
* A Project Gutenberg Canada Ebook *

This ebook is made available at no cost and with very few
restrictions. These restrictions apply only if (1) you make
a change in the ebook (other than alteration for different
display devices), or (2) you are making commercial use of
the ebook. If either of these conditions applies, please
check gutenberg.ca/links/licence.html before proceeding.

This work is in the Canadian public domain, but may be
under copyright in some countries. If you live outside Canada,
check your country's copyright laws. IF THE BOOK IS UNDER
COPYRIGHT IN YOUR COUNTRY, DO NOT DOWNLOAD
OR REDISTRIBUTE THIS FILE.

Title: Goethe in Wetzlar. 1772.
   Vier Monate aus des Dichters Jugendleben.
Author: Herbst, Friedrich Ludwig Wilhelm (1825-1882)
Date of first publication: 1881
Edition used as base for this ebook:
   Gotha: Friedrich Andreas Perthes, 1881
   (first edition)
Date first posted: 13 July 2009
Date last updated: 13 July 2009
Project Gutenberg Canada ebook #351

This ebook was produced by:
Karl Eichwalder, David T. Jones
& the Online Distributed Proofreading Team
at http://www.pgdpcanada.net


* Livre lectronique de Project Gutenberg Canada *

Le prsent livre lectronique est rendu accessible
gratuitement et avec quelques restrictions seulement. Ces
restrictions ne s'appliquent que si [1] vous apportez des
modifications au livre lectronique (et que ces
modifications portent sur le contenu et le sens du texte,
pas simplement sur la mise en page) ou [2] vous employez ce
livre lectronique  des fins commerciales. Si l'une de ces
conditions s'applique, veuillez consulter
gutenberg.ca/links/licencefr.html avant de continuer.

Ce texte est dans le domaine public au Canada, mais pourrait
tre couvert par le droit d'auteur dans certains pays. Si vous
ne vivez pas au Canada, renseignez-vous sur les lois concernant
le droit d'auteur. DANS LE CAS O LE LIVRE EST COUVERT
PAR LE DROIT D'AUTEUR DANS VOTRE PAYS, NE LE
TLCHARGEZ PAS ET NE REDISTRIBUEZ PAS CE FICHIER.

Titre: Goethe in Wetzlar. 1772.
   Vier Monate aus des Dichters Jugendleben.
Auteur: Herbst, Friedrich Ludwig Wilhelm (1825-1882)
Date de la premire publication: 1881
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Gotha: Friedrich Andreas Perthes, 1881
   (premire dition)
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   13 juillet 2009
Date de la dernire mise  jour:
   13 juillet 2009
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 351

Ce livre lectronique a t cr par:
Karl Eichwalder, David T. Jones
et l'quipe des correcteurs d'preuves (Canada)
 http://www.pgdpcanada.net




Goethe in Wetzlar.

1772.

Vier Monate aus des Dichters Jugendleben.

Von

Wilhelm Herbst.

Mit den Bildnissen von Kestner und Lotte Buff.


Gotha.
Friedrich Andreas Perthes.
1881.


Meinem lieben Schwager, Vetter und Freunde

Friedrich Heinzerling,

Doktor der Philosophie, Knigl. Baurat und ordentlichem Professor an der
technischen Hochschule in Aachen.

Zur Erinnerung

an die Heimat und an lngst geschwundene Zeiten.




=Vorwort.=


Vielleicht ist es nicht berflssig, daran zu erinnern, da
sich diese Schrift streng in den selbstgesteckten Schranken halten
und, so nahe die Versuchung liegen und so beengend die gebotene
Entsagung mitunter sein mag, nach keiner Seite hin
den Rahmen des biographischen und litterargeschichtlichen Bildes
sprengen will, das sie zu zeichnen vorhat. Nur was Goethe
in =Wetzlar wirklich= erlebte, sein ueres wie sein inneres
Leben dort galt es vorzufhren. Dies aber in der Vollstndigkeit,
die das vorhandene und erreichbare Material irgend zult.
Diese Aufgabe, ber deren inneres Recht die Einleitung sich
ausspricht, ist bisher noch nicht versucht worden. Denn was
wir hier bieten, deckt sich keineswegs mit den bekannten Schriften
von J.W. Appell (Werther und seine Zeit, Neue Ausg., 1865)
und B.R. Abeken (Goethe in den Jahren 1771-1775),
so nahe die beiderseitigen Gebiete aneinandergrenzen. =Jener=
wrdigt die =Wirkungen= des Werther und charakterisiert
die Litteratur, die sich an die Fersen des Romans heftet, der
erst zwei Jahre nach dem Zeitpunkt, von dem =unsere= Schrift
handelt, verffentlicht wurde; =dieser= umspannt eine ungleich
lngere Periode, geht aber eben deshalb nicht grndlich und
tief genug auf die Erlebnisse Goethes in Wetzlar selbst und auf
die Zustnde der Reichsstadt ein. Und doch ist auch ohne dieses
kulturgeschichtliche Moment, in dem die realen und idealen Beziehungen
sich treffen, ein vllig anschauliches Bild nicht mglich.
Es versteht sich, da das Bild der damaligen Reichsstadt,
da es nur als Mittel zum Zweck erscheint, in den knappsten
Linien, wenngleich auf Grund alles erreichbaren Materials, gezeichnet
werden mute. Die beiden genannten Schriften haben
freilich unser Thema =gestreift=, keine aber hat auch nur den
Versuch gemacht, neues Material oder das alte in zum Teil
neuer Beleuchtung zu bieten. Der treffliche Abeken, dessen
schnste Jugenderinnerungen noch in die Goethe-Schiller-Periode
zurckreichten, hat dabei den ruhigen, historischen Ton dem
vergtterten Dichter gegenber keineswegs berall getroffen.
Mein Wunsch und meine Hoffnung ist, da in dieser Schrift
Bewunderung und Nchternheit keine sich sprd ausschlieende
Gegenstze geblieben sein mgen.

Die =sachlichen= Grnde, die mich zu der Schrift veranlaten,
habe ich in der Einleitung dargelegt, ich gestehe aber
gerne, da mich dieselben ohne den Hinzutritt von =persnlichen=
kaum zu dieser Arbeit bestimmt htten.

Wetzlar ist mein Geburtsort, den ich zwar seit den Knabenjahren
verlassen, aber im spteren Leben doch gar manchmal wieder
und mit nie rostender Jugendliebe vorbergehend aufgesucht habe.
Unter den Eindrcken der Goethe-Werther-Traditionen und in
jener so anziehenden Natur, die den Dichter entzckte, bin ich
aufgewachsen. Und -- es kann es jeder erfahren -- wir kommen
nie wieder im spteren Leben mit der Auenwelt auf so vertrauten
Fu wie in den Tagen der Kindheit und Jugend. Noch
im vergangenen Sommer habe ich auf einer im Interesse dieser
Schrift unternommenen Reise auch jene Jugenderinnerungen bis
ins kleinste wieder auffrischen knnen.

Und nur im Lichte der erneuerten Autopsie mochte ich die
Arbeit wagen. Aber auch nicht ohne neues Material. Ist
dieses auch nicht so reichhaltig, als der Autor, dem naturgem
die Lcken und Zweifel am meisten sich aufdrngen, selbst
wnschen mchte, so fllt doch auf manche biographisch wichtige
Punkte durch das neue urkundliche Material, das ich sammeln
und verarbeiten konnte, ein helleres Licht. Vor allem habe
ich hier dem verehrten Senior der Familie Kestner, Herrn
=Georg Kestner= in Dresden, dem Hter des Kestnerschen
Familienarchivs und einer der umfangreichsten Autographensammlungen,
die wir in Deutschland besitzen, auf das herzlichste
zu danken. Derselbe kam meinem Wunsche, jenes Archiv, aus
dem statutarisch nichts nach auen hin verliehen werden darf,
an Ort und Stelle zu benutzen, auf das bereitwilligste entgegen,
und so konnte ich im vorigen Sommer mehrere Tage
in den reichhaltigen Sammlungen ungehemmt mich umsehen;
namentlich verdanke ich den tagebuchartigen Aufzeichnungen
von J.Chr. Kestner gar mancherlei. Auch ist der verehrte
Mann nicht mde geworden, mir auch noch weitere schriftliche
Auskunft ber einzelne Punkte zu geben. Auerdem habe ich
in Wetzlar das Reichskammergerichts-Archiv, wenn auch mit
geringem Erfolg fr meine Zwecke, besucht und verdanke der
freundlichen Beihilfe der Herren Oberlehrer _Dr._ Glaser in
Wetzlar und Pfarrer Allmenrder in Obernbiel bei Wetzlar
mehrere wertvolle Antworten auf gestellte Anfragen. Mein
Versuch, auch aus dem Goethe-Archiv in Weimar noch irgendwelche
Ausbeute zu gewinnen, schlug leider fehl. Des Dichters
Enkel, Herr Kammerherr Baron Walther v. Goethe, beruhigte
mich brigens mit der Versicherung, es finde sich fr diese Zeit
nichts Urkundliches in dem Familienarchiv, dessen Schtze berhaupt
oft berschtzt wrden. Auch ist es nicht unmglich, da
Goethe gerade die auf Wetzlar und Werther bezglichen Briefschaften
vor seinen beiden Reisen nach Italien mit anderen vernichtet
hat. Ebenso wenig lieen sich die Briefe =Gotters= an
=Goethe= noch auffinden, wie mir Herr Professor Schelling in
Erlangen, der Sohn von Gotters Tochter, auf Befragen mitzuteilen
die Gte hatte.

Von dem bisher gedruckt vorliegenden Material hoffe ich
Wichtiges nicht bersehen zu haben. Die Noten ziehen, was
ntig erschien, zum Beweis oder zur Ergnzung des Textes
heran; doch war das um so weniger berall erforderlich, weil
wir nun in v. Loepers trefflichem Kommentar zu Wahrheit
und Dichtung ein so gediegenes Hilfsmittel besitzen.

Dies ber den =biographischen= Teil der Schrift, der
naturgem den ungleich breiteren Raum einnimmt. Was den
litterargeschichtlichen anlangt, so war es auch hier meine Aufgabe,
nur das in Wetzlar nachweisbar Geleistete oder Vorbereitete
-- und das letztere eben in dieser Beschrnkung -- zu
untersuchen. Diese Prfung hat auch zu einigen peripherischen
Punkten der =Faust-Dichtung= gefhrt, sowie zu der Frage nach
dem Zusammenhang der Grundidee dieser Dichtung mit bestimmten
Punkten in Goethes damaliger theologischer Entwickelung.

Diese Fragen konnten hier meinem Thema gem nicht
zum Austrag gebracht, sondern nur gestreift werden. Ich habe
aber die Absicht, die theologisch-philosophische Entwickelung des
=jungen= Goethe zum Gegenstand einer besonderen
litterarisch-kritischen Wrdigung zu machen.

Die artistischen Beilagen werden, so hoffen wir, vielen
willkommen sein, beide sind weiteren Kreisen bisher unzugnglich
gewesen. ber den Zeitpunkt der Entstehung des Kestnerschen
Portrts hat sich in der Familie keinerlei Tradition erhalten.
Lottens Bild ist ein Nachbild der Silhouette, die
Goethen nach Frankfurt nachgesandt worden war und die seitdem
dort ber seinem Bette hing und deren er so manchmal
in den Briefen an Kestner gedenkt. Unaufgeklrt ist die Bedeutung
des Datums in der Unterschrift: Lotte gute Nacht am
17. Juli 1774. -- Soll es etwa den Tag der Vollendung des
Werther bezeichnen, an dem eine Art Abschied, eine gute
Nacht an Lotte allerdings angebracht war? Nach Goethes
Tod war diese Silhouette durch den Kanzler v. Mller der
Familie Kestner als Reliquie bersandt worden.

Einige Nachsicht mge man der =Form= da zugute kommen
lassen, wo der sprde, sich oft aus einer Reihe kleiner Einzelheiten
mosaikartig zusammensetzende Stoff einer knstlerischen Verarbeitung
sich nicht fgen wollte. So sehr ich danach gestrebt
habe, das Ganze auch fr weitere Kreise lesbar zu machen, so
oft stellte sich diesem Wunsche die Natur der Quellen, sowie
die Ntigung, im Interesse meiner leidenden Augen zum Diktieren
zu greifen, in den Weg. Mge trotz dieser Hemmungen und
Gebrechen das Gesamtbild ein einigermaen treues und lebendiges
Abbild der denkwrdigen Episode geworden sein!

Nicht schlieen mag ich dieses Vorwort ohne einen =Gru
an die Vaterstadt=. Es ist nur natrlich, da Wetzlar, in
neuester Zeit immer strker in den Weltverkehr hineingezogen,
nicht blo zeitlich den Erinnerungen seiner Vergangenheit immer
ferner rcken wird. Wo findet die Romantik eine Zuflucht,
wenn allstndlich das laute Leben der eisernen Verkehrsstraen
durch das einst so stille Thal rauscht? Allein jene Erinnerungen
gehren zu den =idealen= Gtern der Stadt. Und wenn das
Gedchtnis des Reichskammergerichts, die =andre= jener stolzen
Erinnerungen, uns heute im Neuen Reich mumienhaft genug
anblickt, so tragen die Goethe-Traditionen doch den Stempel des
=Unverwstlichen=, die kein materieller Aufschwung verdrngen
darf, weil er sie nicht ersetzen kann.

Halle, 20. Februar 1881.

W.H.


     Einen aus Versehen im Texte unkorrigiert gebliebenen
     Irrtum bitten wir nachtrglich zu verbessern, wie dies
     bereits in den Schlunoten geschehen.

     S. 139, Z. 10 ff. ist zu lesen: =nicht aber= das
     weitere, da Goethe, Hpfner und =Schlosser= die Trias
     bildeten, vor deren Tribunal der armselige Tropf Schmid
     so bel bestand. Denn da bei diesem _examen rigorosum_
     =Merck= anwesend war, ist ausdrcklich durch einen fast
     gleichzeitigen Brief Hpfners bezeugt.


Inhalt.

                                                       Seite

   I. Zur Einleitung                                       1

  II. Wetzlar                                             14

 III. Goethe am Reichs-Kammergericht                      33

  IV. Goethes Freundeskreis in Wetzlar                    45

   V. J. Chr. Kestner                                     87

  VI. Die Familie Buff                                    97

 VII. Goethe und Lotte                                   109

VIII. Die Gieener Episode                               128

  IX. Dichten, Studien und Weltanschauung                140

   X. Letzte Tage; Vorblick. Epilog                      188

      Anmerkungen                                        199


Berichtigungen.


 S. 9, Z. 5 v. u. lies: von statt vor.

 " 35, letzte Zeile lies: 1772 statt 1792 (in den meisten Exemplaren bereits verbessert).

 " 55, Z. 1 lies: ich kenn das Pack auch.

 " 59, vorletzte Zeile lies: Appell statt Appelt.

 " 74, letzte Zeile lies: an statt von.

 " 76, Z. 8 v. u. lies: berhrte statt berhrten.

 " 79, " 6 lies: Schranke statt Schranken.

 " 81, " 23 " Rousseau statt Rosseau.

" 112, " 9 " Wolpertshausen (sic), denn so steht an der betreffenden
             Briefstelle statt des richtigen Volpertshausen.

" 121, " 22 " bewegen statt begegnen.

" 123, " 22 " uns sagen statt aussagen.

" 130, "  9 " Gieen statt Wetzlar.

" 149, " 14 " Gottfried statt Gotfried.

" 153, "  8 v. u. lies: 82 statt 92.




=I=.

=Zur Einleitung=.


=Zwei Vorfragen=, beide wieder unter sich in engem Zusammenhang,
fordern an der Schwelle dieser Schrift eine Antwort. Einmal, ob diese
kurze Episode ein inneres Recht hat, aus dem Gesamtbilde von Goethes
Leben und Dichtung herausgenommen und als ein gesondertes Ganzes
behandelt zu werden; dann die Frage nach der menschlichen und
dichterischen Gestalt, in welcher Goethe bei seinem bergang in die
Wetzlarer Verhltnisse vor uns tritt.

Der Satz wird kaum einem Widerspruche begegnen, da es -- gegenwrtig
oder berhaupt -- fast unmglich ist, den =ganzen= Goethe biographisch
zu erschpfen. Die bisherigen Versuche, so willkommen und dankenswert
an sich, beweisen nur diese Unmglichkeit. Der Stoff dieses
berreichen Menschen-und Dichterlebens ist zu breit und gro, um die
ueren und inneren Seiten seiner Entwicklung gleichmig zur
Anschauung bringen zu knnen. Und doch hemmt hier die =Flle= -- die
Gre der Aufgabe wie die Masse des zu bewltigenden Materials -- kaum
drckender als der =Mangel=. Denn so reich jetzt auch die
ursprnglichen Quellen flieen, so massenhaft die peripherische
Litteratur angeschwollen ist und tglich weiter schwillt, doch ghnen
noch empfindliche Lcken, die selbst die noch immer aussichtslose
ffnung des hermetisch verschlossenen Familienarchivs in Weimar nicht
alle fllen wrde. Hat doch der Dichter nach migem Anschlag mehr
denn zehntausend Briefe whrend seines langen Lebens ausgehen lassen.
Die Folge des bezeichneten Notstandes ist, da man sich entweder an
einer skizzenhaften Zeichnung des Gesamtlebens und Dichtens gengen
lt, oder da nur der =uere= Goethe betrachtet wird, der =innere=
Lebensgang und das poetische Schaffen aber uncharakterisiert und der
parallellaufenden Lektre entweder der Dichtungen selbst oder von
deren Interpreten berlassen bleibt; oder endlich es wird, wie von H.
Grimm, =nur= das poetische Schaffen in seinen Spitzen genetisch und
analytisch vorgefhrt, whrend das uere Lebensbild vllig
zurcktritt. Alle diese Methoden aber, die natrlichen Folgen einer
von der Sachlage aufgedrungenen Resignation, fhren nur zu Fragmenten,
nicht zu einer Totalitt. Um ein =Ganzes=, gleichmig ausgefhrt, zu
erreichen, dazu wre schon nach dem jetzt zugnglichen Material ein
Werk erforderlich, das die einer Biographie gesteckten Schranken
berspringen oder sprengen mte, und ein universeller Geist, wie ihn
die Gegenwart schwerlich birgt. Und doch -- gerade hier, bei diesem
unvergleichlichen Ineinander uerer Verhltnisse und inneren Werdens,
bei dieser organischen Verbindung des Einzellebens mit der Kultur
seiner Zeit in all ihren Lebensregungen fhrt jeder Verzicht auf die
Wrdigung eines dieser Faktoren zu einem unbefriedigenden Ziele.

So liegt es nahe, statt der totalen, die noch nicht an der Zeit sind,
partielle Versuche in der Art zu wagen, da man zunchst einzelne
Abschnitte dieses Dichterlebens heraushebt, diese aber nach allen
Seiten, den realen wie idealen, zu wrdigen strebt. Auch solchen
Versuchen wird die mit Vorliebe gepflegte, methodisch-kritische und
resultatreiche Goethe-Forschung unserer Tage auf Schritt und Tritt
frderlich sein. Erst nachdem eine Reihe biographischer
Einzelabschnitte durchgearbeitet vorliegt, wird sich allmhlich ein
Gesamtbild zusammenfgen knnen, wenn die gestaltende Meisterhand
darberkommt.

Freilich haben solche Versuche nur dann ein Recht und einen Sinn, wenn
man die =rechten= Abschnitte herausgreift, d.h. solche, die wirklich
loslsbar sind von dem Vor- und Nachher des Lebens; die auch bei aller
Zeitkrze gehaltvoll genug erscheinen, um der Episode ein
charakteristisches Geprge aufzudrcken; endlich, wenn der gewhlte
Teil die volle Kenntnis des Ganzen zur lebendigen Voraussetzung hat.
Alle =Willkr= wrde das erstrebte Schluziel mehr hinausschieben als
nher rcken. Denn darber darf kein Zweifel bleiben, da dieses vor
vielen organische Leben berall in sich zusammenhngt, da es im Flu
bleibt, da man den fortlaufenden Faden weder durchschneiden will noch
kann. Solche Gruppen treten in Goethes Leben mehrfach hervor. So, um
nur Beispiele zu nennen, die Leipziger, die Straburger Zeit, so die
Frankfurter Periode von 1771-1772, von 1773-1775, so das erste
Jahrzehnt in Weimar bis zur italienischen Reise, so der Glanz- und
Hhepunkt unserer Dichtungsgeschichte, der Dichterbund mit Schiller.
Es fragt sich, ob sich, mit diesen Mastben gemessen, auch die
Wetzlarer Episode als ein relativ selbstndiger Abschnitt aussondern
lt. Unter allen aufgefhrten Gruppen wre diese allerdings die
krzeste. Wird diese Krze aufgewogen durch inneren Gehalt und
fortwirkende Tragweite? Denn da hier das Leben des Dichters sich auf
neuer Scene bewegt, ist kein ausreichendes Motiv fr die Sonderung.
Das hiee dem Rahmen greres Gewicht beilegen als dem Bilde, das er
umschlieen soll. Immerhin ist es ein Motiv, wenn auch ein sekundres;
denn ein solcher Scenenwechsel, ein neuer rtlicher Schauplatz, neue
Menschen und Verhltnisse, neue Thtigkeiten und Interessen bilden
allerdings eine wesentlich neue Welt fr das Werden des Dichters.
Dabei bleibt das Vergangene und Errungene sein Eigentum, aber er
tritt ihm in freierer Sammlung gegenber. So wird durch den
Ortswechsel, der nie blo ein uerer Vorgang bleibt, der Abschnitt
dem Betrachter eben abtrennbar von dem Vor- und Nachher. War aber der
=Gehalt= dieser Glckseligkeit von vier Monaten bedeutsam genug, um
ihn als ein selbstndiges Ganzes darzustellen? Der Dichter selbst
scheint einer solchen Annahme zu widersprechen, wenn er in seiner
Selbstbiographie sagt: was mir in Wetzlar begegnet, ist von keiner
groen Bedeutung, und wenn er auf Mangel oder Stockung der
Produktionskraft dort hindeutet. In der That, wenn es sich in dem
poetischen Schaffen um sicht- und greifbare Frchte handelt, war der
Wetzlarer Sommer fr den Dichter wenig ergiebig; rechnen wir aber zu
der produktiven Arbeit auch deren Vorstadien, das stille unterirdische
Reifen, die Sammlung und die Kontemplation, das weitaussehende
Planmachen, die realen Bedingungen neuer grerer Schpfungen, so
werden jene Monate nicht arm und leer erscheinen, vielmehr bewegt von
den grten Intentionen, welche Goethes Frhzeit berhaupt bewegen.
Allerdings nicht in dem Sinne, als ob in die Wetzlarer Zeit
nachweisbar groe epochemachende Impulse fielen; aber gerade die
=innerste Triebkraft= seiner Dichtung, die ihr den Stempel ihrer Gre
und Eigenart, den Zauber und die Gewalt ohnegleichen aufprgt, ist dem
Dichter hier klarer wie je zuvor in das Bewutsein getreten. Die
Erkenntnis nmlich, die wie eine Inspiration ber ihn kam, da die
poetische Gestaltung nur des Selbsterlebten die Brgschaft ewiger
Dauer und Lebensfhigkeit in sich trage. Diese Erfahrung, die er
lngst an der Lyrik gemacht hatte -- der sie am nchsten liegt --,
verallgemeinert sich ihm jetzt fr das gesamte Gebiet der Dichtung.
Da darum der Dichter den Menschen voraussetze, und da, je reicher
und lebensvoller dieser dastehe, jener um so tiefer und schner
erscheine, diese Erfahrung wurde ihm in dieser Zeit gewi. Eben darum
wurde ihm das =Leben= an sich, der Zuwachs an innerem und uerem
Erleben so bedeutsam, darum das Betonen und Hervortreten des
psychologischen Moments als der =Seele= seiner Dichtung, auch der
dramatischen und epischen. Dieser springende Punkt in Goethes Schaffen
tritt aber am khnsten und energischsten im =Werther= hervor, der
gerade darum einen Wendepunkt unserer Dichtungsgeschichte bedeutet.
Solche Enthllungen der Menschennatur, mit einer Naturnacktheit
vorgetragen, die nur dadurch mglich war, da Held und Autor ein' und
dieselbe Person sind, sie waren bis dahin unerhrt. Wurde der Dichter
aber erst durch seine Wetzlarer Erlebnisse an die Quelle seiner
Dichtergre gefhrt, so liegt hierin auch ein ausreichendes Motiv,
dieses Stck Goethescher Lebensgeschichte besonders zu behandeln. Es
ist =eben der Vorhof und die Rstezeit zur grten Erhebung seiner
Jugendpoesie=. Selbst der Gtz schreitet nicht ber diesen Vorhof
hinaus in das innerste Heiligtum. Denn so mchtig er Goethes
Dichterberuf berhaupt offenbart, die eigentliche =Seele= seiner
Poesie enthllt er doch nur halb, d.h. jene psychische Meisterschaft,
die nur aus dem =persnlichen= Moment der ganzen oder annhernden
Identifizierung des Dichters mit dem Helden stammen kann. In
Werther, Faust, in Iphigenia, in Tasso, in Wilhelm Meister,
in den Wahlverwandtschaften ist das Beste und Tiefste aus der
eigenen Brust geschpft, im Gtz, dem unter dem Wehen des
Shakespeareschen Geistes empfangenen Drama, sind es hchstens
partikulare Konfessionen, die in Nebenpersonen (wie in Weislingen)
wiederklingen. Wie viel weiter ab lag ihm doch dieser historische
Stoff, an den ihn keine unmittelbare Erfahrung band, der den Nerv
seines Lebens nicht traf -- so jugendwarm er ihn umfate und den
berlieferten poetisch weiterbildete und belebte --, als Werther, den
er nach eigenem Bekenntnis gleich dem Pelikan mit seinem Herzblut
gefttert hatte. Sehen wir also zunchst in dem Wetzlarer =Leben=
Goethes einen Grund, dem flchtigen Intermezzo einen dauernden und
hohen Wert beizulegen, so giebt uns hierzu vor allem der Dichter
selbst das Recht. Nicht freilich in dem matteren Abendrote der
Selbstbiographie. Aber auch in diesem betont er als Grund seiner
Enthaltung, er habe schon, von seinem Genius getrieben, in
vermgender Jugendzeit im Werther das Bild jener Zeit festgehalten.
Wie mochte er eine Tautologie wagen, die unmglich die volle Farbe des
Lebens tragen konnte? Vollends aber im Spiegel der gleichzeitigen
Briefe betonte der Dichter immer und immer wieder, mitunter in halb
trumender Ekstase, den einzigen Charakter dieser Wochen. Aber dieser
Realitt, die doch erst um einige Zeit spter ihren poetischen
Ausdruck findet, geht sofort ein =ideales= Moment zur Seite, die
ahnende Erkenntnis, von der ich sprach, da sein poetisches Schaffen
mit der Vertiefung in die Wirklichkeiten des Menschenlebens, des
eigenen vor allem und nie ohne die tiefste Beteiligung des eigenen,
stehe und falle. Nicht das Vlkerleben mit seinen Kmpfen war seine
natrliche Welt, sondern das Einzelleben mit seinem lsungsbedrftigen
inneren Widerstreite, wo in allem Wandel der Zeiten das Dauernde und
Ewige seine Sttte hat. Innerhalb dieser Innenwelt war ihm nichts
Menschliches fremd; er ist darum, wie kein anderer aufnehmend und
gestaltend auch der Dichter des Zeitalters der Humanitt geworden, so
wenig wir ihn, den zeitlosen und unsterblichen, in diese zeitlichen
Schranken bannen drfen. Rhre ich hiermit an das Ziel und die Summa
Goethescher Dichtung, und hat das ahnende oder vorschauende Bewutsein
dieser seiner Lebensbestimmung, das sich zuerst in Straburg regte, in
Frankfurt nach Bethtigung suchte, in der Wetzlarer Sammlung einen
merklichen Schritt vorwrts gethan, so liegt hierin ein zweites, dem
=realen= ebenbrtiges Motiv, diese Episode als eine relativ
selbstndige aus dem Zusammenhang des Goetheschen Lebens
herauszuheben.

