchste Punkt der Rhre nicht hher liegen, als die
Hhe der Flssigkeitssule ausmacht, die den jeweiligen Luftdruck im
Gleichgewicht hlt. Fr Quecksilber darf also bei normalem Luftdruck
die ffnung hchstens 760 mm, fr Wasser 10 m ber dem Niveau liegen.

Von der falschen und bertriebenen Vorstellung ber die Wirkung der
Heber gingen nun die Bemhungen aus, einen Heber als Perpetuum mobile
einzurichten. Einen solchen Plan in seiner ganzen grotesken Gestalt
finden wir zuerst am Anfang des 17. Jahrhunderts.

Vittorio =Zonca, Stadtarchitekt zu Padua um 1600, beschreibt
folgendermaen, wie man Wasser mit perpetuierlicher Kraft heben
kann. _A_ (Abb. 19) ist ein zweischenkliges Rohr, _B_ eine ffnung im
hchsten Punkte, durch die das Rohr gefllt werden kann. _C_ ist die
Mndung des engen Rohrendes, _D_ die des weiten. Um zu zeigen, wie
sich der Autor die Funktion des Rohres dachte, wollen wir die
betreffende Stelle aus dem Italienischen bersetzen:

Man mu acht geben, da alles in Beziehung zu dem Rohre stehe, das,
wie man sieht, wir Siphon nennen und das man aus Kupfer, Leder oder
verpichtem Holz machen mu, so da an keiner Stelle, wo die Arbeit vor
sich geht, ein Luftzug durchdringen kann. Dann mu man das Rohr lang
genug machen, und zu beachten ist, da es in eine solche Form gebracht
werde, da, wie man sieht, alles in richtiger Proportion zu dem groen
Schenkel steht, der die Kraft haben mu zu saugen und zu ziehen, wie
man sieht, dadurch, da das Instrument zum erstenmal gefllt wird,
wenn oben eine ffnung gemacht ist, die mit Wasser gefllt wird; wenn
zuerst die beiden ffnungen unten gut geschlossen gehalten werden, so
wird es ausgezeichnet von oben drcken. Darauf ffnet man halb die
beiden unteren ffnungen, die so angebracht sind, da das Wasser
unmittelbar da einstrmt, wo es zu arbeiten hat, und jene ffnung, die
es hebt, mag dort angebracht sein, wo sie es vom Turm bekommt, damit
die Bewegung mit einem Sto vor sich gehe. Und diese ffnung wird, wie
man sieht, arbeiten, indem die Bewegung dieses Instruments die Gewalt
verursacht, die sich im dicken Schenkel kundtut; und dies wird mehr
Kraft haben und wird ziehen, was durch den schmleren Schenkel
eintreten wird.

Die Vorrichtung sollte also in der Weise funktionieren, da das Wasser
im engen Rohr (durch Saugen) steigt und aus dem weiten wieder
hinaustritt. Auf dem Wege von diesem zum engen Rohr treibt das Wasser
(Abb. 19) eine Mhle an.

Dieselbe Vorrichtung finden wir auch bei dem bereits zitierten
Mechaniker Jakob Leupold beschrieben unter dem Titel Wie eine Mhle
durch ein Siphonem zu treiben. Leupold macht dazu die Bemerkung: Wer
aber aus der Mechanico Elementari gelernt, da das Wasser nicht nach
seiner Menge, sondern nach seiner Hhe und ffnung drckt, wird gar
bald sehen, da es Betrug sei.

Die wunderttige Wirkung, die in der Beschreibung Zoncas dem Saugrohr
(Siphon) zugeschrieben wird, entspricht ganz der Auffassung der Zeit,
da die Funktion der Pumpe durch das horror vacui erklrt wurde. Zonca
ist so zu verstehen, da durch den Atmosphrendruck das Wasser in dem
engen Rohr steigt und aus dem weiten ausfliet; das Wasser msse aber
kontinuierlich nachkommen, denn sonst wrde sich in der Mitte zwischen
beiden Rhren ein Vakuum bilden, was nach den damaligen Vorstellungen
unmglich schien. Bekanntlich hat sogar Galilei noch an der Anschauung
von der Furcht der Natur vor dem leeren Raume festgehalten. Er
machte die Einschrnkung, da in einem Wasserrohr mit langem Saugrohr
das Wasser nicht hher als 10 m steige, weil das horror vacui seine
Grenze habe. Erst =Torricelli=, ein Schler Galileis erkannte das
Gesetz (1643), da die Flssigkeitssule im Barometer (der Name
Barometer wurde spter von Robert Boyle eingefhrt) dem
Atmosphrendruck entspreche. Aber wie frher das horror vacui so wurde
auch spter das Torricellische Gesetz zur Grundlage von
Perpetuum-mobile-Projekten. Denis =Papin=, der Erfinder des
Dampfkessels (1647-1714) wendet sich z. B. gegen einen solchen Plan.

[Illustration: Abb. 20.]

Die Idee, da man durch die Wirkung des Hebers eine perpetuierliche
Bewegung einer Flssigkeit erreichen knne, wurde von Physikern auch
in vernnftigerer Form als bei Zonca vertreten. George =Sinclair=, ein
Autor des 17. Jahrhunderts, unternimmt es sogar, die Mglichkeit eines
solchen Perpetuum mobile theoretisch zu beweisen. Sein Grundgedanke
ist: Durch einen Heber (Abb. 20) lt man Wasser, oder eine andere
Flssigkeit, vom Gef _A_ ins Gef _B_ abflieen. Wenn nun eine
andere Rhre das Wasser wieder von _B_ nach _A_ bringt, hat man ein
Perpetuum mobile. Da das Schwergewicht in diesem Zirkulus gerade auf
dem Zurckleiten des Wassers von B nach A, von niederem Niveau auf das
hhere beruht, wird hier vergessen.

Noch auffallender als im Heber ist das Steigen der Flssigkeiten in
engen Rhren (Haarrhren). Diese Erscheinung, die man Kapillaritt
nennt, mute also auch zur Grundlage von Perpetuum-mobile-Projekten
gemacht werden. Mit der Leichtglubigkeit, die auch die anderen
Berichte dieses Autors kennzeichnen, beschreibt Kaspar Schott ein
perpetuierliches Stundenglas, dessen Konstruktion auf der
Kapillaritt beruht.

Dieses Horarium hydraulicum sollte gegen 1640 von einem gewissen =A.
Martin= erfunden worden sein. Es besteht (Abb. 21) im wesentlichen
aus zwei kommunizierenden Bassins _A_ und _G_. _A_ ist vollkommen
luftdicht abgeschlossen. In _A_ ragt ein Trichter _N_, durch den _A_
mit Wasser gefllt werden kann. Durch die Rhre _HI_ fliet das Wasser
aus _G_ in den unteren Teil von _A_, whrend eine Haarrhre _CD_ dafr
sorgt, da das Wasser von _A_ in den oberen Teil von _G_
zurckgebracht werde. Von hier fliet das Wasser durch eine Rhre auf
ein oberschlchtiges Rad, das durch einen Hebel _L_ und ein Gewicht
_X_ reguliert wird. Bei _X_ befindet sich ein Uhrwerk, das durch das
Rad angetrieben wird. Durch die Bewegung des Wassers bewegt sich das
Rad von selbst, und somit htten wir in dieser Vorrichtung eine Uhr,
die nie aufgezogen zu werden braucht, so lange sich in _A_ Wasser
befindet.

[Illustration: Abb. 21.]

Abgesehen davon, da dieser Plan auf einer falschen Auffassung der
Arbeit beruht, sehen wir hier dieselbe bertriebene Vorstellung von
der Wirkungsfhigkeit der Kapillarrhre, wie im Fall des Hebers. Die
Erscheinungen der Kapillaritt beruhen bekanntlich auf dem Unterschied
der molekularen Anziehung zwischen den Flssigkeitsteilchen unter sich
(Kohsion) und der zwischen den Teilchen der Flssigkeit und denen der
festen Wand (Adhsion). Je nach der Mittelkraft aus Adhsion und
Kohsion steht die Flssigkeit am Rande des Gefes hher oder tiefer
als in deren Mitte. Im allgemeinen aber hat die Hebung der Flssigkeit
ziemlich nahe Grenzen: die Flssigkeit wird so hoch gehoben, bis der
hydrostatische Druck der gehobenen Sule den nach oben gerichteten
Kapillardruck im Gleichgewicht hlt. In einer Glasrhre von 1 mm
Durchmesser steigt Wasser um 30, Alkohol um 12, ther um 10 mm.

[Illustration: Abb. 22.]

Eine Erscheinung, die mit der Kapillaritt verwandt ist und wie diese
auch Veranlassung zu Perpetuum-mobile-Projekten gegeben hat, ist die
Osmose. Unter =Osmose= versteht man im allgemeinen den gegenseitigen
Austausch zweier Flssigkeiten durch eine porse Scheidewand. Wird in
ein verkorktes Glasgef durch den durchbohrten Kork eine Glasrhre
gesteckt, die z. B. mit gefrbtem Weingeist gefllt und deren unteres
Ende mit einer Schweinsblase abgebunden ist, so steigt nach einiger
Zeit der Weingeist in der Rhre und fliet schlielich oben aus, --
selbst wenn die Rhre 40-50 cm hoch ist. Es ist dabei 1. Weingeist zu
dem Wasser getreten, was man an der Frbung der Flssigkeit im Gef
erkennt, und 2. entgegen der Schwerkraft Wasser durch die Blase zum
Weingeist hinzugekommen. Das Steigen der Flssigkeit in der Rhre
beweist, da mehr Wasser zum Weingeist als Weingeist zum Wasser
hinzugetreten ist. Ersetzt man die Schweinsblase durch eine
Kautschukmembran, so ist das Entgegengesetzte der Fall.

Es war kein geringerer als der groe Mathematiker Joh. =Bernoulli=
(1667-1748), Leibnizens eifriger Verfechter in dessen Streit gegen
Newton, der in den Erscheinungen der Osmose die Mglichkeit des
Perpetuum mobile sah. Er denkt sich zwei Flssigkeiten von
verschiedener Dichte, die sich im Gef _AC_ mischen knnen (Abb. 22).
Im Gefe steckt eine Rhre _EF_, deren untere Mndung durch eine
Membran geschlossen ist, die die leichtere Flssigkeit allein
durchlt. Die Dichten der Flssigkeiten stehen im Verhltnis _G_ :
_L_; Rhre und Gef sind von der Lnge, da _AC_ : _EF_ grer ist
als (_L + L_) : (_G + L_). Die leichtere Flssigkeit wird nun in der
Rhre steigen, den Rand erreichen, berflieen, wieder in das Gef
geraten usw. (Bernoulli, Opera omnia, T. I.)

Bernoulli meint, durch diese Erscheinung zeige die Natur selbst, da
ein Perpetuum mobile mglich sei. In dieser Erscheinung sieht er auch
den Grund davon, warum das Wasser aus der Tiefe des Ozeans auf die
Berge steigt und dann in Form von Flssen wieder in den Ozean fliet.
Das Meerwasser enthlt viel Salz, ist also schwerer als reines Wasser.
Die Erde wirkt als Filter, der nur das reine Wasser hindurchlt; die
salzigen Bestandteile bleiben zurck, das reine Wasser steigt hoch und
fllt dann wieder nieder.

Diese geologische Theorie beruht auf demselben Irrtum, wie das
geschilderte Perpetuum mobile: in Wirklichkeit wrde sich im
beschriebenen Fall (Abb. 22) sehr bald ein Ruhezustand herstellen,
welcher durch das Ausbalancieren der wirkenden Krfte bedingt ist.

Dieser Perpetuum-mobile-Plan mu wohl im 17. Jahrhundert sehr
verbreitet gewesen sein, denn wir finden ihn auch noch bei anderen
Autoren. Der franzsische Physiker =Haute-Feuille= (1647-1724) denkt
sich einen hnlichen, allerdings etwas komplizierteren Proze aus. In
dem Gef _AA_ (Abb. 23) befindet sich ein Gemisch von Weinstein und
Vitriol. Beim Vermischen dehnen sie sich unter Zischen aus und steigen
durch das Rohr _B_ in das Gef _D_, ohne aber in die gebogene Rhre
_CC_ hineinzukommen, denn die Klappen _G_ und _H_ ffnen sich von
innen nach auen; ebenso kann das Gemisch durch _B_ nicht zurck, weil
es durch den Druck die Klappe _I_ schliet. Wenn man nun voraussetzt,
da das Gemisch durch _E_ und _F_ filtriert wird, so da _E_ nur fr
Weinstein durchlssig ist, whrend _F_ lediglich Vitriol passieren
lt, so bekommt man in dem einen Schenkel _C_ Weinstein und im andern
Vitriol. Von hier flieen sie wieder in _A_, vermischen sich wieder,
und das Spiel beginnt von neuem.

Es ist wohl berflssig zu sagen, da auch in diesem Apparat sich bald
ein Gleichgewicht herstellen wrde. Abgesehen von der chemischen
Reaktion, die hier eintritt, ist also diese ganze Vorrichtung
unmglich.

[Illustration: Abb. 23.]




12. Automaten.


In der Geschichte des Perpetuum mobile haben verschiedene Momente
zugleich dafr gesorgt, das Interesse an dieser Phantasmagorie zu
erhalten. Neben dem praktischen Nutzen einerseits und dem
theoretischen Ideal andererseits gibt es noch ein drittes Moment, das
zur Lebensfhigkeit der Perpetuum-mobile-Idee viel beigetragen hat.
Das ist das Spielerische, das bei Projekten solcher Art mitredet. Das
Vergngen, das wir beim Betrachten eines komplizierten und leicht
funktionierenden Mechanismus empfinden, ist die Triebfeder von
mancherlei verzwickten Inventionen gewesen, wie das Schachspiel an und
fr sich ein =Spiel= ist, aber eins, das die hchste Anspannung des
Geistes verlangt, so bietet jede komplizierte Konstruktion einen Reiz
fr sich. Die Geschichte der Technik weist von ihren Anfngen an eine
Flle von Erfindungen auf, die mehr dem Spiele als dem praktischen
Nutzen dienen. Uralt ist die Geschichte der Automaten, d. h. der
Mechanismen, die durch irgendwelche verborgenen Kraftmittel in
Bewegung gebracht werden. Schon =Archytas= (400 J. v. Chr.) soll eine
hlzerne Taube erfunden haben, die flog, und mit den Flgeln
schlug[8]. Zahlreich sind die Berichte von Automaten im Mittelalter.
Die bedeutendsten Persnlichkeiten ihrer Zeit sollen sich mit
Herstellung von mechanischen Spielzeugen abgegeben haben. Von Albertus
Magnus wird erzhlt, da er einen Adler baute, der den Kaiser
Maximilian mit Kopfnicken und Flgelschlag begrte. Auch soll
Albertus =Magnus= einen automatischen Menschen (Androiden) hergestellt
haben, der die Eintretenden begrte und mit menschlicher Stimme
sprach. Diese Erfindungen brachten Albertus Magnus den Ruf eines
Zauberers und Magiers ein; der Android selbst soll von einem
Zeitgenossen aus Unwillen ber das Trugbild der menschlichen Gestalt
zerschlagen worden sein. hnliche Berichte hat man auch von anderen
bedeutenden Persnlichkeiten, so z. B. soll =Lionardo= einen Lwen
konstruiert haben, der Lilien spie, wedelte und sich zur Begrung des
Kaisers Franz I. zu dessen Fen legte.