    *    *    *    *    *

Dann stehen wir vor der zweiten Frage, =wie d.h.= in welchem Stadium
seines menschlichen und poetischen Werdens der junge Dichter in die
neuen Verhltnisse eintrat. Die Antwort auf diese Frage stellt den
Anschlu dieses Abschnitts an die nchste Vergangenheit her, und es
ist natrlich, da wir Goethe in Wetzlar und das, was ihm dieser
Aufenthalt eingebracht, erst dann verstehen, wenn wir wissen, was er
mitgebracht. Freilich liegt eine volle Antwort auf diese Frage in der
ganzen Vorgeschichte, in der genetischen Entwickelung, auf die wir
hier verzichten mssen. Nur mit kurzen Strichen kann das Bild des
Dichters im Frhjahr 1772 gezeichnet werden.

Wir erinnern uns daran, da Goethe menschlich und poetisch in
Straburg eigentlich aufzuleben begonnen hat. Was weiter zurcklag,
namentlich die Leipziger Zeit, zeigt mehr eine Verhllung als eine
Entfaltung des wahren Goethe. Sind doch die Jugenddramen, die
Mitschuldigen und die Launen des Verliebten nach Art und Geist so
grundverschieden von den poetischen Frchten, die in Straburg und
Frankfurt reifen oder ansetzen, als ob es Kinder verschiedener Vter
wren. In der Straburger Zeit hat vor allem Herders berwltigende
Einwirkung und die Liebe zu Friederike herausgebildet, was in dem
Jngling schlummerte. Man hat die Folgejahre wohl Goethes =deutsche=
Periode genannt. Und sie war es, wenn man auch richtiger den
allgemeineren und umfassenderen Namen germanische Periode whlen
sollte, womit neben dem hervorbrechenden Eigenen auch die mitwirkenden
Krfte von auen, Shakespeare und Ossian und der englische Roman
bezeichnet wrden. Und alle diese Hilfskrfte von auen vertritt dem
ahnenden und suchenden Dichter Herders entscheidender Rat; und hinter
Herder und von diesem dem Dichter nahe gerckt steht die sibyllinische
Weisheit des nie gesehenen Magus im Norden. Aber derselbe Herder wird
ihm auch zum Vertreter der =Antike=, der hellenischen Dichtung. Und
wenn die in Straburg beginnende Homerlektre und die Erweiterung
seiner griechischen Studien in Frankfurt und Wetzlar auch nicht
unmittelbare Frchte reifen, die jener =deutschen= Periode alsbald
eine =klassische= gegenberstellten, so sieht doch jede schrfere
Betrachtung, da die Reaktion griechischer Einfalt und Plastik gegen
ungefge germanische Formlosigkeit alsbald und lange vor Iphigenia,
Tasso und Hermann und Dorothea hervorscheint. Gewi nur als ein
edles naturverwandtes Pfropfreis, nicht als ein Fremdes und
Aufgedrungenes. Denn Goethes schlichtem Naturgefhl kam die Antike nur
besttigend, frdernd entgegen. Selbst in den bewegtesten Teilen des
Werther erkennen wir den besonnenen Zgel des Knstlers, der das
Gesetz der Harmonie in sich trgt. Es ist, als ob die Motive der
deutschen Renaissancezeit schon in dem jungen Goethe mit
ursprnglicher Kraft wiederkehrten. In ihm vertrug sich das scheinbar
Fernste hellenischer Poesie, das er sich mit wunderbarer
Aneignungskraft zu eigen machte, mit dem von Natur Nchsten,
Vaterlndischen.

Nach Frankfurt von der Universittszeit heimgekehrt, geht Goethe
sofort zur praktischen Anwendung des in Straburg Erlebten und
Erlernten ber. Gleichzeitig tritt er ein Amt an und versucht zum
erstenmale den hheren dramatischen Flug. Gtz und die Advokatur
gehen im ersten Quartal des Winters von 1771 auf 1772 neben einander
her. Es sind die Konsequenzen und Fortwirkungen der Straburger Zeit.
In dem zweiten Quartal aber dieses merkwrdigen Winters vertieft er
sich in die griechischen Studien und tritt zugleich in jenen
Darmstadt-Homburger Kreis ein, der ihm menschlich so ungemein viel
wurde. Man darf sagen: es waren bei seinem Eintritt in Wetzlar fast
alle Elemente zusammen, die den Dichter grndeten und bedingten; in
Wetzlar selbst wurden diese Elemente ergnzt und vervollstndigt. Und
dabei bedeutet der Zeitpunkt jene fesselnde Lage unmittelbar vor dem
Aufthun der Schranken, aus denen er zu poetischen Grothaten in die
weite Arena unserer Litteratur hervortreten sollte. Wohl war man schon
aufmerksam auf den Dichterjngling in engeren Kreisen, aber nach auen
hin war er ein noch unberhmter Name. Er selbst aber glaubte an seinen
Beruf von Gottes Gnaden und er fhrte in dem ersten noch unfertigen
Entwurf des Gtz, den nur wenige kannten, sein Probe-, wenn auch
noch nicht sein Meisterstck mit nach Wetzlar. So war es ein eigener
Mittelzustand zwischen glcklicher Verborgenheit, welche hinter den
Coulissen der groen Welt die volle Unbefangenheit zulie, und den
inneren Ansprchen einer genialen Natur, die ihrer selbst gewi
geworden war. Ein litterarisches Inkognito, aber mit erprobtem
Kraftgefhl und poetischer Legitimation, die sich noch steigerte durch
die Mitwirkung an dem nun auftauchenden und den neuen Geist
verkndenden kritischen Institut der Frankfurter Gelehrten Anzeigen.
Und fr dieses groe Streben war es charakteristisch, da der Dichter
wie instinktiv damals nach Stoffen von universeller und prinzipieller
Tragweite suchte, in denen er dichtend zugleich eine Weltanschauung
aussprach. Auf dieser Linie bewegen sich in dieser und der
nchstfolgenden Zeit Stoffe wie Sokrates, Prometheus, Csar,
Ahasverus, Mahomet, Faust, die =alle auszutragen= auch ber seines
Geistes Ma ging; und an dem einen Stoff, von dem er nicht ablie,
trug er sein Leben lang. Und dies eben darum, weil es von allen der
zugleich universellste und =persnlichste= war. In welchem Grade Faust
gerade ein Spiegel eigener Konfessionen war, zeigt jede neue Forschung
immer heller. Es wird uns unten entgegentreten, wie Goethe selbst bei
seinem bergang nach Wetzlar mitten in einer inneren Ghrung und
Krisis steht. Dies berreiche Ausgeben setzte ein reiches Einnehmen,
und nicht blo aus Bchern, sondern aus lebendigem Menschenverkehr
voraus. Ein solcher fehlte in dem denkwrdigen Frankfurter Winter von
1771 bis 1772 nicht. Doch fand ihn der Dichter ungleich weniger in der
Vaterstadt, die er berhaupt schon damals nicht mit sympathischem
Blick ansah, als in der Nachbarschaft, in Darmstadt und Homburg. Hier
erschlo ihm der geistig gemtliche Verkehr mit Merck und jener
Dreizahl der Freundinnen Louise v. Ziegler, Frulein v. Roussillon und
Karoline Flachsland -- oder in der poetischen Sprache: Lila, Urania
und Psyche -- eine neue Welt. Bildete sich auch zu keiner ein
leidenschaftliches Verhltnis, weil dem Dichter noch die verlassene
Friederike in dem Elssser Drfchen in Erinnerung und Gewissen zu
gegenwrtig war, so streifte doch die Hinneigung zu Lila namentlich
dergestalt an Liebe, da die weiche Schwrmerin unter ihren Lauben
und Rosen und ihrem Schfchen, das mit ihr it und trinkt, selbst an
eine solche glaubte und den Dichter bedauerte, da neben einer anderen
Neigung in ihr auch die unbersteigliche Mauer des
Standesunterschiedes sie trennte. Es war dort die modische
Empfindsamkeit in der sublimiertesten und therischesten Gestalt
zuhause, und fr den Dichter war es wie ein Resonanzboden, worin jedes
poetische Erzeugnis und jede poetische Regung des Moments
verstndnisvollen Wiederklang fand. Und unter dieser weiblichen
Dreizahl befand sich Herders Braut, die somit zum Wrmeleiter und zur
Vermittlerin zwischen dem oft verstimmten Meister und dem vertrauenden
Jnger wurde.

Und dieses Zaubernetz, in welchem Goethe sich nicht nur wohl, sondern
selig fhlte, das er im Frhjahr 1772 wiederholt als strmischer
Wanderer aufsuchte, sollte nun zerrissen werden. Gleichwohl war es
nicht blo das Leidgefhl, das Goethe bewegte, als er der Vaterstadt
auf Monate den Rcken kehrte. Vielmehr war es ein gemischtes Gefhl
und eine Doppelstimmung. Von Frankfurt selbst, das er gelegentlich
eine Spelunke nennt, und von der kaum begonnenen, aber von
vornherein verhaten und als Nebensache betriebenen Advokatur, aber
auch von dem Vaterhaus und speziell von dem Vater selbst, dem
vielfachen Beschrnker seiner genialen Lebenswnsche und Gewhnungen,
trennte er sich leicht. Freilich war es gerade des Vaters juristischer
Fortbildungsplan, der ihn nach Wetzlar trieb, und die vterliche
Hoffnung, er werde dort tiefer in die Rechtspraxis eingefhrt werden
und dadurch greren Geschmack an seinem eigentlichen Lebensberufe
finden. Trat er damit doch nur in die Futapfen des Vaters, der in
jungen Jahren gleichfalls den Reichsproze an dieser Quelle studiert
hatte. Ja es ist nicht unwahrscheinlich, da der Vater zeitweise noch
weitergehende Gedanken an diese Wetzlarer Digression knpfte, den
Wunsch nmlich, da sich der Sohn vielleicht dauernd dort als Advokat
oder Prokurator festsetzen wrde. Es war dies wohl ein =Reserveplan=,
wenn der ursprngliche, sich durch die vaterstdtische Anwaltschaft zu
stdtischen mtern geschickt zu machen, scheitern sollte. War dies des
Vaters Plan, so hatte der Sohn schon einen Gegenplan im Kopfe, als er
gen Wetzlar zog. Stritten in Frankfurt unter des Alten Augen Themis
und die Musen um seinen Besitz, so gedachte er, der vterlichen
Kontrolle ledig, in Wetzlar diese Geteiltheit abzuschtteln und der
Themis zeitweise Valet zu sagen.

So war der Wetzlarer Sommer auch ideell die natrliche Fortsetzung des
Frankfurter Winters, und die Fden, die beide Zeiten zusammenknpfen,
sind unzerreibar. Aber es war von Bedeutung, da Goethe aus dem
volleren Strome des Auenlebens in stillere Zustnde und in die
Mglichkeit strengerer Sammlung und Vertiefung berging. Ja man kann
sagen, da er auch die geistige Atmosphre, die seinem Werther
Hintergrund und Stimmung gibt, von Frankfurt nach Wetzlar mitbrachte.
In Wetzlar herrschte durchaus eine andere Temperatur, als in
Darmstadt-Homburg, wo weibliche Elemente den Ton angaben. Dort war
diese weiche, dmmernde, weltschmerzliche, marklose Art zuhause,
dieses Lcheln unter Thrnen, dieses krnkelnde Schwelgen in
verstiegenen Gefhlen. Auch Goethe wurde von der sentimentalen
Modekrankheit stark berhrt. War er doch mit krankem Herzen aus dem
Elsa und von seiner tiefsten, schuldvoll abgebrochenen Jugendliebe
heimgekehrt, und diesem Herzen that die Krankenstubenluft, in der sich
so anmutige Pflegerinnen bewegten, ganz wohl. Blieb doch selbst der
mannhafte, verstandesscharfe, aber im eigenen Hause nicht glcklich
befriedigte Merck nicht frei von der Influenza der Zeit, die gerade in
Darmstadt der zweideutige Leuchsenring groziehen half. Bei Goethe
schlossen sich diese pathologischen Anwandlungen an die tieferen
religisen Stimmungen, wie sie von der Klettenberg, auch jetzt wieder
des Dichters origineller Seelsorgerin, geweckt und genhrt wurden. Das
innerste Leben Goethes wurde von dieser eigenartigen Mystik getroffen,
die in Grundtrieben seiner angeborenen Natur Anschlupunkte genug
fand, und so bildete sich aus Erlebtem und Erlerntem, aus Alchimie und
Mystik, aus spekulativen Einzelansten und selbstherrlicher Phantasie
jenes elementare Chaos, aus dem nur das gestaltende Schaffen den
Ausweg finden mochte. Es sind die Elemente und Voraussetzungen, denen
die Faustidee, deren erstes Regen der nmlichen Zeit angehrt, zum
Leben verhalf. Zu den Voraussetzungen gehrt aber neben dem
dmonischen Universalismus und der Vertiefung in die Geheimnisse alles
Lebens die tragische Idylle von Sessenheim und das nach Entlastung
verlangende Schuldgefhl, dem die poetische Befreiung nher lag und
leichter fiel als die ethische. --

Wenn wir schon in dieser Frhzeit auf das Hchste der Goetheschen
Poesie, wenn auch als ein embryonisch werdendes, hinweisen drfen, so
sagt dieser Hinweis genug, welchen Vorsprung schon der Genius vor der
gleichzeitigen Litteratur gewonnen hatte. Aber eben dieses
Unterscheidende erinnert uns auch daran, da Goethe sich von der
Quintessenz alles Lebenskrftigen, was die deutsche Dichtung der Zeit
ihm zutragen konnte, hatte berhren und befruchten lassen: von dem
hohen Flug des Odensngers, von Lessings dramatischer Dialektik, von
Wielands weltmnnischer Eleganz. Aber auch die =Emanzipation= von
diesem Triumvirat, die erst dem Eigenen vollen Raum schafft, beginnt
in diesem und den nchsten Folgejahren. Unmittelbar vor der Wetzlarer
Reise war Emilia Galotti erschienen. Dem tieftragischen Stoff sieht
Goethe des Dichters korrekte Geistesklarheit doch nicht vllig
gewachsen. Er erklrt das Stck, so ein Meisterstck es sonst sei,
fr nur gedacht. Dem Messias-Dichter sagt er allerdings erst 1776 ab
und aus Grnden, die nicht in poetischen, sondern in realen
Differenzen liegen. Aber im litterarischen Gegensatz bewegte er sich
lngst, und in gewissem Sinne, wenn auch vllig absichtslos, ist sein
Faust ein Anti-Messias. Der Widerspruch gegen Wieland trat wenige
Jahre darauf in Gtter, Helden und Wieland scharf zutage.

Herder aber, nicht selbst Dichter, doch in ahnungsvoller Theorie jene
Trias berragend, bildete ein Zwischenglied zwischen dieser und dem
Dichter der Zukunft, den er prophetisch vorverkndigte. Es war darum
nur natrlich, da Goethe diesen bermochte, sobald er dessen Programm
durch seine Schpfungen zu That und Leben gefhrt hatte.




=II.=

=Wetzlar=.


Noch vor wenig Jahrzehnten trug das uere Bild Wetzlars in Stadt und
Land ein Geprge, das uns leichter denn das gegenwrtige an den
Zustand der reichsstdtischen und Goetheschen Zeit erinnern konnte.
Noch bestand das stille Naturbild des anmutigen Lahnthales
unverwandelt und unaufgeregt von den modernen Errungenschaften seines
eisernen Zeitalters, den Eisengruben, den Eisenwerken mit ihren
Hochfen und den sich kreuzenden Eisenstraen; noch war das Innere der
Stadt fast getreu geblieben dem lngst vergangenen Zustand, denn
greren Konservatismus, oder soll ich sagen grere Stabilitt und
Stagnation als hier gab es damals kaum anderswo in deutschen Landen.
Das Lokal hatte sich mit geringen nderungen erhalten; man brauchte
darum die andersartigen Zustnde der Goethe-Werther-Periode, das
Reichskammergericht und das Leben der Reichsstadt dem Gebliebenen nur
gleichsam einzuzeichnen, um das Jetzt dem Einst vllig hnlich zu
machen. Das ist heute anders geworden. Damals trat der Grundton der
Landschaft, das Ineinander von Natur und Geschichte um so reiner und
strker hervor. Ein breites, wiesengeschmcktes Fluthal, sanfte
Hgelrcken, unten mit Korn, oben mit Wald bedeckt, berragt von
einzelnen charakteristisch geformten, stolzeren Bergen, von denen der
Dnsberg und die Basaltkuppe des Stoppelberges zur rechten und zur
linken als die Herrscher des Thales sich emporstrecken; der sich in
schnen Windungen hinziehende Flu und, in die Lahn einmndend, die
Dill, die den Blick in ein still-anmutiges Seitenthal ffnet, das auch
nicht ohne historische Bezge und Ehren ist. Ersteigt man den Lahnberg
auf der linken Fluseite, der einen alten Wartturm wie ein Luginsland
auf seiner Hhe trgt und in Goethes Leben wie in Werthers Leiden eine
Rolle spielt, so tritt das stimmungsvolle dieser Landschaft alsbald
vor das Auge. Nichts in der weiten Umschau imponiert dergestalt, da
es Blick und Sinn gefangen nhme und durch berwltigenden Eindruck
dem Sinnen und Trumen keinen Raum liee, vielmehr schmiegt sich das
uere dem Inneren weckend und stimmend an; ahnungsvolle Sehnsucht,
leise Melancholie, stilles Wohlgefhl finden ihr Echo. Es ist eine
tiefpoetische Landschaft und eben darum eine Landschaft fr Poeten,
von welcher der sinnige Betrachter das Recht von Goethes Lobwort im
Werther: ringsumher ist eine unaussprechliche Schnheit der Natur,
und das Wort von den tuschenden Geistern, die um diese Gegend
schweben gar bald versteht. Das weite Lahnthal schneiden engere
Querthler, darunter das der Wetz, die der Stadt den Namen gab, das
bedeutendste. In dieser vielgestaltigen Terrainbildung liegt der
Charakter der Landschaft. Nicht viele Gegenden Mitteldeutschlands
mgen so reich an Variationen sein wie diese. Hat doch ein besonders
bewanderter Kenner des Thales neunzig Spaziergnge mit stets
vernderten Aussichtsbildern verzeichnet. Das am meisten
Charakteristische ist eben die Verbindung freier Fernsichten mit der
knappsten Enge malerischer Nahesichten. Auch die wetterauische
Fruchtbarkeit des Thales, die Obstwlder ringsum, die heitere
Gartenumgebung gehren zu dem anmutenden Landschaftsbild. Nur die
Reben, die vergangene Jahrhunderte, minder anspruchsvoll in ihren
Genssen, auch hier vielfach gepflegt hatten, sind heute so gut wie
verschwunden.

Und dieser fesselnde Naturreichtum ist verwachsen mit der
Mannigfaltigkeit des historischen Lebens, das berall seine Spuren,
seine Reliquien diesem Boden eingedrckt hat. Ja, ein geschichtlich
gesttigter Boden berall, wo Rmertum und Mittelalter sich in dem
Volksglauben wenigstens -- und sollte es zum Teil Aberglaube sein --
die Hand reichen. Lag doch die Sttte des spteren Wetafalar
innerhalb des altrmischen Pfahlgrabens. Die der Stadt unmittelbar
gegenber gelegene malerische Burg Kalsmunt fhrt der Stolz der
Brger, wenn auch mit sehr zweifelhaftem Recht, auf rmischen Ursprung
zurck; um die Wlder des fernen Dnsberges spielen Sagen von
germanisch-rmischen Kmpfen. berall in den Buchen- und Eichenwldern
zerstreut liegen keltische und altdeutsche Grabhgel. Vor allem doch
hat die gestaltenreiche und wechselvolle Geschichte des =Mittelalters=
ihre Spuren hinterlassen. Die groen Formen des mittelalterlichen
Lebens leben und lebten vollends zu Goethes Zeit ringsum fort. Die
Schlsser der kleinen Dynasten krnen die Berggipfel; so Hohensolms
und Greifenstein in tiefer Waldeinsamkeit; so das malerische
Braunfels, noch heute der stolze Sitz des Frsten; so Ritterburgen,
wie Hermannstein; auf den ferneren Hhen Fetzberg und Gleiberg bei
Gieen; so Mnchs- und Nonnenklster, damals ihrer ersten Bestimmung
noch nicht entzogen, unter ihnen vor allem das weithin winkende
Prmonstratenser-Frauenkloster Altenberg, die Grndung der heiligen
Elisabeth. Und damit nichts fehle von den charakteristischen Reliquien
des Mittelalters, so lag um die Stadt mannigfacher Besitz des
Deutschordens mit einem Deutschordenshaus innerhalb der Stadtmauern;
-- fr den Goethefreund der wichtigste Punkt Wetzlars.

Das lebendigste Stck Mittelalter ist aber die alte Reichsstadt
selbst, und sie war dies damals noch ganz anders wie heute. Sie ist
eine Bergstadt, schiefergedeckt, die Straen klettern die Hhe hinan,
mitunter so steil, da sich die Gchen in Treppen verwandeln. Noch
standen damals die Stadtmauern mit ihren sieben Trmen nach der Zahl
der sieben alten Znfte unversehrt; noch wurden die alten Stadtthore
von ihren Wchtern, den nicht gar martialischen Stadtsoldaten,
gehtet. Die Lahnbrcke trug noch ihre beiden Brckenthore. Zwei
Warttrme lagen auf den Hhen zu beiden Seiten der Stadt, deren
schmales Gebiet durch eine Landwehr zum Schutze gegen rasche
Reiterangriffe eingehegt war. Im Inneren gab es wenig von
architektonischem Schmuck. Immer wiederkehrende Drangsal im
dreiigjhrigen Krieg und gleichzeitig (1643) zerstrende
Feuersbrunst, in der ber siebzig der frnehmbsten Huser
abgebronnen waren, hatten ein gut Teil der baulichen berlieferung
des Mittelalters zerstrt. Wohl hatte das Reichskammergericht manchen
schmucken Neubau gebracht; das achtzehnte Jahrhundert vornehmlich war
die Bauzeit fr Wetzlar; aber die stattlichen Huser der Assessoren
und Prokuratoren versteckten sich guten Teils in den Winkeln der
Straen. Vor den Brgerhusern lagen noch vielfach Dngerhaufen, Kot,
Knochen, Austernschalen, darunter, wie ein zeitgenssischer Beobachter
berichtet, noch vieles aus dem vorigen, d.h. also dem siebzehnten
Jahrhundert; und aus den Drachenkpfen an den Giebeln spieen nicht
blo Regengsse auf die engen, zum Teil ungepflasterten Gassen und auf
die Hupter der Passanten. Die gar gelinde reichsstdtische Polizei
war auch in diesem Stck berkonservativ. Es ging das Gerede, in
Wetzlar seien die Huser aus Kot gebaut -- und in der That gab es nur
einzelne massive Steinbauten --, und die Straen mit Marmor
gepflastert, der vor den Thoren gebrochen wurde. So war das Bild der
Stadt nichts weniger als ein erfreuliches, und Goethe hatte recht,
wenn er im Werther die alte Reichsstadt im Gegensatz zu dem Zauber
der umgebenden Natur eine unangenehme oder in Wahrheit und
Dichtung eine kleine und belgebaute nennt. Nur das Zentrum der
Reichsstadt, der stolze Dom, berragt nicht blo durch seine Hhe,
sondern nicht minder durch den Wert seiner Architektur die Stadt zu
seinen Fen. Der unvollendete und halbruinenhafte Bau zeigt den
ganzen Wechsel der Baustile des Mittelalters vom elften Jahrhundert,
in das der Ursprung des Heidenturms fllt, bis zum Jahrhundert der
Reformation. Ob ihm der Dichter, der sich kurz vorher an Erwin von
Steinbach berauscht hatte und bald begeistert davon zeugte, irgendein
Interesse abgewonnen, davon findet sich allerdings keine Spur.

Ein Blick auf das innere Leben der Stadt darf hier nicht fehlen; es
bildet den Hintergrund fr des Dichters poetisches Sommerleben.

Wetzlar gehrte zum oberrheinischen Kreise. Auf dem Regensburger
Reichstag nahm es den letzten oder vierzehnten Platz der rheinischen
Stdtebank ein und folgte nach der Reichsstadt Friedberg, mit welcher
es nebst Frankfurt und Gelnhausen den wetterauischen Stdtebund
bildete. Auch den oberrheinischen Kreistag, der damals meist in
Frankfurt am Main zusammentrat, hatte es zu beschicken. Ebenso war die
Stadt in der Reichsarmee, und zwar mit einem Kontingente von =acht=
Mann zu Fu, pflichtmig vertreten, und zur Reichs-Operationskasse
(den sogen. Rmermonaten) steuerte sie nach der Reichsmatrikel 32
Gulden. Freilich eine Macht- und Kraftentfaltung, die uns heute
lcheln macht; aber solche Impotenzen gehrten eben untrennbar zum
alten und hinwelkenden Reichskrper. Es waren absterbende Glieder, die
den Leib nicht zu strken und zu erhalten vermochten. Die winzige
Reichsstadt hatte fast kein Territorium -- etwa eine halbe
Quadratmeile --, sie war vielmehr eng eingeschrnkt von den kleinen,
der verrosteten Reichsfreiheit keineswegs holden Nachbarstaaten, der
Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, den Frstentmern Nassau-Weilburg und
Dillenburg, Solms-Hohensolms und Solms-Braunfels. Von einem seiner
Warttrme lie es sich bequem in vierer Herren Lnder schauen. Hatte
Wetzlar selbst auch niemals eine groe geschichtliche Rolle gespielt
noch seiner Kleinheit wegen spielen knnen, doch fhrte man mit Stolz
die Freiheiten der Reichsstadt auf Kaiser Rotbart zurck, und die
berlieferung von dem Afterkaiser Tilo Kolup, der nach der Sage im
Kaisersgrund sollte gerichtet worden sein, leben noch heute in der
Brgerschaft fort.

Das war Romantik gegenber der gesunkenen Gegenwart. Die Stadt hatte
ihr reichliches Teil an der Fulnis und Misre, die damals auf allen,
zumal den kleinen Reichsstdten lag. Sie waren nur Stdte geblieben,
als ringsum sich Staaten bildeten, und konnten nur, indem sie wieder
Glieder von Staaten wurden, aus der hheren Einheit neues Leben
gewinnen. Verarmt, zerrttet, der eigenen Lebenskraft entbehrend,
hatte auch Wetzlar keinen Weg, sich aus sich selbst zu erheben.

Die eingeborene Brgerschaft, die noch nicht 5000 Kpfe zhlte, wurde
durch die zugewanderte Bevlkerung des Kammergerichts von etwa 900
Personen durch Besitz, Rang, Bildung, soziale Ansprche berschattet.

Die mittleren Klassen des Wetzlarer Brgertums zeigten sich im Gefhl
ihrer Abhngigkeit vom Reichskammergericht fgsam und rcksichtsvoll
gegen die Wnsche und Ansprche dieses dominierenden Elementes. Anders
stand es mit den unteren Volksschichten, die zwar auch gutenteils ihre
Nahrung von jenen hheren Regionen bezogen, denen aber die Bildung und
der berblick abgingen, um deshalb besondere Rcksicht zu nehmen.
berhaupt lag in dem reichsstdtischen Pbel auch hier ein starker
Rest von Trotz und stolzem Selbstgefhl. Die reichsstdtische Polizei
ermangelte, wie in fast allen Reichsstdten, der Autoritt; das eigene
Militr -- und welches Militr! -- war aus der Brgerschaft
hervorgegangen und darum wenig gefrchtet; das hessische Kontingent
aber, das in der Stadt lag, war allezeit ein Gegenstand der
Opposition oder der Antipathie fr die Gesamtbrgerschaft. Aber auch
die stdtische Obrigkeit -- die beiden Brgermeister, die Ratsschffen
und Ratsherren -- besa keine durchgreifende Autoritt. Gewaltthaten
gegen den Stadtrat kamen nicht selten vor. Die Justiz war ohne Kraft.
Die Stadt besa ein Zucht- und Korrektionshaus; man entledigte sich
der Verbrecher mglichst bald durch berlassung an die fremden Werber.
Namentlich waren es zwei Punkte, gegen welche sich die Widerstandslust
der niederen Volksschichten Wetzlars wiederholt aufbumte: das
unbedingtere Hervortreten des Katholicismus und die Hoheits- und
Vogteirechte (seit 1536) des Landgrafen von Hessen.

Wetzlar war (seit 1542) eine streng protestantische Stadt. Die
Brgerschaft wachte eifrig und eiferschtig ber diesen ihren
Charakter. Ja sie war wiederholt, whrend des Abfalles der Niederlande
im sechzehnten (1586) und nach Aufhebung des Edikts von Nantes im
siebzehnten Jahrhundert, eine Freistatt fr niederlndische und
franzsische Flchtlinge geworden. Nun lag es aber in der Natur der
Dinge, da, seitdem die Reichsstadt das Reichskammergericht herbergte,
die Forderung der Paritt und Kultusfreiheit sich auch zugunsten der
Katholiken gebieterisch geltend machen mute. Das katholische Element
erhob strker das Haupt. Schon bei dem Einzug des Gerichts wurden
nicht ohne anfnglichen Widerstand des Stadtrats Bedingungen derart
gestellt und schlielich (1692) bewilligt. Und gerade die katholischen
Mitglieder des Gerichts, der Chef als der richterliche Vertreter
kaiserlicher Majestt an der Spitze, traten durch Rang und Reichtum
hervor. Der katholische Gottesdienst fand, wie noch heute, im Chor des
Doms statt, wo, um alle Kollisionen zu vermeiden, die Uhren
aufgehalten wurden. Auch ein Kloster bestand in Wetzlar selbst und
zwar gesetzwidrig, da im Normaljahr 1624 sich noch keine Klster in
Wetzlar fanden. Auch die Jesuiten fehlten nicht; sie hatten ein
Kollegium und die gelehrte Schule der Stadt. Doch alles dies lie sich
die Brgerschaft, da sie es nicht ndern konnte, gefallen. Da aber die
Katholiken, auf Grund allerdings des ursprnglichen Abkommens von 1692
und getrieben von jesuitischen Einflssen, einen Schritt weiter thaten
und im Frhjahr 1770 zur Feier der Papstwahl Klemens' =XIV.= und des
von diesem angeordneten Jubilums wiederholt Prozessionen in Scene
setzten, ohne sich auch dabei an die gezogenen Grenzen zu halten, da
brach der Unwille des Volkes los, es setzte Schlge und Rauferei, der
die Stadtsoldaten und die hessische Besatzung steuern muten. Die
Brgerschaft hatte das Gefhl, nicht mehr Herr zu sein im eigenen
Hause. Kriegerischer als diese Religionskriege _en miniature_ sah der
hessische Krieg gegen Wetzlar vom Jahre 1763 aus; an Tragikomik jenem
Wasunger Krieg nicht unhnlich, gleich nach dem Ausgang des
siebenjhrigen, in welchem die hessischen Truppen, namentlich bei
Robach, keine Lorbeeren erkmpft hatten.

Hessische Hndel mit der trotzigen Reichsstadt waren nicht neu, schon
1613 berzog der Landgraf mit 10 Fhnlein Fuvolk und 8 Geschtzen die
Stadt und brachte die widerwillige zum Gehorsam. Eine hnliche Fehde
endete 1763 mit der Eroberung und Besetzung Wetzlars. Die Stadt hatte
damals eine Hessische Besatzung von 123 Mann, die mit den Brgern
gemeinsam das Oberthor bewachten und die Ehrenposten am
Reichskammergericht stellten. Hessen hatte neben anderen
Hoheitsrechten das Geleitsrecht beim Durchzug fremder Truppen. Die
reichsfreien Brger verlangten dies Recht fr sich, und so kam es zu
wiederholten Zerwrfnissen. Im Jahre 1763 setzten die Brger ihr
Geleitsrecht mit Gewalt durch und entwaffneten die hessischen Truppen;
diesem ersten Exze folgte wenige Wochen darauf ein zweiter, sogar von
einzelnen Ratsherren geschrt, der mit der Flucht der bedrohten Hessen
endete. Aber der Tag der Zchtigung kam. Im Mai 1763 setzte sich ein
hessisches Kontingent von ber 1700 Mann, Fuvolk, Reiterei und
Artillerie, in Bewegung, berrumpelte die Stadt in frhester
Morgenstunde und zwang den Stadtrat zu der Erklrung, da knftig der
Friede mit dem Schutzherrn erhalten und demselben grere Ehrfurcht
erwiesen werden solle. Die Rdelsfhrer aus der Brgerschaft, so weit
sie nicht entkommen waren, fhrte man mit gen Gieen, wo einzelne von
ihnen Stockhaus und Schanzarbeit erwartete. Nicht einmal die
sacrosancten Personen des Kammergerichts wurden respektiert. Einzelne
von diesen, die ohne Gru an den Siegern vorbergingen, erfuhren
brutale Behandlung. Bei Kaiser und Reich fand die gedemtigte und
gebrandschatzte Stadt kein Gehr. So war es nach innen und auen kein
glnzendes und glckliches Bild, das die Reichsstadt, deren Freiheit
nicht leben konnte und nicht sterben wollte, damals bot, wenn auch die
Friedensjahre nach dem Schlu des siebenjhrigen Krieges auch fr sie
eine Zeit der Erholung waren.

    *    *    *    *    *

Seinen =sozialen= Charakter erhielt das damalige Wetzlar durchaus
durch das Reichskammergericht. Man sollte nun denken, Reichsstadt und
hchstes Reichsgericht, beide wurzelnd in den Traditionen des alten
Reiches, htten sich als zu einander gehrig harmonisch
zusammenschlieen mssen. Und dies nicht blo in der Erinnerung an die
gemeinsame Wurzel, sondern auch aus dem Triebe der Selbsterhaltung.
Denn der ganze Geist der neuen Zeit, der absolute Territorialstaat,
von Preuen am glnzendsten vertreten, widerstrebte jenen hinwelkenden
Bildungen, die da standen und fielen mit dem Bestande des Reiches.
Zunchst aber gehen wir noch nicht ein auf das Reichskammergericht als
Rechtsinstitut, vielmehr beschftigt uns dasselbe hier nur als der
=sozial= in der kleinen Reichsstadt vllig magebende Faktor. Denn
von den beiden Elementen der Bevlkerung Wetzlars galt nur das
reichskammergerichtliche als die eigentliche =Gesellschaft=. Das
Wetzlarer Brgertum bildete diesem aristokratischen Elemente
gegenber, obwohl es numerisch etwa fnffach berlegen war, doch kein
ausreichendes Gegengewicht. Fast wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer
verhielten sich zu einander die beiden Bestandteile. Der Brger lebte
eben gutenteils von dem Verdienste, den ihm die Gerichtszugehrigen
zuwandten. Es war viel Geld im Umlauf und schuf den meisten Brgern
ein behagliches Leben; aber von Gewerbflei und Unternehmungslust
regte sich wenig. Ackerbau, Handwerk und Kleinhandel war der Betrieb
der Brgerschaft, von Grohandel zeigte sich keine Spur; ein Patriziat
mit altem Besitz und Namen fehlte, die uerst wenigen altwetzlarer
Patriziergeschlechter, die noch nicht ausgestorben waren, wie die v.
Klettenberg, v. Rolshausen, waren nach Franken, nach Frankfurt am Main
ausgewandert; das Vermgen der Stadt war gering, die Schulden
drckend. War doch gerade die Armut der herabgekommenen Reichsstadt
achtzig Jahre zuvor der Grund gewesen, das Reichsgericht zu begehren
und aufzunehmen, dessen Aufnahme z.B. von dem reichen brgerstolzen
Frankfurt verweigert worden war. Das Reichskammergericht aber brachte
an sich schon ein betrchtliches Kapital in die Stadt. Waren der
Kammerrichter und die beiden Prsidenten doch Mitglieder des hchsten
Reichsadels, deren fast frstengleiche Stellung sich auch
gesellschaftlich ausprgte. Erschien doch der oberste Gerichtschef wie
ein Souvern, wenn er aus seiner Wohnung in der oberen Stadt in der
vierspnnigen Staatskarosse unter dem Vorritt von Lufern in ihrer
theatralischen Tracht mit Kaskett und Knallpeitsche, Schuhen und
weien Strmpfen durch die halsbrechenden Gassen zu dem Gericht fuhr,
wo die Supplikanten zu Dutzenden ihre Bittschriften hoch hoben. Ein
Palais fr den Kammerrichter und die Prsidenten, berhaupt nur eine
angemessene Dienstwohnung gab es nicht. Die gesellschaftlichen
Reprsentationen der meist an Schlsser und Palste gewhnten hohen
Herren mute sich in bescheidenen Miethusern mit brgerlicher Enge,
Knappheit und Niedrigkeit der Rume behelfen. Trotzdem gab der Adel
des Gerichts keinen Titel von seinen Ansprchen und seiner
Exklusivitt auf. Die spanische Tracht schon, die an die Stelle der
franzsischen getreten war, hob das Erscheinen der Assessoren ab von
ihrer Umgebung. Die Gensse vornehmer Bewirtung, welche die gerngroe
Kleinstadt selbst nicht zum Kaufe bot, wurden von dem unfernen
Frankfurt am Main verschrieben, wohin wchentlich dreimal der
Kln-Frankfurter Postwagen und einmal die Kameral-Kutsche ber
unchaussierte Naturstraen -- und nur mit groer Anstrengung in
=einem= Tage -- fuhr. Nur wer sich auf Wappen und Adelsbrief berufen
konnte, hatte unangefochtenen Zutritt in die erste und eigentliche
Gesellschaft. Ja es war eine Form der Einladung, zu manchen Ballfesten
jeden Adeligen, aber auch nur diese, zu bitten. Die verletzende
Ausweisung eines Brgerlichen, des jungen Jerusalem, die Goethe im
Werther als mitwirkendes Motiv seiner Dichtung verwendet hat, wie
sie ein Motiv der Zerrttung und des Untergangs Jerusalems gewesen,
haben wir unten noch einmal zu berhren. Das ohnehin schon starke
Adelselement des Gerichtes wurde noch verstrkt durch die Mitglieder
der groen Kammergerichtsvisitation, die berhaupt zu einer
berfllung der Stadt fhrte, durch die jungen Praktikanten und
Sollicitanten von Adel und durch den steten und starken Zuflu
Durchreisender und durch Besuche bei den Edelleuten des Gerichts. In
der That war es in dem engen Reichsstdtchen wie ein buntes
Stelldichein aus dem gesamten Reichsadel, der sich wie zu einem groen
sozialen Turnier hier traf. Die lssige Bequemlichkeit der
sterreicher, die unbequeme Straffheit der Preuen, die einen mit
gehobenem Selbstgefhl auf ihren Joseph II., die andern mit trotzigem
Stolz auf den groen Friedrich schauend, Katholiken und Protestanten,
Norddeutsche und Sddeutsche, alle Schattierungen und Gegenstze
trafen sich hier auf schmalstem Raum. Den sterreichern und denen aus
dem Reiche war dieses Reich noch eine volle Realitt, die
Norddeutschen sahen mit einer Art Ironie auf die abgelebte Hohlheit
der Reichsformen. Zugleich hatte diese Aristokratie des Reichsgerichts
gesellige Fhlung mit den kleinen Dynastenhfen der Nachbarschaft. Es
versteht sich, da die Verkehrssprache der bescheidenen Salons die
franzsische war, der Praktikant wurde zum _practicien_, und als
Visitenkarten dienten meist Spielkarten mit der Aufschrift z.B.

                             _de G._
                    Assesseur de la Chambre
                    Impriale et de l'Empire
                       avec son Epouse.

Natrlich fehlte es dieser sozialen Enge nicht an dem _haut got_
wuchernder Juden, sittenbedenklicher Huser. Selbst ein genuesisches
Lotto tauchte im Anfang der siebziger Jahre fr kurze Zeit auf, dessen
Gedchtnis noch lange in dem Namen des Lottohauses fortlebte.
Italienische und franzsische Sprachmeister, Tanz- und Fechtlehrer,
Perckenmacher, Gold- und Silbersticker und was sonst zum Apparat
einer residenzartigen Stadt des vorigen Jahrhunderts gehrt, fehlten
nicht. Im Sommer boten die meist von vornehmen Kammergerichtsbeamten
angelegten und zum Teil ungemein malerischen, mit Landhusern
geschmckten Grten den aristokratischen Zirkeln die
gesellschaftlichen Trefforte. Auch auerhalb der Familie war fr
mannigfache Lustbarkeit gesorgt. Seit 1768 hatte der Gasthof zum
Rmischen Kaiser einen stattlichen Saal fr Redouten und Konzerte
hergestellt, der auch zu theatralischen Auffhrungen diente. Der
Einzug einer Wandertruppe war auch dem Brger ein Ereignis, und wenn
sie auch nur die Schauerdramen mit Dolch, Gift und Ketten oder
schwchliche Rhrstcke brachte. Und mochte auch bei diesen die
Darstellung in der Regel unter aller Kritik sein, so hat gerade in
jenen Jahren (1770/71) doch selbst ein Eckhof es nicht verschmht,
sich mit der Ackermann-Seylerschen Truppe auf diesen Brettern sehen
und bewundern zu lassen. Die litterarische Nahrung, so weit es deren
bedurfte, bezog das damalige Wetzlar meist von dem nahen Gieen, wo
der Universitts-Buchhndler Joh.Phil. Krieger -- ein Kuriosum an
Vielseitigkeit, denn er vertrieb neben seinen Bchern mit gleichem
Eifer Hringe und Lotterielose, war Pferdeverleiher und Speisewirt --
schon 1750 eine Lesebibliothek gegrndet hatte, die, nicht sehr
gesichtet, deutsches und franzsisches Lesefutter auch nach Wetzlar
hin lieferte. Doch gab es auch in Wetzlar selbst eine Buchhandlung,
sogar eine Verlagshandlung und Druckerei von E.G. Winkler, in
demselben Hause betrieben, worin sich spter der junge Jerusalem
erscho. Daran schlo sich eine Leihbibliothek, die als mumienhafte
Antiquitt aus der Reichskammergerichtszeit noch weit in dieses
Jahrhundert hinein fortmoderte. Sie begann mit Talanders (August
Bohses) schlpfrigen Romanen aus dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts
und zog sich auf gleicher Hhe oder in gleicher Niederung herab bis
auf Chr.H. Spie, Fr. Laun, K.G. Cramer und A. Lafontaine, um endlich
des wohlverdienten Todes als Makulatur zu sterben.

Eine =Zeitung= dagegen besa die Reichsstadt damals noch nicht. Erst
die Wehen der beginnenden Revolutionszeit trieben eine solche seit
Mitte 1789 hervor. Gleich die Vignette mit dem doppelkpfigen Adler
neben dem blasenden Postreuter zeigt symbolisch den Reichsstandpunkt.
Und dies war offenbar auch die dort herrschende und durchschlagende
Stimmung. Nach =Wien= als der Reichsmetropole waren ber Frankfurt und
Regensburg die Blicke gerichtet; vom Reichskammergericht, dem auch die
Zeitung einen breiten Raum widmet, ber die Krnungsstadt und den
Reichstagssitz zum Kaiser und dem Reichshofrat, von dessen Urteln
immer ein Extrablatt der Zeitung handelt.

In Goethes flchtigem Sommerleben dort wird uns noch begegnen, was die
Stadt in der guten Jahreszeit an lndlichen Luftorten bot, bei denen
die liebliche Natur weitaus das Beste that. Aber sogar ein Vauxhall
finden wir in jenen Jahren erwhnt, und an Gartenkonzerten fehlte es
nicht. Der ungewhnliche Fremdenverkehr, zu dem das nahe Gieen auch
sein Kontingent an wanderlustigen Studenten stellte, fllte die
Gasthfe und Wirtshuser. Zhlte man doch mitunter an 250 Parteien,
die ihre Prozesse persnlich betrieben. Die Bauern kamen aus weiter
Ferne in hellen Haufen, in dem guten Glauben, das diene zur Frderung
ihrer Rechtssache. Es kam vor, da solche Wartboten unter Androhung
von Turmstrafe weggewiesen werden muten. So bewegte sich allezeit ein
ameisenhaftes Menschengewimmel in den engen, steilen Gassen, und man
mag bedauern, da nicht ein Chodowiecki zur Hand war, die bunten Typen
festzuhalten. Neben der privilegierten Klasse des hohen
Richterkollegiums stand eine zweite Rangklasse, die Prokuratoren,
Advokaten, die Protonotarien, Notarien, Sekretre, Leser d.h.
Registratoren, und whrend die Aristokratie des Gerichts mit der
reichsstdtischen Brgerschaft durchaus keine soziale Fhlung hatte,
bestand eine solche wohl zwischen dem hheren Brgerstande und jenen
mehr subalternen Bestandteilen des Gerichts. Diese waren in
betrchtlicher Zahl vorhanden -- z.B. zhlte man zu Goethes Zeit 62
Advokaten und Prokuratoren -- und machten sich als solche durch ihre
schwarze Tracht auch auf der Strae kenntlich. So sehr auch das
Brgertum in die Ecke gedrngt war, von dem alten reichsstdtischen
Trotz und Stolz war, wie wir sahen, wenigstens ein gewisser
Unabhngigkeitssinn geblieben, der bis zu den unteren Schichten herab
sich gegen Zwang und Unterdrckung wehrte. Es war nur natrlich, da
dem sozialen Alleinrecht des Adels gegenber sich die Versuchung auch
unter den brgerlichen Richtern regte, sich den Adel zu verschaffen,
ja mitunter auch bei zweifelhaftem Recht ihn eigenmchtig sich
anzudichten. Aber ein neues unabhngiges Element bildete sich in der
Jugend, die als Praktikanten wie als Sekretre der
Visitationsdelegierten in Wetzlar weilten, junge Leute, meist eben von
Hochschulen kommend, denen der alte soziale Zopf ein Dorn im Auge war,
und die darum ihrer Opposition oft mutwillig und bermtig Luft
machten. Hier mischten sich unterschiedslos Geborene und Nichtgeborene
in halbakademischer Gleichheit und Brderlichkeit. Die Praktikanten,
junge Volontre, die sich von der Gunst oder Abgunst ihrer
Vorgesetzten ziemlich unabhngig wuten, aus eigener Tasche lebten,
fhlten sich wenig gebunden von Autoritt und Rcksicht; die jungen
Sekretre aber, wenn auch amtlich strenger verpflichtet, hatten
vollends als Zugehrige zu der prfenden Kommission etwas von deren
Geist kritischer berlegenheit. Diese Kreise werden uns bei Goethes
Eintritt in Wetzlar nher treten. Aber auch direkt hielt sich der
spottende Gegensatz schadlos fr erlittene oder drohende
Zurcksetzung. So hat der Dichter Gotter, von dem spter mehrfach die
Rede sein wird, sich an einem anonymen Pasquill beteiligt, das einen
groen Teil der Wetzlarer Gesellschaft, die Damenwelt nicht
ausgeschlossen, vor seine scharfe Klinge forderte. Man kann nicht
sagen, da das buntbewegte Treiben der Reichsstadt einen gesunden und
frischen Eindruck machte. Es war vielmehr die auf die Spitze
getriebene Einseitigkeit einer absterbenden Stndeschroffheit. Der
ungemessene Standesstolz, die altfrnkische Etikette, die
schwerfllige Pedanterie und das zopfige Zeremoniell an dem Sitze des
hchsten Reichsgerichts waren fast sprichwrtlich. Goethe hat, da er
nur das freiere Sommerleben dort verbrachte, jenen sozialen Zwang und
Druck nicht unmittelbar empfunden, gleichwohl haben sie auf ihn
gewirkt. Sein Werther ist des Zeuge. Auf grerem Schauplatz konnten
sich diese sich abschlieenden Gegenstze entfalten, ohne sich auf
Schritt und Tritt zu stoen; hier aber auf engstem Raum erschienen sie
entweder verletzender oder (in den Augen der sich freier Fhlenden)
hochkomisch. Allerdings zeigten kleine deutsche Hfe der Zeit hnliche
Karikaturen. Aber immerhin lag dort im Frsten selbst ein Regulator,
der die stndischen Standesgegenstze, wenn nicht ausglich, so doch
milderte, und unter den sogen. aufgeklrten Frstenpersnlichkeiten
der Zeit gab es manche, die auch eine Geistesaristokratie anerkannten
und grozogen. Von dem allen kannte Wetzlar nichts. Es war darum ein
soziales Unikum im Reiche, wohl verhltnismig die grte Anhufung
aristokratischer Elemente, vielleicht noch am nchsten kommend den
inneren Zustnden der frnkischen, rheinischen, westflischen
Bistmer, wo der Landesadel sich in fast erblichem Besitz der
Domstifter und Prlaturen wute und in sklavischer Nachahmung des
franzsischen Geschmacks in Tracht und Tafel das uerste that. Nur
da in Wetzlar, wo noch weniger blo lokaler Adel sa, sondern der
Adel des gesamten Reiches vertreten war, die Mischung eine weit
buntere sein mute. An barocken Originalgestalten konnte es nicht
fehlen, an denen sich der Witz und Humor der Jugend rieb; ja noch ein
Menschenalter nach dem Ende des Reiches und Reichskammergerichts
schlichen einzelne dieser altgewordenen Reichskammergerichtsfiguren
wie Revenants durch die stillgewordenen Straen der weiland
Reichsstadt. Auch der Werther verfehlt nicht, des Barockstils der
Garderobe zu gedenken, wo Reste des Altfrnkischen mit dem neust
Aufgebrachten kontrastieren, und in der exklusiv adeligen
Gesellschaft, in der Werther zu sozialem Fall kommt, einen Baron mit
der ganzen Garderobe von den Krnungszeiten Franz' I. her
vorzufhren. Der groe Strom des deutschen Lebens, das sich damals
gerade in den Friedensjahren nach dem siebenjhrigen Kriege mit neuem
Lebensgehalte fllte, ging nicht durch Wetzlar. Nur wenige Jahre nach
Goethes Aufenthalt bezeugt (am 20. November 1777) der Freiherr vom
Stein in einem ursprnglich franzsisch geschriebenen Briefe an seinen
Freund v. Reden den dort herrschenden kleinlichen Gesellschaftsgeist:
Im brigen ist der Aufenthalt in Wetzlar auf die Dauer recht
langweilig, denn der gesellige Ton ist steif und brgerlich, und man
findet sehr wenig Einklang. Ein Ort, wie dieser, wo wichtige
Angelegenheiten verhandelt werden, mu immer geteilt sein und es
finden sich dort notwendig Parteien, welche von einander unabhngig
ihre Feindschaften selbst auf die Vergngungen erstrecken. Kennt man
die Lage der Dinge, so wei man vorher, wer zu einem gewissen Gastmahl
gehren, wer in einer gewissen Gesellschaft zugelassen, wer davon
ausgeschlossen sein wird. Alles dieses verscheucht die Einigkeit aus
den Gesellschaften, macht sie weniger angenehm, verbannt daraus
Leichtigkeit und Wohlbehagen und beengt bisweilen den Fremden, der auf
beiden Seiten achtungswerte Menschen findet und sich ihnen nicht nach
seinem Geschmack hingeben kann. Zudem besteht unsere Gesellschaft
allein aus Rechtsgelehrten, deren Beruf durch die Masse der Begriffe,
womit er das Gedchtnis belastet, den Geist ermdet und alle
Einbildungskraft erstickt -- woraus man leicht folgern kann, da
unsere Mnner nicht gerade zu den liebenswrdigsten gehren. Unsere
Weiber sind grtenteils Kleinstdterinnen, denen der Kaiser durch das
Adeln ihrer Mnner nicht auch ihren kleinen kreischenden, kleinlichen,
frmlichen Ton genommen hat. Vergebens also sucht man bei uns
hfliche, unterhaltende Menschen voll Aufmerksamkeit -- sondern man
findet sie entweder in einer Ecke ber ihre Rechtshndel sprechend,
oder die Karten in der Hand, und sie nehmen die Artigkeit, welche man
ihnen erzeigt, entweder mit einer unpassenden Rauhheit, oder mit
lcherlicher Verwirrung auf, oder finden keine Worte, sie zu erwidern.
Kurz, Wetzlar hat die Mngel der kleineren Stdte, in einer groen
Stadt erzeugt der Zuflu der Menschen einen lebhaften allgemeinen
Wetteifer, von den Fehlern der Personen, aus denen die Gesellschaft
besteht, kennt man manche nicht und vergit viele; oder hier wird
alles strenge, oft falsch beurteilt und macht dauernde Eindrcke. Da
ich zum Arbeiten unter einem kenntnisreichen und verdienstvollen
Assessor zugelassen bin, und aus den Senatsprotokollen Gelegenheit
habe, meine Kenntnisse zu erweitern durch Untersuchung der
merkwrdigsten Rechtsflle, welche das Gericht entschieden hat, so
wird mir dadurch der Aufenthalt angenehm und die hier verlebte Zeit
kostbar... Auer dem Reichskammergerichtsprozesse macht die Zahl der
hier zur Entscheidung kommenden Flle das Rechtsstudium anziehender
und giebt der Theorie das fr die Ausbung erforderliche Leben...
Wenn sich die adelige Gesellschaft nach der brgerlichen Seite
hermetisch abschlo, so ging es bei ihr nach innen doch keineswegs
immer harmonisch und friedlich zu. Gerade weil es in ihr, deren Leben
sich um sich selbst drehte, an Inhalt, an groen Lebensinteressen aus
Politik oder Litteraur gebrach, war die moralische Luft geschwngert
von Klatsch, Intrigue und jeder Art sozialer Nichtigkeit. Vor allem
nhrten die Frauen diesen kleinlichen Geist. Der um siebzehn Jahre
zurckliegende Fall steht nicht allein da, wo ein Assessor des hohen
Gerichts sich in einem Promemoria ffentlich beklagt, auf dem von dem
hochfrstlichen Herren Kammerrichter gegebenen Fastnachtsball htte
die Frau Prsidentin ffentlich deklariert, ihre Tochter als
stiftmiges Frulein habe das Recht des Vortanzes vor smtlichen
Assessorsfrauen; ja sie htte selbige sogar Seiner Hochfrstlichen
Durchlaucht erstem Hof-_Cavalier_ von der Hand und Stelle weggezogen.
Darnach aber htte jeder unstiftmige _Cavalier_, Er stehe in einem
_Character_, wie Er wolle, sogar jeder Cammer-Gerichts-_Prsident_
selbst, wenn er nicht just Stiftmig, einem jeden Stiftmigen Kind
in der Wiegen schon den Vorzug zu gestatten. Vorgnge aber, wie
jenen Ballskandal, unwidersprochen zu dulden, das wrde der
_Authoritaet_ dieses Hchsten Reichs-Gerichts und jedem dessen
Mitglied (_sic_) aber viel zu verkleinerlich sein. Ganz anders noch
wurde dieser Geist sozialer Disharmonie geweckt und gereizt, seit die
groe Gerichtsvisitation Mitglieder des Richterkollegiums selbst auf
die Anklagebank gebracht und die Integritt anderer zeitweise in
Zweifel gezogen hatte. Es werden uns diese Skandale unten begegnen.
Diese Kontrolle, die zugleich einer Revisionsinstanz gleichkam, setzte
natrlich in den Augen des Publikums die Autoritt des Kammergerichts
und nicht blo zeitweise herab. Die Rivalitt erstreckte sich auch auf
Auendinge. Der kaiserliche Prinzipalkommissarius an der Spitze der
Visitation, der regierende Frst Karl Egon von Frstenberg-Sthlingen,
hielt mit dem zweiten Kommissarius, dem verdienstvollen Freiherrn
Georg v. Spangenberg, am 11. Mai 1767 seine erste Auffahrt in einem
sechsspnnigen Staatswagen, der von Frstlich Frstenbergschen
Hofkavalieren zu Pferd und der smtlichen Dienerschaft in Gala
begleitet war. Man mu das Terrain und die steilen Gassen der guten
Reichsstadt kennen, um das Wagnis solcher Prachtentfaltung zu
wrdigen. Aber der Kammerrichter mute doch berboten werden. Alle
Glocken luteten, die wetzlarische Brgerschaft wie die darmstdtische
Besatzung machten die Honneurs. Selbst in den Frieden der Kirche
drngte sich die Rivalitt. Man stritt, wer im Kirchengebet den
Vortritt haben solle, das Kammergericht oder die Visitatoren, bis das
Erzmarschallamt fr die letzteren entschied.