In das Gebiet der Automaten und mechanischen Spielereien fllt
entschieden auch das Problem des Perpetuum mobile, so faten vielfach
die Perpetuum-mobile-Konstrukteure selbst ihre Aufgabe auf, und
beriefen sich auf ihre angeblichen groen Vorlufer, auf Archimedes
und die anderen Mechaniker des Altertums. Ein besonders beliebter
Typus von Automaten waren die Planetarien (schon Archimedes soll ein
solches Planetarium konstruiert haben), die durch verborgene
mechanische Vorrichtungen die Bewegung der Himmelskrper nachahmten.
Solche Planetarien wurden von den lteren Autoren oft mit dem Namen
Perpetuum mobile belegt, und darin ist wohl einer der Grnde zu
erblicken, da der Ursprung des Perpetuum mobile in frhere Zeiten
verlegt wird als es in Wahrheit nachzuweisen ist, und da Mnner als
Perpetuum-mobile-Erfinder genannt werden, die mit der Sache gar nichts
zu tun haben.

[Footnote 8: Dieser, wie alle hnlichen Berichte aus lngst
vergangenen Zeiten mssen natrlich mit grter Vorsicht aufgenommen
werden.]

Ein Planetarium war das Perpetuum mobile des hollndischen Physikers
Cornelius Drebbel (1572-1634), das seinerzeit viel Aufsehen erregte
und dem Erfinder selbst den Namen eines Alchemisten, Magiers und
Professors der Schwarzkunst einbrachte. Diesem selben Drebbel wurde
lange Zeit die Erfindung des Thermometers zugeschrieben. Er war
Ingenieur des Knigs von England, und widmete auch diesem Knig sein
Instrument, das die Form eines beweglichen Globus hatte und Tage,
Monate und Jahre anzeigte wie ein ewiger Kalender.

Bei Drebbel selbst befindet sich keine Beschreibung dieser Erfindung,
aber ein Freund Drebbels, Thomas Tymme, beschreibt sie sehr
ausfhrlich in einem Werke unter dem Titel: Ein philosophisches
Gesprch, worin das Geheimnis der Natur erschlossen und geffnet, und
die Ursache aller Bewegung in der Natur gezeigt wird, der Materie und
der Form nach, um des Menschen Geist von der Natur zu bernatrlichen
und himmlischen Dingen zu erheben: und wie alle Dinge in der Zahl Drei
existieren. Dabei die Erfindung eines knstlichen Perpetuum mobile,
vorgefhrt vor seiner Majestt dem Knig. Alles behandelt im Gesprch
zwischen Philadelph und Theophrast (englisch).

Im Apparat (Abb. 24) bedeutet _A_ die Erde, die Peripherie _C_ ist ein
hohles Kristallglas, das mit Wasser gefllt ist und Ebbe und Flut
anzeigt. Die kleine Kugel _B_ bedeutet den Mond in seinem monatlichen
Umlauf um die Erde.

Was uns an dieser Konstruktion am meisten interessieren wrde, die
=Ursache= der Bewegung der Teile wird bei der sehr ausfhrlichen
Beschreibung des Apparates sehr kurz abgetan. Es wird nur soviel
bemerkt, da die Ursache der Bewegung das Feuer ist, da das Feuer
das aktivste und mchtigste aller Elemente und die Ursache aller
Bewegung sei.

Eine andere Bedeutung als die der Kuriositt hat also die ganze
Beschreibung fr uns nicht. Drebbel wurden noch viele andere Wunder
der Mechanik nachgesagt: er soll durch Maschinen Regen, Donner und
Blitz hervorgezaubert und einen Flu im Nu zum Austrocknen gebracht
haben knnen. Drebbel reprsentiert berhaupt ein Gemisch von
wirklichen Kenntnissen und Marktschreierei --einen Typus, der in jener
Zeit sehr verbreitet war und viel zur Popularitt solcher Probleme wie
dem des Perpetuum mobile beigetragen hat. Am wahrscheinlichsten ist,
da Drebbels Erfindung ein geschickter Automat war, der durch einen
verborgenen Mechanismus angetrieben wurde. Um aber der Sache einen
greren Nimbus zu verleihen, wurde der Name Perpetuum mobile und
die nebelhafte Erklrung gebraucht.

[Illustration: Abb. 24.]

Automaten und mechanische Vorrichtungen, die mglichst lange ohne
sichtbare Kraftzufuhr von auen funktionieren, waren stets beim groen
Publikum beliebt. Eine besondere Vorliebe fr derartige Spielereien
hatte das 18. Jahrhundert. Es entsprach berhaupt dem Charakter des
Barock, ebenso wie spter dem des Rokoko, die Ergebnisse der
ernsthaften Wissenschaft ins Spielerische aufzulsen; die
Vervollkommnung der Uhren und Entdeckung neuer physikalischer
Tatsachen fhrte dieser Vorliebe neue Nahrung zu. Berhmt sind die
Automaten des Mechanikers Vaucanson (1709-1782): ein Fltenspieler,
der Flte blies und die Klappen des Instrumentes selbst bewegte, die
vielgenannte knstliche Ente, welche tauchte und den Hals bewegte,
schrie und schnatterte, Korn fra und sogar scheinbar verdaute.
Vaucansons Instrumente bildeten bekanntlich den Grundstock des Pariser
Museums des Arts et des Metiers.[9]

Diese und hnliche Automaten und mechanische Erfindungen genossen
groen Ruhm in den einflureichsten Gesellschaftskreisen der Zeit
(Uhrmacherei gehrte zu den Passionen des Revolutionsknigs Ludwig
XVI) und standen hoch im Preise. Das Ansehen der
Perpetuum-mobile-Erfinder wurde dadurch nur gesteigert.

Und so sehen wir im 18. Jahrhundert, besonders in dessen erster
Hlfte, eine Hochflut von Perpetuum-mobile-Projekten, die weder zu dem
Stand der damaligen Wissenschaft noch zu der Entwicklung der Idee
selbst in irgendeinem Verhltnis stehen. In diese Epoche fllt auch
die Geschichte jener Erfindung, die von allen Perpetuum-mobile-Plnen
am meisten die Aufmerksamkeit der Mit- und Nachwelt auf sich gelenkt
hat. Die Geschichte des sogenannten Rades von Cassel ist so sehr fr
die Frage des Perpetuum mobile charakteristisch und beleuchtet so
eigentmlich die Kultur einer gewissen Epoche, ist mit einem Worte
historisch wie menschlich so interessant, da es ntig ist, ihr ein
besonderes Kapitel zu widmen.

[Footnote 9: In diesem Museum befanden sich vor mehreren Jahren alte
Modelle von Perpetuum-mobile-Versuchen. Als d. Verf. den Konservator
des Museums nach dem Verbleib der verschwundenen Modelle fragte, bekam
sie die Antwort, die Modelle seien vernichtet worden, weil sie dem
Publikum bse Inspirationen einflten.]




13. Die Geschichte eines wissenschaftlichen Betruges.

Fr einen Betrug, eine Mystifikation groen Stils, wie die, die wir
jetzt schildern wollen, sind drei Bedingungen notwendig: ein passendes
Objekt, ein leichtglubiges Publikum und schlielich, die richtige
Persnlichkeit. Was das Objekt betrifft, so ist kein anderes derart
wie das Perpetuum mobile dazu geeignet, ein Werkzeug fr Betrgereien
zu werden. Ein Problem, das zur Grundlage einen Irrtum hat, eine
Phantasmagorie, deren trgerischer Schein immer neue Adepten an sich
lockt, ist groartig dazu angetan, zu Mibrauch und dunklen
Machinationen Anla zu geben. So lange dieses Problem nicht aus dem
Rahmen einer Fachfrage hinausging, konnte ein solcher Betrug sich
natrlich nur auf die Kreise der Gelehrtenwelt beschrnken. Aber dann
kam eine Epoche, da die Mode der mechanischen Spiele einen solchen
Betrug von selbst begnstigte. Das Publikum wollte amsiert werden und
verlangte Wunder, ohne sich viel darum zu kmmern, wie sie zustande
kamen. Die Leichtglubigkeit der Menschen ist unbegrenzt, wenn sich
nur eine geschickte Persnlichkeit findet, die sie an der Nase fhrt.
Das Problem des Perpetuum mobile fand diese Persnlichkeit in Ernst
Elias Beler Orffyreus.

Dieser Beler Orffyreus gehrt zu jenen Persnlichkeiten, deren Leben
ein Gemisch von Abenteuern und ernster Arbeit, Lge und Wahrheit,
Betrug und Aufrichtigkeit bietet. Als Sohn eines Landmanns 1680 in der
Nhe von Zittau geboren[10], zeigte er frh so hervorragende
Fhigkeiten, da er aufs Gymnasium gebracht wurde. Hier fiel er
besonders durch seine Begabung fr Mathematik und Mechanik auf. Kaum
der Schulbank entsprungen, beginnt er ein wechselvolles Dasein. Er
durchreist Bhmen, Mhren und sterreich und fristet sein Leben als
Uhrmacher, Maler, Drechsler, Glasblser, Windbchsenmacher,
Kupferstecher und sogar Astrologe. Einmal, als er am Verhungern ist,
sucht er Zuflucht in einem Kloster; ein anderes Mal --im kaiserlichen
Heere; weder hier noch dort bleibt er lange. Eines Tages rettet er
einem Alchemisten das Leben und verschafft sich dann mit Hilfe der
Alchemie, die der Gerettete ihn lehrt, fr eine Zeitlang Ruhm und Geld
und Zutritt in die bessere Gesellschaft. Zu dieser Zeit fgt er zu
seinem schlichten Namen Beler den wohlklingenden Orffyreus hinzu.

Wie in diesem unsteten Kopf die Idee des Perpetuum mobile Boden gefat
hat, ist nicht schwer zu verstehen. Die Veranlagung zur Mechanik hatte
er von Kindheit an. Die Anregung aber zu dem Plan mochte vielleicht
der sich selbst bewegende Bratenwender gegeben haben, den er zuerst im
Kloster sah. Solche (Heiluft-)Bratenwender, die durch die Hitze des
Herdes angetrieben werden, waren zu jener Zeit sehr verbreitet. Aber
zu dem Interesse an dem Problem mag auch seine Beschftigung mit der
Alchemie einiges beigetragen haben. Das sieht man daran, wie Orffyreus
ans Werk ging. Whrend er bei einem Orgelbauer in die Lehre trat und
sich von Tischlern und Schlossern praktische Winke geben lie, setzte
er sich mit einem Jesuiten und einem Rabbiner in Verbindung, um sich
in die Geheimlehre der Kabbala einweihen zu lassen. Er lernte dazu
sogar hebrisch.

[Footnote 10: Als Material zu den biographischen Daten des Orffyreus
diente: Blau, Geheime Geschichten und rtselhafte Menschen, Band III.
12. Leipzig 1850-1862.]

Pekunire Sorgen reien ihn fortwhrend von seiner Arbeit fort und
zwingen ihn, in der Ferne seinen Lebensunterhalt zu suchen. Er fhrt
bald ein Leben voller berflu, bald leidet er Mangel und Entbehrung.
Seine Haupteinnahme bilden Quacksalbereien. Das Kurieren bringt ihm
auch Frau und Wohlstand: in Annaberg kuriert er die Tochter des
dortigen Stadtphysikus und Brgermeisters Schumann und erhlt die Hand
der genesenen Patientin. Zu Geld gekommen, widmet er sich ganz seinem
Lieblingsplane und konstruiert sein erstes Perpetuum-mobile-Modell.
Das Modell war klein und erregte im allgemeinen kein Aufsehen. Die
einen schttelten den Kopf darber, die anderen gaben rhmende
Zeugnisse ab, aber Orffyreus selbst war offenbar nicht sehr
befriedigt, denn er zerstrte bald sein Modell.

Erst 1715, als er nach Merseburg gezogen war, baute er eine grere
Maschine und fhrte sie einer Sachverstndigen-Kommission vor.
Obgleich Orffyreus ber die Merseburger Maschine einen Grndlichen
Bericht von dem glcklich inventierten Perpetuo ac per se mobili,
nebst dessen accurater Abbildung verffentlichte, so kann man sich
doch keinen Begriff von der Maschine selbst daraus bilden. Die
Meinungen der Augenzeugen sind auch nicht dazu angetan, unsere
Kenntnisse von der Erfindung zu bereichern. Christian Wagner, ein
Leipziger Advokat und Mathematiker behauptete, in der Maschine stecke
ein verborgener Bratenwender; der Maschinenmeister Andreas Grtner,
der zusammen mit dem seinerzeit berhmten Goldschmied Joh. Melchior
Dinglinger selbst an einem Perpetuum mobile gearbeitet hatte (dieser
selbe Grtner stellte spter ein Perpetuum mobile in Paris aus)
behauptete, die Orffyreussche Maschine werde durch einen Strick von
Menschenhand bewegt, auf dem Pasquill eines gewissen Borlach konnte
man auch das Rad vom Nebenzimmer aus gedreht sehen. Andere wieder
glaubten an die Erfindung, und der Uhrmacher Mahn erhob sogar einen
Priorittenstreit um diese Erfindung. Der Zulauf war gro, und damals
mag vielleicht Orffyreus auf den Gedanken gekommen sein, eine
Geldquelle darin zu suchen. Er lie an der Maschine eine Geldbchse
anbringen, deren Ertrag angeblich wohlttigen Zwecken gewidmet war.
Auch der Merseburger Magistrat fate diese ganze wissenschaftliche
Angelegenheit vom Standpunkt der Geldeinnahme auf: die Maschine wurde,
als ein um Geld gezeigtes Schaustck mit 6 Pfennig tglicher Akzise
besteuert. Orffyreus war darber sehr ungehalten und drohte, von
Merseburg fortzuziehen. Dies geschah auch bald, denn nun ging ihm ein
neuer Glcksstern auf.