In diese Tage und Stimmungen fiel Goethes kurzes Verweilen in Wetzlar
und am Reichskammergericht.




=III.=

=Goethe am Reichs-Kammergericht.=


Goethe trug mehrere Tage nach seinem Eintreffen in Wetzlar seinen
Namen eigenhndig in die Matrikel, d.i. in das Album ein, in welches
sich die jungen Praktikanten einzeichneten. Die Eintragung lautet
buchstblich:

                    Johann Wolfg. Goethe
                    von Frfurt am Mayn
                                     25 May 1772.

Diese Matrikel, seit der Verpflanzung des Kammergerichtes nach Wetzlar
(seit 1693) regelmig gefhrt, liegt noch heute in dem dortigen
Archiv vollstndig vor. Schlagen wir wenige Bltter um, so stoen wir,
fast genau ein Lustrum spter, auf den Namen des groen
Reichsfreiherrn vom Stein:

     _Heinricus Fridricus Carolus
     de Stein eod. d. et an._ (d.h. 30 May 1777),

und nicht ohne Bewegung liest man die Namen der beiden grten
Deutschen ihrer Zeit in so naher Nachbarschaft. Und ein dritter im
Bunde rckt diesen beiden, wenngleich nicht in der Matrikel, ganz
nahe. Der Freiherr v. Hardenberg, der sptere preuische
Staatskanzler, erschien wenige Wochen nach Goethes Abreise (mit dem er
bekanntlich schon in Leipzig Verkehr gehabt hatte) auf seiner
praktischen Bildungsreise auch in Wetzlar, um von da ber Frankfurt
Darmstadt und die brigen sddeutschen Hfe zu besuchen. Jene
Nameneinzeichnung ist aber die einzige Lebensspur, die der =Jurist=
Goethe in Wetzlar hinterlassen hat. Der Dichter schreibt im Jahre
darauf einmal an Kestner: Ich bin von jeher gewohnt, nur nach meinem
Instinkt zu handeln. Und in der That war es die Art des Genius, der
in sich eine grere Welt als auer sich trug, zumal in jener
Jugendzeit, rcksichtslos seine eigenen Wege zu gehen, den
eingeborenen Trieb frei und unbeirrt walten zu lassen. Pflichtmige
Zwecke sich setzen zu lassen, war nicht seine Sache. So schob er in
Leipzig schon die nchsten Aufgaben zur Seite, so in Straburg, so nun
in Wetzlar. In dem nmlichen Briefe, aus dem wir eben citierten,
schreibt der Advokat Goethe in richtiger Selbstkenntnis: Unter all
meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten eins. Auch das
gehrte ja zu dem losen, unstraffen Wesen des Kammergerichtes, da man
jene jungen Volontre sich selbst berlie. Es blieb denen unter
ihnen, welchen daran gelegen war, die Labyrinthe des Reichsprozesses
wirklich zu studieren, lediglich selbst berlassen, sich durch einen
erprobten Praktiker einfhren und zu praktischen Arbeiten anleiten zu
lassen. Dies war die Regel; so hat es u.a. der junge Freiherr vom
Stein gemacht; wir werden das Gleiche unten bei Kestner, der freilich
nicht Praktikant war, zu wiederholen haben. Es machten immer einzelne
Prokuratoren und Advokaten des Gerichtes eine Aufgabe daraus, die
Praktikanten durch Vorlesungen (zum Teil ber Ptters _Epitome
processus imperii_, zum Teil nach eigenen Grundzgen) und durch
Arbeiten aus der gemeinen teutschen Praxi in die Labyrinthe des
Reichsprozesses einzufhren. Die Hauptlehrer der Art in den siebziger
und achtziger Jahren waren Nol, Hofmann, Loskant, v. Bostel; und
seitdem es eine Wetzlarische Zeitung gab (d.h. seit dem 1. Juli
1789) wurde zu diesen reichsrechtlichen Informationen auch ffentlich
eingeladen. Von Goethe erfahren wir nichts dergleichen. In der That
scheint der Dichter das uerste von Enthaltung als juristischer
Praktikant geleistet zu haben. Nirgends erwhnt eine Briefstelle
irgendwelche Bettigung nach dieser Seite; dagegen besttigen mehrere
Stellen, da er, statt die Absicht des Vaters erfllend, sich _In
praxi_ umzusehen, die seinige walten lie, d.h. den Homer, Pindar
&c. zu studieren, und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz
ihm weiter fr Beschftigungen eingaben. In dem
Reichs-Kammergerichts-Archiv zu Wetzlar findet sich, so weit die
Untersuchung irgend reicht, kein Aktenstck, Relation oder dergleichen
von Goethes Hand oder mit seiner Unterschrift. Schwerlich hat er den
von seiner Wohnung wie von dem Kronprinzen, seinem geselligen
Hauptquartier, ganz nahen Weg zum Sitzungslokal des Gerichtes, das
sich damals provisorisch in dem stattlichen Bau am Buttermarkte --
jetzt der erste Gasthof der Stadt, Zum herzoglichen Haus -- befand,
hufig gemacht, und die Wege ins Freie, die wir ihn zu allen
Tageszeiten jenes schnen Sommers einschlagen sehen, der Aktenluft
weit vorgezogen. Vierzig Jahre spter, in der Rckerinnerung von
Wahrheit und Dichtung, scheint Goethe diese Unterlassungssnden
gutenteils auf den ungnstigen Augenblick, in dem er bei dem
Gerichte eingetreten, schieben oder sie hieraus erklren zu wollen;
allein auch das ist ein Gedchtnisfehler, denn jene unjuristischen,
poetischen Hintergedanken, von denen Kestner nach des Dichters
Mitteilung berichtet, hatte dieser aus Frankfurt mitgebracht. Dem
widerspricht nicht sein eigener Bericht, da er fr Wetzlar
historisch-juristische Vorstudien (namentlich durch die Lektre von
_Datt_, _De pace publica_) gemacht habe, denn er sagt ausdrcklich,
diese Studien seien zunchst im Interesse des Gtz unternommen
worden, aber auch dem sekundren Interesse am Kammergerichte zugute
gekommen. So flo Poesie und Prosa auch hier ineinander. Goethe trat
unter dem Kammerrichter Grafen Spaur als Praktikant ein, oder, um mit
dem Cameral-Kalender auf das Jahr 1772 zu reden, unter dem Herrn
Frantz des Heiligen Rmischen Reichs Grafen Spaur von Pflaum und
Valeur, Herrn zu Purgstall Winckel und Pirscheim S. Rmisch
Kayserlichen Majestt wrcklichem Geheimdem Rath und Cammer Richter,
der seit 1763 im Amte war. Die beiden Prsidenten unter ihm waren die
Grafen Waltbott von und zu Bassenheim und zu Sayn und Wittgenstein,
Burggraf zu Kirchberg u.s.w. Es kann nicht unsere Absicht sein, in
Nachahmung von Goethes -- lichtvollem und selbst nach juristischem
Urteil wertvollem -- Geschichtsbild in Wahrheit und Dichtung ein
Kapitel ber Zweck und Geschichte des hchsten Reichsgerichtes hier
einzuschalten. Denn nur =das= Lokale und Historische, was den Dichter
in Wetzlar wirklich berhrte, hat hier eine Stelle. Da Goethe in
seiner Selbstbiographie jene Digression einfgt -- als Lckenber
gleichsam fr den Mangel =persnlichen Materials= --, hat man
befremdlich gefunden. Aber der Dichter wollte Werthers und seine
Leidensgeschichte, die dichterisch lngst Gemeingut war, nicht
reproduzieren und ist darum allerdings wortkarg genug ber das, was
=eigentlich= sein Wetzlarer Sommerleben fllt. Freilich entsteht
dadurch dem Leser, der die Originalakten nicht kennt, die schiefe
Vorstellung, als ob das Interesse fr das Reichs-Kammergericht den
poetischen Praktikanten in erster Linie berhrt und beschftigt habe,
whrend es ihn in Wahrheit =nicht= beschftigt hat. Haben wir also
guten Grund, auf eine Geschichte des Kammergerichtes zu verzichten, so
ist doch der Zustand, wie ihn Goethe bei seinem Eintritt vorfand, kurz
zu charakterisieren.

Es war ein in manchem Betracht kritischer Moment fr das Gericht, als
Goethe nach Wetzlar kam. Einmal war seit fnf Jahren die
auerordentliche Kammergerichts-Visitation thtig, welche auf Grund
eines Regensburger Reichsgutachtens vom Jahre 1766 vom Kaiser Joseph
_II._ , aus dessen Initiative die endliche Ausfhrung der lngst
beabsichtigten Maregel flo, beschlossen worden war.

Der neue Kaiser, berallhin groer Entwrfe voll, wollte auch die
Reichsjustiz, die arg verfallene, wieder heben und beleben. Denn er
erkannte mit Recht in der Pflege auch dieses Zentralpunktes eine
Krftigung der Reichseinheit berhaupt. So war es wie geschichtliche
Ironie, da das Kammergericht, das bei seiner Grndung von dem
deutschen Knig eher als Eingriff in seine Autoritt mit Abneigung
behandelt worden war, nun als Sttze der kaiserlichen Stellung
erschien. In der That bot sich hier fr den Kaiser, der nach Antritt
der Reichsregierung kein anderes Feld der Thtigkeit fr das
Reichsganze vorfand, eine Gelegenheit, dem kaiserlichen Amt und Titel
einen wirklichen Inhalt zu geben. Mit Reformversuchen am Reichshofrat
hatte er begonnen, freilich ohne durchgreifen zu knnen; daran
schlossen sich alsbald die Schritte gegen die Gebrechen und Mibruche
am Reichs-Kammergericht. Eine solche Sttze fr die kaiserliche
Stellung war um so notwendiger, als der kaum vergangene siebenjhrige
Krieg das Reich in zwei Heerlager auseinandergeworfen und dadurch die
zentrale Kraft und das Ansehen des habsburg-lothringischen Hauses
geschwcht hatte. Aber die Hauptkrfte damals im Reiche waren gerade
die =zentrifugalen=, und so war es nur natrlich, da das
Reichsgericht bei den Territorialstaaten, die gerade in der
Emanzipation vom Reiche ihr Interesse und ihre Zukunft sahen,
keineswegs populr war.

Das Verhltnis des Kaisers und der Hauptstnde zum hchsten
Reichsgericht hatte sich also gerade umgekehrt. Zu dem Kaiser und
seinen Reformideen standen die geistlichen und katholischen
Kurfrsten, die Reichsstdte, eine Reihe sddeutscher Kleinstaaten;
aber der Fortschritt, das wirkliche Streben lag dort nicht, sondern in
den Staaten des norddeutschen Protestantismus, in Preuen und
Hannover, die zu Grostaaten ausgewachsen waren oder sich an
Gromchte anlehnten. Am Reichs-Kammergericht stieen die Reformideen
noch auf weit sprderen Widerstand, als bei dem Reichshofrat. Dieser
stand in persnlicher Abhngigkeit vom Reichsoberhaupt, die Mitglieder
des Kammergerichts aber wurden groenteils von den Reichsstnden
ernannt und besoldet, der Kaiser hatte nur den Kammerrichter, dessen
Stellvertreter und einen Beisitzer zu ernennen. Die greren
Reichsstnde aber hatten kein Interesse daran, das an sich so
groartige Rechtsinstitut, durch welches jede Rechtskrnkung teils der
Landesherren unter einander, teils der Unterthanen gegenber den
Landesherren ohne unmittelbares Eingreifen der kaiserlichen Autoritt
verhtet werden sollte, bei Ehren und Ansehen zu erhalten. Sie
pflegten ihre eigenen Hof- und Appellationsgerichte; das
Reichsgericht, gerade weil es sie selbst vor sein Forum zog, war ihnen
unbequem, daher die Verwahrlosung. Nur die kleinen Stnde zeigten zum
Teil reichspatriotischen Eifer. -- Der jammervolle Zustand, in welchen
das hchste Reichsgericht geraten war, kam vor allem von dem
Geldmangel und der stndischen Knickerei, wodurch eine ausreichende
Besetzung, Normierung und Dotierung, ja die Herrichtung eines wrdigen
Obdachs, unmglich oder Jahrzehnte lang verzgert wurde. Bei Goethes
Eintritt hatte das Kammergericht nur 17 Assessoren, whrend der
Osnabrcker Friede die Zahl der Beisitzer auf 50, die der Prsidenten
auf 4, und zwar _pares numero utriusque religionis_, festgesetzt
hatte. Die Folge war, da die Zahl der unerledigten Prozesse ins
unglaubliche stieg, und die Aussicht, dies Chaos zu ordnen, immer
dunkler wurde. Die entmutigende Erfahrung drngte sich immer strker
auf, da =ein= Gericht fr die Bedrfnisse des Reichs berhaupt
unzureichend war.

So betrug im Jahre 1772 die Zahl dieser Prozesse 16,233. Die
Unmglichkeit, das vorliegende und progressiv wachsende Material zu
bewltigen, und die Erfahrung, da nach mhevollem Bearbeiten und
schwieriger Entscheidung die Urteile nicht immer ausgelst wurden,
hatten zu der milichen Praxis gefhrt, nur solche Prozesse zu
erledigen, auf deren Betrieb die Parteien selbst drangen. Dieses
Drngen der Sollicitanten aber war von Geldspenden begleitet, die
bei der Abhngigkeit des Einkommens der Richter von den eingehenden
Gebhren unbedenklich angenommen wurden. Die Reichsdeputation, in fnf
Klassen geteilt, sollte jedesmal durch 24 Abgeordnete an Ort und
Stelle in Wetzlar die Prozesse revidieren, die Gebrechen des
Gerichtshofes untersuchen und einen Entwurf zur Reform abfassen. Da
diese groe Visitation whrend der neun Jahre ihres Zusammenseins so
wenig ausrichtete, lag teils in der bereilung, mit welcher -- ganz im
Geist und Stil josephinischer Reformen -- das verwickelte Geschft
eingeleitet und betrieben wurde, teils wieder in der groen
Langsamkeit, mit welcher an Ort und Stelle verfahren wurde. Am 21. Mai
1767 war der Visitationskongre erffnet worden, zwei Monate spter
fand die Verpflichtung der Subdelegierten der Reichsstnde durch die
kaiserlichen Kommissarien statt, dann verstrichen anderthalb Jahre,
ehe man mit der ernstlichen Untersuchung der Personalgebrechen des
Kammergerichtes begann. So mute die =erste= Klasse der
Visitationsgesandten, die schon 1768 von der zweiten abgelst werden
sollte, bis zum Herbst 1774 zusammenbleiben. Und dieser Schneckengang
wurde auch ferner bei der Visitation festgehalten. Es waren also
auerordentliche Verhltnisse, die den jungen Praktikanten empfingen;
=gnstige= insofern, als das Personal dadurch mannichfaltiger und
interessanter wurde, da sich sittliche Kontraste mit fast dramatischem
Interesse zwischen dem richtenden und gerichteten Gericht dem
Beobachter darstellten. Allerdings betonen und wiederholen wir, da es
keineswegs blo jenes traurige Bild des Moments war, das den Dichter
abschreckte, tiefer in ein Geschft einzugehen, das, an sich selbst
verwickelt, nun gar durch Unthaten so verworren erschien. Goethe war,
und ganz begreiflich, der Sache berhaupt abhold. Denn die aktuellen
Zustnde des Gerichts lieen sich vorher schon von dem nahen Frankfurt
aus erkennen; und zu =lernen= war, da das Gericht immerhin in
Thtigkeit blieb, Anla genug. =Ungnstig= waren die Verhltnisse, da
der ruhige Rechtsgang und die Gelegenheit, diesen kennen zu lernen,
hierdurch gestrt ward und vielfach Unruhe und Erregung an die Stelle
traten. Freilich hatte sich der Visitationskongre zu =zwei= wirksamen
Schritten ermannt. Im Frhjahr 1771 war ein Frankfurter Schutzjude,
Nathan Aaron Wetzlar, wegen schnder Justizmklerei verhaftet worden,
und im Juni des nmlichen Jahres folgte die Verhaftung der drei
hochadeligen Kammergerichts-Beisitzer, der Freiherren v. Reu (genannt
Haberkorn), v. Pape (genannt v. Papius), und v. Nettelbla, denen wegen
schlimmster Bestechung der Proze gemacht wurde. Und einer der infam
kassierten Assessoren trieb die Frechheit so weit, da er die Annahme
von Geschenken in einer gedruckten Schrift verteidigte. Im Anschlu an
die gemachten Erfahrungen wurden die Mibruche der Sollicitatur
abgestellt und die Geheimhaltung der Reformen anbefohlen. Der andere
Schritt war die endlich durchgesetzte Vermehrung der Richterstellen,
die Anfang 1772 vor den Regensburger Reichstag gebracht wurde, der
nach fast vierjhrigem Warten dahin schlssig wurde, das
Richterkollegium auf 25 Mitglieder zu vermehren.

Aber whrend so die Visitation, wenn auch nach der alten Reichsdevise:
_festina lente_, wirkliche Lebenszeichen zu geben begann, geriet sie
selbst in die Gefahr, in Zwietracht unverrichteter Dinge
auseinanderzugehen. Diese Krisis war wenige Wochen vor Goethes Ankunft
in Wetzlar eingetreten. Unter den Mitgliedern des
Visitationskongresses trat durch Geschftstchtigkeit und
Gewissenhaftigkeit der herzoglich bremische Subdelegierte, Hofrat
J.Ph. =Falcke=, hervor. Er galt fr den ersten Juristen des
Kongresses und war als scharfer Gegner der bequemen Lssigkeit
namentlich von seinen katholischen Kollegen, voran von dem damaligen
kaiserlichen Prinzipalkommissarius Grafen Colloredo und Waldsee
selbst, gefrchtet und gehat. Aber, wie es in einem Briefe des jungen
Jerusalem heit, seine juristische berlegenheit und penible
Grndlichkeit hatte auch die Jalousie aller Protestanten gegen sich.
Auch an sittlichem Mut fehlte es ihm nicht, um so weniger, als sein
amtliches Selbstgefhl durch das Bewutsein, das Organ eines Souverns
zu sein, der zugleich Regent einer der ersten Gromchte war, mchtig
gehoben wurde. Dieser, Korreferent in einer Sache, wo der
kurtrierische Subdelegierte Referent war, flocht starke Ausflle und
Verdchtigungen gegen diejenigen Visitationsmitglieder ein, die nur
mit Widerstreben dem Vorgehen gegen jene pflichtvergessenen Beisitzer
zugestimmt hatten. Die Erregung des Ehrenmannes spiegelt sich auch in
dem religisen Geprge, das er seinen uerungen aufdrckt. Es seien
alle menschmgliche visitationswidrige Knste und Vorspiegelungen
angewandt worden, um dieses durch den Beistand der gttlichen
Vorsehung zustande gebrachte Werk und die pflichtmige Befrderung
desselben zu hintertreiben. ber eine so unwrdige Gesinnung msse
jeder patriotische Justizeiferer, von Verdru und Abscheu hingerissen,
erzittern. Von den dabei gebrauchten geheimen Knsten seien nur die
Wirkungen zu spren gewesen. Vielleicht wrden sie, zu ihrer Stunde,
noch in dieser Zeitlichkeit an den Tag kommen, wenigstens aber
dereinst am Tage des allgemeinen Weltgerichts den in das Innerste der
Herzen dringenden Augen des Weltrichters unverborgen erscheinen, dann
in ihrer Abscheulichkeit entdeckt, und auf der Stelle mit dem dafr
gebhrenden Lohne vergolten werden. Diese Invektiven, die der Urheber
sich weigerte zu Protokoll zu geben oder dem Kongresse zur nheren
Einsicht vorzulegen, fhrten schlielich zu einer Erklrung des
kurmainzischen Direktoriums, die kaiserlichen Kommissarien und mehrere
Visitationsmitglieder shen sich unter diesen Umstnden verhindert,
mit dem herzoglich bremischen Subdelegierten fortan in dem Kongresse
zu sitzen. So entstand eine Scheidung fast genau nach der Konfession.
Das ganze Visitationswerk schien gescheitert; erst nach Goethes
Entfernung von Wetzlar, Ende Januar 1773, gelang es, durch eine
Erklrung des ersten Veranlassers den Frieden wiederherzustellen und
das gemeinsame Weiterarbeiten zu ermglichen. Whrend der ganzen Dauer
aber von Goethes Verweilen am Reichs-Kammergericht stockte das
Visitationsgeschft.

    *    *    *    *    *

Man mu sagen: sowohl die =Grnde=, die dasselbe ntig gemacht, wie
das Geschft selbst, fhrten nach wenigen Jahren in immer weiteren
Kreisen zu einer bedenklichen Diskreditierung des ganzen Instituts.
Das kaiserliche Edikt hatte Groes angekndigt, hohe Erwartungen rege
gemacht, alle Welt hatte den Kaiser, diesen Hort der Gerechtigkeit,
gepriesen, und von der Wiedergeburt jenes Palladiums der deutschen
Freiheit goldne Tage geordneter Rechtszustnde erwartet. Und nun um
so rgere Enttuschung! Die Schden lagen aufgedeckt, der Glaube
versagte, da die Heilung fr die Zukunft gefunden sei. Die strkeren
Freiheitsregungen der nchstfolgenden Zeit bten auch an dem
ehrwrdigen Tribunal ihre rckhaltlose Kritik. Das Kammergericht,
sagte eine Broschre von 1787, dieser Sitz der Parteilichkeit, der
Bestechung, der Schikane, der endlosen Vorenthaltung des Rechts, wird
noch immer fr das Palladium der deutschen Freiheit gehalten. Man
sehe, wie bemittelte Personen eilen, nach Wetzlar zu kommen, ihren
Sachen Aufenthalt oder Wendung zu verschaffen; wie die Parteien
laufen, vom Referenten zu erfahren, wie alt Streitigkeiten geworden
sind. Die einzige Regel des Rechts, die in Wetzlar gilt, ist: _beati
possidentes_. -- Es ist charakteristisch, da dieselbe Schrift, die
sich gegen das alte Reichsinstitut richtet, noch weiter geht und die
Frage, ob auch die Wahl eines Reichsoberhauptes noch zweckdienlich, ob
der Reichsverband berhaupt haltbar sei, prft und mit einem runden
Nein beantwortet.

Solche Stimmungen wagten sich zu Goethes Zeit noch nicht hervor, die
=Keime= aber auch dazu waren genugsam vorhanden. Auch in Goethes
Freundeskreis, wenn sie auch dort ber die Linie der Ironie oder der
Gleichgltigkeit kaum hinausgingen. Wir werden hierauf zurckkommen.
Von Goethe selbst knnte man voraussetzen, da er als Dichter an dem
Labyrinthischen des Reichsprozesses mit dem grauen Hintergrund und
Halbdunkel althistorischer Entwickelung eine Art romantischen
Interesses genommen htte, wie denn nach eigener Versicherung (wie wir
oben sahen) Gtz und das Kammergericht nach Idee und Ursprung sich
vielfach in ihm berhrten.

Allein jene Romantik bertrug sich ihm doch nicht auf die
Wirklichkeit. Goethes Wesen drang auf Klarheit, Einfachheit,
Durchsichtigkeit und bersichtlichkeit, auf plastische Fabarkeit. Das
mephistophelische Verdikt ber die sich forterbende Krankheit von
Gesetz und Rechten, so wie das garstige, politische Lied vom lieben
heiligen Rmischen Reich in Auerbachs Keller gehen gewi =auch= auf
reichskammergerichtliche Eindrcke zurck und sprechen des Dichters
eigenes Bekenntnis aus. Und mit dem Lichtvollen seiner intellektuellen
Natur stimmte die ethische Klarheit, die sich von der frmlichen,
scheinhaften, alles verschleifenden Rechtspraxis und von den
verdrehenden und ausweichenden Fechterstreichen angewidert fhlte.
Schon in den Anfngen seiner Frankfurter Advokatur zeigt sich dieser
prcise Sinn, das Betonen der Rechts=prinzipien= statt der
Vorschriften des =positiven= Rechtes, in dem er wenig heimisch war,
aber auch das Geltendmachen rein menschlicher Stimmungen in den
Anreden an die Richter. Bestand also wirklich in den Wnschen des
Vaters das Projekt, dem Sohne in Wetzlar eventuell eine dauernde
Sttte am Reichs-Kammergerichte anzubahnen, so ward der letztere
_vis--vis_ der wirklichen Verhltnisse um so grndlicher von dieser
Idee kuriert.

Schon in seiner Vaterstadt war ihm die Reichsromantik und der
Reichszopf verleidet; die Wetzlarer Erfahrungen steigerten diese
Stimmung, und der Dichter folgte nur seiner Natur, wenn er drei Jahre
spter sich von einem kleinen Territorialstaat, in welchem das moderne
fortschreitende Leben pulsierte, dauernd fesseln lie.




=IV.=

=Goethes Freundeskreis in Wetzlar.=


Um die Mitte des Mai 1772 -- die genaue Bestimmung des Tages ist nicht
mehr mglich -- fuhr der Dichter in die engen Gassen der Reichsstadt
ein. Seine Stimmung wute wenig von frohem Erwarten der kommenden
Dinge, er war gedrckt, verstimmt ob des Vielen, was er in Frankfurt,
Darmstadt, Homburg hinter sich gelassen hatte, und angesichts der
unwillkommenen juristischen Praxis, der er wie einer aufgedrungenen
Zwangsanstalt entgegenging. Freilich behielt er -- wie wir schon sahen
-- dieser Aussicht gegenber seine eigenen freien Gedanken _in petto_.
Noch auf der Fahrt, so scheint es, befate er sich mit den Liedern,
die er wenige Tage darauf gefeilt an die Dreizahl seiner Freundinnen
dort abschickte. Und er schrieb dazu an Lila, er fhle sich an dem
neuen Orte einsam, de und leer. Es war ein poetisches Vermchtnis
an den ihm so lieben Kreis und ein sichtbares Band bis zum
Wiedersehen. Sein Quartier fand Goethe in der engen, schmutzigen
Gewandsgasse, in die weder Sonne noch Mond hineinschien. Das ziemlich
groe Haus lag auf der linken Straenseite, wenn man vom nahen
Kornmarkt einbiegt, und ist jetzt, wo es ein Jude J. Thalberg inne
hat, mit einer Gedenktafel versehen, die zugleich die Stelle von
Goethes Wohnrumen im zweiten Stockwerk anzeigt. Die trbselige Lage
des Hauses gemahnt in nichts an eine Dichterherberge. Eben darum ist
es kaum glaublich, da er selbst sich dies Haus ausgesucht hat,
wiewohl die Auswahl von Wohnungen in der whrend der Visitationszeit
berfllten Stadt gewi nicht gar gro war. Es ist um so eher zu
vermuten, da des Dichters Grotante, die Geheimrtin Lange, die
Zimmer gemietet hatte, weil sie in unmittelbarer Nhe von deren
Wohnung gelegen waren. Diese Tante, die der Dichter besser fand als
ihr Ruf (die jngste Tochter des Prokurators und Advokaten _Dr._
Lindheimer, die Schwester von Goethes Mutter), wohnte an der Ecke der
Gewandsgasse und des Kornmarktes. Da nun nahe dabei im Gasthof zum
Kronprinzen der Dichter seinen Mittagstisch und berhaupt den
Mittelpunkt seiner Jugendgeselligkeit fand, so konnte er mit
dreihundert Schritten den ganzen Kreis umschreiten, den er zunchst zu
durchmessen hatte. Aber auch spter, nachdem er im Deutschen Hause
Fu gefat hatte, lagen seine Ziele ganz nahe. Die ersten Eindrcke
des neuen Domizils waren wenig befriedigend, wenig verheiend. Statt
der Dreizahl der Darmstdter Freundinnen mit dem Zauber, der von ihnen
ausging, die alte Grotante mit ihren beiden kaum erwachsenen
Tchtern, die durchaus keine Anziehungskraft bten, die der verwhnte
Vetter, vollends nachdem ihm ein anderer Stern aufgegangen war, stark
links liegen lie. Den Sohn erster Ehe dieser Tante, den Hofrat Dietz,
fand Goethe bald auch im Buffschen Hause, aus dem jener spter die
lteste Tochter Karoline heimfhrte.

Das gesellige Hauptquartier also fr die Jugend des
Reichs-Kammergerichtes lag im Kronprinzen, dem an der Ecke des
Buttermarktes, des grten Platzes der Stadt, gelegenen Gasthofe, mit
dem Blick auf den hochragenden Dom. Dort a Goethe zu Mittag inmitten
der jungen Praktikanten, Legationssekretre u.s.w. Sogar das Faktotum
des Gasthofs, des Kronprinzen Kaspar, wird in den Wertherbriefen
auf die Nachwelt gebracht. Dort fand der Dichter einen zahlreichen
Kreis junger Mnner, die meisten frisch aus der Studienzeit, manche
auf der nmlichen Hochschule gebildet und von dort her schon
befreundet. Goethe aber kannte nur wenige schon von der Universitt
her, intim keinen einzigen. Es waren =Born=, Sohn des Brgermeisters
von Leipzig, und =Jerusalem=, der Sohn des Abtes in Braunschweig, der
aber damals nicht mehr mit an der Tafelrunde a. Aus der Straburger
Zeit, der Krisis seiner Studienjahre, traf er keinen Genossen. Bald
indes bemchtigten sich seiner die Litteraten in dem Kreise oder
litterarischen Dilettanten. Es war bald verraten -- vielleicht aus dem
Hause der Grotante --, da auch er zu der Zunft gehre, wenn auch
noch wenig von ihm das Licht der Welt erblickt hatte. Namentlich war
seine Mitarbeit an den Frankfurter Gelehrten Anzeigen, auf die wir
zurckkommen, ruchbar geworden. Der Vereinigungspunkt der
litterarischen, wie der unlitterarischen Jugend war aber jene
ritterliche Tafelrunde im Kronprinzen, von der Goethe selbst in
Wahrheit und Dichtung so heiter berichtet. Obenan sa der
Heermeister, ihm zur Seite der Kanzler und die einzelnen
Staatsbeamten; es folgten die Ritter nach ihrer Anciennitt, Fremde
saen zuunterst. Ritterlicher Jargon, Ritternamen und der Ritterschlag
mit Symbolen, die verschiedenen Ritterorden entlehnt waren, fehlten
nicht. Etwas von mittelalterlicher Luft wehte ja ohnehin um die alte
Reichsstadt, und durch das Reichsgericht strich auch kein frischer
Luftzug. Die Donquixoterie setzte sich auch auerhalb des Wirtssaales
auf Ausflgen fort, wo man eine Mhle wohl als Ritterburg, den Mller
als Burgherrn behandelte. Die Liste der Ritter wurde gedruckt, nobel
wie ein Reichstags-Kalender, und man fahndete mit Vorliebe nach
Rekrutierung aus solchen Familien, die den Orden zu verspotten wagten.
Als jugendliches Possenspiel wrde das Treiben kaum der Erwhnung wert
sein, wenn es nicht den Geist und Ton dieser Jugend des hchsten
Reichsgerichtes charakterisierte. Zunchst ein Zeitvertreib fr eine
fast arbeitslose und bermtige Jugend, hatte die Posse doch auch
einen ernsteren, aber bedenklichen Hintergrund. Freilich ging der
erhabene Orden angeblich auf Verteidigung des Rechts, die Rettung
der unterdrckten Unschuld, aber zugrunde lag doch die Stimmung der
=Ironie=, die das Gefhl der Autoritt und Piett dem morschen Reiche
und seinem Institute gegenber verloren hatte. Alsbald nach dem
Beginne der Visitation scheint der karikirende Scherz begonnen zu
haben, aber nicht sofort nahm er die romantische Gestalt einer
Rittertafel an. Vielmehr war es zuerst eine moderne Staatsfiktion, die
dem Spiel zugrunde lag. Fast vergleichbar dem spteren studentischen
Bierstaat in Jena stand ein Rochus, Frst zu Bunpfskowitz, souverner
Herzog zu Prohsutz u.s.w., an der Spitze, ihm zur Seite ein
Grokanzler, Minister und der weitere Apparat einer Verwaltung, deren
brgerliche Trger freigebig mit Adelstiteln ausgestattet wurden. Der
poetischere Anstrich einer Rittertafel trat erst spter hinzu,
vielleicht weil jene unmittelbarere Karikatur doch Bedenken und Ansto
erregt hatte. Schon vor Goethes Eintritt hatten die einzelnen Genossen
der Tafelrunde Ritternamen erhalten, von denen uns in Gous Masuren
noch eine ganze Reihe erhalten ist. Da erscheinen die Windsex, St.
Amand, Fayel, Reinald, Preux, Bergy, Bomirsky, Masuren, Rhetel,
Warwick, Carl Vaudrai, Couci, Levis, Lusignan, zu denen als Abwesende
noch erwhnt werden Stormont, Longchamps, Pembrocke u.a. Ihre Deutung
ist unsicher; nur Couci ist zweifellos Gou, Fayel: Gotter, Masuren:
Jerusalem. Goethe hie bekanntlich Gtz von Berlichingen der Redliche.
Er entwarf selbst Perikopen aus den Haimonskindern, um sich den neuen
Freunden gefllig zu erweisen. berhaupt war er kein Spielverderber.
Aber wenn er auch zeitweise mitspielte, er lebte doch ein zu tiefes
und reiches, ein zu eigenartiges inneres Leben, um mehr als flchtig
sich von dem Possenspiel berhren zu lassen. Bald, als ihm andere,
fesselndere Interessen entgegengetreten waren, erlosch vllig die Lust
an der Sache; er hatte dergleichen Narreteidinge schon in Leipzig
genugsam durchlebt und verlangte nach anderer Nahrung. Beliebt war der
schne, liebenswrdige und geistsprudelnde Jngling bei allen, obwohl
er rckhaltlos und rcksichtslos sich und seine Art geltend machte.
Wenn man Euch bse seyn knnte! -- ruft Fayel (Gotter) dem Ritter
Gtz in Masuren zu. Aus diesem weiteren Kreise sonderte sich nun ein
engerer aus, mit dem Goethe vornehmlich verkehrte. Voran stehen sowohl
nach dem Bericht in Wahrheit und Dichtung, wie in Goethes
eigenhndigem biographischen Schema die Namen Goue Gotter (_sic_).
Fr ein Originalgenie darunter galt der Hildesheimer August Siegfried
v. Gou, die eigentliche Seele des wunderlichen Ritterbundes, wenn
auch nicht als Heermeister formell an der Spitze. Nur vor Goethes
hellerem Auge hielt diese vermeintliche Genialitt nicht Stich. Gou
war braunschweig-wolfenbttelscher Legationssekretr, vordem
Hofgerichts-Assessor in Braunschweig; er stammte aus einer
franzsischen Familie, sein Vater war (damals verabschiedeter)
Oberstlieutenant, doch munkelte man von illegitimer Herkunft, und der
seltsame Mensch liebte es, diesen mystischen Schleier ber seinem
Ursprung und seiner Person liegen zu lassen. Meist still in sich
gekehrt, trug er ein gewisses geheimnisvolles Wesen vor sich her.
Schon sein ueres war auffallend, -- eine derbe, breite,
hannverische Figur, wie ihn Goethe nennt. Ziemlich gro und stark,
hatte er wohlgebildete Zge, Gestalt und Haltung aber erschienen --
die Folge eines Stichs in die linke Seite beim Duell -- nachlssig und
burisch. Man traute ihm groe Gutmtigkeit zu. Er war vermhlt, lebte
aber getrennt von seiner Frau, mit der er sich erst nach seinem
Wetzlarer Aufenthalte wieder zusammenfand. Es fehlte dem
schrullenhaften Sonderling ganz und gar an ernsten Lebenszwecken;
sein Amt behandelte er mit Leichtsinn, und es trug gewi nicht blo
die Verkehrtheit seines Gesandten, der auch der Chef des jungen
Jerusalem war, die Schuld an dem Miverhltnis, dem Gou sogar in
einer seiner poetischen Migeburten, dem Doppelgnger des Werther,
=Masuren=, grellen Ausdruck gab. Was man als vorbergehende
Spielerei nahm, das galt ihm als Hauptzweck und wurde mit Scheinernst
betrieben. Doch war es ihm blo zu thun, die Langeweile, die er und
seine Kollegen bei dem verzgerten Geschfte empfinden muten, zu
erheitern und den leeren Raum, wre es auch nur mit Spinngewebe,
auszufllen. =Seine= Art erkennen wir auch in dem =philosophischen=
Orden, von dem Goethe berichtet, in dem der erste Grad der bergang,
der zweite des bergangs bergang, der dritte der bergang des
bergangs zum bergang u.s.w. hie, und die Eingeweihten nach einem
gedruckten Bchlein den Unsinn auszulegen hatten. Wenn Goethe im
Werther (17. Mai) von verzerrten Originalen redet, die ihm in den
Weg gelaufen und an denen alles unausstehlich gewesen, am
unertrglichsten ihre Freundschaftsbezeugungen, so ist es kaum
fraglich, da ihm allein oder vorzugsweise der barocke und allezeit
verschuldete und verbummelte Gou vorgeschwebt hat. Leider hat sich
dieser wider allen Beruf auch in die schne Litteratur eingedrngt.
Sein Los als Dichter ist wohlverdiente Vergessenheit. Eine Anzahl
seiner Sachen und Schelchen hat gerade zu Wetzlar in zwiefachem
Sinne, dem Ursprung nach und als Druckschrift, das Licht der Welt
erblickt. So ist das Trauerspiel Donna Diana (1763), so Der hhere
Ruf, so Der Einsiedler und Dido; zwey Duodramata (1771) in Wetzlar
entstanden und in der reichsstdtischen Buchhandlung von G.F. Winkler
erschienen. Eines seiner Stcke, der erwhnte Masuren, gehrt
bekanntlich zu den Dokumenten der Wertherperiode, aus denen einzelne
historische Zge zu entnehmen sind. Es ist ein dramatischer
Doppelgnger oder eine dramatische Travestie des Werther, demselben
Kitzel, zu mystifizieren, entsprungen wie so manche Streiche in Gous
schnurrenreichem Leben. Das Stck ist, wie die Vorerinnerung sagt,
aus dem Illyrischen bersetzt, aus einem Manuskript, das der
bersetzer, der pseudonyme Friedrich Bertram aus Siebenbrgen,
angeblich in Bhmen gefunden. Der Stoff des Dramas sei einem Vorfall
in Warschau entnommen. Erst auf der Durchreise in Leipzig fand der
bersetzer, da derselbe mit den eben erschienenen Leiden des jungen
Werther eine merkwrdige Familienhnlichkeit habe. Er hoffte: Der
edle Teute, der den Namen Werther einem Buche gab, in dem er seiner
Nation viel Groes und Herrliches sagte, werde es gestatten, da ihn
auch dermalen ein Jngling fhre, ber dessen trauriges Verhngnis die
Zhren aller gefhlvollen Seelen in Warschau flossen. -- Es wird
glaubwrdig versichert, die Illyrier wten von den schweren Fesseln
der (aristotelischen) Einheiten nichts. Das fessellose Stck hilft
sich mit =drei Tagen=. Wie Warschau Wetzlar, so ist die Hauptscene des
poetisch unqualifizierbaren Stcks der Gasthof zum Prinzen Casimir
der uns schon bekannte Kronprinz. Jener Rittertafel und sich selbst
ein Denkmal zu setzen, Jerusalems (Masurens) Selbstmord aber nicht
blo aus erotischen Motiven, sondern aus den Qulereien seines Chefs
zu erklren und diesen an den Pranger zu stellen, das sind die
Triebfedern dieses dramatischen Wirrwarrs.

Galt Gou auch als Philosoph unter den Freunden, so wird es mit seiner
Philosophie eine hnliche Bewandtnis gehabt haben wie mit seiner
Poesie. Er =galt= als Epikurer und war -- ein Bummler. Es ist ein
Stammbuchblatt an Kestner erhalten, worin er von Cynismus oder Stoa
als Quelle der niedergelegten Weisheit faselt:

              Ich selbst,
          Genug mit dir bekannt, o Welt! um keine Zhre
              Dir mehr zu weihn,
          Verachte ich dein Glck, um mich in besserer Sphre
              Dereinst zu freu'n,
          La, welcher Liebling da mir weilt, um mich stolzieren,
              Ihm lache ich
          Und bald vergess ich ihn. Mich will die Weisheit fhren,
              Drum flieh' ich dich.

Etwas aus der cynischen oder stoischen Philosophie! Ich wei nicht, ob
Du die Grundstze richtig finden wirst. Es mag drum sein! Nur bitte
ich, nicht an meiner ewigen Ergebenheit und Freundschaft zu zweifeln.

                                        August Siegfried v. Gou.
     Wetzlar, den 20. Sept. 1770.

Im August 1772 -- so scheint es -- verlie Gou Wetzlar, geriet aber
bald darauf in Cassel in Schuldhaft, und es kam das Gercht auf, wie
er selbst meinte, von seinem Gesandten in Wetzlar boshaft ersonnen und
schadenfroh verbreitet, er habe sich selbst das Leben genommen. Es lag
eine Verwechselung mit einem Gttinger Studenten zugrunde. Gegen Ende
Oktober verlie er Cassel, um nach Straburg, spter nach Regensburg
zu gehen, -- _absolument chang  son avantage_, versichert Kestners
Tagebuch. Aus seinen litterarischen Versuchen jener Jahre, die sich
nicht blo an Gedanken von Monarchie und Republik (1775) wagen,
sondern sogar Einige Heilswahrheiten (1774) behandeln, sollte man es
vermuten. Aber seine ferneren Lebensspuren, die nicht mehr in den
Rahmen dieser Schrift fallen, zeigen wenig von diesem _changement
absolu_; sie endeten abenteuerlich genug in Bentheim-Steinfurt, wo er
1789 starb. In dieser spteren Zeit besonders hat er sich auch als
eifriger Maurer -- auch schriftstellerisch -- bethtigt. Mit Goethe
vollends war nach der Wetzlarer Zeit alle unmittelbare Verbindung
abgeschnitten, und die Art, wie Gou in seinem Masuren den
Werther-Faden weiterspann, konnte dem Dichter keine Lust machen, die
Fhlung zu erhalten.

Wenn Gou den Dichter durch gehaltlos-barockes Wesen bald abstie, so
wurde doch auch F.W. Gotter, der ihm durch das gemeinsame poetische
Metier am nchsten stand, bald zu leicht befunden. Noch in seiner
Leipziger Periode wrde er dem Dichter gengt haben, denn damals
fanden sich Anknpfungspunkte, und die Mitschuldigen aus jener
Periode blieben stets ein Lieblingsstck Gotters. Jetzt aber sah
Goethe in Gotter wie im Spiegel die Zge seiner eigenen lngst
berwundenen und verurteilten Vergangenheit. Seitdem Goethe in
Straburg und Frankfurt den groen Schritt gethan hatte, der ihn ber
die veraltete Litteraturrichtung, ber Weie, Jacobi, Gleim, Wieland
hinaus zu vllig neuen Zielen und zugleich zu sich selbst gefhrt
hatte, seitdem konnte ihm das leichte Formtalent und die
franzsierende Gewandtheit Gotters doch nur hohl und gehaltlos
erscheinen. Seine Art und Kunst stellte diesen zu den Poeten der alten
Schule, ber die Herder in Straburg sein fr Goethe entscheidendes
Verdammungsurteil gesprochen hatte. Es ist bekannt, da, whrend
Goethe schon in Straburg den franzsischen Sympathieen abgesagt
hatte, Gotter, schon als Jngling schreibend und sprechend ein fix-
und fertiger Franzose, die alte Vorliebe festhielt und der
aufsteigenden vaterlndischen Litteratur die Zierlichkeit und den Reiz
der franzsischen zueignen wollte. Er brachte es sogar bis zu
franzsischen Sonetten, und mit diesem Anschmiegen an fremde Sprache
und Form steht seine formale Leichtigkeit in der Muttersprache in
Verbindung. Ein allzeit fertiger Reimer und Improvisator, Meister
poetischer Tischreden, fand er, wenngleich auch zum zierlichen Lied
und zum Lehrgedicht im Stile der Zeit aufgelegt, doch im Theater vor
allem und in dramatischer Poesie seinen Schwerpunkt. Mit der berhmten
Trias der deutschen Bhne des vorigen Jahrhunderts, mit Eckhof,
Schroeder und Iffland, brachte ihn seine erklrte Vorliebe in nahe
Beziehung. Knstlerisch Haltbares und Dauerndes hat er auch hier nicht
geschaffen, ber einen dramatischen Dilettantismus ist er auch hier
nicht hinausgekommen. Voltaire war sein Held. =Seinem= Voltaire
stellte sich Goethes Rousseau entgegen. Wer aber von diesen beiden
die grere Fhlung mit dem deutschen Geistesbedrfnis hatte, ist
allbekannt. Frau v. Stal zhlt Rousseau geradezu einer _cole
germanique_ zu (_Allem. II, ch. 1_). Menschlich angesehen war Gotter
keine kraftvolle Natur, aber der gesellige und liebenswrdige
Thringer, nicht ohne Witz und feine Spottsucht, doch sittenstreng und
mit einem schnen Sinn fr Huslichkeit und Einfachheit des Lebens.
Stete Brustleiden hemmten sein Streben. Sehen wir das Verhltnis
beider Dichter nur im Wiederschein von Wahrheit und Dichtung, so
erscheint dasselbe in rosigerem Lichte als in der Wirklichkeit. Es
war mir hchst lieb, so schreibt Goethe, Gottern gefunden zu haben,
der sich mit aufrichtiger Neigung an mich schlo, und dem ich ein
herzliches Wohlwollen erwiderte. Sein Sinn war zart, klar und heiter,
sein Talent gebt und geregelt; er befleiigte sich der franzsischen
Eleganz und freute sich des Teils der englischen Litteratur, der sich
mit sittlichen und angenehmen Gegenstnden beschftigt. Wir brachten
viele vergngte Stunden zusammen zu, in welchen wir uns wechselseitig
unsere Kenntnisse, Vorstze und Neigungen mitteilten. Er regte mich zu
manchen kleinen Arbeiten an u.s.w. -- Es mag wahr sein, was Goethe
aus der Erinnerung berichtet, da sie vielfach ihre poetischen Plne
in Wetzlar ausgetauscht und durch sthetische Theorieen und
Spekulationen vergeblich die Gesetze der Hervorbringung aufzufinden
gesucht haben, vielleicht auch, obwohl sich die Frchte nicht
nachweisen lassen, da ihn Gotter zu manchen kleinen Arbeiten
angeregt habe; aber aus den gleichzeitigen Dokumenten geht doch
hervor, da Goethe damals mancherlei Ansto an dem Dichter genommen
habe. So nennt er ihn einen schielenden Menschen und setzt hinzu:
sein gutes Herz -- ja, die guten Herzen, ich kenne das Pack, und
aus spterer Zeit ist eine gleichfalls nicht von Liebe eingegebene
Briefstelle an Kestner ohne Frage auch auf Gotter zu deuten, wenn auch
dazwischen nach einem Besuche Gotters in Frankfurt sich sympathischere
uerungen finden. Es scheint in der That, da die sptere
Rckerinnerung unter dem Einflu der Sympathie stand, die Goethe fr
Gotters Tochter Pauline, Schellings zweite Gattin, hegte. Gotter war
damals zum =zweiten=mal in Wetzlar; zuerst seit dem Frhjahr 1767, wo
er dem gothaischen Delegierten zur Kammergerichts-Visitation, dem
Freiherrn v. Gemmingen, als Legationssekretr beigegeben war. Dann zog
er noch einmal und auf anderthalb Jahre in seine alte
Universittsstadt Gttingen als Hofmeister zweier junger Edelleute,
der Barone Rische aus Wien. Whrend dieses zweiten Aufenthaltes war
es, da er mit H.Chr. =Boie=, dem er sich durch die Gleichartigkeit
der ueren Lebensstellung wie durch Geistesverwandtschaft und die
hnlichkeit der sthetisch-kritischen Grundstze nahe fhlte, in einen
engen Freundschaftsbund trat. Beide nherten sich auch dem berhmten
Heyne und dem Mathematiker und Dichter Kstner. Eine Frucht des Bundes
der beiden jungen Dichter war bekanntlich der dem franzsischen
_Almanach de Muses_ nachgebildete deutsche =Musenalmanach= auf
1770. So war Gotter, der dem Almanach auch selbst von seinen lyrischen
Kleinigkeiten reichlich beigesteuert hatte, schon frh ein
ffentlicher Name geworden. Mit diesem Empfehlungsbrief war er, nach
einem Zwischenaufenthalt in Leipzig, im Herbst 1770 in seine alte
Stellung in Wetzlar zurckgekehrt, wo er nun eine der glcklichsten
Perioden seines Lebens verlebte. Selbst seine Hauptpassion, die
Theaterliebhaberei, fand in dem Reichsstdtchen Nahrung, in dem
zeitweise die erste wandernde Gesellschaft der Zeit, die Seylersche
Truppe mit Meister Eckhof, mit dem der Theaterfreund _par excellence_
befreundet war, sich dort sehen lie. Ja auch in der ritterlichen
Mummerei glaubt man neben Gous Phantastik und Bretschneiders Humor
Gotters Hand zu spren. Auch scheint er zu Goethes Zeit als
Heermeister an der Spitze der Tafelrunde gestanden zu haben. Es konnte
nicht ausbleiben, da Goethes neugewonnene berzeugungen ber echte
Poesie sich stoen muten mit Gotters Art. Aber der Mchtigere gewann
auch, vorbergehend wenigstens, einen Einflu. Bei Gotters
schwchlicher Elasticitt, die so leicht fremde Formen auf- und
annahm, kam es sogar zu Anwandlungen, sich in die Tonart der neuen
Genialitt hineinzusetzen. Jene Epistel an Goethe aus dem Sommer 1773
antwortet den hanssachsischen Knittelversen, die den Gtz begleitet
hatten, in gleichem Stil. Auch der forsche Ton ist imitiert, doch wird
dem Dichter die Unmglichkeit, seinen Ritter salon- und theaterfhig
zu machen, kleinlich vorgerckt und der franzsische Geschmack als der
in Gotha herrschende dem derben deutschen gegenbergestellt:

          Das Weibsvolk hier ganz strrisch ist,
          Weil's Tag und Nacht Franzsisch liest.
          Das Mannsvolk, in Paris gewest,
          Nur das Theatrum hlt frs best',
          Wo alles zchtiglich geschicht,
          Und alles in Sentenzen spricht.

Da Gotter zwischen den Gttinger Dichtern und Goethe zum Vermittler
wurde und somit diesen mit der Klopstockschen Schule und dem Meister
selbst in Beziehung setzte, wird uns unten noch begegnen. Die brigen
Glieder jener Rittermaskerade kennen wir entweder nur in dem Inkognito
der angenommenen Namen, wie sie uns Gous Masuren vorfhrt, oder
unsere Kenntnis geht kaum ber eine drre Nomenklatur ohne die
Mglichkeit der Individualisierung hinaus. Durch warme Sympathie hat
Goethe ausgezeichnet den Freiherrn Ch.Alb. v. =Kielmannsegge= aus
Mecklenburg, der sich damals lngere Zeit als Sollicitant eines
Familienprozesses am Kammergericht -- und mit schlielichem Erfolg --
aufhielt. Er war mit Goethe fast gleichzeitig in Wetzlar eingetroffen.
Etwas krnklich und hypochondrisch, hatte er einen Zug zur Einsamkeit
und stillem Leben in den Wissenschaften. Gleichwohl fehlen, von der
nchsten Folgezeit abgesehen, alle ferneren Berhrungen zwischen ihm
und dem Dichter, und als Goethe seine Selbstbiographie schrieb, war
die Erinnerung so weit erblat, da er den Jugendfreund, an die andere
Linie der Familie denkend, zum =Grafen= macht. Aber =das= hatte doch
die dankbare Rckerinnerung festgehalten, da Kielmannsegge der
ernsteste von allen, hchst tchtig und zuverlssig gewesen. Manchmal
schickte er dem braven Kielmannsegg Gre von Frankfurt, es war die
mannhafte Gediegenheit, der vorurteilslose Sinn fr Natureinfalt, die
ihm des Dichters Herz gewonnen hatte. Diese vor allen fand doch wohl
in der stoischen Philosophie, der er huldigte, ihren Ausdruck. Aber
der ersteren, nicht der letzteren galt Goethes Sympathie. Der Adel
seines Wesens wie seine Denkkraft und die Verachtung der Thorheiten
und des Pomps der Welt, sein hchst edles und treues Gemt wurden
auch von anderen gepriesen. Doch auch den Musen stand Kielmannsegge,
wenigstens dem empfnglichen Verstndnis nach, nicht fern. Er hatte in
Gttingen whrend der Jahre 1770 und 1771 studiert. Mit Brger und
Biester stand er dort in regem Verkehr; Boie war sein Lehrmeister in
englischer Sprache und Litteratur, auch, wie Kielmannsegge einmal
schreibt, im Ironischen. Er nahm lebhaften Anteil an der poetischen
Litteratur und vermittelte an Boie (1. Dezember 1773) Goethes warme
uerungen ber den Musenalmanach von 1773; er knne auf dessen
Anteil immer einigen Wert setzen. Die kalte Rezension in den
Frankfurter Anzeigen sei gewi nicht von Goethe. Vielleicht, aber nur
vielleicht schreib' ich Ihnen einmal mehr von ihm. Brgers Lob- und
Danklied erkennt er in dem Almanach besonders an. Kielmannsegge
endete als Mecklenburger Hof- und Landgerichts-Prsident zu Gstrow.
Mit Goethe hatten sich die Verkehrsfden nicht fortgesponnen.