Der Landgraf von Hessen-Kassel, Karl, ein Frst, der als groer Freund
der Wissenschaften und besonders der Mechanik galt, begann sich fr
Orffyreus zu interessieren. Unter Erteilung des Titels eines
Kommerzienrats berief er ihn an seinen Hof und gab ihm die Erlaubnis,
die Erfindung ffentlich auf dem Schlosse Weienstein auszustellen.
Hier wurde das neu erbaute Perpetuum mobile vom Landgrafen in
Gegenwart seiner Minister besichtigt, und darauf lie man die Maschine
in einem verschlossenen und versiegelten Zimmer zuerst zwei, und dann
sechs Wochen lang laufen. Als nach dieser Zeit die Siegel erbrochen
wurden, war die Maschine immer noch im Gange. Nachdem auf diese Art
der Beweis von der Echtheit der Vorrichtung erbracht zu sein schien,
zgerte der Landgraf nicht mehr, dem Erfinder ein feierliches Attestat
auszustellen, das bei frstlich wahren Worten bezeugte, da das
Orffyreussche Perpetuum mobile weder von einer ueren Gewalt und
Hilfe, noch vielweniger aber von etwan einigen innerlichen
aufzuziehenden Uhrfeder oder Rderwerk beschuldigten Falls dependire,
vielmehr, vermge fast unzhliger gelehrter Vorschriften allerdings
diese lange gesuchte und gewnschte Maschine oder so genannte
Perpetuum mobile pure artificiale quod durantem materiam usw. ja ein
solches selbst laufendes Rad sei, welches von seiner innerlichen
knstlichen Bewegungskraft so lange laufen kann, als an besagter
innerer Struktur und Beschaffenheit nicht abnimmt, zerdrmmert, reiet
oder gebricht, mangel- oder schadhaftig wird.

Eine Schrift von Orffyreus, die den stolzen Namen Triumphans
Perpetuum mobile Orffyreanum (lateinisch und deutsch) trug, enthlt
Abbildung und Beschreibung dieser Weiensteiner Maschine. Aber mit
dem grten Aufwand von Phantasie kann man sich nach diesem Bilde
(Abb. 25) keine irgendgeartete Vorstellung von der Erfindung machen.
Die Maschine selbst wird nur kurz beschrieben, dagegen besteht die
fast 200 Seiten dicke Quartschrift beinahe ausschlielich aus
Schmhungen gegen Belers Feinde, prahlerischen Selbstanpreisungen,
hohlen Redensarten und verlogenen Ausreden. Dafr aber hat das Buch
eine vierfache Widmung: an Gott, das Publikum, die gelehrten Leute und
den Erfinder selbst und enthlt endlich alle Zeugnisse, die zu seinen
Gunsten abgegeben wurden.

[Illustration: Abb. 25.]

Das Zeugnis des Landgrafen charakterisiert das Vertrauen, das das
Publikum der Orffyreusschen Erfindung schenkte, aber das merkwrdigste
bei der ganzen Angelegenheit ist, da ein wirklicher Physiker und zwar
einer von gutem Ruf sich fr Orffyreus einsetzte.

Dieser Physiker war der Hollnder Wilh. Jakob 's Gravesande
(1688-1742), den der Landgraf zur Prfung der Maschine nach Kassel
berief. 's Gravesande ist seinerzeit dadurch berhmt geworden, da er
als erster auerhalb Englands sich zu den Lehren Newtons bekannte. In
einem Brief an seinen Lehrer und Meister Isaak Newton berichtet auch
's Gravesande ber das Orffyreussche Perpetuum mobile. Die
Beschreibung, die dieser Physiker von der Erfindung gibt, ist aber
ebenso ungengend, wie die des Erfinders. Er beschreibt nur die
ueren Teile der Maschine: das Innere lt der Erfinder nicht
blicken, aus Furcht, ihm knnte das Geheimnis gestohlen werden. Es
ist ein Hohlrad oder eine Art Trommel, schreibt 's Gravesande, etwa
14 Zoll dick und 12 Fu im Durchmesser. Es ist sehr leicht, denn es
besteht aus Holzleisten, die mit Wachstuch berzogen sind, damit das
Innere nicht gesehen werden knne. Durch die Trommel geht eine Achse
von etwa 6 Zoll Durchmesser, und diese trgt an beiden Enden
Eisenanstze von etwa  Zoll Lnge, worauf die Maschine sich bewegt.
Ich habe die Achse untersucht, schreibt weiter 's Gravesande, und
bin zur berzeugung gekommen, da nicht das geringste von auen her
zur Bewegung beitrgt. Da er selbst das Innere der Maschine nicht
untersuchen darf, fragt er den Landgrafen, ob er keinen Betrug
vermute, und als dieser die Frage verneint, schpft auch der Physiker
keinen Verdacht mehr.

Eine Ironie des Schicksals will es, da 's Gravesande in der
Geschichte der Physik der erste war, der einen ffentlichen Kursus der
Experimentalphysik hielt, und so ist diese Leichtglubigkeit um so
verwunderlicher. Aber Irren ist menschlich, und man darf nicht
vergessen, wieviel zu jener Zeit die Autoritt der gekrnten Hupter
bedeutete. Selbst Leute, die im allgemeinen =gegen= das Perpetuum
mobile waren, wie z. B. der Mechaniker Leupold, wurden in ihren
berzeugungen wankend, absonderlich weil der Herr Rat Orffyreus
solches der Welt schon etliche Jahre gezeiget, und seine Hochfrstl.
Durchlaucht der Landgraf zu Hessen Cassel solches mit hohen Frstl.
wahren Worten durch ffentliches hohes Attest bekrftigt (Leupold).

Unterdessen verbreitete sich der Lrm um die Orffyreussche Erfindung
weit und breit, und bald stellte sich bei dem Erfinder auch der
irdische Segen ein. Der Landgraf verlieh dem Commercienrath und
Mathematicum D. Orffyre ein vortreffliches Privileg, wonach er ihn
mit Haus und Hof und sonstigen Mitteln reich beschenkte. Ein Englnder
wollte die Maschine fr eine hohe Summe kaufen, und der Zar Peter der
Groe schickte einen Mann nach Deutschland, um ev. die kuriose
Erfindung fr seine damals angelegte Kunstkammer anzukaufen. Doch
zuerst fragte der Zar vorsichtigerweise Leibniz und Wolff um Rat.
Leibniz verhielt sich ablehnend, Wolff meinte, wenn das Geheimnis des
Orffyreus in die Hnde vernnftiger Mathematiker kommen wrde, knnte
man Nutzen daraus ziehen. (Diese Antwort gab die Veranlassung, Wolff
nach Petersburg zu berufen.) Aber Orffyreus lehnte es ab, seine
Maschine von Sachverstndigen untersuchen zu lassen, und so zerschlug
sich der Kauf. Wenn zu viel Fragen gestellt wurden, lie Orffyreus
sich krank sagen oder drohte, seine Maschine zu zerstren.

Orffyreus stand auf dem Gipfel seines Ruhms, als eine grobe Enthllung
dem ganzen fein ausgedachten Spiel eine andere Wendung gab. Das
Geheimnis, das von Frsten und Gelehrten nicht enthllt werden konnte,
wurde durch die Indiskretion einer Dienstmagd ausgeplaudert. Es
stellte sich heraus, da Orffyreus selbst ebenso wie sein Bruder,
seine Frau oder seine Magd Anna Rosine die Maschine aus dem
Nebenzimmer drehten. In Weienstein wurde das Drehen aus dem
Schlafzimmer des Orffyreus besorgt, und das wurde manchmal wochenlang
nicht unterbrochen, wenn man von einem unerwarteten Besucher
berrascht zu werden frchtete. Die Magd und der Bruder bekamen fr
die Drehstunde zwei Groschen. Der Bruder hatte aber dies beschwerliche
Handwerk am ersten satt und machte sich aus dem Staube; die Magd
wollte schlielich auch nicht weiter drehen. Orffyreus drohte sie zu
erschieen, wenn sie sein Geheimnis ausplaudern wrde und zwang sie
folgenden Eid abzulegen:

      Ich, Anna Rosine Mauersbergerin, die ich hier stehe,
      ich schwre bei Gott dem Allmchtigen diesen
      leiblichen Eid an Euch meinen angehrigen Herrn,
      Johann Elias Orffyr, schwre teuer und mit gutem
      Vorbedacht bei dem dreieinigen Gott, da ich von
      dieser Stunde an bis in meinen Tod, ja in Ewigkeit,
      von Euch, meinem bisherigen Herrn, der Ihr hier vor
      mir steht, nichts Bses reden, schreiben und zeigen
      und zu einiger Kreatur, sie lebe oder lebe nicht, von
      Eurem Thun und Lassen, Knsten und Geheimnissen etwas
      entdecken, offenbaren, reden oder schreiben, sondern
      alles und jedes, was ich wei, und bei Euch geheimes
      gesehen oder gehret, ich in mir verschwiegen und
      verborgen halten will, so wie Ihr von mir begehret
      oder verlanget. Ja, ich schwre hoch und teuer, ein
      vor allemal zu Gott, da ich auch sonst zu keinem
      Menschen von Euren Sachen, machinen und Geheimnissen
      etwas gesaget oder gezeiget, als blos und allein zu
      der Mademoiselle ** und reuet mich von Herzen, da ich
      es gethan habe, weil ich doch nichts rechtes und
      gewisses davon zu sagen gewut. Darum vergebt mirs, es
      soll nicht mehr geschehen, und ich will vor Gott und
      Menschen, vor zeitlichem und ewigem Gericht zeitlich
      und ewig verflucht, verdammt und verloren sein, wofern
      ich mit Vorsatz, Wissen und Willen von Euch und Euren
      Geheimnissen, Knsten und Sachen gegen Jemanden etwas
      offenbare, sage und entdecke, oder Euch in Schande
      oder Unglck zu bringen suche, oder Euren Namen, Ehre
      und Leben verletze, oder wenn ich von Euch etwas bs
      mehr sage, schreibe oder zeige, oder sonsten jemanden
      Ursache gebe, Euch zum Schaden oder Verderben; sondern
      ich will und werde bei aller Gelegenheit das Beste von
      Euch reden, schreiben und zeugen, Gott gebe, ich bin
      bei Euch oder sonstwo. Und wofern ich diesen Eid nicht
      halte, oder solchen aus Arglist anders deute, oder auf
      eigene Art zu verdrehen, oder etwa geringe und nichtig
      zu halten suche, so lasse Gott meine Seele des ewigen
      Todes sterben und nehme mich nimmermehr zu Gnaden an,
      sondern lasse mich ein unseliges Kind ewiger
      Vermaladeiung sein und bleiben. Amen. Verflucht bin
      ich, wenn ich diesen Eidschwur breche, selig, wenn ich
      diesen Eidschwur halte und nimmer breche. Ich schwre,
      da ich ihn halte und nicht brechen will. Dieses sei
      mit guten Bedachte geschworen, versiegelt und fest
      versprochen mit Mund, Hand und Herzen, frei und
      ungezwungen, aus lauterlichem Mute von mir Anna Rosine
      Mauersbergerin an Euch Johann Elias Orffyr, meinem
      angehrigen Herrn. Amen. Amen.

Doch alle Schwre der Welt hinderten nicht, da die Magd den wahren
Sachverhalt ausplauderte. Durch die Indiskretion der Magd, der Frau,
der Mademoiselle **, einer Freundin von Orffyreus und einiger anderer
Eingeweihten, wurde die Sache ffentlich bekannt, und damit hat die
Geschichte dieser wissenschaftlichen Erfindung eigentlich ihr Ende.
Orffyreus gelang es, sich geschickt herauszureden. Die Betrogenen
wollten selbst nicht gerne ihren Irrtum einsehen. So schrieb z. B. 's
Gravesande: Ich wei wohl, da Orffyreus verrckt, aber ich glaube
nicht, da er ein Betrger ist. Ich habe mich niemals dafr
entschieden, ob seine Maschine ein Betrug ist oder nicht, aber eins
wei ich, wie nur irgend etwas in der Welt: wenn die Dienstmagd das
obige sagt, so lgt sie.

Wie es sich mit diesem Rad von Kassel, wie die Zeitgenossen die
Erfindung des Orffyreus nannten, in Wirklichkeit verhielt, ist schwer
zu sagen. Vielleicht hatte Orffyreus selbst zuerst an sein Problem
geglaubt und ernsthaft daran gearbeitet, vielleicht hoffte er immer
noch ein wirkliches Perpetuum mobile herzustellen und nahm Zuflucht
zum Betrug, um Zeit und Mittel zu gewinnen. Aber nun hatte die ganze
Affre einen tragikomischen Abschlu erhalten. Kein Mensch kmmerte
sich auf einmal mehr um die Erfindung, die frher so viel Staub
aufgewirbelt hatte. Als Orffyreus' Protektor, der Landgraf Karl starb,
geriet der Perpetuum-mobile-Sucher vllig in Vergessenheit. Orffyreus
versuchte sein Heil noch in verschiedenen anderen Grndungen und
Erfindungen, doch geriet er in immer milichere Umstnde, bis
schlielich der Tod 1745 diesen khnsten aller wissenschaftlichen
Betrger allen weiteren Plnen entri.




14. Die Ansichten ber das Perpetuum mobile vom Standpunkt der
vorenergetischen Physik.

a) Motivierung der Mglichkeit des Perpetuum mobile.

Das groe Interesse, das eine Erfindung, wie das Rad von Kassel
hervorrief, brachte es vielfach mit sich, da die Gelehrtenwelt sich
notgedrungen mit diesem Problem befassen und sich gegen oder fr das
Perpetuum mobile aussprechen mute. Da unsere endgltige Ansicht ber
diese Frage erst durch das Gesetz von der Erhaltung der Energie
geboten wurde, so ist es interessant zu erfahren, wie die
Wissenschaft der vorhergehenden Jahrhunderte die Mglichkeit oder bzw.
Unmglichkeit des Perpetuum mobile motivierte. Abgesehen von den
Ansichten ber die Frage, die wir gelegentlich einiger Erfindungen
bereits geschildert haben, wollen wir nun im folgenden den
theoretischen Stand des Problems in der vorenergetischen Epoche der
Physik betrachten.

Unter den Physikern, die es unternommen haben, einen direkten Beweis
der Perpetuum-mobile-Mglichkeit zu liefern, ist besonders 's
Gravesande zu nennen. Vielleicht mag der persnliche Irrtum, den er
begangen hat, viel dazu beigetragen haben, da 's Gravesande von
vorneherein geneigt war, das mechanische Perpetuum mobile theoretisch
fr mglich zu halten. In der Begrndung seiner Ansicht ist er aber
dermaen ein Kind seiner Zeit, da diese Begrndung selbst zu einem
Kapitel aus der Mechanik des 18. Jahrhundert wird.

Es wrde zu weit fhren, an dieser Stelle 's Gravesandes Ansichten im
einzelnen zu verfolgen. Sein Grundgedanke ist im wesentlichen der: hat
man einen frei fallenden Krper, so wchst seine Kraft mit der Zeit,
da ja seine Geschwindigkeit wchst. Durch das Fallen des Krpers wird
also an Kraft gewonnen, und somit hat die Natur selbst ein Prinzip
gezeigt, auf Grund dessen sich ein Perpetuum mobile konstruieren lt.

Diese Ansicht ist nicht zutreffend. Sie beruht vor allem auf einer
irrtmlichen Auffassung des Begriffes Kraft. Heute nennt man
bekanntlich Kraft das Produkt aus der Masse des Krpers m und der
Beschleunigung [Griechisch: gamma], die er bei der Bewegung erhlt.
Fr 's Gravesande aber ist, wie fr die meisten Physiker seiner Zeit,
Kraft das Produkt aus Masse _m_ und Geschwindigkeit _v_, also das, was
wir heute Bewegungsmenge nennen. Die Bewegungsmenge mv nimmt bei
freiem Fall wirklich zu, aber sie hat nichts zu tun mit der Gre,
deren Erhaltung wir bei einem geschlossenen System verlangen, mit der
Energie oder Arbeitsfhigkeit, die in der Mechanik durch _mv_^{2}/2
ausgedrckt wird.