Sonst traten aus dem Wetzlarer Freundeskreis die Namen Born, _Dr._
Koenig, Falcke, v. Schleinitz, Wanderer, der kurbrandenburgische
Legationssekretr Ganz hervor. Des Leipziger Born gedachten wir oben
schon als eines Bekannten aus des Dichters erster Universittszeit. Er
lebte nun als =von= Born, nachdem er sich auf Reisen gebildet hatte,
in Wetzlar als Praktikant am Kammergericht, war aber auch accreditiert
an der kurschsischen Kanzlei. Da Goethe diesem auch in Wetzlar nahe
blieb, dafr spricht das Vertrauen, das er in seinem Liebesgeheimnis
dem alten Kommilitonen vor anderen schenkte, und das Geleite, das
Born, der allein in des Dichters Abreiseplan eingeweiht war, dem
Scheidenden gab. Auch der junge Jerusalem nennt ihn ausdrcklich
Goethes Freund. Born galt fr talentvoll und weckte bedeutende
Hoffnungen. Kestner notiert in seinem Tagebuch: _C'est un jeune homme
d'une grande esprance._

_Dr._ Koenig (angeblich ein Mittelding zwischen einem stoischen und
epikurischen Philosophen), die Legationssekretre Wanderer und Ganz
(der erstere ein Hauptleiter, der andere der Ritter Wunibald der
Tafelrunde), v. Schleinitz (Jerusalems Jugendfreund), v. Bretschneider
bleiben im Hintergrund der Statisten. Deutlicher hebt sich aus Goethes
Freundeskreis der junge =Falcke= ab, Sohn des kurhannverischen
Visitationsgesandten, der uns bald wieder begegnen wird. Der junge
E.F.H. Falcke, zwei Jahre jnger als Goethe, war eine frische,
lebensfrohe und dabei fr alles Poetische empfngliche, fr Goethe
enthusiastische Natur; in Gttingen hatte auch ihn Boie in die
englische Litteratur eingefhrt, Brger war ihm nahe getreten, und er
hatte schon 1769 als unreifer Student ein brgerliches Trauerspiel,
=Braitwell=, geschrieben. Zu Goethe sah er, den Genius ahnend, mit
Verehrung auf; er besuchte diesen spter noch in Frankfurt und
unterhielt einen Briefwechsel, auch schickte er ihm Mitte September
den ersten Bogen des Gttinger Musenalmanachs auf 1773 mit Goethes
Wandrer, dem Erstling von dessen Beitrgen. Der Dichter erwiderte
die anhngliche Gesinnung, bis die sich scheidenden Lebenswege den
Verkehr abschlossen. In Goethes Werken begegnet uns nirgends der Name
des Jugendgenossen. Falcke starb als Geh. Justizrat und Brgermeister
seiner Vaterstadt Hannover, auch als Schriftsteller nicht unbekannt.

Seitwrts dieser lustigen Jugendgesellschaft wie im Halbdunkel steht
der junge Wilhelm Jerusalem[1], die tragische Gestalt des Wetzlarer
Kreises. Handelte es sich blo um Goethes =wirkliches= Leben, so fiele
der Grund weg, auf diesen melancholischen Grbler einzugehen. Denn
Goethe hatte mit ihm geringe oder fast gar keine Gemeinschaft. Die
beiden jungen Mnner haben sich nie gegenseitig besucht, sondern nur
am dritten Orte bei gemeinsamen Freunden (wohl bei Kielmannsegge,
Born, Gotter oder im Brandtschen Hause) gesehen. Nicht einmal der
=Name= Goethes war Jerusalem gelufig, denn er nannte ihn in
niederdeutscher Aussprache Gden. Wohl aber hatte Goethe noch ein
geliehenes Buch von Jerusalem in Hnden, als dieser sich das Leben
nahm, und behielt es zur Erinnerung an den frh Geschiedenen. Die Nhe
der persnlichen Beziehungen kann also kein Motiv sein, hier
episodisch des jungen Jerusalem zu gedenken. Um so mehr giebt die
=ideelle= Beziehung, in welche den Dichter sein Jugendroman zu seinem
Doppelgnger gesetzt hat, diesem ein Anrecht auf besondere
Rcksichtnahme. Hieraus entnahm auch Goethe selbst in Wahrheit und
Dichtung", Recht und Grund, dem Gedchtnis des Unglcklichen einen
kurzen Abschnitt zu widmen. Es kann auffallen, da in Wetzlar auf so
engem Raum sich kein Verhltnis bildete zwischen zwei so begabten
Mnnern. Aber gerade =weil= sie eigenartig begabt waren und diese
Gaben wie Gegenstze gegenberstanden, blieben sie sich fremd. Goethe
selbst sagt, er habe Jerusalem schon seit sieben Jahren gekannt. Eine
ganz genaue Zeitangabe, denn bereits in Leipzig, wo Jerusalem von
Ostern 1765 bis Ostern (oder Michaelis?) 1767 studierte, hatten sich
beide berhrt. Aber schon damals sprach Jerusalem gegen Eschenburg
seine Antipathie gegen den =gecken=haften Kommilitonen aus, ein
Vorurteil, das auch in Wetzlar noch hindernd fortwirkte. Und welche
Entwickelungen hatte Goethe doch seit den akademischen Flegeljahren in
Leipzig durchgemacht! Doch gewann Jerusalem wenigstens den
Frankfurter Gelehrten Anzeigen" (an denen Goethe mitarbeitete), die
er anfangs als echter Lessingianer verachtet hatte, spter mehr
Geschmack ab. Die Naturen wie die Richtungen stieen auf einander. Und
es war nicht blo der Gegensatz norddeutscher Reflexion und
sddeutscher Unmittelbarkeit, der Gedankenblsse gegen die frische
Lebensfarbe, korrekter gesellschaftlicher Haltung und Zurckhaltung
gegenber genialer Ungebundenheit; es war auch der instinktive Neid
des schon Kranken gegen den Gesunden, der sie trennte, der
selbstqulerische und menschenfeindliche Pessimismus gegen einen
unerschpflichen Optimismus, der die frische grne Weide und das
unmittelbare Leben ungestrt genieen wollte und in allen psychischen
Kmpfen und Leiden noch etwas zuzusetzen hatte. Whrend Goethe gegen
solche Strungen zu reagieren verstand durch eingeborene Schaffenslust
und Schaffenskraft, war Jerusalem mehr eine receptive Natur, die
subtilste Spekulation und ungesunde Romanleserei nahmen ihm Kopf und
Herz ein; der Trieb, die dunkeln Rtsel des Lebens zu lsen,
steigerte sich in ihm zu krankhaft-lsterner Neugier, den Schleier vor
der Zeit zu heben. Das innere Gleichgewicht war gestrt, und es
bedurfte nur bestimmter Anreizungen, das Ma bis zum berflieen und
bis zu den uersten Schritten voll zu machen. Es war keine glckliche
Natur. Auch die =Art= seiner Philosophie war nicht angethan, ihm
Befriedigung zu schaffen. In Wetzlar floh er mehr den persnlichen
Verkehr, als da er ihn suchte. Wenige Wochen nach seiner Ankunft dort
(26. November 1771) klagt er dem Braunschweiger Eschenburg, dem er
besonders anhing: ich lebe hier ganz ohne Geschpfe, mit denen ich
auch nur eine einzige Empfindung teilen kann. Die gemeinsame
Mittagstafel im Kronprinzen gab er auf, wenn er auch jener
bermtigen Rittertafel nominell noch zugehrte. Aber seine =Welt= war
es noch weniger als bei Goethe, obwohl aus anderen Motiven. Ja auch
den Nchststehenden stand er mehr kritisch als hingebend gegenber. So
war der kleine und zierliche Hannoveraner Nieper -- der aber schon
im Sommer 1772 Wetzlar verlassen hatte, um als Geh. Kanzleisekretr
nach Hannover zu gehen -- , sein intimster Freund, und doch nannte er
diesen, da er sich trge im Briefschreiben zeigte, gegen dritte eine
Dreckseele, und wenn er warm wurde, ein gutes bequemes Geschpf.
Sonst standen v. Kielmannsegge, v. Schleinitz (sein Jugendfreund), v.
Gou, Gotter mit ihm in Verkehr. Doch liebte er das Alleinsein mehr
als jeden Freundesverkehr; auf meilenweiten Spaziergngen hing er
seinem Verdru und seiner aussichtslosen Liebe nach. Gotter schtzte
den verdsterten Eremiten, wollte ihm nach dem Zerwrfnis mit seinem
Chef in Gotha eine Stellung schaffen, hat ihm nach seinem Tode einen
litterarischen Denkstein gesetzt. Und wie erwidert Jerusalem den
jedenfalls schon dem Lebenden bethtigten Anteil! Unter allen meinen
Erwartungen hat mich die, in diesem Menschen einen Freund zu finden,
am meisten betrogen. Weil sein Schpfer in sein Gehirn einige Reime
neben einander gelegt hat, so hlt er sich fr ein Genie und glaubt
sich dadurch zu allen Narrheiten berechtigt. Und wie mit den Menschen
seiner Umgebung, so stand er mit der rtlichkeit, wo er zuletzt zu
leben hatte, und mit den dortigen Verhltnissen auf gespanntem Fu.
Da ihm Wetzlar bald verhat ward, da er die gute Stadt Seccopolis
schilt, erklrt sich einmal aus seinen unerquicklichen amtlichen und
sozialen Erlebnissen, auf die wir zurckkommen, dann aber durch den
Kontrast gegen die verlassene Heimat, fr die er, so weit ihm
berhaupt mglich, ein Herz hatte. Die Verstimmung der Gegenwart
gegenber war ein Resultat auch der Verwhnung in der Vergangenheit.
Lessings herablassende und Eschenburgs vertraute Freundschaft in
Braunschweig-Wolfenbttel hatte offenbar den eingeborenen
Geisteshochmut in Jerusalem groziehen helfen. Nichts ist unrichtiger
als Goethes Meinung, der man eben auch die geringe Kenntnis und die
nur flchtige Berhrung mit dem jungen Manne ansieht, Jerusalems
uerungen seien mig und wohlwollend gewesen; das gerade Gegenteil
war die Regel.

Wir nannten Lessings groen Namen.

Er war der eigentliche Wecker dieses scharfen, aber frh umdsterten
Geistes, mit ihm als dem Freunde seines Vaters, des berhmten
Gottesgelehrten, verkehrte Jerusalem ein Jahr lang nach der
Universittszeit in Wolfenbttel auf das vertrauteste. Die jngst
erschienene Emilia Galotti, worin auch ein Selbstmord die tragische
Heldenthat ist, lag aufgeschlagen auf dem Pulte des Toten, und noch
Jahre nach dem Tode erkannte es Lessing als Freundespflicht gegen
Vater und Sohn Jerusalem, dem letzteren durch die Sammlung seiner
hinterlassenen philosophischen Aufstze -- zum Teil Reflexen und
Resultaten des Geistesverkehrs mit Lessing und smtlich Bekennern des
abstraktesten Determinismus der Leibnitzschen Schule, der Jerusalem
zugehrte -- und eine (in einem Vor- und Nachwort) beigefgte
Charakteristik ein Denkmal zu setzen. Was aber bisher =nicht= erkannt
worden, das ist die polemische Spitze, die Lessing in diesen
Prolegomenen gegen den Werther und dessen Verfasser kehrte. Wir
kommen zu ihr alsbald zurck.

Goethe sah schon in Wetzlar durchaus mit einem pathologischen
Interesse auf Jerusalem. Wenn er mit Lotte abends von Spaziergngen
heimkehrte, begegnete ihm wohl die einsame Gestalt, in der das innere
Leiden im Kontrast mit der frischen ueren Erscheinung nur noch mehr
hervortrat, und er sagte wohl zu seiner Begleiterin: er ist
verliebt. Diese uere Gestalt hatte sich dem Dichter frs Leben
eingeprgt: das runde hbsche Gesicht, die weichen ruhigen Zge, die
anziehenden blauen Augen, das blonde Haar, die wohlgebaute mittelgroe
Gestalt, ja die als Werthertracht berhmt und zur Mode der
sentimentalen Zeit gewordene Kleidung, der blaue Frack, ledergelbe
Weste und Unterkleider, Stiefeln mit braunen Stolpen, ursprnglich
niederdeutsche Nachahmung englischer Mode. Doch wute er von der
strflichen und unerwiderten Liebe zur Gattin eines Freundes nichts
Nheres. Auch von dem krankhaft gesteigerten spekulativen Tiefsinne
hatte Goethe durch den oder jenen der gemeinsamen Freunde, durch
Kielmannsegge wohl vornehmlich, erfahren; unter den Problemen und
Kontroversen, auf die Jerusalem wie auf ein stehendes Thema immer
wieder zurckkam, stand die Frage ber die Berechtigung des
Selbstmords schon damals obenan. Auch hier spielte die fast lsterne
Neugier nach geistigen Entdeckungen und den Entschleierungen der
jenseitigen Welt eine Rolle. War dies das geistige Ziel, worauf
Jerusalems Gedanken gerichtet waren, so lag die natrliche =Quelle= in
bestimmten Erlebnissen, die ihm alles Gleichgewicht des Lebens
genommen hatten. In der aussichtslosen, nach Grund und Ziel
unhaltbaren Liebe und in den amtlich-sozialen Zerwrfnissen, die er
in Wetzlar zu durchleben hatte. Goethe zwar wollte bei der ersten
Nachricht von dem Unglck noch ein anderes Motiv aufstellen, die
Schuld des Vaters. Aber die Teufel -- schreibt er --, welche sind
die schndlichen Menschen, die nichts genieen denn Spreu der
Eitelkeit, und Gtzenlust in ihrem Herzen haben, und Gtzendienst
predigen, und hemmen gute Natur, und bertreiben und verderben die
Krffte, sind schuld an diesem Unglck und an unserm Unglck. Hohle
sie der Teufel, ihr Bruder. Wenn der verfluchte Pfaff .... nicht
schuld ist, so verzeih' mir's Gott, da ich ihm wnsche, er mge den
Hals brechen wie Eli." Es sind aber die bedenklichen Worte sein
Vater an der lckenhaften Stelle ausgefallen. Goethe thut dem Abte
Jerusalem hier schweres Unrecht, das er spter in Wahrheit und
Dichtung durch ganz andere Prdikate, die er, eines besseren belehrt,
ihm beilegt, wieder gut zu machen sucht. Es scheint vielmehr ein
zrtlich-vterliches Verhltnis durch den Briefwechsel zwischen dem
Vater und dem einzigen Sohn, von dem uns Fragmente vorliegen,
hindurch. Es ist bekannt, da Jerusalem, als er im September 1771 die
Stelle eines Sekretrs bei dem braunschweig-wolfenbttelschen
Subdelegirten bei der Kammergerichts-Visitation, dem Hofrat Jakob
Johannes von Hoefler, bernahm, mit diesem seinem Vorgesetzten schon
bald nach seiner Ankunft in Irrungen geriet, ja nach und nach vllig
zerfiel, -- Zerwrfnisse, die ihm Verweise vom Hofe und noch weitere
verdrieliche Folgen zuzogen.

Dieser Gesandte mu allerdings nach allen Zeugnissen eine
wunderlich-verkehrte Persnlichkeit gewesen sein. Ein strrischer
Charakter wird er von dem Berichtiger des Werther genannt; ganz
andere Prdikate giebt ihm Gou, sein anderer Sekretr, in seinem
Masuren. Da aber auch Jerusalem selbst bei diesem Zerfall nicht
ohne Schuld gewesen, ist auer Zweifel. Goethe irrt ganz und gar aus
Unkunde, wenn er in diesem die gutmtige Art hervorhebt. Es war das
Gegenteil ein charakteristischer Zug. Als der Sohn eines berhmten und
hochgestellten Vaters, befreundet dem Erbprinzen von Braunschweig,
fhlte sich der junge Mann zur Subordination um so weniger geneigt,
als ein starkes geistiges Selbstgefhl, von dem wir oben schon
sprachen, diese anspruchsvolle Haltung noch hinaufschraubte. Die
Briefe, die uns von ihm erhalten sind -- gedruckte wie ungedruckte --,
tragen durchaus die Farbe verstimmter Bitterkeit, eines tzenden
Spottes. Wir teilen einen besonders charakteristischen an seinen Vater
mit, der auch hiervon Zeugnis giebt[2].

                                        Wetzlar, den 27. Juni 1772.

     Die Antwort, die Sie von Herrn von Hofmann erhalten
     haben, habe ich erwartet. Von Herrn von Lben
     verspreche ich mir keine andere. Die gegenwrtige
     _Misere_ in Sachsen und vorzglich der Geld-Mangel
     sollen ganz unbeschreiblich seyn. -- An geschickten
     Leuten fehlt es ihnen auch nicht; der hiesige
     Legations-Secretair ist ein auerordentlich geschickter
     Mann. Auerdem ist hier noch krzlich ein Sohn von dem
     Burge-Meister Born aus Leipzig angekommen, der schon in
     Wien und Regensburg gewesen ist, an beyden Orten, so
     wie auch hier, den Zutrit zu den Archiven gehabt (ich
     kann nicht ein Blat daraus bekommen) und nun auch
     Dienste sucht -- Ich dchte, Sie versuchten nun einmal
     was etwa in Berlin zu thun seyn mchte. Sie haben ja
     auch da, wenn ich nicht irre, Freunde im _ministerio_.
     Vielleicht knnte uns ja auch selbst Herr Sack
     behlflich seyn. Bey den jetzigen Umstnden ginge es
     dort noch wohl am ersten. Es ist mir jetzt mehr als
     jemals daran gelegen meinen Abschied je eher je lieber
     fordern zu knnen. Vor einigen Tagen ist hier der Ass.
     Cramer gestorben. Ditfurth trit wieder an seine Stelle.
     Sie mssen also nun in der Canzley neue Vernderungen
     vornehmen. Blum wird dabey vermuthlich Hofrath werden.
     Sie haben aber wenn Ditfurth abgeht nicht Arbeiter
     genug; da sie einen Fremden so wohlfeil nicht finden
     wrden so knnte es ihnen leicht einfallen mich halb
     zur Strafe und halb aus Oekonomie wieder zurck zu
     berufen und etwa mit 400 Rthlr. und meinen vorigen
     Charakter an meine vorige Stelle zu setzen -- Da ich
     auf den Fu nicht wieder zurckkme darber bin ich
     vllig entschieden, und wenn ich die unsinnigste Partie
     zu ergreifen gezwungen seyn sollte; deswegen wnschte
     ich aber sehr wenn es mglich wre dem Dinge zuvor
     kommen zu knnen -- An Ptter habe ich bis jetzt aus
     guten Ursachen noch nicht schreiben mgen. Es wird
     natrlicher Weise wegen des ihm geschehenen Antrages,
     dem Hofe verbindlich zu seyn glauben und sich deswegen
     meiner, da ich aus einer solchen Ursache andere Dienste
     suche vielleicht nicht gern annehmen. Ich gewnne also
     wohl dabey weiter nichts als da ich mich ihm noch dazu
     verdchtig machte. Denn wem kann es bey dem Verhltni
     worin Sie mit dem Hofe stehn bey dem Fu auf dem ich
     bis jetzt gestanden, auch nur einiger Maaen
     wahrscheinlich vorkommen, da ich bei der Sache so ganz
     auer Schuld bin? Wer wird dem H. so viele Boheit und
     Ha, und so viel Narrheit in Ansehung der lppischen
     Ursachen zu diesem Hae; und wenn dieses auch wre, wer
     wird gewien anderen Leuten so viel -- zutrauen um meine
     ganze Geschichte glaublich zu finden? -- Das ist aber
     die reizendste Seite von meinem Schicksaale. Ich
     verliehre alles was fr mich einigen Werth hatte, alle
     vorteilhafte Aussichten, meinen guten Namen, ihre Ruhe;
     und schwerlich werde ich jemanden berreden da ich mir
     nicht selbst das alles zugezogen habe. Doch genug
     davon. Von etwas lustigerem. Am Johannis-Tage begingen
     Se. Excellenz der Braunschweig Wolfenbttelsche Herr
     Gesandte, Hchst dero Namens-Fest auf die gewhnliche
     feyerliche Weise. Dem Abend vorher brachten die
     hiesigen Stadt-Musicanten Denenselben eine wohlgesetzte
     Serenade wobey Se. Excellenz Geld und Wein von Dero
     Quartier unter die Musicanten austheilen lieen. Der
     Zulauf des Volkes war dabey wie gewhnlich sehr gro.
     Den folgenden Mittag war bei Hchstdenenselben ein sehr
     prchtiges _diner_. Die Tafel bestand nur aus 10
     _Couverts_ und die dazu geladenen Personen waren -- 3
     =Nonnen= aus dem Kloster Altenburg, in ihrer
     gewhnlichen Kloster-Tracht 3 =Jesuiten= und 2
     (vorzglich in der Hitze sehr lieblich duftende)
     Franciscaner. Bey Ankunft der Hohen Gste versammelte
     sich abermals ein groer Haufen Volks vor dem Quartiere
     Sr. Excellenz, vorzglich um die Damen aussteigen zu
     sehn, und man las in aller Blicken die Bewunderung ber
     die leutseligen Gesinnungen des groen Mannes, der aus
     bloer Menschen-Liebe sich ber alles uere welches
     sein Stand vielleicht zu erfordern scheinen mchte so
     rhmlich wegzusetzen wei; Gesinnungen die um so mehr
     unsere Verehrung verdienen da es weltkundig ist, wie
     sehr sich Se. Excellenz in anderen Fllen fr die
     Erhaltung der Ehre ihres Hofes und die Untersttzung
     der denenselben aufgetragenen Sache so ruhmvoll als
     glcklich beeyfert haben. -- Sie werden glauben ich
     erzhle Ihnen da ein Mhrchen. Ich hielt es anfnglich
     auch dafr, nachher aber habe ich erfahren, da die
     die gewhnliche Art ist wie der -- seinen Namens-Tag
     feyert. Und so ein -- darf von Subordination sprechen!
     -- Neulich habe ich noch erfahren da er vor 2 Jahren
     nach seiner Zurckkunft von Braunschweig sehr mit einem
     Ringe geprahlet hat, den ihm (wie er sagt) der Herzog
     um ihm seine Zufriedenheit zu beweisen geschenket habe.
     Ich wolte wetten er habe ihn gekauft. Jetzt spricht er
     von nichts als von Vice-Canzler werden. Mich soll es
     gar nicht wundern wenn er es wird -- Wie sehr freue
     ich mich da sie so vergngt unter sich sind.
     Schreiben Sie mir da nur oft so bin ich es auch --

     Noch eines wegen des GR. v. Praun. Freylich ist sein
     Betragen -- ich wei selbst nicht wie ich es recht
     nennen soll. Kurz vor der letzten Affaire erhielt ich
     noch einen sehr freundschaftlichen Brief von ihm, worin
     er mir zugleich von dem Nutzen schrieb, den mein
     gegenwrtiger Posten fr mich haben wrde. Ich ergriff
     die Gelegenheit und stellte ihm vor da ich durch die
     Caprice des H. der mir alles entzge, von dem ich weder
     Acten noch Berichte zu sehn bekommen knnte den
     gehoften Nutzen fast gnzlich verlhr, und seit der
     Zeit habe ich nicht eine Zeile von ihm wieder erhalten
     -- Toll mchte man werden --

     Meine gute Regine wird mir es vergeben da ich ihr noch
     nicht meinen Glckwunsch zu ihrem Geburts-Tage gemacht
     habe. Ich habe ihr nur nicht geschrieben gethan habe
     ich ihn gewi. --

     Leben Sie alle tausendfach wohl und vergngt

                                        Ihr
                                 gehorsamster Sohn
                                        WJ.

Diese wunderliche Einladung von Nonnen, Jesuiten und Mnchen, die doch
wohl auf eine Zugehrigkeit des Gesandten zur katholischen Kirche
schlieen lt, wurde spter als drastisches Motiv in Gous Masuren
verwendet. Offenbar hat Jerusalem dem verhaten und verachteten Chef
mancherlei Schwierigkeiten geschafft, denn eine fgsame Natur war er
nicht, und Mahnungen zur Subordination fanden verschlossene Thren.
Immerhin mag die Hauptschuld auf Seiten des Gesandten gelegen haben,
der Jerusalem, ihn zu zchtigen und zu unterjochen, von der eigentlich
juristischen Arbeit ausschlo und sechs Stunden tglich auf dem
braunschweigischen Gesandtschafts-Archiv beschftigte. Jerusalem
strebte darum frh weg, und der mitgeteilte Brief zeigt, wie der
Vater suchend und werbend auf diese Ideen einging. Auch Gotter bemhte
sich, wie wir sahen, noch kurz vor dem Tode des Freundes diesem in
Gotha eine Sttte zu bereiten. Je anspruchsvoller Jerusalem auftrat,
je verletzlicher und empfindlicher gegen unsanfte Anfassungen der
Auenwelt er sich zeigte, um so tiefer mute die Krnkung dringen, die
er wenige Wochen nach seiner Ankunft in Wetzlar im Hause des
Prsidenten Grafen Bassenheim erfuhr. Denn wirkliche Thatsachen liegen
der bekannten Scene im Werther zugrunde. Und jedenfalls war es eine
unfreiwillige Entfernung aus der Soire des Grafen, die ihn traf, wenn
auch die poetische Wiedergabe des Vorfalls nach dem Zeugnis des
wohlunterrichteten Berichtigers in einigen Umstnden von der
Wirklichkeit abweichen, und Jerusalem bei der Zurckgezogenheit seines
Lebens die hmische Freude der Neider und das Bedauern der Freunde
nicht so stark gefhlt haben mochte, als es der Roman betont.
Immerhin lag auch in diesem Erlebnis ein Motiv der Zerfallenheit mit
den umgebenden Verhltnissen. Es ist nun auf den ersten Blick der
Widerspruch auffallend, in welchem ein Brief des Vaters mit diesen
Erfahrungen des Sohnes steht. Der Abt Jerusalem schreibt am 7. Januar
1772 an einen Verwandten in Osnabrck (vielleicht an Justus Mser, den
der junge Jerusalem gelegentlich einen Vetter nennt): Wilhelm
befindet sich in Wetzlar sehr vergngt. Sein hiesiger Herr
Subdelegatus ist zwar ein seltsamer Patron; aber er hat sich mit ihm
auf einen Fu gesetzt, wie es sein mu, und er wird durch die
distinguierte Freundschaft der brigen Gesandten sowohl als Assessoren
schadlos gehalten, da er von allen Legationssekretren, wie der
Geheimrat v. Zwierlein schreibt, der einzige ist, auch den
mainzischen, der der Sohn eines dortigen Geheimrats und der _neveu_
des Gesandten ist, nicht ausgenommen, der die Entre in die
Gesellschaft hat. Der Prsident, der Herr Graf v. Bassenheim hat ihm
ein- fr allemal sein Haus und Tafel angeboten und mir seinetwegen
sehr verbindlich geschrieben. Gott halte ihn gesund --. Man sieht
aber dem ganzen Tenor des Briefes an, da diese dem Verwandten
erteilte Auskunft gerade eine Anfrage desselben ber den Vorfall und
diesen Vorfall selbst zur Voraussetzung hat. Nicht blo der Gegensatz
von seelischer Gesundheit und Krankheit war es, der die Menschen,
sondern auch die Verschiedenheit der Richtung, die den Dichter und
Denker, wie wir oben schon sagten, auseinanderhielt. Auch ein
neutrales Zwischengebiet, =das= der Kunst, in dem beide keine
Fremdlinge waren, schuf keine Vermittlung. Denn auch hier trat die
Differenz der Naturen bald hervor. Jerusalem fhlte sich vorzugsweise
oder einseitig angezogen von den radierten Blttern, die Naturbilder
oder husliche Scenen von dsterm, melancholischem Charakter
darstellten. Der Haupttrennungspunkt war aber der, da Jerusalem auch
poetischem Schaffen gegenber den Ton legte auf die bewute
Anerkennung und Befolgung von Regeln, whrend Goethe den Instinkt der
Genialitt, seiner eigenen Mitgift khn vertrauend, und die
unmittelbare Naturanschauung auf den Thron setzte. Dieser Punkt hat
sich auch nach Jerusalems Tod, mit dem persnlich er vielleicht nie
zur Aussprache kam, zu einer Kontroverse zwischen =Goethe= und
=Lessing= erweitert. Die Stelle im Werther (Brief vom 26. Mai) ber
den Gegensatz von Natur und Regel ist bekannt: Das bestrkte mich in
meinem Vorsatze, mich knftig allein an die Natur zu halten. Sie
allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den groen Knstler.
Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, ohngefhr was man zum
Lobe der brgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich
nach ihnen bildet, wird nie etwas abgeschmacktes und schlechtes hervor
bringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lt,
nie ein unertrglicher Nachbar, nie ein merkwrdiger Bsewicht werden
kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das
wahre Gefhl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstren!
sagst du, das ist zu hart! Sie schrnkt nur ein, beschneidet die
geilen Reben u.s.w. -- Die Stelle klingt wie ein Programm der neuen
genialen Schule, aber zugleich wie eine an die Lessingsche Korrektheit
gerichtete Absage und Herausforderung. Und dieser bleibt die Antwort
nicht schuldig. Zunchst galt es eine persnliche Bemerkung. Er mute
den =Unterschied= gerade zwischen seinem Jerusalem und Goethes
Werther dahin konstatieren, da des ersteren Krankheit keineswegs
eine Verbindung von schwrmender Sentimentalitt und regelfeindlicher
Genialitt gewesen, da dieser vielmehr den Trieb besessen habe, groe
Fragen, namentlich auch in dem Gebiete des Schnen, in dem Reiche der
Empfindungen bis in ihre tiefste Wurzel denkend zu verfolgen. Es
unterliegt keinem Zweifel, da Lessings Worte eine ausdrckliche
Replik gegen jene Werther-Stelle enthalten: Das Ermattende,
Abzehrende, Entnervende, womit krnkelnde oder um ihre Gesundheit
allzu besorgte Geister diese Art von Untersuchung, diese Entwickelung
unserer Gefhle, diese Zergliederung des Schnen, so gern verschreien,
war ihm nicht im mindesten frchterlich. Vollends die Entbehrlichkeit
eines solchen Geschfts dem jungen Genie predigen, ihm Verachtung
dagegen einzuflen, weil ein zu voreiliger Kunstrichter dann und wann
crude Regeln daraus abstrahiert, schien ihm eine sehr miliche Sache
zu sein. Und wie sollte es nicht? Man hintergeht, oder ward selbst
hintergangen, wenn man die Regeln sich als =Gesetze= denkt, die
unumgnglich befolgt sein wollen; da sie weiter nichts als g>guter
Rat= sind, den man ja wohl anhren kann. Wer leugnet, da auch ohne
=sie= das Genie gut arbeitet? oder ob es mit ihnen nicht besser
gearbeitet htte? Es schpfe immer nur aus sich selbst, aber es wisse
doch wenigstens, was es schpft. Das Studium des menschlichen Gerippes
macht freilich nicht den Maler: aber die Versumung desselben wird
sich an dem Koloristen schon rchen.

Wir sehen in diesem stillen Dialog des groen Dichters mit dem groen
Kritiker den tiefen inneren Gegensatz, der durch die damalige
Litteratur ging, den Kampf der Regelgerechtigkeit mit der regellosen
Genialitt. Wir wissen, wie Lessing schon gegen Goethes Gtz
scharfen Protest erhebt. Er rgert sich ber das drohende
theatralische Unwesen und er bezeigt Lust, mit Goethen trotz seinem
Genie, worauf er so pocht, anzubinden: er schwur, das deutsche Drama
zu rchen; ja er ist ber die genialen Respektswidrigkeiten gegen die
-- unverflschten, nicht franzsierten -- dramaturgischen Lehren des
Aristoteles so aufgebracht, da er von dem Dichter des Gtz nichts
anderes zu sagen wei, als, er habe den Lebenslauf eines Mannes in
Dialoge gebracht und das Ding fr ein Drama ausgeschrieen; er flle
Drme mit Sand und verkaufe sie fr Stricke. -- Auch den Werther
blickte er, trotz des ersten Eindrucks, den er von dem so warmen
Produkt empfing, weder mit dem Auge der Liebe noch auch nur
unbefangen an. Aber Lessing mute sich und die Grundstze seines
Wirkens, wie wir sahen, durch den Werther angegriffen finden. In der
Differenz der beiden Geister stand sich eine Differenz der Richtungen
gegenber. Er vermite eine ethische Warnungstafel am Schlu, je
cynischer, desto besser --, auf da die poetische Schnheit nicht fr
eine moralische genommen werde. Er erhebt die allerdings kritiklose,
weil nichtssagende, Klage, in dem kleingroen, verchtlich
schtzbaren Original sei der Charakter Jerusalems gnzlich verfehlt.
g>Sollte= der aber getroffen werden? Brauchte der Leser von einem
Doppelgnger aus der Wirklichkeit berhaupt zu wissen und ihn gar mit
der dichterischen Gestalt zusammenzustellen? Hie das nicht, die
poetische =Selbstndigkeit= der Dichtung in Frage stellen? Weie
schreibt an Garve, Lessing werde dem Dichter des Werther einmal
jhling auf den Nacken springen. Statt der geplanten Wertherischen
Briefe, die er aufgab, schrieb er die Anfnge eines Entwurfs zu einem
dramatisch-possenhaften Trutz-Werther, Werther der Bessere. Aus
Goethes damaliger Vorliebe fr Possen schlo Lessing, jener werde,
wenn er zu Verstande komme, noch ein ganz gewhnlicher Mensch werden!

Es wrde nicht in den Zusammenhang dieser Schrift gehren, Jerusalems
innere Leidensgeschichte mit der Schlukatastrophe hier zu entwickeln;
auch nicht die getrennten und doch tragisch zusammenwirkenden Motive,
gekrnkte Ehre und aussichtslose Liebe, zu errtern, die zum Untergang
fhren. Die Meinung der Freunde accentuierte das erstere Motiv als das
durchschlagende, der Chef Jerusalems wollte, um aller Mitverantwortung
ledig zu gehen, nur die Liebe zu der Gattin des kurpflzischen
Legationssekretrs Herd als treibenden Grund gelten lassen. Gotter
betont, ohne Ursache und Anla zu unterscheiden, als Motiv den
bertriebenen Hang zu metaphysischen Spekulationen. Kestners
Tagebuch notiert am 30. Oktober 1772 -- es war an einem Freitag -- mit
gewohntem Lakonismus: _Aujourd'hui est arriv cette malheureuse
Katastrophe de Mr. Jerusalem. Toute la ville le regrette
generalement_. Wir wissen jetzt aus den Werther-Briefen, wie tief
der Eindruck auf Goethe war, und wie dieser Eindruck weiter arbeitete,
bis er in der produktiven Imagination des Dichters die groe Frucht
gezeitigt hatte. Die Kestnersche Darstellung des Herganges (vom Ende
November 1772), die Goethe stellenweise wrtlich im Werther verwandt
hat, treu und schmucklos wie der Schreiber selbst, war auf dem
Foliobogen des aktenartig behandelten Originals mit der berschrift
versehen: Stoff zur Erzhlung, den unglcklichen Tod Jerusalems
betreffend. Hieraus wird es fast wahrscheinlich, da Kestner
voraussetzte, Goethe knne die Absicht haben, aus der berlieferung
eine historische oder poetische Komposition zu gestalten. Acht Tage
nach der Kunde von Jerusalems Tod war Goethe mit Schlosser in Wetzlar,
vielleicht auch von dem dunklen Trieb geleitet, noch weitere Spuren
von der tragischen Thatsache, die ihn so tief erregte, aufzusuchen;
und es wird gewi dort nicht an mndlichen Ergnzungen der ersten
Kestnerschen Mitteilung und die Zusage weiterer Memorabilien gefehlt
haben. Wie aus diesem Stoffe und spter aus den mit Maxe Brentano
gemachten Erfahrungen, beides in Verbindung mit der eigensten inneren
Lebenswurzel, allmhlich der Werther erwuchs; die Stadien dieser
allmhlichen Gestaltung zu verfolgen, diese Aufgabe wrde ber die
vorliegende hinausreichen. Ebenso nach der formalen Seite die Frage,
ob Goethe im Werther zur Auffrischung und Belebung der Erinnerungen
auch zurckgegriffen habe auf Tagebuchbltter und Briefe, die er in
Wetzlar geschrieben; -- eine Frage, die nicht von vornherein und
schlechthin zu verneinen ist. Gewi hat der Einwurf Grund, der Dichter
habe solcher Krcken und Sttzen nicht =bedurft=, da das Erlebte ja
gegenwrtig in ihm fortgelebt habe. Immerhin ist das Aufsuchen von
Orientierungspunkten =mglich=, schon im Interesse chronologischer
Sttzpunkte, aber nicht nachweisbar. Man hat an Briefe an Merck
gedacht. Da Goethe von Mitte Mai bis Mitte August, wo der Darmstdter
Freund, damals der nchste des Dichters, diesen in Gieen-Wetzlar sah,
gar manchen Brief an Merck geschrieben, ist nicht blo an sich
wahrscheinlich, sondern ausdrcklich bezeugt. Denn Merck schreibt
seiner Frau am 18. August 1772, er habe in Gieen Lotte Buff kennen
gelernt, _cette fille, dont il parle avec tant d'enthousiasme =dans
toutes ses lettres=_, und es ist auffallend, da gerade diese
Wetzlarer Briefe unter den hinterlassenen des Empfngers, die (von
einem aus Frankfurt datierten Zettel abgesehen) erst mit dem
Sptherbst 1774 beginnen, fehlen. Waren sie an Goethe zum Zweck der
Arbeit von Werther ausgeliefert?

Noch nher liegt uns der Gedanke an Briefe, die Goethe der Schwester
Cornelia schrieb, der vertrautesten Teilnehmerin seiner groen und
kleinen Erlebnisse. Sie mu auch von dem Verhltnis zu Lotte Buff
unterrichtet gewesen sein. Da dieser Briefschatz verloren oder
verschlossen ist, mu fr eine besonders empfindliche Lcke gelten.

Jenes tiefe, fast fieberhaft erregte Interesse Goethes an dem
tragischen Fall erklrt sich aber nicht genugsam aus dem persnlichen
Anteil an dem jungen Jerusalem, der ja bei dessen Abgeschlossenheit
und Antipathie gegen des Dichters Person nur ein geringer sein konnte.
Es war vielmehr jene Einzelthat nur die Bethtigung einer Gesinnung,
die in weiteren Kreisen der deutschen Jugend, auch in jenem Wetzlarer
Kreis, ja in Goethe selbst grte. So traf ein solenner konkreter Fall
mit vorhandenen Stimmungen zusammen, daher die ungemeine Wirkung der
That und spter des Werther.

Die Frage nach der Berechtigung des Selbstmords war fast ein stehendes
Thema in jener sonst so ausgelassenen Tafelrunde, wie es ein
stehendes, fast modisches Thema der Zeit war. Es ist gewi eine aus
dem Leben gegriffene oder ihm nachgebildete Scene, wenn in Gous
Masuren Fayel (Gotter) den Ritter Gtz (Goethe) interpelliert:
Gtz, Ihr scherzet, Ihr werdet Euch nicht tten. Dieser erwidert:
Nur in dem Fall, wenn ich kaltbltig genug wre, mir einen Stahl ins
Herz zu drcken. Erschieen werd' ich mich nie. -- Aber wir wollen
leben. Ist's doch immer auf der Erde ganz gut. Wer sich nur Freuden zu
schaffen wei. Stelzen gehen, Schrittschuh laufen, das sind Sachen,
die stets echte Ritter ergtzen werden; Freuden, die ihr Weichlinge
verkennt. -- Wir erinnern uns dabei, da Goethe selbst in Wahrheit
und Dichtung von den Versuchen spricht, sich einen geschliffenen
Dolch ein paar Zoll tief in die Brust zu senken. Solche
Selbstmordgedanken waren durch Young und Ossian genhrt, durch
Rousseaus Heloise in der lesenden Jugend entzndet worden. Ja eine
ganze Litteratur der Apologie des Selbstmords hatte sich gesammelt.
Dieses Recht ber Leben und Tod galt als ein Regale des Individuums,
als die hchste Spitze menschlicher Freiheit, deren Ideal in der Luft
der Zeit lag. Und was vermochte gegen die Infallibilitt der
Leidenschaft Moses Mendelssohns Einspruch im Phdon, der Jerusalems
Lieblingslektre war, aber unter dem steten Protest gegen des Autors
Verwerfung des Selbstmords. Ja Jerusalem hatte eine besondere
Schutzrede fr den Selbstmord geschrieben, so da die unselige That,
ganz im Geiste des berreizten Grblers, in jeder Weise von langer
Hand theoretisch vorbereitet worden.[**hmm...] Es ist bekannt, da von
allen Genossen in Wetzlar Kielmannsegge dem jungen Jerusalem am
nchsten gestanden. Von ihm aber wissen wir, da er sich zum
Stoicismus bekannte, und wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir
annehmen, da er auch bei der, ffentlich wie privatim, hufigen
Diskussion ber die Berechtigung des Selbstmords, die gerade von
Jerusalem selbst immer wieder angeregt wurde, den Standpunkt der Stoa
vertrat, wonach der Mensch Herr ist auch ber sein Leben und dasselbe
in freier Selbstentscheidung enden darf. Freilich lag die stoische
Ethik in ihrer Wurzel wie als System weitab von Goethes
lebensfreudigem Optimismus, aber doch berhrten[**hmm...] sich sein
kraftgenialer prometheischer Freiheitstrotz damals mit dem Satz der
Schule, da der Weise allein frei sei, da er an innerer Wrde auch
dem Zeus nicht nachstehe. Freilich =mischt sich= in dem Helden des
Romans selbst der Proze -- wohl hnlich wie in Jerusalems umnachteter
Seele: freie Reflexion und pathologische Gebundenheit. Wesentlich wird
dem Dichter der Akt der Selbstvernichtung zum Abschlu eines
Naturprozesses, zur Krisis der Seelenkrankheit.

Sehen wir in der Vorliebe fr die Frage nach der freien Disposition
ber das eigene Leben einen charakteristischen Zug und den Gipfelpunkt
gleichsam jenes Freiheitsdranges, wie er in der Luft der Zeit und in
der Jugend lag, mit der Goethe in Wetzlar verkehrte, so liegt die
weitere Frage sehr nahe, ob sich dieser Unabhngigkeitssinn auch auf
den =Staat= und =vaterlndische= Zustnde richtete. Lag in jener
Rittermummerei auch ein Stck scherzender Opposition gegen unmittelbar
vorliegende Reichszustnde, so fragen wir: richtete sich dieser
aggressive Geist auch in ernsten Formen weiter gegen die politischen
Zustnde des Reiches oder der Einzelterritorien? zeigt sich Goethe
selbst ergriffen von diesem Geiste? --

Es findet sich von einer politischen Opposition oder nur von einem
Interesse am Staat keine Spur, und Goethe selbst stellt in Wahrheit
und Dichtung diese Richtung auf den Staat in Abrede. Ebenso wenig
aber finden wir nach allen uns vorliegenden Zeugnissen bei den anderen
Genossen diese Tendenz. Und doch fing dieser politische Freiheitsgeist
gerade um dieselbe Zeit in der Schule Klopstocks, dem Gttinger
Dichterbund vor allem, an, sich krftig zu regen, bis er in dem
amerikanischen Unabhngigkeitskrieg fr weite deutsche Kreise einen
realen Rckhalt erhielt. Freilich ist es bekannt, da Klopstock und
seine Schule nicht sowohl bestimmte reale Angriffspunkte verfolgten,
als da sie nebelhafte vaterlndische und politische Ideale gegen die
staatliche Wirklichkeit ins Feld fhrten. In den heien Kpfen seiner
Jnger setzten sich jene poetischen Trume allerdings in die wsten
Gedanken von Tyrannenmord u.dgl. um. Da von alledem in der Wetzlarer
Umgebung Goethes nicht die Rede war, das erklrt sich teils daraus,
da der auerpoetische Einflu des Messiassngers und seines
geschichtslosen Idealismus in diese Kreise nicht reichte, ja da jener
bardische Patriotismus, wie ihn die Hermannsschlacht z.B. verkndet,
dort als unreife Phantasterei erscheinen mochte, teils daraus, da
diese Jugendgenossen bereits im Amte oder wenigstens mit dem Amte in
Berhrung standen. An sich wre der Sitz des hchsten Reichsgerichtes,
in dessen zeitlicher Erscheinung Idee und Wirklichkeit in so grellem
Widerspruch standen, ja gewi vor vielen geeignet gewesen, zu Kritik
und Spott gegen die Schwchen des Deutschen Reiches berhaupt zu
reizen, aber man nahm Kaiser und Reich als gewohnheitsmigen Besitz
oder als notwendiges bel. Das erstere war mehr die Art der
Norddeutschen, das andere der Standpunkt Goethes, der sich dabei
beruhigte: Dass wir sehr kayserlich sind, ist kein Wunder, da wir des
Kaysers sind. Er war eben der Sohn eines Frankfurter Reichsbrgers,
verwandtschaftlich verwachsen mit den regierenden Kreisen der
Reichsstadt und dadurch mit dem Reiche selbst, nicht ohne eine gewisse
Piett fr die berlieferten und gewohnten Verhltnisse, dabei mit dem
innersten Interesse in ganz anderen Regionen, hheren und weiteren,
weilend, als da fr das Parterre politischer Wirklichkeiten Raum und
Stimmung geblieben wren. Gewi nahm Goethe mit seinem ganzen
Jugendgeiste schon damals lebensvollen, bald fhrenden Anteil an der
erwachten Unruhe und Ungeduld, an dem Zerreien der Fesseln, in die
man die Menschennatur geschmiedet glaubte, an dem Ansturm gegen alles
berlieferte in Glaube, Sitte, Recht, an den ideellen
Herstellungsversuchen der angeborenen Menschenrechte, an dem
titanischen Ringen der freien Persnlichkeit wider die Schranke der
Weltverhltnisse. In dieser Kette gegebener Zustnde ist allerdings
auch der Staat ein Glied, aber es ist das von dem jungen Goethe am
wenigsten beachtete. Rousseaus _Nouvelle Helose_ und dessen
_Emile_ lagen dem Interesse des Dichters ungleich nher als der
_Contrat social_; =die= Fragen, die unmittelbar hineinfhren in die
Tiefen des eigenen Seelenlebens und dadurch ein Gemeinbesitz aller
Menschen werden. Allerdings auch ein =deut==scher= Zug oder die
=deutsche= Art, an dem allgemeinen Freiheitsdrange der Zeit ihren
Anteil zu fordern. Der =Mensch= stand ihm vor dem Brger, die =Welt=
vor dem Vaterland, ja die Begriffe Brger und Vaterland verdunkelten
ihm die hheren Begriffe, ganz im Stil des Humanittszeitalters,
dessen Gre wie dessen Schranken Goethe stets zu eigen geblieben ist.
So konnte es kommen, da er wider den allmchtigen Gott anstrmte,
aber dem Brgermeister der Vaterstadt allen schuldigen Gehorsam
leistete, wenn er sich sonst auch die Gabe der politischen
Subordination absprach. Das Individuellste und das Allgemeinste war
seine Welt.

          So lass des Reichs und Cristen feind
          Und Russ und Preuss und Belial
          Sich teilen in den Erdenball
          Und nur das liebe teutsche Haus
          Nehme von der grosen Teilung aus, --

sagt der junge Goethe zur Zeit der ersten Teilung Polens, genau aus
derselben Gesinnung, aus der auch der alte Goethe die Tagespolitik
ansah. -- Nicht dem politischen, sondern dem =sozialen= Leben galt
seine Oppositionslust. Und dieser Punkt stand in dem kritischen
Angehen gegen bestehende Zustnde in Deutschland vor und whrend der
franzsischen Revolution durchaus im Vordergrund. Auch der Werther
ist von diesem sozialen Oppositionsgeiste durchdrungen. Dabei war ihm
ein tiefer Widerwille gegen die hohle Phrase eigen, und eine solche
erkannte er in der Vaterlandsbegeisterung der Klopstockianer, an
welche als an ein echtes und mgliches Gefhl er nicht glauben mochte.
Gerade aus jener Zeit hat er sich in der Kritik der Schrift von J. v.
Sonnenfels ber die Liebe des Vaterlandes ber diese Fragen
ausgesprochen. Schon die Fragestellung an sich ist ihm unverstndlich.

Wenn wir einen Platz in der Welt finden, da mit unsern Besitzthmern
zu ruhen, ein Feld, uns zu nhren, ein Haus, uns zu decken, haben wir
da nicht Vaterland? Und haben das nicht tausend und tausende in jedem
Staat? und leben sie nicht in dieser Beschrnkung glcklich? Wozu nun
das vergebene Aufstreben nach einer Empfindung, die wir weder haben
knnen noch mgen, die bey gewissen Vlkern nur zu gewissen
Zeitpunkten das Resultat vieler glcklich zusammentreffender Umstnde
war und ist?

Rmerpatriotismus! Davor behte uns Gott wie vor einer Riesengestalt!
wir wrden keinen Stuhl finden, drauf zu sitzen; kein Bett, drinnen zu
liegen. --

    *    *    *    *    *

So anregend diese fast einzigartige Mischung jugendlicher Krfte aus
allen deutschen Landen und Universitten an sich htte wirken knnen,
Goethe fand doch in dieser Geselligkeit keine volle und reine
Befriedigung. Die litterarischen Elemente in dem Kreise, der ihn
umgab, folgten einer ganz anderen Richtung, als die war, die whrend
der letzten Monate vollends in Goethe aufgegangen war. Was Gotter
namentlich erstrebte, dieser zierliche franzsierende Formalismus, war
weit berholt von Goethes Wollen und Streben. Die inneren Lcken, die
darum in ihm blieben, wurden durch das eifrig gepflegte Naturleben,
durch den Verkehr mit den Geistern der Vergangenheit, der Antike
zumal, durch Briefwechsel in die Ferne, durch eigene Poesie, die nicht
sowohl in jenen Monden Gestalt annahm, als in seinem Innern sich
vorbereitete, endlich durch Familienbeziehungen, die uns bald als die
eigentliche Seele seines damaligen Lebens nher treten werden,
ausgefllt. Goethes Naturverkehr gestaltet sich insofern eigentmlich,
als er sich nicht in die Weite und Breite ausdehnt, sondern sich
wesentlich in die Enge zusammenzieht. In der jngst verflossenen
Frankfurter Periode hatte der Dichter seiner Naturliebe im Sturm und
Drang weiter Wandrungen Luft gemacht. Ihm ward dadurch bekanntlich der
Beiname des Wandrers oder Pilgers. Auch in Wetzlar kommen einzelne
grere Ausflge vor. Aber es sind durchweg die Ausnahmen. Er liebte
hier das Httenbauen, das Sich-niederlassen im trauten Winkel. Es ist
diese Neigung charakteristisch fr Goethe. Sie entstammte dem Sinn fr
das Plastische, bersichtliche, Gesammelte in der Natur. Der
malerische Blick gesellte sich zu dem dichterischen. Es entstand,
sagt er selbst in Wahrheit und Dichtung, eine wundersame
Verwandtschaft mit den einzelnen Gegenstnden der Natur und ein
inniges Anklingen, ein Mitstimmen ins Ganze, so da ein jeder Wechsel,
es sei der Ortschaften und Gegenden oder der Tags-und Jahreszeiten,
oder was sonst sich ereignen konnte, mich aufs innigste berhrte.
Keine Frage, da sich des Dichters Verhltnis zur Natur in Wetzlar zu
besonderer Innigkeit ausbildete, die er als eine ihm zugefallene
Entwickelung darum spter auch in das poetische Abbild dieses Sommers,
den Werther, so lebendig aufnehmen konnte. Seit Sessenheim hatte er
solches Naturleben nicht gefhrt. Mag man immerhin, um diese
Zeiterscheinung in der deutschen Dichtung wie im deutschen Leben zu
erklren, an Rousseau als epochemachend fr die Entwickelung des
Naturgefhls im achtzehnten Jahrhundert erinnern, in Goethe
entwickelte sich dieser neue Sinn in freiester Ursprnglichkeit; die
Naturempfindung im Werther ist auch hier nichts als ein treues
Nachbild des Erlebten. Namentlich auch in der fast mikroskopischen
Versenkung in das kleinste und nchste Leben der Natur, die Rosseau
ganz fremd ist, da er die kolossalen Formen der Alpennatur vor Augen
und darum die Gefhle des Erhabenen im Geiste hat. Was in Frankfurt
(vollends in dem zurckliegenden Winter und Frhjahr) kaum mglich
gewesen war, die nahe Berhrung mit der Natur auch in der =Ruhe=, das
war in Wetzlar, wo Stadt und Land so nahe grenzt, mglich und
willkommen. Der praktische Zweck wirkt mit hinzu, bei solchen
Niederlassungen neben der Naturkontemplation etwas Geistiges treiben
zu knnen: Lesen, Zeichnen und, wenn die Muse hold war, Dichten. Diese
Verbindung von Natur- und Kunstgenu, die gleichzeitig dem Gttinger
Hain eigen war, charakterisiert Goethes Wetzlarer Leben. Gerade auch
zu der griechischen Lektre, der sich Goethe, wie wir sehen werden,
mit ganzer Seele damals hingab, bildete das Leben im Freien den
harmonischen Hintergrund. Denn in den niederen Stbchen der dunklen
Gewandsgasse den Homer zu lesen -- den Homer nicht nach Philologen-,
sondern nach Dichterart -- das dnkte ihm ein greller Widerspruch.
Gleich vor den Thoren fand er, was er suchte.

Es war der Wildbacher Brunnen und was um diesen herumlag, der Ort, den
er im Werther anmutig und unnachahmlich zeichnet: Ich weis nicht,
ob so tuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme
himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles ringsumher so
paradisisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein Brunn', ein Brunn',
an den ich gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern. Du gehst
einen kleinen Hgel hinunter, und findest dich vor einem Gewlbe, da
wohl zwanzig Stufen hinab gehen, wo unten das klarste Wasser aus
Marmorfelsen quillt. Das Muergen, das oben umher die Einfassung
macht, die hohen Bume, die den Platz rings umher bedecken, die Khle
des Orts, das hat alles so was anzgliches, was schauerliches. Es
vergeht kein Tag, da ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen denn
die Mdgen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschft
und das nthigste, das ehmals die Tchter der Knige selbst
verrichteten u.s.w.