Der Ausdruck Energie stammt erst aus dem 19. Jahrhundert. Wenn wir im
Sinne jener Zeit Kraft und Energie identifizieren, so liegt doch
's Gravesandes Irrtum darin, da er von einer Vermehrung der Kraft
spricht, wo nur eine Vermehrung der Bewegungsmenge vorliegt. Das
entsprach ganz und gar der alten Terminologie des Descartes
(1596-1650), der die Kraft als _mv_ besonders scharf przisierte.

1686 erschien die Schrift Leibnizens (1646-1716), wo gegen diese
Ansicht zum erstenmal Front gemacht wurde. Ausgehend von den
Fallgesetzen behauptete Leibniz, man msse die Gre einer Kraft nicht
durch das Produkt _mv_, sondern aus der Geschwindigkeit und der diese
Geschwindigkeit erzeugenden Fallhhe, oder was dasselbe ist, aus der
Masse und dem Quadrat der Geschwindigkeit _mv_^{2} messen. Mit dieser
Bezeichnung tritt Leibniz unserer heutigen Auffassung ziemlich nahe,
um so mehr da von ihm die Unterscheidung zwischen lebendiger und
toter Kraft stammt, als Krften, die eine wirkliche Bewegung
hervorrufen und die eine solche hervorzurufen bestrebt sind
(kinetische und potentielle Energie, sagen wir heute).

Der Streit zwischen den Leibnizianern und Cartesianern (_mv_^{2} oder
_mv_?) wurde weltberhmt. In Anbetracht der Wichtigkeit des
Streitobjekts und der Autoritt der beiden Namen des Leibniz und
Descartes nahm schlielich die ganze Gelehrtenwelt daran teil.
Persnlichkeiten wie Papin und Clarke waren gegen, Joh. Bernoulli und
's Gravesande fr Leibniz. Auch Kant beteiligte sich an dem Streite,
und mit wieviel Eifer man focht, beweist uns das Scherzgedicht von
Lessing:

    Kant unternimmt ein schwer Geschfte
     Der Welt zum Unterricht.
     Er schtzet die lebendigen Krfte,
     Nur seine schtzt er nicht.

Es war schlielich das Verdienst D'Alamberts (1717-1783) die Begriffe
der Mechanik klarzulegen und diesen ganzen Streit als bloen
Wortstreit aus der Mechanik zu verbannen.

'S Gravesande, der in dieser Frage der Erhaltung von _mv_^{2} oder
_mv_ mit Leibniz mitging, war sich dessen bewut, und deshalb bringt
er neben dem Beweis der Mglichkeit des Perpetuum mobile auf Grund der
Descartesschen Kraftdefinition eine Demonstration der Unmglichkeit
perpetuierlicher Bewegung, wenn man voraussetzt, da die Kraft eines
Krpers dem Quadrat seiner Geschwindigkeit proportional ist.

Auer 's Gravesande glaubten auch andere Physiker an die Mglichkeit
des Perpetuum mobile. Einige, wie z. B. Papin, sahen wenigstens keine
theoretische Unmglichkeit darin. Die Motivierung war verschieden. Man
verwies als Beispiel auf die Elastizitt, wo Kraft aus nichts
gewonnen werde, auf den Arbeitsgewinn durch die Maschine im
allgemeinen, man appellierte schlielich an die Natur selbst, die
ihrem Ganzen nach nichts als ein Perpetuum mobile sei. Wie die Kraft
an und fr sich schon etwas Unbegreifliches sei, so knne man nicht
einsehen, warum nicht manche Krfte, wie z. B. Magnetismus oder hnl.
eine ewige Arbeitsquelle bieten sollten. Physiker, die von der
Unmglichkeit des mechanischen Perpetuum mobile berzeugt waren, gaben
die Idee des Perpetuum mobile physicae nicht auf. Noch in den 40er
Jahren des 19. Jahrhunderts konnte man in Gehlers Physikalischem
Wrterbuch, also einem Werke, das fr die Physik jener Zeit magebend
war, eine uerung lesen wie diese:

Reden wir zuerst vom Perpetuum mobile physicae, so unterliegt es
keinem Zweifel, da es ein solches geben knne, da der Kreislauf der
Dinge in der Natur ein stets dauernder, ununterbrochen sich
erneuernder ist. Vermag man daher irgendeine solche, in der Natur
vorhandene Kraft zur Bewegung einer Vorrichtung zu benutzen, so ist
damit die Aufgabe gelst. Verschiedene Mechanismen dieser Art sind in
der Wirklichkeit gegeben, die man in dieser speziellen Beziehung oft
nicht hinlnglich beachtet. So ist u. a. unser Planetensystem ein
wahres Perpetuum mobile, nicht minder die sich um ihre Achse drehende
Erde, ein Flu, welcher durch den unausgesetzten Wechsel der
Verdunstung und des Niederschlages ununterbrochen fliet, ein
Barometer, dessen Schwankungen wegen nie fehlender Luftstrmungen ohne
Unterla stattfinden, die tglich oszillierenden Magnetnadeln; alle
diese und unzhlige andere Apparate bewegen sich unverkennbar
bestndig, aber die bewegende Kraft der Ursache ist durch die Natur
selbst gegeben und sie gehren insgesamt unter diejenige Klasse von
Vorrichtungen, die man mit dem gemeinschaftlichen Namen eines
Perpetuum mobile physicae benennen kann. . . . . Die hierauf gestellte
Ansicht nebst den darauf gegrndeten Bestimmungen, scheint mir also so
einfach und klar, da ich es fr berflssig halte, noch etwas
weiteres hinzuzufgen. Ganz anders verhlt es sich dagegen mit dem
Perpetuum mobile mechanicae. . . .

Auer der allgemeinen Unklarheit der Begriffe auf dem Gebiete der
Physik, wie in dem soeben zitierten Abschnitt, waren es oft falsch
verstandene moralische und theologischen Doktrinen (oder was man
darunter verstehen wollte), durch die man die Perpetuum-mobile-Idee zu
sttzen suchte. Noch 1869 konnte eine Schrift erscheinen wie die eines
gewissen J. K. Steubinger: Aufrechterhaltung des Ideals Perpetuum
mobile vom Standpunkt der =Vernunft= und der Physik. Die Vernunft
dieser und hnlicher Schriften steht aber nicht hher als ihr
physikalisches Niveau.

b) Motivierung der Unmglichkeit des Perpetuum mobile.

Dieselbe Unstimmigkeit, wie bei der theoretischen Motivierung der
Mglichkeit des Perpetuum mobile sehen wir auch bei der Motivierung
seiner Unmglichkeit. Der Kritik fehlt der allgemeine Standpunkt, und
so sttzt sie sich mehr auf die Tatsachen der Erfahrung als auf
Prinzipien. Besonders beklagt wurde das =Perpetuum mobile mechanicae=
angefochten.

Wir haben gesehen, da bei dem Versuche, ein mechanisches Perpetuum
mobile zu konstruieren das Bestreben dahin ging, eine Vorrichtung
durch die bloe Einwirkung der Gravitation in Bewegung zu bringen. Fr
uns hat dieser Gedanke schon an und fr sich etwas Absurdes. Wenn z.
B. ein Mathematiker unserer Tage gefragt wrde, ob man einem festen
Krper eine solche Gestalt geben knne, da er auf eine horizontale
Ebene gebracht, blo durch die Wirkung seines Gewichtes immerwhrend
fortrollen mte, so wrde er diese Frage verneinen und sagen, da der
Schwerpunkt des Krpers seinen tiefsten Punkt suchen, und wenn er ihn
gefunden, in Ruhe bleiben wird. Und bei einem solchen Schlu wird er
auf keine weiteren Beweise von der Unmglichkeit einer
perpetuierlichen Bewegung eingehen, sagt mit Recht Whewell.[11]

Wesentlich von dieser Seite faten die Frage diejenigen Forscher auf,
die von vornherein von der Unmglichkeit des Perpetuum mobile
ausgingen. Leibniz fat diese Unmglichkeit als Axiom auf (ebenso
Kepler) und macht sie zur Grundlage seiner Betrachtungen. hnlich
verfuhren Mechaniker wie Sturm, Lorini oder Stevin. Stevin macht das
Axiom von der Unmglichkeit des Perpetuum mobile zur Basis seiner
Mechanik der schiefen Ebene: wre eine perpetuierliche Bewegung
mglich, so mte die Kette auf dem Dreieck _ABC_ (Abb. 26) sich
immerfort bewegen, weil die Kette auf beiden Seiten symmetrisch
herabhngt. Da diese Voraussetzung aber absurd ist, so mu man
schlieen, da auf schiefen Ebenen von derselben Hhe gleiche Gewichte
dieselbe Wirkung ausben.

[Footnote 11: Whewell: Geschichte der induktiven Wissenschaften, 8,
Stuttgart, 1840, Bd. II, S. 15.]

Einer der wichtigsten Einwnde, die gegen das Perpetuum mobile erhoben
wurden, ist, da es dem Prinzip der Aktion und Reaktion widerspreche.
Man mu zugeben, sagt Montucla, da Aktion und Reaktion stets
gleich sein mssen, und da ein Krper, der einem anderen Bewegung
erteilt, das verlieren mu, was er mitteilt. Da die Wirkung nicht
grer sein kann als die Ursache, so ist das Perpetuum mobile
unmglich: die erzeugende Kraft einer Maschine kann nicht mehr
Bewegung erteilen als sie selbst besitzt. Zudem mssen der Widerstand
der Luft und die Reibung die Bewegung ja noch immer mehr verzgern.

[Illustration: Abb. 26.]

Die Reibung war berhaupt der Haupteinwand, den man von jeher gegen
die Mglichkeit eines Perpetuum mobile gemacht hat. Alle natrlichen
Prozesse verlaufen in einem Medium, das der Bewegung einen gewissen
Widerstand entgegensetzt. Dieser Widerstand verzehrt die Kraft und
verlangsamt die Bewegung, so da sie schlielich ganz aufhren mu.
Wenn es auch gelingen wrde, eine selbstttige Maschine zu
konstruieren, so wrde sie doch nicht ewig funktionieren knnen: die
Reibung und der Widerstand der Luft wrden sie nach gewisser Zeit zum
Stillstand bringen. Dieser Standpunkt wurde schon lange vor dem Gesetz
der Erhaltung der Energie przisiert.

Nach all dem, was wir ber Reibung und andere passive Krfte gesagt
haben, meint der Mathematiker L. N. Carnot (Vater des
Thermodynamikers Sadi Carnot) in seinem Buche ber die
Grundprinzipien des Gleichgewichts und der Bewegung vom Jahre 1802,
kann man schlieen, da ein Perpetuum mobile ein Ding der
Unmglichkeit ist. . . . Es ist klar, da die Bewegung sich
verlangsamen mu; die Summe der lebendigen Krfte wird allmhlich auf
Null reduziert, und die Maschine steht still, wenn das Wirkungsmoment
von der Reibung verzehrt ist. Die Bewegung hrt noch schneller auf,
wenn eine Erschtterung (percussion) eintritt, denn in solchem Fall
wird die lebendige Kraft noch rascher verbraucht. Man mu also
verzweifeln, das hervorzubringen, was man ein Perpetuum mobile nennt,
wenn es wahr ist, da alle bewegenden Krfte in der Natur durch
Anziehungen entstehen, und wenn eine allgemeine Eigenschaft dieser
Krfte die ist, da sie bei gleichen Entfernungen sich gleich
bleiben.

Die vollkommenste Motivierung der Unmglichkeit des Perpetuum mobile
vom Standpunkt der vorenergetischen Physik finden wir in der
offiziellen Erklrung der franzsischen Akademie der Wissenschaft, als
sie 1775 beschlo, keine Projekte des Perpetuum mobile zur Prfung
mehr anzunehmen. Die Konstruktion eines Perpetuum mobile ist absolut
unmglich, heit es in dieser Erklrung. Wenn auch auf die Dauer die
Reibung und der Widerstand des Mittels die bewegende Kraft nicht
zerstren wrden, so knnte diese Kraft nur einen Effekt produzieren,
der der Ursache gleichkme. Wollte man aber, da der Effekt einer
endlichen Kraft immer whre, so mte der Effekt in einem endlichen
Zeitraum unendlich klein sein. Knnte man von der Reibung und dem
Widerstand des Mittels absehen, so wrde ein Krper, dem man eine
Bewegung erteilt hat, diese ewig beibehalten, aber auf die anderen
Krper keine Wirkung ausben, und so wre das Perpetuum mobile, das
man in diesem hypothetischen Fall erhalten htte (was ja in der Natur
unmglich ist) absolut nutzlos im Sinne der Erfinder . . .

In dieser Erklrung, die ein halbes Jahrhundert vor der Aufstellung
des Energiegesetzes abgegeben wurde, steckte schon im Grunde genommen
dies Gesetz selbst, wenn wir das Schwergewicht auf den Punkt legen,
da ein Krper keinen greren Effekt hervorrufen kann, als ihm
erteilt wurde. Dieser Gedanke trgt aber hier noch den Charakter einer
bloen Spekulation, ohne reelle Begrndung. Aus diesem Grunde
verfehlte die Erklrung auch ihre eigentliche Wirkung, und so sehen
wir die Versuche, ein Perpetuum mobile zu konstruieren, nach dieser
Erklrung ebenso weiterblhen, wie vor ihr.




15. Das Perpetuum mobile in der ersten Hlfte des 19. Jahrhunderts.

Die Idee des Perpetuum mobile war also schon am Ende des 18.
Jahrhunderts aufs uerste diskreditiert. Damit war sie aber noch
keineswegs tot. Whrend in Paris offizielle Erklrungen gegen das
Perpetuum mobile abgegeben wurden, war in London fr die Erfindung
eines gewissen Dupr eine Petition an den Staat eingereicht worden,
eine Petition, die das Datum trgt, am 50ten Tage der vollkommenen
Bewegung der Maschine. Auch in Frankreich selbst hielt man sich nicht
besonders streng an die Erklrung der Akademie, und nur zu oft wurde
sie ganz vergessen. 1818 verffentlichten noch die franzsischen
Annalen fr Physik und Chemie, die zu jener Zeit von zwei solchen
Autoritten wie dem Mathematiker Arago und dem Chemiker Gay Lussac
redigiert wurden, einen Aufsatz, der die Idee des Perpetuum mobile
durchaus ernst nimmt. Der schottische Physiker Brewster (1781-1868)
berichtet darin von einer Vorrichtung, die von einem Schuster in
Linlithgow erfunden worden sein sollte und in Edinburg ausgestellt
war. Die Vorrichtung sollte in folgendem bestehen.

[Illustration: Abb. 27 a.]