Das Wildbacher Thor war das der Wohnung Goethes nchstgelegene. Von da
lief der Hauptpfad an dem Friedhof vorber, der erst kurz zuvor neu
angelegt war und bald darauf des unglcklichen Jerusalem Gebeine barg,
nach dem eben geschilderten Brunnen, den die Litteraturkundigen und
die Sentimentalen heute Werthers Brunnen, die Bewohner von Wetzlar
aber nach wie vor den Wildbacher Brunnen nennen. Hier lag das Zentrum
von Goethes Naturverkehr. Gleich Radien laufen von hier sechs Wege
aus; Hhen ringsum, Marmorfelsen, wechselnde Hhenbildung. Es ist der
Punkt, wo Goethe selbst im Werther die ineinandergeketteten Hgel
und vertraulichen Thler oder die mit der schnsten
Mannichfaltigkeit der Natur sich kreuzenden Hgel preist. Dem khlen
Brunnen eilt der Harbach vorbei der Lahn zu. ber ihm erhebt sich der
Lahnberg, und auf dessen Abhang lag der Garten, wo der Dichter
festen Fu fate, von dem er rhmt, man fhle gleich beim Eintritte,
da nicht ein wissenschaftlicher Grtner, sondern ein fhlendes Herz
den Plan gezeichnet habe, das sein selbst hier genieen wolle. Es ist
die damals sogen. Meckelsburg, von dem Kammergerichts-Prokurator Ph.
L. Meckel im Jahre 1763 angelegt. Verschiedene Teilungen und
Besitzvernderungen seitdem haben diesem durch das Wort des Dichters
geweihten Berggarten eine vielfach andere Gestalt gegeben. Man stieg
auf Treppen die Hhe hinan, von wo man einen Prachtblick in die Nhe
und Ferne hatte. Was Wetzlar Schnes zeigt und birgt, bot sich von
hier aus dem stillen Homer-Leser: die Stadt malerisch an den Berg
geschmiegt, der stolze Dom inmitten der Schieferdcher, die malerische
Ruine des Kalsmunt, die Lahn mit ihrer damals noch turmgeschmckten
Brcke, das weithin lachende Fluthal nach Braunfels hin mit Kloster
Altenberg. Hier versa Goethe viele Stunden seines Sommerlebens,
zeichnend, lesend, sinnend, dichtend, auch wenn es Lieder ohne Worte
wurden. Im Werther klingt die Sympathie fr dieses liebe,
liebliche, vertrauliche, freundlich dmmernde Thal, das er gar
sein Liebesthal nennt, poetisch nach. Bald aber hatte er noch einen
anderen Platz entdeckt, wo gut sein war. Es war das
nassau-weilburgsche Dorf Garbenheim, das sein Roman Wahlheim nennt,
damals ein beliebter Ausflug. Schon im Namen drckt sich Goethes
vorziehende Sympathie aus. Der Weg dahin fhrt eine halbe Stunde
entweder neben der Lahn her fluaufwrts, zur rechten die Hnge des
Lahnbergs, zur linken jenseits des Flusses Drfer und Hhen, und das
sich ffnende Dillthal, oder, nahe dem geschilderten Lieblingssitze
Goethes ber den Lahnberg, wo sich die Zauber der Landschaft noch viel
weiter aufthun. Oben Wald, unten Korn auf den Hhen und im Thale grne
Matten. Das Drfchen selbst an einem Abhang, versteckt in einem
Obstwald. Auch hier suchte und fand er vor dem Wirtshaus seinen
Poetenwinkel unter zwei weitstigen Linden, die den kleinen Platz vor
der Kirche berschatteten. Vor allem vertraulich und heimlich erschien
ihm das Pltzchen; er lie dahin Tisch und Stuhl aus dem Wirtshaus
bringen und las zum Kaffee dort seinen Homer. Auch das lndliche
Abendbrot mundete dort im Mondschein dem Einsamen; allein -- doch
nicht allein. -- Hier war es, wo Goethe-Werther die junge Frau mit
dem Knaben traf, wo er die Gruppe der Kinder mit der nchsten Umgebung
zeichnete. Dies ganz im Stil seiner damaligen Richtung auf das
Kleinleben in Natur und Menschenwesen. Von der Landschaft schritt er
fort zum Genre nach niederlndischer Art und Kunst. Es ist das
Stillleben stimmungsvoller Wirklichkeit, das er nicht blo darum
liebte, weil sein Stift an das Groe und Heroische nicht hinanreichte.
Wie manches dichterische Gegenbild bietet der Werther! Auch hier
kamen ihm Altes Testament und Homer, die er stets in naher
Nachbarschaft sah, mit Analogieen entgegen. In Wahlheim ist es
dieselbe junge Frau, die noch im hchsten Greisenalter von dem
merkwrdigen jungen Manne zeugte, der ihr in der Jugendzeit so
freundlich begegnet war, oder, wie die derbere berlieferung sagt, mit
welcher und deren Schwester der Dichter karessiert haben soll. Die
nmliche junge Frau hat der Verfasser dieser Schrift selbst in den
Knabenjahren noch als steinalte Greisin, als die alte Bambergern
gekannt. Auch die Stelle im Werther, wonach sie eine
Schullehrerstochter gewesen, stimmt mit der Wirklichkeit, denn Eva
Justine Henriette Bamberger war in der That nach dem Garbenheimer
Kirchenbuch die eheliche Tochter des damaligen Lehrers Dumer in
Garbenheim; sie berlebte Goethe um mehr als zwei Jahre und starb ber
neunzigjhrig am 19. August 1834. Das durch Goethes Bekanntschaft der
Familie erworbene Kapital von Ruhm und Ehre war gro genug, um auch
deren =Tochter= oder Nichte noch zu speisen. Diese, die gleichfalls
als alte Bambergern 1869 starb, machte sich mit den ererbten
Erinnerungsbrocken als schwindelnde Bettlerin interessant und wucherte
mit der Wahrheit und Dichtung ihrer Traditionen unter den fremden und
sagenhungrigen Besuchern Garbenheims. Von einem Sohne aber der
=uralten= Bambergern, der nach Norddeutschland ausgewandert war,
geht die Sage in seinem Heimatsdorf, er habe sich bei der Teilung des
kleinen Erbes seiner Mutter statt alles anderen den Holzstuhl
ausgebeten, auf dem Goethe einst unter den Linden gesessen. Der
trauliche Dorfplatz liegt noch unverndert, auch das Huschen der
jungen Frau; das Wirtshaus aber des Dorfes ist nicht mehr das
damalige, und die alten Linden, hinfllig vor Altersschwche, haben
jungen Nachfolgern Platz gemacht, die man am Goetheschen Scularfest
1849 an derselben Stelle pflanzte und mit einer kleinen Denksule
versah.

    *    *    *    *    *

Gewi besa Goethe inneren Reichtum genug, um sich die Natureinsamkeit
zu beleben mit den Gestalten seiner Phantasie, den Schatten der
Erinnerung und seinen rastlos arbeitenden Gedanken. Aber eine Lcke
blieb. Goethe, der liebebedrftige und liebefhige, der seit dem
verlorenen Glck von Sessenheim und seit den schwrmerischen
Freundschaften von Frankfurt-Darmstadt-Homburg eine Leere im Busen
fhlte, konnte nicht lange ohne Frauenverkehr sein, also nicht ohne
Familienverkehr. Es lag dieser Zug tief in ihm, stete Gewhnung, auch
Verwhnung hatte ihn entwickelt. Da er in Wetzlar bestimmte Schritte
gethan, um in die Huser der Kammergerichtskreise zu kommen, ob er
auch nur der Form von Antrittsbesuchen Genge gethan, davon fehlt jede
Spur. Da aber sein Wetzlarer Aufenthalt nicht in die
Gesellschaftssaison fiel und eine Verlngerung in den Winter nicht
beabsichtigt wurde, so ist es kaum wahrscheinlich, da er sich bei
seinem Widerwillen gegen soziale Gne in dieser Richtung besonders
bemht haben sollte. Nur flchtig scheint er hineingesehen zu haben in
die Familie des kurbrandenburgischen Subdelegatus, Geh. Tribunalsrates
Joh. Hartwig Reuter; etwas nher in das Haus des Prokurators und
Hofrats Joh. Ferd. Wilh. Brandt, das uns als Nachbarhaus des Buffschen
noch unten begegnen wird. Die weibliche Verwandtschaft in Wetzlar zog
ihn nicht an. Nur eine der Langeschen Cousinen, Johanette Elisabeth
Christine (geboren 30. Mrz 1755), war berhaupt erwachsen, aber sie
reizte eher die Necklust als die Sympathie des anspruchsvollen
Vetters. Die Befriedigung jenes Zuges nach trautem Haus- und
Frauenverkehr sollte ihm nach wochenlangem Entbehren wie ein
unverhofftes Geschenk von anderer Seite kommen.




=V.=

=J. Chr. Kestner.=


Kestner und Lotte haben das eigene Geschick gehabt, gewissermaen eine
Doppelexistenz zu leben, eine ideal-poetische und eine
real-prosaische. Jene war eine aufgedrungene, diese die natrliche;
Kestner hatte die Glorie wie die Schatten dieses Dualismus zu tragen.
Dort berhrte ihn in der Bahnlinie des Genius der Weltruhm, hier lebte
er befriedigt in den Schranken einer stillen brgerlichen Existenz. In
Goethes Werther lag zu viel Wirklichkeit, um nicht auf die =volle=
Wirklichkeit neugierig zu machen, und in der Wirklichkeit wieder zu
viel nchterne, einfache Realistik, um nicht den enthusiastischen
Nachforscher zu enttuschen. Der Roman lie seiner Heldin ihren
wirklichen Vornamen, weil er dem Dichter zu lieb geworden war und weil
er =sie= im ersten Teil fast vllig nach dem Leben gezeichnet hatte;
da der Brutigam den Namen tauscht und als Albert auftritt, schon
darin giebt der Dichter zu erkennen, da er kein treues Nachbild
beabsichtigt. Wir versuchen eine kurze Lebensskizze zu zeichnen, worin
Wahrheit und Dichtung streng geschieden werden, nicht um die
historischen Elemente des Werther nachzuweisen, sondern um dem
wirklichen Kestner zu seinem Recht zu verhelfen. Es wird sich dann
ergeben, da dieser auf dem biographischen Monumente des Dichters wohl
eine Nebenfigur, aber doch keine gleichgltige ist.

Johann Christian Kestner war 1741, wie Goethe am 28. August, zu
Hannover als der dritte Sohn zweiter Ehe des Geh.
Kabinettsregistrators Joh. Hermann Kestner geboren. Seine Mutter war
eine geborene Eberhardt. Im Kindes- und Knabenalter scheint er sich
langsam entwickelt zu haben, aber Flei, Pflichttreue, Sittenreinheit,
ein reges Gewissen traten frhe hervor. Wackere Hauslehrer bildeten
ihn, und gegen einen derselben hielt er die treue Dankbarkeit, die
berhaupt seinem stetigen Sinn eigen war, fest bis in die Mannesjahre.
Michaelis 1762 bezog er die damals noch junge Hochschule der _Georgia
Augusta_, um die Rechte zu studieren. Das Triennium war noch nicht
abgelaufen, als er Gttingen Ostern 1765 verlie, um seine Gesundheit,
die durch allzu angestrengtes Studium gelitten hatte, in huslicher
Pflege wiederherzustellen. Er krftigte sich und ward auch leiblich
ein schmucker, ansprechender Mann, dem die treue, grundehrliche Art
aus den blauen Augen schaute. Von seinen Gttinger Studien wissen wir
im einzelnen wenig. Die berhmten Rechts- und Staatslehrer der
Hochschule wie Bhmer, Ptter, Achenwall, Claproth, Ayrer, Gebauer,
Meister, Riccius, Becmann hrte er mit Eifer. Da aber seine geistigen
Interessen sich nicht auf das Rechtsstudium einschrnkten, geht teils
aus dem erweiterten Horizont seiner spteren Jahre, teils aus seiner
Freundschaft mit dem um ein Jahr jngeren Kommilitonen Georg Christoph
=Lichtenberg= hervor. Von diesem findet sich in Kestners Stammbuch ein
(allerdings undatiertes, unzweifelhaft aber der Studienzeit
angehriges) Stammbuchblatt:

     Mit Freunden so wie du, sich zu erfreun,
     Gleich hold dem Wasser und dem Wein,
     Zum Kittel nicht zu stolz und dennoch werth der Seide,
     Dies ist der Stand, das Glck, das ich beneide.

           Wie glcklich wrde ich mich schtzen, wenn ich Ihnen,
           wertester Freund, bisweilen auch, ohne da Sie dieses
           Blatt an mich erinnerte, in den Sinn kme.

                                     Georg Christoph Lichtenberg.

Dasselbe Stammbuch bewahrt noch manchen Freundesnamen, aber es ist
kein spter berhmt gewordener darunter. Nur einer, der Holsteiner
August v. Hennings, macht eine Ausnahme; er war in Gttingen, wo er
mit seinem Bruder von 1763 bis 1766 studierte, und weiterhin Kestners
nchster Freund, dem er spter nur den Namen Goethes unmittelbar
folgen lie. Es ist derselbe Hennings, der spter als Publizist,
namentlich als Herausgeber des Genius der Zeit, einer der
Hauptfhrer des deutschen Liberalismus zur Zeit der franzsischen
Revolution wurde, verspottet in den Xenien, um seines politischen
Standpunktes willen befehdet von dem Wandsbecker Boten, ebendarum
befreundet mit J.H. Vo. Den anfnglichen Plan, nach gekrftigter
Gesundheit zum Abschlu seiner Studien wieder nach Gttingen
zurckzukehren, gab Kestner auf und lie sich statt dessen durch den
Hofgerichtsrat _Dr_. Bnemann in Hannover in die juristische Praxis
einfhren. Er mu gute Hoffnungen als Jurist erregt haben, denn neben
anderen Vorschlgen trat Anfang 1767 an ihn die Frage heran, ob er bei
der zur Reichs-Kammergerichts-Visitation abgeordneten Subdelegation
fr das Herzogtum Bremen als Sekretr des Hofrats Johann Philipp
Konrad Falcke eintreten wollte. Eine Vertrauensstelle, die um so
instruktiver fr Kestner zu werden versprach, je greren Ruf der
Gesandte als einer der bedeutendsten Juristen des Landes und als
eifriger reichsrechtlicher Schriftsteller hatte, und fr je erfahrener
er -- ein vertrauter Freund Ptters seit jungen Jahren -- gerade in
Reichsgerichts-Sachen galt. Auch schien dies Weg und Brcke zu rascher
Befrderung zu sein. Aber gerade diese aussichtsreiche Verwendung
machte dem gewissenhaften und bedchtigen Kestner Skrupel. Allerdings
bewarb er sich, von Wohlmeinenden angestoen, um die Stelle, aber
alsbald berkamen ihn Bedenken, fast Reue. Selbstpeinigende Fragen
qulen den Zaudernden. Soll er nicht lieber den Betrieb der Advokatur
anfangen? Seine stille Art schicke sich nicht in den Tumult und Lrm.
Gott ach gieb, gieb doch -- so seufzt er im Tagebuch --, wenn ich
mich nicht so gut dazu schicke oder es mir sonst schdlich ist, da es
rckgngig gehe. Ach es ist, als wenn ich mich freuen wrde, wenn
mir's abgeschlagen wrde. Doppelt wrde ich Gott danken, da ich dann
fr seine Fgungen, die allemal die besten sind, dankte. Das ist
nicht die Sprache zuversichtlicher Initiative, aber ein Zeugnis der
ernsten Gesinnung des jungen Mannes. Mangel an Selbstvertrauen,
Zweifel an seinen Krften, fromme Scheu charakterisieren ihn. Er ist
keine von den Naturen, die in den vordersten Reihen zu wirken berufen
sind, nichts Geniales und Ungemeines zeichnet ihn aus, aber er ist um
so mehr ein Mann des Gewissens und eine treue Natur, die mit ihrer
Piett auch Ernst macht im Leben.

Auch das Bedrfnis eines ununterbrochenen Selbstgesprchs im Tagebuche
charakterisiert die ruhigen Wege dieses bedchtigen Lebens, die sich
und seine Umgebung prfende Art; meist sind diese Aufzeichnungen in
franzsischer Sprache, aber sobald sich das innere Leben darin
hervorkehrt, springt er in die Muttersprache ber. Ist es zunchst ein
ethischer Zug, von sich und anderen Rechenschaft zu verlangen, so ist
es doch auch der Ansatz zu einem litterarischen Bedrfnis, das Erlebte
sich zu objektivieren. Auch wo er Briefe schreibt, geschieht dies
nicht ohne sorgfltige Koncipierung. Genial hinzuwerfen, zu
improvisieren, war seine Art und Gabe nicht. Nachdem die Wahl zu der
Wetzlarer Stelle wirklich auf Kestner gefallen war, wurde er ruhig und
griff zu, denn nun war es ihm Bestimmung. Am 3. Mai 1767 wurde er
vereidigt, acht Tage darauf stand er schon in der alten Reichsstadt.
Im Goldnen Lwen stieg er ab. Wetzlar war damals der Ort, wie wir
sahen, wo sich juristische Studiengenossen gar manchmal wieder trafen
in den Flitterzeiten der Praxis. Und besonders Gttingen, die erste
Juristenuniversitt der Zeit, war stark vertreten. So fand er in dem
_Dr_. v. Sachs, _Advocatus camerae_, den er zuerst besuchte, so in dem
zweiten sachsen-gothaischen Legationssekretr, dem Dichter Gotter, der
den eben Angekommenen alsbald begrte, so in dem ersten Sekretr
derselben Legation, Balemann, einem hervorragenden Juristen, so in
_Dr_. Zwierlein Gttinger Studienfreunde. Von seinem Gesandten, wohl
dem ersten Juristen unter den Richtern wie Visitatoren des
Kammergerichts, wurde er wie ein guter Freund aufgenommen. Ein
abgelegenes Daheim, recht im Wetzlarer Stil, nahm ihn auf. In einem
besonders engen Winkel der winkligen Stadt, am Ende der steil
abfallenden Jcksburg, lag das reformierte Pfarrhaus. Es ist dasselbe
Pfarrhaus, wo spter der berhmte Gottfried Menken als Geistlicher
zeitweise gewirkt hat. Dort im ersten Stock wohnte Kestner. Das
bescheidene Quartier interessiert uns, weil es auch Goethe so oft
betreten. Von da weiter abwrts fhrt eine Treppe, noch heute die
reformierte Treppe genannt, nach der unteren Stadt hin; die Aussicht
aus den kleinen Fenstern ging nach dem malerischen Kalsmunt. Hinter
dem Hause streckte sich bis zur Stadtmauer ein klsterlich-stiller
Garten mit reichen Obstbumen, Laube und Rebengang. Es ist derselbe
Garten, wo Goethe mit dem nichts ahnenden Freunde seine letzte
Mahlzeit in Wetzlar hielt.

Das =innere= Wetzlar behagte dem wackern Kestner wenig. In einer
Stadt zu seyn, schreibt er an seinen Freund Hennings, wo wenig
Geschmack, wo Gelehrter-, Ahnen- und Stolz auf niedrigen Gewinn, Hrte
gegen anderer Unglck, Cabale &c., Tyrannisiren &c. -- da ist der Ort,
die Standhaftigkeit zu ben, das Bse zum Guten zu benutzen.

Kestners juristische Thtigkeit war anfangs eine doppelte: die
praktische als Beamter, eine theoretische im Studium des
Reichsprozesses. Bald kam die zweite in Wegfall, weil die erstere zu
stark in Anspruch nahm. Und sie nahm daher strker als bei anderen
Sekretrstellen in Anspruch, weil der Chef selbst, der thtigste und
pnktlichste unter den Gesandten, die Berichte immer doppelt, nach
Hannover wie nach London, ausfertigen lassen mute. Auer diesen
regulren gab es auerordentliche Arbeiten durch den viel fordernden
Gesandten; Kestner hatte tglich die Diktatur zu besuchen und sich
im Publikum so weit zu bewegen, um dem Gesandten ber wichtige
Vorkommnisse berichten zu knnen. Freilich drckte ihn mitunter die
atemlose und meist mechanische Arbeit, die ihn der Wissenschaft, den
fernen Freunden, der Natur gegenber zur Entsagung verurteile und die,
als Arbeit auf Kommando, so wenig befriedige.

Die theoretisch-praktische Einfhrung in die Labyrinthe des
Reichsprozesses erreichte er durch eine Art Vorlesung und daran
geschlossenes Praktikum. Diese bungen hielt damals nur der Hofrat und
Kammergerichts-Prokurator Peter Franz Nol. Bald war Kestner durch
Pflichteifer und geschftliche Umsicht der Vertrauensmann seines
Gesandten. Es war der Hhepunkt seiner Wetzlarer Thtigkeit, als er
von seinem Chef verwandt wurde, die von diesem veranlaten Differenzen
innerhalb der Visitationskommission, die -- wie wir oben sahen --
schon die Auflsung des ganzen Untersuchungsgeschftes herbeizufhren
drohten, durch eine vershnliche Erklrung am 31. Januar 1773
auszugleichen; -- ein Hervortreten, das ihm die Ehre eintrug, auch in
der Geschichte der Stadt Wetzlar von Ulmenstein (_II_, 764) eine
Stelle zu erhalten.

Kestner aber schrnkte sich nicht ein auf diese unmittelbar amtliche
oder dem Amte verwandte Thtigkeit; an dem Miggang der jungen
Praktikanten teilzunehmen hatte er vollends weder Zeit noch Stimmung.
Er wollte auch an seiner juristischen Weiterbildung berhaupt
fortarbeiten und machte daher den Vorschlag zur Errichtung einer
Gelehrten-Societt, die gleichsam ein Justizkollegium darstellen
sollte. Auer ihm traten dem Krnzchen vier junge Juristen bei. Auch
ber das Jus hinaus erweitert er den Kreis seiner Interessen, fr
deren Pflege er sich abends und in der Morgenfrhe Stunden vom Schlafe
abzog. Er will an seinem Teile den unwissenschaftlichen, unidealen
Geist bekmpfen helfen. So klagt er in seinen Aufzeichnungen, die
schnen Wissenschaften fnden in Wetzlar berhaupt keinen Platz, der
gute Geschmack sei dort verbannt; hieran sei die Juristerei schuld.
Er errte, indem er es schreibe. Neuere Sprachen und ihre Litteraturen
waren das Hauptgebiet, auf dem er sich mit Vorliebe bewegte. Auer dem
Franzsischen, das er gelufig sprach und schrieb, war ihm, dem
Hannoveraner, das Englische vertraut. Man grndete eine _English
society_ und bersetzte dafr auch deutsche Gedichte ins Englische,
z.B. _the Sheep and the Thornbush, tale after Hagedorn_. Aber auch das
Italienische wurde gelernt und gebt. Trotz dieser rastlosen Arbeit an
seiner Fortbildung wurde Kestner nicht zu den Schngeistern Wetzlars
gezhlt. Gleichwohl liebte er es, Erlebtes in kurzen Memorabilien
aufzuzeichnen, und nicht blo fr sich als Tagebuch, wie wir oben
berichteten, sondern auch fr andere. So legt er ein besonderes
Memoirenbuch an, in dessen Einleitung er -- offenbar in der Zeit, als
man das baldige Auseinandergehen der Visitation befrchten mute --
sagt: Da ich vielleicht nicht lange mehr in Wetzlar bleiben werde,
der Aufenthalt an diesem Orte aber immer eine merkwrdige Epoche
meines Lebens sein wird: so will ich noch vorher, weil mir alles noch
teils vor Augen, teils noch lebhaft im Gedchtnis ist, eine Geschichte
meines hiesigen Aufenthaltes entwerfen. Er hatte jedem der Seinigen
in Hannover eine gewisse Materie zugedacht, die allmhlich in
Briefform eingeschickt werden sollte, dem Vater die Denkwrdigkeiten
der Reichsstadt und des Gerichts, der Schwester das Interessanteste
aus dem huslichen Departement u.s.w. Er entwarf ein Schema ber die
einzelnen Rubriken. Die vierte sollte handeln Von mir selbst und
zerfiel in sechs Unterteile: Meine Situation, Lebensart, meine
Geschichte, meine Arbeit des Amts, meine Nebenbeschftigungen, meine
-- (das Substantiv fehlt wie verschmt, denn er meint doch wohl seine
=Liebe=). Es ist bei Fragmenten geblieben, aber nichts ist dem treuen
und emsigen Berichterstatter unwichtig, die =Sachen= wichtiger als
seine =Person=. Auch den Lustbarkeiten der Jugend blieb er nicht ganz
fern. Zu Fu und zu Pferd wurde das schne Land durchstreift, die
Maskenblle in dem wiederhergestellten Saale des Rmischen Kaisers
besucht. Auch trat er jener Rittertafel im Kronprinzen bei, wie wir
oben schon gesehen haben. Doch war sein Verhltnis zu diesen
possenhaften Jugendspielen nur ein vorbergehendes und lockeres.
Vielleicht erschien dem ernsten jungen Mann der Spuk fr einen Beamten
doch wenig passend, vielleicht hatte, da die Sache Aufsehen im
Publikum machte, sogar sein Chef ein Wort darein geredet. Noch ehe die
romantisch-ritterlichen Formen an der Tafelrunde durchgefhrt waren,
die den Nchternen vollends fern halten muten, wurde Kestner (16.
Oktober 1769) zum Wirklichen Staatsminister ernannt; ein Zeichen
jedenfalls, da man ihn gern hatte. Aber sein Sinn war nicht bei dem
Possenspiel, zwei Monate darauf erbat und erhielt er seine Entlassung.
Doch wegen seiner Geschicklichkeit und Erfahrung soll auch ferner
noch sein Beirat gehrt werden. Auch zog er sich von der gemeinsamen
Mittagstafel im Kronprinzen allgemach in seine stille Klause zurck;
die =ritterliche= Romantik war dem nun Dreiigjhrigen doch zu
jugendlich, um daran teilzunehmen, und die philosophischen
Tischgesprche konnten ihm, der sich in seinen ruhigen religisen
Vorstellungen befriedigt fhlte, nicht anziehen. Er hielt sich zur
Kirche und merkt in seinem Tagebuche an, da von den drei Wetzlarer
Geistlichen, die er hrte -- Reu, Machenhauer, Pilger -- ihm der
erste am meisten zusage. Er zeige viele natrliche Zge, wovon er die
Schnheit vermutlich selbst nicht einmal wisse, und zum groen Glck.
Es war ein anderes Moment als jener Jugendverkehr, das ihn dauernd
anzog und fr den Verzicht auf jene Allotria schadlos hielt. Ohnehin
den stillen Freuden des Familienlebens zugeneigt, fand er die Erholung
von strenger, oft atemloser Arbeit in dem deutschen Ordenshause.
Goethe scherzt, der Freund erhole sich, wenn er an des hl. Rmischen
Reichs Gerechtigkeits-Purifications-Wesen manche Feder verschabt
habe, von dem Gekriz und Gekraze in dem Heiligtume des
Deutschordens. Wir werden die Anziehungskraft dieses Hauses bald
kennen lernen; es ffnete sich leicht und gern jungen Freunden. Wenn
es aber andere nur als vorberziehende Passanten betraten, Kestner
schlug Wurzel darin, ja die tiefsten Wurzeln seines Lebens. Wir treten
in das Haus ein, das zu den klassischen Husern unserer
Dichtungsgeschichte zhlt, und dessen Hauptraum, der Zeuge von Goethes
seligem Sommertraum, noch heute mglichst treu konserviert und dem
litterarischen Reliquiendienst offen gehalten wird. Wir werden darin
bald auch dem wackern Kestner und seiner Liebe in Friede und Kampf
wieder begegnen. --

Aber schon diese kurze urkundliche Lebensskizze zeigt, da es aus
Wahrheit und Dichtung =gemischte= Farben sind, mit denen Goethe die
Gestalt seines Albert gemalt hat. Goethe selbst stellt, wie bekannt,
auf Kestners Beschwerde ber das elende Geschpf von einem Albert
mit Nachdruck in