[Illustration: Abb. 27 b.]

Zwei Magnete _A_ und _B_ (Abb. 27 a) wirken abwechselnd auf eine Nadel
_mn_ ein, deren Aufhngepunkt sich in der Mitte des beweglichen Hebels
_CD_ befindet. Wenn die Nadel von _B_ angezogen wird und in die Lage
_nm'_ kommt, wodurch der Hebel _CD_ in _C'D'_ bergeht, tritt eine mit
_mn_ verbundene Substanz in Kraft und verursacht, da die Wirkung des
Magnetismus in _B_ unterbrochen wird. Dadurch fllt die Nadel _B_ ab
und wird von _A_ angezogen. Ist die Nadel in der Lage _nm'_ und der
Hebel _C"D"_, so unterbricht dieselbe Substanz die Wirkung des
Magneten _A_, und so fort, in infinitum.

Eine andere Form derselben Erfindung zeigt Abb. 27 b. _A_ und _B_
sind zwei Hufeisenmagnete, _mn_ die Nadel zwischen ihnen, _a_ und _b_
die mysterise Substanz (the misterious substance), die jedesmal in
Wirkung tritt, wenn die Nadel sich an _A_, respektive an _B_ nhert.

[Illustration: Abb. 28.]

David Brewster ist bekanntlich unter anderem der Erfinder des
Kaleidoskops und des dioptrischen Stereoskops. Wegen seiner
wissenschaftlichen Verdienste wurde Brewster zum Baronet ernannt, und
so mu diese Leichtglubigkeit von einem ernsten Manne der
Wissenschaft um so verwunderlicher erscheinen. Man fragt sich
unwillkrlich: was war das fr eine Substanz, die die Rolle eines deus
ex machina spielte und sich bald hie, bald dort zwischen Nadel und
Magnet stellte? Bis jetzt ist eine solche Substanz nicht bekannt, aber
wre sie auch von dem ingenisen Schuster aus Schottland erfunden
worden, so wre seine Maschine doch kein Perpetuum mobile, denn das
Schwergewicht der Erfindung lge dann auf der Substanz: der Verbrauch
der Substanz htte eine quivalenz zur gelieferten Arbeit abgeben
mssen. Brewster hatte sich durch sensationelle Nachrichten ber die
Erfindung dieses Schusters Spence irrefhren lassen, von denen die
englischen Bltter jener Zeit voll waren.

Die Perpetuum-mobile-Projekte aus dem Ende des 18. und der ersten
Hlfte des 19. Jahrhunderts sind sehr zahlreich; betrachtet man sie
aber nher, so ist man erstaunt, wie wenig originell in der Erfindung
die Mehrzahl dieser Projekte ist. Es sind immer dieselben Prinzipien,
wie in den vergangenen Jahrhunderten, auf Grund deren man eine ewige
Bewegung erreichen will. Die Idee des Rades, das durch Gewichte
angetrieben wird, erfhrt die verschiedenartigsten Modifikationen.
Abb. 28 zeigt z. B. die Verbindung des alten Radprinzips mit der
Wirkung des Luftdrucks. Das Rad hat 8 Arme, die mit je einem
Rezipienten in Form eines Blasebalgs versehen sind. Diese sind so
angebracht, da sich je zwei diametral entgegengesetzte Blaseblge in
entgegengesetzter Richtung ffnen. Auf jedem Balg lastet ein Gewicht.
Ferner sind je zwei entgegengesetzte Blaseblge durch einen Kanal
verbunden, der mit Quecksilber gefllt ist. Beim Fallen drckt das
Gewicht auf den Blasebalg, pret ihn zusammen und zwingt das
Quecksilber, in den diametral entgegengesetzten Arm zu treten. Dadurch
wird dieser Arm schwerer und fllt seinerseits; beim Fallen drckt das
Gewicht das Quecksilber wieder in den entgegengesetzten Arm und so
fort. Diese Form des ewigen Rades funktioniert natrlich ebenso wenig
wie die anderen.

Auch die Idee des Wasserrades, das sich selbst in Bewegung erhlt,
nimmt neue Formen an. 1790 erhielt ein gewisser Schwiers ein
englisches Patent fr eine solche Erfindung, gegen die der Physiker
Nicholson (1753-1815) lebhaft polemisiert hat. Bei Gelegenheit dieser
Erfindung besprach Nicholson in seiner Zeitschrift (Nicholsons
Journal) sehr ausfhrlich die Idee der ewigen Bewegung und
demonstrierte ihre Unmglichkeit an Hand eines von Desaguliers
erfundenen Apparats: zwei Gewichte, die gleich weit vom
Untersttzungspunkt aufgehngt sind, halten sich im Gleichgewicht
unabhngig von der Hhe des Aufhngepunktes, entgegen der alten
Ansicht, da es auf Hhe oder Tiefe des Aufhngens ankommt.

Nichts ist charakteristischer fr die Unfruchtbarkeit des
Perpetuum-mobile-Problems, als der Umstand, da jeder Erfinder seine
Erfindung fr etwas absolut Neues hlt, obwohl sie nur zu oft alte
Objekte in neuer Form sind. 1847 verffentlicht ein gewisser A. F.
Vogel die Entdeckung eines hydraulischen General-Mobils oder
Perpetuum-mobile. Diese Entdeckung ist aber wie viele andere nichts
mehr als eine Wiederholung der Idee des oberschlchtigen Rades, das
vom Wasser angetrieben wird, das es selbst hinaufpumpt.

Bemerkenswert durch die Persnlichkeit des Erfinders ist ein
Perpetuum-mobile-Projekt aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts.
Sir William Congreve, der bekannte englische Artillerist und Ingenieur
(1772-1828), der Erfinder des Mehrfarbendruckes (Congrevescher Druck)
und der nach ihm benannten Brandraketen erhielt ein Patent fr ein
Perpetuum mobile, dessen Wirkungsweise auf der Kapillaritt beruht.
Drei Walzen (Abb. 29) bilden ein Dreieck, um das ein endloses Band aus
Schwmmen luft, an der Auenseite der letzteren fhrt wiederum ein
endloses Band aus Gewichten entlang. Wird nun das Gestell ins Wasser
gestellt, so da der untere Teil des Systems unter Wasser steht,
whrend der obere aus dem Wasser hervorragt, so wird das Gleichgewicht
gestrt, und das Schwmmeband beginnt (so meint der Erfinder) zusammen
mit den Gewichten sich um die Walzen in der Richtung des Pfeiles zu
drehen. Diese Bewegung sollte daher rhren, da an der Kathete des
Dreiecks die Gewichte frei hinunterhngen und nicht auf die Schwmme
drcken, so da sie sich mit dem Wasser fllen. Auf der Hypotenuse
dagegen drcken die Gewichte das Wasser wieder aus, das sich in den
Schwmmen angesammelt hat, so da die Schwmme wieder im trocknen
Zustande hinaufsteigen. Die Gre und Schwere der Schwmme und der
Gewichte sollte so berechnet sein, da die vollgesogenen Schwmme +
Gewichte an der Kathete die trocknen Schwmme -- Gewichte an der
Hypotenuse berwiegen und in perpetuierlicher Bewegung erhalten
sollten.

[Illustration: Abb. 29.]

So plausibel die Idee ist, so ist sie praktisch undurchfhrbar; die
Gewichte an der Hypotenuse sind ihrem Betrag nach grer als an der
Kathete, und diese Differenz der Gewichte kann nicht aufgehoben werden
durch die Differenz der Wasserschwere an der Kathete und der der
Hypotenuse um so weniger, da es mehr Schwmme an der Hypotenuse als an
der Kathete geben mu.

Das Congrevesche Projekt hat zu seiner Zeit verschiedene Vernderungen
erfahren. 1825 berichteten englische Bltter von Bell's endloser
Kette, die auf dem Archimedischen Prinzipe beruhte. Da sollte eine
endlose Kette aus Korkschwimmern ber eine Rolle laufen, in Wasser
sinken, hier ihr Gewicht verlieren und durch den Auftrieb des
Wassers wieder in die Hhe steigen. Abgesehen davon, da der Plan
undurchfhrbar ist (in Wirklichkeit stellt sich nur zu bald ein
Gleichgewicht her), ist er auch nicht neu: wir finden ihn schon von
Kaspar Schott beschrieben.

Auf der Jagd nach der perpetuierlichen Bewegung ist kein Mittel
unversucht geblieben. Mechanische Hilfsmittel, Magnetismus, chemische
Prozesse, gewisse Erscheinungen der Molekularphysik -- all das wurde
mit einbezogen, um eine von selbst sich bewegende Maschine
herzustellen. Verhltnismig selten wurde die Elektrizitt dazu
verwendet. Der Grund mag daran liegen, da, als 1790 durch den
klassischen Zufall Galvani die Kontaktelektrizitt entdeckte, man die
Ursache des Galvanismus zuerst in der tierischen Elektrizitt sah,
also einer Quelle, die wenig geeignet war, unerschpfliche Vorrte zu
liefern; dazu kommt, da zur Zeit der Entdeckung des Galvanismus die
Idee des Perpetuum mobile sich bereits im Abstieg befand. Mit dem 19.
Jahrhundert verliert das Problem berhaupt die wissenschaftliche
Bedeutung, die es in den vergangenen Jahrhunderten hatte. Hier und da
werden noch wissenschaftliche Autoritten und gelehrte Krperschaften
gezwungen, Stellung zu dieser Frage zu nehmen (selbst die Pariser
Akademie uerte sich noch 1855 zur Frage des Perpetuum mobile), aber
im groen und ganzen erregen die Erfinder keine wissenschaftliche
Beachtung mehr. Die Epoche des exakten Forschens und der neueren
Technik hatte keine Zeit mehr fr phantastische Ideale. Doch noch war
kein allgemeines Prinzip aufgestellt, das dieses Ideal in das Gebiet
der Trume verbannt; man begngt sich mit der Erfahrung, da das
Beginnen illusorisch sei. Unterdessen nimmt das physikalische Denken
einen ungeheueren Aufschwung durch die Entdeckung eines Gesetzes, das
die ganze moderne Physik beherrschen sollte, des Gesetzes von der
Erhaltung der Energie.




16. Das Perpetuum mobile und das Prinzip der Erhaltung der Energie.

Wir sind in unseren Betrachtungen ber das Perpetuum mobile bis zu
einem Punkte vorgerckt, der fr den heutigen Physiker eigentlich den
Kardinalpunkt dieser ganzen Frage bedeutet. Das ist das Verhltnis der
Perpetuum-mobile-Idee zu dem Gesetze der Erhaltung der Energie. Wir
gingen von vorneherein von der Annahme aus, da ein Perpetuum mobile
unmglich ist, weil es der Energieerhaltung widerspricht. Wir haben
unsere Betrachtungen in der Weise gefhrt, da die Aufstellung des
Energieprinzipes den endgltigen Beweis der Unmglichkeit des
Perpetuum mobile geliefert hat. Andererseits aber findet man in der
Physikliteratur oft die Ansicht vertreten, da das Gesetz der
Energieerhaltung auf der Unmglichkeit des Perpetuum mobile beruhe.
Es ensteht somit ein circulus vitiosus. Um von den beiden Prinzipien
-- der Energieerhaltung einerseits und der
Perpetuum-mobile-Unmglichkeit andererseits -- festzustellen, welches
das primre, welches das sekundre ist, wird es notwendig sein, den
Ursprung des Energieprinzipes nher zu prfen.

Dieses Gesetz ist heutzutage so allgemein anerkannt, da man nicht
mehr nach seinem Beweise fragt. Tut man das aber, so kann man
verschiedene Wege einschlagen.

Man kann sich von vorneherein auf den Boden der Deduktion stellen;
dann ist das Energiegesetz a priori einleuchtend. Ohne auf das Wesen
und die Definition von Kraft, Arbeit, Masse usw. nher einzugehen,
kann man den Unterschied zweier physikalischen Zustnde durch die
Vernderung eines gewissen Etwas charakterisieren, das in einem
geschlossenen System eine konstante Summe bildet. Ebenso wie das
Gesetz der Erhaltung des Stoffes kann auch das Gesetz der
Energieerhaltung als eine logische Form unseres Denkens aufgefat
werden (eine andere Form des Identittsgesetzes), wodurch nichts zu
nichts werden kann (_a_ ist stets _a_ gleich!). In diesem Sinne
aufgefat ist die Idee der Erhaltung ebenso alt wie das menschliche
Denken selbst. In den ltesten religisen Systemen findet man den
Ansatz fr den Gedanken, da nichts aus nichts geschaffen werden und
nichts vernichtet werden kann. Von Anaxagoras (500 v. Chr.) stammt
schon der Ausspruch: Nichts tritt ins Sein oder wird zerstrt,
sondern ist eine Zusammenstellung oder Aussondernng von Dingen, die
bereits vorher existierten. Ebenso Empedokles (um dieselbe Zeit):
Toren denken, es knne zu sein beginnen, was nie war, oder es knne,
was ist, vergehen und gnzlich verschwinden. Man knnte diese Zitate,
aus denen man eine Ahnung des Erhaltungsgesetzes in der Natur
herauslesen kann, mit Leichtigkeit vermehren, aber mehr als einen
psychologischen Wert haben sie schlielich nicht. Wenn die Gegner der
Perpetuum-mobile-Idee lange vor Julius Robert Mayer den Satz
aufstellten: Nil dat quod non habet (nichts gibt, das was es nicht
hat), drckten sie ja das Gesetz der Energieerhaltung implicite damit
aus, aber in Wirklichkeit blieb auch dieser Ausspruch fr die Physik
ohne Bedeutung, so lange diesem Satz die pysikalische Grundlage
fehlte. Als einziger Vorlufer des Energiegesetzes kann infolgedessen
nur der Satz der Erhaltung der lebendigen Krfte an der Mechanik
betrachtet werden. (18. Jahrhundert.)

Heute, da das Prinzip der Energieerhaltung mit den Tatsachen der
Physik aufs engste verflochten ist, hindert uns nichts, uns mit einer
deduktiven Begrndung des Prinzipes zu begngen. Aber =historisch=
zeigt die Entwicklung einen anderen Weg, und die Perpetuum-mobile-Idee
wre nie erledigt worden, wenn man an die Erhaltung der Energie blo
als an ein deduktives Postulat appellieren mte.

Doch auer dem rein spekulativen Wege gibt es eine =physikalische=
Methode, um den Energiesatz zu begrnden. Auch hier zeigen sich
verschiedene Mglichkeiten. Entweder man stellt sich, um mit
Planck[12] zu reden, von vorneherein auf den Boden der mechanischen
Naturauffassung, d. h. man nimmt an, da alle Vernderungen in der
Natur sich zurckfhren lassen auf Bewegungen unvernderlicher,
materieller Punkte, zwischen denen Krfte wirken, die ein Potential
haben. Dann ist das Energieprinzip einfach der aus der Mechanik
bekannte Satz der lebendigen Krfte, verallgemeinert auf beliebige
Naturkrfte.

Diese mechanistische Auffassung ist nicht nach jedermanns Sinn. Planck
selbst lt sie auer acht und whlt die andere Mglichkeit, die er
mit den Worten kennzeichnet: Man lt die Frage nach der Reduktion
der Naturkrfte auf Bewegungen ganz offen und geht allein aus von der
durch jahrhundertelange menschliche Arbeit geprften und in allen
Fllen stets aufs neue bewhrten Tatsache, da es auf keinerlei Weise,
weder mit mechanischen noch thermischen, noch chemischen noch anderen
Apparaten mglich ist, ein Perpetuum mobile zu bauen, d. h. eine
periodisch wirkende Maschine zu konstruieren, durch welche fortdauernd
Arbeit oder lebendige Kraft aus nichts gewonnen werden kann.

Diese Begrndung des Energieprinzipes, nmlich aus der Unmglichkeit
des Perpetuum mobile heraus ist also eine empirische. Helmholtz, einer
der klassischen Begrnder der Energetik, schlgt denselben Weg ein,
indem er erklrt[13]: wir gehen von der Annahme aus, da es unmglich
sei, durch irgendeine Kombination von Naturkrften bewegende Kraft
fortdauernd aus nichts zu schaffen.

[Footnote 12: M. Planck: Vorlesungen ber Thermodynamik, 8, Leipzig 1911.]

[Footnote 13: H. Helmholtz: ber die Erhaltung der Kraft, 8, Berlin 1847.]

Denken wir uns ein System von Naturkrften, meint Helmholtz, welche
in gewissen rumlichen Verhltnissen zueinander stehen und unter dem
Einflu dieser gegenseitigen Krfte in Bewegung geraten, bis sie in
eine bestimmte andere Lage gekommen sind: so knnen wir diese
gewonnenen Geschwindigkeiten als eine gewisse mechanische Arbeit
betrachten und in solche verwandeln. Wollen wir nun dieselben Krfte
zum zweiten Male wirksam werden lassen, um dieselbe Arbeit noch einmal
zu gewinnen, so mssen wir die Krper auf irgendeine Weise in die
anfnglichen Bedingungen durch Anwendung anderer uns zu Gebote
stehender Krfte zurckversetzen; wir werden dazu also eine gewisse
Arbeitsgre der letzteren wieder verbrauchen. In diesem Falle fordert
nun unser Prinzip, da die Arbeitsgre, welche gewonnen wird, wenn
die Krper des Systems aus der Anfangslage in die zweite, und verloren
wird, wenn sie aus der zweiten in die erste bergehen, stets dieselbe
sei, welches auch die Art, der Weg oder die Geschwindigkeit dieses
berganges sein mgen. Denn wre derselbe auf irgendeinem Wege grer,
als auf dem anderen, so wrden wir den ersteren zur Gewinnung der
Arbeit benutzen knnen, den zweiten zur Zurckfhrung, zu welcher wir
einen Teil der soeben gewonnenen Arbeit anwenden knnten, und wrden
so ins Unbestimmte mechanische Kraft gewinnen, ein =Perpetuum mobile=
gebaut haben, welches nicht nur sich selbst in Bewegung erhielte,
sondern auch noch imstande wre, nach auen Kraft abzugeben.

Aus diesen Worten sieht man, da Helmholtz die Unmglichkeit des
Perpetuum mobile als Axiom voraussetzt, auf dem er seine Betrachtungen
aufbaut. Interessant ist, diesem Zitat eine Stelle aus J. R. Mayer,
dem eigentlichen Urheber der modernen Energetik gegenberzustellen. In
einem Briefe vom 5. Dezember 1842 schreibt Mayer an Griesinger[14]:

Du wirst aber mit Recht jetzt sagen: beweise die Wahrheit Deiner
Behauptungen. In dieser Hinsicht fhre ich an: 1. Die notwendige
Konsequenz aus einfachen nicht zu leugnenden Prinzipien. 2. Ein
Beweis, der, fr mich subjektiv die absolute Wahrheit meiner Stze
dartut, ist ein negativer: es ist nmlich ein in der Wissenschaft
allgemein angenommener Satz, da die Konstruktion eines Mobile
perpetuum eine theoretische Unmglichkeit sei (d. h., wenn man von
allen mechanischen Schwierigkeiten, wie Reibung usw. abstrahiert, so
bringt man es doch auch in Gedanken nicht hin), meine Behauptungen
knnen aber alle auf seine Konsequenzen aus diesem Unmglichkeitsprinzip
betrachtet werden; leugnet man nur einen Satz, so fhre ich gleich ein
Mobile perpetuum an usw.

[Footnote 14: R. Mayer: Kleinere Schriften und Briefe. Herausgegeben
von J. Weyrauch, 8 Stuttgart 1893.]

Da der zweite Beweis fr Mayer subjektiv war, geht aus einer
interessanten Einzelheit in seiner Biographie hervor. Er mochte ein
etwa zehnjhriger Knabe gewesen sein, als er selbst die Idee fate,
ein Perpetuum mobile zu konstruieren. Er pflegte nmlich damit zu
spielen, da er auf den Bach kleine Wasserrdchen setzte und durch
deren Umdrehungen kleine Gegenstnde mit bewegen lie. Nun meinte er,
wenn man an einem solchen Rdchen eine Archimedische Schraube
anbringen wrde, knnte ein Perpetuum mobile gewonnen werden. Der
Knabe wurde von den Erwachsenen eines besseren belehrt und gab bald
sein Vorhaben auf, aber vielleicht machte diese Jugenderfahrung einen
so starken Eindruck auf ihn, da er damals schon unbewut zur
berzeugung gelangte, mechanische Arbeit lasse sich nicht aus nichts
erzeugen.

Spielte also die Unmglichkeit des Perpetuum mobile auch bei Mayer
eine Rolle bei seiner Begrndung des Energieprinzips, so betont er
selbst den spekulativen Einschlag in seinen Betrachtungen. Die
Erschaffung und die Vernichtung einer Kraft liegt auer dem Bereich
menschlichen Denkens und Wirkens, erklrt Mayer. Und ebenso uert
sich Joule, der zu gleicher Zeit wie Mayer fr dieselbe Idee kmpfte:
Es ist offenbar absurd anzunehmen, da die Krfte, die Gott der
Materie verliehen hat, eher zerstrt als geschaffen werden knnten.

In der Geschichte der Physik bezeichnet man es gewhnlich als
Verdienst von Mayer und Joule, einen =experimentellen= Beweis des
Energiegesetzes geliefert zu haben. Indem durch die Arbeiten dieser
beiden Mnner das mechanische quivalent der Wrme festgestellt wurde
(bei dem einen durch die Ausdehnung der Gase, bei dem zweiten
vornehmlich durch Arbeiten auf dem Gebiete der Elektrizitt), gewann
man die berzeugung von der mechanischen Natur der Wrme. Durch die
Aufstellung des mechanischen Wrmequivalents wurden die Gesetze der
Energieverwandlung und somit auch das Gesetz der Energieerhaltung
gegeben.

Ernst Mach hat in seinen Werken zum ersten Male darauf hingewiesen,
welcher logische oder =formale= Sinn in dieser Fassung des Problems
liegt. Um den Gedankengang Machs klarzumachen, folgen wir einem von
ihm gewhlten Beispiel.

Gibt es ein mechanisches quivalent der Elektrizitt ebenso wie es ein
mechanisches quivalent der Wrme gibt? Ja und nein, antworten wir mit
Mach. Es gibt kein mechanisches quivalent der Elektrizitts=menge=,
wie es eines der =Wrmemenge= gibt, denn dieselbe Elektrizittsmenge
kann verschiedene Mengen von Arbeit erzeugen, je nach der Spannung, in
der sie sich befindet; wohl aber gibt es ein mechanisches quivalent
der elektrischen =Energie=. Mit anderen Worten: es gibt kein
mechanisches quivalent der Elektrizittsmenge wie das der Wrmemenge,
weil wir hie und dort mit Menge verschiedenes bezeichnen: in der
Elektrizitt heit Menge das, was man mit dem Elektrometer mit, und
in der Wrmelehre etwa dem frheren Begriff des Wrmestoffs
entsprechen wrde; whrend mit Wrmemenge der Betrag der
Wrmeenergie bezeichnet werden soll. Diese Terminologie hat ihre
historische Begrndung, und es ist rein eine Sache unserer =formalen=
Auffassung, was wir unter Wrmemenge, was unter Elektrizittsmenge
verstehen. Indem wir sagen: das mechanische quivalent der Wrme ist
als 426 gefunden worden, d. h. 1 Wrmeeinheit hat den Wert von 426
mechanischen Arbeitseinheiten, heit es mit anderen Worten: die
Einheit der Wrme soll uns soviel wert sein, wie je 426 Einheiten der
mechanischen Arbeit. Wenn wir das praktische Bedrfnis danach htten,
knnte man z. B. auch das mechanische quivalent des Wassers
aufstellen. Wir htten bei unserer jetzigen Terminologie wohl kein
quivalent der =Wassermenge=, wohl aber des Wassergewichts mal
Fallhhe des Wassers. Wrden wir aber die =Wassermenge= nicht mit
Eimern, sondern indirekt (als Produkt aus Gewicht  Fallhhe) messen,
so htten wir auch ein direktes quivalent der Wassermenge. -- Auf
diese Weise aufgefat, bekommt das Energieprinzip eine Begrndung, die
dieses Prinzip ber die Erfahrung hinaussetzt. Die Erfahrung liefert
uns die Beziehungen der wirkenden Krfte, nur durch die Erfahrung kann
man wissen, ob Wrme sich in Arbeit verwandelt. Insofern ist das
Gesetz von der Verwandlung der Energie ein =Erfahrungssatz=. Aber es
ist eine Sache unserer =formalen= Auffassung, wenn wir sagen: so und
soviel Wrmeeinheiten seien so und soviel Arbeitseinheiten gleich.
Dieses =formalen= Bedrfnisses schien sich schon Mayer bewut gewesen
zu sein, indem er das mechanische Wrmequivalent aus bereits
bekannten Tatsachen ableitete und stets bestrebt war, fr die neue
Lehre passende Beziehungen in der ganzen Physik und Physiologie zu
finden.

Diese Machsche Begrndung der Quellen des Energieprinzips liegt
auerhalb der Perpetuum-mobile-Frage. Dieser Auffassung schlieen wir
uns an, indem wir die Unmglichkeit des Perpetuum mobile aus dem
Energieprinzip ableiten. Fr uns ist die Unmglichkeit der
perpetuierlich arbeitenden Vorrichtung keine Begrndung des
Energiesatzes, sondern eine notwendige Folgerung daraus. Die formale
Auffassung verleiht dem Energieprinzip den Charakter einer
unerschtterlichen Wahrheit. Man mte das ganze Gebude der heutigen
theoretischen Physik umstrzen, um zu einer Annahme der
Energievermehrung zu gelangen. So lange das nicht geschehen ist, trgt
das Energieprinzip den Charakter eines strengen Gesetzes, und die
Unmglichkeit des Perpetuum mobile bedarf keiner weiteren Begrndung.
Fr die heutige Physik ist das Perpetuum mobile ein Archaismus, ein
berbleibsel aus der Epoche der Physik, da das Energiegesetz unbekannt
war.




17. Das Perpetuum mobile II. Art.

Der Satz von der Erhaltung der Energie, so sehr er in seinem
Geltungsbereich alle Erscheinungen der Natur umfat, enthlt eine
Lcke, die fr die Frage des Perpetuum mobile verhngnisvoll htte
sein knnen. Der Satz sagt zwar aus, da keine Maschine der Welt die
Energiemenge vermehren kann, aber der Energie=verwandlung= wird keine
Grenze gesetzt. Nun haben wir gesehen, da man im Bestreben, eine ewig
arbeitende Maschine zu konstruieren, nicht immer an der Forderung
festhielt, sie msse Arbeit aus nichts schaffen; man beschrnkte sich
vielfach auf die Forderung, da die Maschine, einmal instand gesetzt,
immer weiter gehe. Eine solche Maschine brauchte nicht dem Gesetz der
Erhaltung der Energie zu widersprechen: sie knnte z. B. dadurch
bewerkstelligt werden, da eine bestimmte Wrmemenge in mechanische
Arbeit verwandelt wrde, diese dann wieder in Wrme bergefhrt wrde
usw. in die Unendlichkeit.

Auf diese zweifache Bedeutung der Perpetuum-mobile-Frage hat zuerst
Wilhelm Ostwald hingewiesen. Er nannte eine Maschine, die imstande
wre, fortdauernd eine Energieart in die andere zu verwandeln und
umgekehrt (ohne einen Energieverlust zu erleiden), ein Perpetuum
mobile II. Art.

Um diese Bezeichnung zu verstehen und die Unmglichkeit auch einer
solcher Maschine zu begrnden, mssen wir etwas nher auf die
Ergnzung eingehen, die das Energieprinzip speziell durch die
Thermodynamik erfahren hat.

Auf die Wrmelehre angewandt, wird das Prinzip der Erhaltung der
Energie als I. Hauptsatz der Thermodynamik bezeichnet. Seine
allgemeine Formulierung wre die, da bei allen Wrmeprozessen (wie
bei allen Naturprozessen berhaupt) die Summe der Energie konstant
ist. Was auch geschehen mag -- der Betrag an Energie wird weder
vermindert noch vermehrt. Dieses Gesetz sagt aber nichts darber aus,
was geschieht. In welcher Richtung verlaufen die natrlichen Prozesse?
Fllt ein Stein vom Berge ins Tal, explodiert eine Bombe und
verwandelt ihre chemische Energie in Wrme, Licht und mechanische
Wirkung, erwrmt die brennende Kohle die Temperatur des Zimmers von
10 auf 18 -- bei allen diesen Vorgngen ist die Summe der Energie
unverndert geblieben. Aber nach dem Energiegesetz allein knnten alle
diese Prozesse sowohl in der einen wie in der anderen Richtung
verlaufen: der Stein knnte ebenso gut vom Tal auf den Berg fallen wie
umgekehrt, aus der Wirkung der Explosion knnte man wieder eine Bombe
herstellen, und die im Zimmer zerstreute Wrme knnte man wieder
sammeln. Aber nur im Kinematographentheater kann man die Reihenfolge
der Geschehnisse beliebig ndern: aus der Asche und Kohle wird ein
flackerndes Streichholz, und die Zigarre im Munde des Rauchers wird
immer lnger anstatt krzer zu werden. In der Realitt sind alle
Geschehnisse in ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge streng bestimmt. Das
allgemeine Prinzip, das die =Richtung= der natrlichen Geschehnisse
charakterisiert, wird durch den sogenannten II. Hauptsatz der
Thermodynamik ausgedrckt.

Ebenso wie der I. Hauptsatz hat auch der II. Satz verschiedene
Fassungen erhalten. In den meisten Lehrbchern der Physik findet man
die beiden Stze meistenteils so formuliert, wie es von seiten
Clausius', einem der Begrnder der modernen Thermodynamik, geschehen
ist: I. Die Energie des Weltalls ist konstant. II. Die Entropie des
Weltalls strebt einem Maximum zu.

Der Begriff Entropie bedarf an dieser Stelle einer Definition. Ohne
auf nhere mathematische Betrachtungen einzugehen, gengt es, die
Entropie als diejenige Gre zu charakterisieren, die die
Eigenschaft besitzt, nur bei absolut umkehrbaren physikalischen
Prozessen (Idealprozessen) gleich zu bleiben.

Der II. Hauptsatz ist ein Erfahrungssatz. Er geht von der natrlichen
Kenntnis der Dinge aus, da es unmglich ist, die Energie ihrem vollen
Betrag nach auszunutzen. Bei jedem Proze bewiesen die Nebenumstnde
wie Reibung usw., da ein Teil der Energie (die im ganzen erhalten
bleibt) fr uns, fr die praktischen Zwecke des gegebenen Prozesses
verloren geht. Man suchte auf verschiedene Art diese Eigentmlichkeit
der Energieprozesse zu charakterisieren. Man spricht hufig von einer
Entwertung der Energie, wobei man die Energiearten gewissermaen in
eine Rangtafel einordnet. Die Wrme hat den niedrigsten Rang unter den
Energiearten: bei allen Prozessen entsteht Wrme, eine Wrme, die
nicht mehr in andere Energieformen verwandelbar ist. Man spricht in
diesem Sinne von dem Wrmetod des Weltalls, als dem Zustand, da alle
in der Welt vorhandene Energie sich in arbeitsunfhige Wrme
verwandelt haben wird. Mit jedem Proze, der in der Natur sich
vollzieht, mit jedem Tage wird mehr und mehr von der uns zur Verfgung
stehenden Energie in eine niedere Form und schlielich in Wrme
umgewandelt und bt ihre Wirkungsfhigkeit ein.

Eine etwas andere Fassung des Entropiegedankens ist die Zerstreuung
der Energie. Bei jedem Prozesse, der sich innerhalb eines
geschlossenen Systems abspielt, wird zwar die Gesamtsumme der Energie
erhalten, aber ein Teil der Energie wird zerstreut, so da sie nicht
wieder gesammelt werden kann. Ein Ma dieser Zerstreuung liefert die
Entropie. Die Entropie ist aber nicht etwa zu definieren, als
Energiemenge, die fr uns verloren geht. Die Entropie ist nicht
Energie; sie ist nur der mathematische Ausdruck fr die Menge Energie,
die bei allen Vernderungen der Natur unserem Wirkungsbereiche
entweicht und somit fr uns verloren geht.

Diese Zerstreuung der Energie mu bewirken, da die Energie, die
irgendeine Maschine zur Verfgung hat, sich nach und nach verbraucht,
auch wenn sie an keinen anderen Krper ihre Energie bertrgt.

Die Perpetuum-mobile-Konstrukteure haben sich oft ihre Idee in
folgender Form gedacht: zwei Uhrwerke sind miteinander so verbunden,
da das eine beim Ablaufen das andere aufzieht und umgekehrt. Dieses
System mte also eine ewige Maschine sein. Es widerspricht auch nicht
der Energieerhaltung. Aber das Ganze wre doch kein Perpetuum mobile:
das eine Uhrwerk wird beim Ablaufen einen Teil seiner Energie
zerstreuen, und einen schon kleineren Betrag auf das zweite
bertragen; ebenso das zweite auf das erste, und so fort bis die
Energie nicht mehr reichen wird, das Uhrwerk in Bewegung zu bringen,
und das Ganze steht still.

Oder denken wir uns folgende Vorrichtung. Ein Dampfkessel wird
erhitzt. Durch den Dampf werden mechanische Bewegungen erzeugt. Die
Bewegung der Rder, Hebel usw. ist aber so eingerichtet, da durch sie
wieder Wrme erzeugt wird, die dem Dampfkessel mitgeteilt wird. Das
wre das vollkommene Beispiel eines Perpetuum mobile II. Art. Die
Hitze des Dampfes treibt die Rder, die Umdrehung der Rder erhitzt
den Dampf -- die eine Arbeit verrichtet die andere, und einmal in Gang
gesetzt, mte das Ganze ewig laufen, ohne je stehen zu bleiben. Zwar
wre durch die Maschine keine Arbeit gewonnen, aber die Vorrichtung
wre die Verkrperung eines Ideals, da Energie ewig hin- und
zurckverwandelt wird.

Das wre der Idealfall eines Prozesses, den man in der Thermodynamik
einen =reversiblen= Proze nennt. Mit der Betrachtung der reversiblen
(in der Natur gibt es nur irreversible Prozesse) Vorgnge fing die
moderne Thermodynamik an, indem Sadi Carnot (1796 bis 1832) die
Funktion aufstellte, die bei allen natrlichen Prozessen zunimmt. Die
Carnotsche Funktion wurde zum Ausgangspunkte der ganzen Entropielehre,
des II. Hauptsatzes. Wollte man nur von der Erfahrung ausgehen, so
knnte man die beiden Hauptstze folgendermaen formulieren.

I. Es ist unmglich, eine Vorrichtung zu konstruieren, die Arbeit aus
nichts leistet (Perpetuum mobile I. Art).

II. Es ist unmglich, eine Vorrichtung zu konstruieren, die bestndig
Arbeit in Wrme und dieselbe Wrme wieder in Arbeit verwandelt
(Perpetuum mobile II. Art).

Diese Formulierung der beiden Hauptstze findet man besonders scharf
bei Nernst ausgedrckt. Mit dieser Formulierung sollte der alte Wahn
von der ewig durch sich selbst arbeitenden Maschine endgltig aus dem
Bereiche der Physik verbannt werden.




18. Perpetuum-mobile-Projekte aus neuerer Zeit.

1842 erschien Mayers Arbeit Bemerkungen ber die Krfte der
unbelebten Natur, in der zum ersten Male das mechanische
Wrmequivalent berechnet und das Prinzip der Erhaltung der Kraft in
voller Allgemeinheit aufgestellt wurde. Ein Jahr spter erschien die
Arbeit von Joule, in der das mechanische Wrmequivalent auf anderem
Wege berechnet wurde. Langsam fate die neue Anschauung Boden, aber
man kann sagen, da seit fast einem halben Jahrhundert das Gesetz der
Erhaltung der Energie zum festen Bestand unserer Naturerkenntnis
gehrt (ebenso wie das Gesetz der Erhaltung des Stoffes seit
Lavoisier). Und doch hrten whrend dieser ganzen Zeit die Versuche,
ein Perpetuum mobile zu konstruieren, nicht auf.

Die Perpetuum-mobile-Projekte aus der zweiten Hlfte des 19.
Jahrhunderts knnen im groen und ganzen in zwei Kategorien eingeteilt
werden: die einen versuchen durch Ausnutzung der physikalischen
Grundprinzipien eine Vorrichtung zu ersinnen, die immerwhrend
funktioniert; die anderen wiederum wollen dasselbe Ziel durch
komplizierte technische Hilfsmittel erreichen. Und so wollen wir diese
ersteren Perpetuum-mobile-Projekte der Sache gem physikalische
Projekte nennen, whrend die anderen als technische bezeichnet werden
mgen.

[Illustration: Abb. 30.]

Was die physikalischen Projekte betrifft, so mu wieder wie schon
frher ihre geringe Originalitt und Erfindungsgabe betont werden. Es
sind immer dieselben Prinzipien, die aufs neue variiert werden. Z. B.
erfindet 1865 ein gewisser Hermann Leonhard aus St. Gallen in der
Schweiz eine neue Triebkraftmaschine, die die Schwimmgesetze
verwerten will. Eine Reihe von Schwimmern (Abb. 30) aus dnnem Blech,
geht ber zwei Scheiben, die auf 2 Wellen sitzen. Die eine Hlfte der
Schwimmer geht durch einen mit Wasser gefllten Behlter, whrend die
andere Hlfte sich in freier Luft befindet. Die Schwimmer sollten
durch den Auftrieb des Wassers in die Hhe steigen und sich
infolgedessen in konstanter Bewegung befinden. Verschiedene
Vorrichtungen sollten noch dafr sorgen, da die Schwimmer leichter
ins Wasser kommen und aus dem Wasser steigen -- doch auf die
Beschreibung dieser Details kommt es dabei nicht an: im Prinzip ist
diese Maschine schon eine sehr alte Erfindung.

[Illustration: Abb. 31.]

In der Geschichte keines Gedankens kann man soviel bewute und
unbewute Nachahmungen und Plagiate finden, wie in der Geschichte des
Perpetuum mobile. 4 Jahre nach der soeben beschriebenen Erfindung lt
sich ein Herr Jean Clunot aus Lyon eine neue und verbesserte
Triebkraftmaschine in England patentieren, die fast eine genaue
Wiederholung der Leonhardschen Idee ist, und 1870 bekommt ein anderer
Erfinder, William H. Chaper ein amerikanisches Patent fr dieselbe
Erfindung.

Alle Irrtmer der vergangenen Zeiten werden auch im 19. Jahrhundert
wiederholt. So sehen wir das alte Radprinzip in fast unendlicher Reihe
weiter kombinieren, und ebenso alle anderen Konstruktionen. Doch es
wre nutzlos, bei der Beschreibung aller dieser Projekte weiter zu
verweilen, denn sie alle beruhen auf einem Irrtum, und der Irrtum ist
in der Wissenschaft nur interessant, wenn er eine historische Stufe
charakterisiert, nicht aber wenn er auf Ignoranz beruht.

Beachtenswerter als die rein physikalischen Versuche sind die
Projekte, die von Technikern ausgehen. Dem Techniker kommt es bei
seiner Arbeit auf den praktischen Effekt an, nicht nur auf die
theoretische Wahrheit, und so geschieht es oft, da er die
theoretischen Grundstze, die er als Axiome voraussetzt, im Lauf
seiner Arbeit vergit. Das Ideal jedes Technikers ist, eine Maschine
zu haben, bei der die Reibung mglichst wenig Kraft verzehrt. Eine
Lieblingsidee der Erfinder war es von jeher, eine Maschine zu
konstruieren, bei der die Reibung auf Null reduziert ist. In der Zeit,
da die Technik ihre grten Triumphe feiert, mu dieses Ziel besonders
erreichbar scheinen.

Aber auch das alte Ideal der Maschine, die aus sich selbst Arbeit
liefert, ist noch wach. Aus neuer und neuester Zeit hat man die
verschiedenartigsten Projekte selbstfahrender Wagen, selbstttiger
Lasthebemaschinen und so fort. Besonders zahlreich kann man in Amerika
diese Art von Projekten finden: hier ist der Perpetuum-mobile-Gedanke
noch nicht so diskreditiert wie im alten Europa. (In den meisten
Staaten werden Perpetuum-mobile-Projekte von der Patentierung
ausgeschlossen.) Nur wenige der heutigen Projekte tragen den alten
Namen Perpetuum mobile, obwohl sie dem Prinzip nach es sein wollen.

Abb. 31 zeigt ein Perpetuum mobile von Horace Wickham aus Chicago, das
1870 ein amerikanisches Patent erhielt. Der Effekt der Maschine soll
durch Kombination eines schwingenden Gewichts mit einem Rdersystem
erreicht werden. In ihren Details ist die Maschine recht kompliziert.
Die Bltter der Vereinigten Staaten brachten seinerzeit spaltenlange
Beschreibungen dieses Wunderdings. Es wurde behauptet, da die
Maschine 2 Monate lang von selbst gegangen sei. Wie diese Nachricht
aufzufassen ist, hat uns die Erfahrung von frher gelehrt.

[Illustration: Abb. 32.]

Ein amerikanisches Patent schtzte die Erfindung eines sterreichers,
Dr. Alois Drasch aus St. Egydi, die unter dem Namen eines Kugelmotors
ein Perpetuum mobile darstellte. Die Maschine besteht im wesentlichen
aus einem kippenden Trog (Abb. 32), in dem eine Kugel rollt. In den
Trog reicht ein Hebel hinein, der mit einer Welle verbunden ist. Der
Erfinder glaubte, da durch den bestndigen Stellungswechsel des
Troges infolge der Schwerkraft der Ball immerwhrend rollen wird;
diese Bewegung wrde sich kontinuierlich der Welle mitteilen, der den
Mechanismus antreibt. Auf der Abbildung sieht man die Welle mit einem
konischen Zahnrad versehen, das in ein zweites Zahnrad eingreift;
dieses letztere befindet sich auf der Achse eines Wagens, so da der
Wagen allein durch das Rollen der Kugel fortgezogen wird.

berhaupt gehen die meisten Projekte neuerer Zeit, ein Perpetuum
mobile zu bauen, dahin aus, die Gravitation in Triebkraft umzusetzen.
Um die Gravitation, diese von der Natur selbst gegebene Triebkraft
zu verwerten, wurde in den sechziger Jahren in London sogar eine
Aktiengesellschaft gegrndet. Diese Predavais Motive Power Company
sollte ein Grundkapital von anderthalb Millionen Pfund Sterling haben
und fhrte den Namen eines Professors auf ihrer Direktorenliste. Dem
Unternehmen wurde die Erfindung eines Ingenieurs Predaval zugrunde
gelegt, der einige Patente fr Triebkraftmaschinen erhalten hatte.
Nicht viele durchschauten sofort, da man es mit einem verkappten
Perpetuum mobile alten Stils zu tun hatte. Das Unternehmen scheiterte
jedoch noch bevor es ans Werk trat.




19. Das scheinbare Perpetuum mobile.

Es gibt einige Naturerscheinungen, die in einem scheinbaren
Widerspruch mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie stehen und leicht
den Glauben erwecken knnen, da ein Perpetuum mobile mglich sei. Das
sind die Flle, wo eine in der Natur aufgespeicherte Energiemenge
Arbeit leistet. Man erinnere sich, welche Aufregung die Entdeckung der
radioaktiven Substanzen hervorgerufen hat -- man glaubte es zuerst mit
einer Arbeitsleistung zu tun zu haben, die aus sich selbst geschaffen
wird.

Ausgehend von der Arbeitsfhigkeit des Radiums konstruierte schon 1903
Strutt einen kleinen Apparat, der die kontinuierliche Umwandlung
radioaktiver Energie in mechanische Bewegung demonstrieren sollte. Es
ist ein Goldblattelektroskop, das durch Radiumbestrahlung geladen
wird; wenn die Blttchen einen gewissen Ausschlag erreicht haben,
entladen sie sich an einem Kontakt, und das Spiel beginnt von neuem.

Der Struttsche Apparat wurde in geeigneter Weise vom Zricher Physiker
H. Greinacher modifiziert. Das Greinachersche Radium-Perpetuum-mobile
(Abb. 33) besteht im wesentlichen 1. aus einem in Paraffin gebetteten
Messingplttchen _P_, das die Radiumstrahlen auffngt und 2. aus einer
Art Elektrometer, dessen Nadel _N_ in metallischer Verbindung mit _P_
steht. Das Ganze ist sehr leicht und klein, die Paraffinschicht hat
eine Dicke von  mm, und das Aluminiumblttchen, das zum Tragen der
radioaktiven Substanz bestimmt ist (sie ist mittels des
Schraubenkopfes _K_ eingeklemmt) nicht dicker als 0,015 mm. Die
Strahlen des Radiumprparats treffen auf die Platte _P_, laden sie und
bertragen die Ladung auf _DHW_, so da die Nadel eine Drehung
bekommt. Diese Drehung kann entweder direkt beobachtet werden oder
mittels des Spiegelchens _S_ auf eine Skala projiziert werden. Bei der
Drehung kehrt sich die Nadel einem Kontakt zu und wird entladen, so
da der Proze von neuem beginnen kann.

Dieser Apparat, der so lange funktioniert, wie die Bestrahlung dauert,
zeigt die fast unzerstrbare Arbeitsfhigkeit des Radiums, aber der
Erfinder selbst wei, da dieses Perpetuum mobile mit der Erfindung
eines Orffyreus und den Bestrebungen der Perpetuum-mobile-Sucher
nichts mehr als den Namen gemeinsam hat.

Ebensowenig wie der Greinachersche Apparat verdient den Namen eines
Perpetuum mobile im eigentlichen Sinne das Elektrische Perpetuum
mobile, das seit 70 Jahren im Karlsruher Physikalischen Kabinet der
Technischen Hochschule zu sehen ist. Es besteht aus einer Zambonischen
Sule, bei der bekanntlich Bltter aus unechtem Gold- und Silberpapier
(Kupfer und Zinn) die Rolle der Metalle und die im Papier enthaltene
Feuchtigkeit an Stelle der Flssigkeit eines galvanischen Elements
stehen. Zwischen den Polen der liegenden Zambonischen Sule, die einen
geringen Abstand voneinander haben, pendelt ein Goldblttchen hin und
her: sobald es mit dem positiven Pole der Sule in Berhrung kommt,
wird es mit positiver Elektrizitt geladen, vom Pol abgestoen und
nach dem negativen Pol getrieben. Hier gibt es die positive
Elektrizitt ab, wird negativ geladen und wieder abgestoen. Das
Pendeln dauert so lange, wie die Wirkung der Zambonischen Sule
selbst.

[Illustration: Abb. 33]

In Wirklichkeit ist auch diese Vorrichtung kein Perpetuum mobile, denn
ihre Wirkungsfhigkeit (die im brigen minimal ist) beruht auf dem
zwar unmerklichen aber doch vorhandenen Verbrauch der Zambonischen
Elemente. Es gibt ja noch andere solche Apparate. Bekannt ist z. B.
das Radioskop, die kleine Mhle, deren Flgel durch die Strahlen der
Sonne angetrieben werden. Die Triebkraft kommt hier von der Sonne,
deren Abnutzung fast unmerklich ist. Alle diese Vorrichtungen, die
ihre Energie aus den in der Natur vorhandenen Vorrten beziehen, sind
keine Perpetua mobilia im eigentlichen Sinne. Sie arbeiten nicht von
selbst, sondern beziehen ihre Energie von auen, und ihre
Energiequellen sind zwar fr unsere Begriffe gewaltig, aber nicht
unerschpflich.




20. Das Perpetuum mobile in der Gegenwart.

Man ist gewhnt, wenn man vom Perpetuum mobile spricht, es als Problem
hinzustellen, das der Vergangenheit angehrt. Die Perpetuum-mobile-Frage
findet jedoch auch heute noch so viel Adepten, da sie keineswegs als
Frage der Vergangenheit betrachtet werden kann.

Es sind nicht immer Ignoranten, Besserwisser und Eigenbrtler, die
heutzutage noch die Ansicht vertreten, da eine Maschine, die ohne
uere Kraftzufuhr arbeitet, mglich ist. Der moderne
Perpetuum-mobile-Bejaher mu sich aber des Konfliktes bewut sein, in
den er mit der Wissenschaft tritt, und so sind ihm zwei Wege mglich:
entweder diese Wissenschaft zu ignorieren oder sie zu berholen.

Der erste Weg mu naturgem auerhalb unserer Betrachtung bleiben;
wir wollen aber noch ganz kurz die Frage streifen, wie man versuchen
kann, die Perpetuum-mobile-Mglichkeit vom Standpunkt der Physik zu
bejahen.

Solche Versuche gibt es. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist z. B.
ein Werk, das den Titel Neue Energetik trgt.[15] Der Autor, Leo
Gilbert, will darin eine neue Energetik begrnden, die von der
bisherigen prinzipiell abweicht. Die Basis seiner Anschauung ist die
Korrelation oder Gegenstzlichkeit der Erscheinungen (Bipolaritt).
Jedes Ding hat zwei Seiten, jede Erscheinung hat eine Gegenerscheinung.
Tritt an irgendeiner Stelle ein physikalischer Proze in dem einen
Sinne ein, so mu zugleich an irgendeiner anderen Stelle ein Proze in
dem dazu entgegengesetzten Sinne sich vollziehen. Jeder Begriff der
Physik hat einen Gegenbegriff, von dem die Strung des einen die
Erhaltung des anderen bedeutet (positive -- negative Elektrizitt;
kalt -- warm; Ruhe -- Bewegung). Alle Prozesse bestehen also darin,
da fortwhrend Gleichgewichtszustnde gestrt werden, wobei neue
Gleichgewichte hergestellt werden.

[Footnote 15: Leo Gilbert: Neue Energetik, 8, Dresden 1912.]

Diese Anschauungsweise schliet, wenigstens theoretisch, das Perpetuum
mobile nicht aus. Da das Wesen der Arbeit demnach in der Verschiebung
eines Energiekomplexes von einem Pol zum anderen Pol ist, so ist ja
eine Maschine denkbar, deren Aufgabe darin besteht, die Verschiebung
hin und her hervorzurufen.

Damit mge der Grundgedanke dieser neuen Energetik skizziert sein.
Ob aber diese Energetik, die mit einer vollkommen neuen Terminologie
operiert und alle alten Begriffe auf den Kopf stellt, nicht auf einem
formalen Irrtum beruht, mte rein erkenntnistheoretisch untersucht
werden.

Aber selbst wenn man von solchen und hnlichen Versuchen, das
Perpetuum-mobile-Prinzip zu rechtfertigen, absieht, findet man noch
Erfinder genug, die von der Mglichkeit einer aus sich selbst
arbeitenden Maschine rein praktisch berzeugt sind. Man kann auch
heute noch Ingenieure und Techniker treffen, die glauben, man mte
die Schwerkraft in Arbeitsfhigkeit umsetzen knnen.

Das Perpetuum mobile bildet ein besonderes Kapitel aus der
Erfinderpsychologie, in der die verschiedenartigsten Momente
zusammenkommen. Wie sehr kennt man den Typus des Erfinders, der immer
auf dem Sprunge steht, eine weltumstrzende Entdeckung zu machen, dem
nur noch soundsoviel Zeit oder soundsoviel Geld dazu fehlt, um seine
Erfindung zu verwirklichen. Tagein tagaus, jahrein jahraus arbeitet er
im ehrlichen Streben, er bringt seiner Idee die grten Opfer, -- der
Erfolg bleibt aus, aber er glaubt fest an seine Sache. Er merkt es
schon lange nicht mehr, da er sich immer weiter vom Ziel entfernt; er
verbohrt sich immer mehr in die Sache, je mehr sie ihm entschwindet;
er kmmert sich nicht um die Verachtung oder das Mitleid seiner
Mitmenschen, er lt sich von niemandem und durch nichts berzeugen,
denn er =will= die Erfindung machen, und der Wille ist bei ihm strker
als Motive der Vernunft.

Einen interessanten und psychologisch wertvollen Beitrag zu dem ewigen
Typus des Perpetuum-mobile-Suchers bildet ein kleines Werk von Paul
Scheerbart Das Perpetuum mobile.[16] Diese Geschichte einer
Erfindung ist von einem Dichter geschrieben, der in der Literatur
durch eine Reihe phantastischer Romane bekannt ist. Mit wunderbarer
berlegenheit ist diese Erfinderjobsiade erzhlt. Durch Gewichte
bewegtes Zahnrad nennt der Erfinder sein Unternehmen. Er sagt sich:
Die Anziehung der Erde ist eine perpetuierliche, und diese
perpetuierliche Anziehungsarbeit lt sich durch einige
aufeinandergestellte Rder in perpetuierliche Bewegung umsetzen. Er
wei: das widerspricht dem Gesetz von der Erhaltung der Energie, aber
-- Was ging mich Robert Mayer an? -- und -- Die Physiker waren mir
immer verhat. Er versucht einen Wagen zu konstruieren, in dem die
Rder sich nicht auerhalb, sondern innerhalb des Vehikels befinden,
und noch bevor der Plan die leiseste Spur von Erfolg verspricht,
ergeht sich der Erfinder in der Ausmalung der Folgen, die die
Erfindung haben wird: Zeitungen werden gegrndet, Stdte gebaut, die
Sahara fruchtbar gemacht, Berge versetzt, die gewaltigsten Umwlzungen
vollzogen, und alles ohne jede Mhe. Der Arbeiter mu leider
einsehen, da sein stumpfsinniges Arbeiten ganz berflssig ist, da ja
die Erde durch perpetuierliche Anziehungsarbeit alles, was wir
brauchen, ganz alleine besorgt. -- Die soziale Frage ist endlich
gelst.

[Footnote 16: Paul Scheerbart: Das Perpetuum mobile, 4; Leipzig
1910.]

Bei Scheerbart, dem Dichter, endet die Geschichte damit, da der
Erfinder, von den mglichen Folgen seiner Erfindung abgestoen, das
Problem zwar lst, aber es nicht weiter verfolgt; in der
Wirklichkeit aber endet sie berhaupt nicht oder endet mit dem Tod.
Alle Grnde der Vernunft und alle Erfahrung knnen einen Menschen doch
nicht berzeugen, wenn er mit dem Gefhl an etwas hngt.

Das Moment des Gefhls spielt bei dieser ganzen Frage berhaupt eine
wichtige Rolle. Fragt man: Warum ist das Perpetuum mobile (abgesehen
von der Physik) unmglich? so wird der eine antworten: Mein Gefhl
strubt sich gegen die Idee, da in der Praxis etwas mglich sei, was
ewig unaufhrlich ist. Der andere aber wird ebenso, aus dem Gefhl
heraus, die Idee fr mglich halten, weil sie fr ihn einen Wunsch,
ein fernes Ziel, ein Ideal bedeutet. Aus diesem Grunde hat sich die
Menschheit weder durch jahrhundertelange Erfahrung noch durch Beweise
der Logik eines Besseren belehren lassen, und aus diesem Grunde werden
Ideen, wie die des Perpetuum mobile, in dieser oder jener Gestalt
immer weiter leben.




Namenregister.


Abertus Magnus 36 ff., 58.

Ampre 50.

Anaxagoras 80.

Arago 1, 75.

Archimedes 13, 27, 59.

Archytas 58.

Aristoteles 22, 35.

Augustinus 8, 35.


Bacon von Verulam 42.

Becher, J. J. 41.

Bernoulli, Joh. 56 ff., 70.

Berthelot 7.

Beler, Ernst Elias, s. Orffyreus.

Bettino, Mario 18.

Bckler, G. Andr. 30.

Bollstdt, Graf von, s. Abertus Magnus.

Borelli, Giov. Alf. 20.

Boyle, Robert 41 ff.

Brewster, David 75 ff.

Busus 35.


Capra, Alessandro 12.

Carnot, L. N. 73.

Carnot, Sadi 73, 88.

Chaper, William 90.

Clarke 70.

Clausius 86.

Clunot, Jean 90.

Congreve, William 77 ff.

Cornelius Agrippa 49.

Cusanus 22.


D'Alembert 70.

Daul 3.

Demokritos 6.

Descartes 69 ff.

Dinglinger, Joh. Melchior 63.

Dircks 3.

Doswill, Andrew 26.

Drasch, A. 91.

Drebbel, Cornelius 59 ff.

Dupr 75.


Empedokles 80.


Fludd de Fluctibus 49 ff.


Galilei 19, 35, 39, 54.

Galvani 79.

Grtner, Andreas 63.

Gay Lussac 75.

Gehler 71.

Gilbert, Leo 94.

Gilbert, William 25.

's Gravesande, Jakob 63 ff., 69 ff.

Greinacher, H. 92.

Guericke 42.


H., L. v. 47.

Haute-Feuille 57.

Helmholtz 81 ff.

Heron von Alexandrien 51.


Iseis, Alfons 28.


Jacobus 58.

Joule 80.


Kant 70.

Karl, Landgraf von Hessen-Kassel 64 ff.

Kepler 72.

Kircher, Athanasius 15, 16, 25, 26, 38.

Krebs, Nikolaus, s. Cusanus.


Lactantius 46.

Lavoisier 89.

Leibniz 96, 70, 72.

Leonhard, H. 89.

Lessing 70.

Leupold, Jakob 17, 22, 53.

Lionardo da Vinci 10, 16, 29, 58.

Lorini 72.

Loyola, Ignatius 37.


Mach, Ernst 83 ff.

Mahn 63.

Martin, A. 54 ff.

Mayer, J. R. 80 ff., 88.

Mitz 13, 38.

Molo, Walter von 41.

Montucla 1, 73.


Newton, Isaak 63.

Nicholson 77.


Ostwald, Wilhelm 85.

Oldenberg 7.

Orffyreus 62 ff.


Papin, Denis 54, 70.

Paracelsus 39 ff., 49.

Peregrinus, Peter 24.

Peter der Groe 66.

Pythagoras 6.

Piobb, Pierre 50.

Planck, Mat. 81.

Plato 6, 35.

Plinius 22.

Porta, Giambattista 35, 51 ff.

Predaval 92.


Riccioli, Giov. Bapt. 18, 38.

Rosenberger 5, 33.


Scheerbart, Paul 95 ff.

Scheiner, Christoph 18, 35, 38.

Schott, Kaspar 13, 20, 25 ff., 38, 41, 42, 54.

Schumann 63.

Schwiers 77.

Septimus, Clemens 19, 20.

Sinclair, George 54.

Solski, Stanislaus 30 ff.

Somerset, Edward, s. Worcester.

Spence 76.

Steubinger, J. K. 71.

Stevin 19, 72 ff.

Strutt 92.

Sturm 72.

Sudhoff, K. 41.


Taisnerius, Joh. 23.

Tales von Milet 22.

Thomas von Aquino 34.

Torricelli 54.

Tymme, Thomas 59.


Vaucanson 61.

Vilard de Honnecourt 5, 8 ff.

Vincenz von Beauvais 34.

Vinci, de, s. Lionardo.

Vitruvius, Marcus 6.

Vogel, A. F. 77.


Wagner, Christian 63.

Whewell 72.

Wickham, Horace 91.

Wilkins, John 6, 13 ff., 24, 25, 29, 38 ff.

Wolff 66.

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[End of _Das Perpetuum mobile_ by Frida Ichak]

[Fin de _Das Perpetuum mobile_ par Frida Ichak]
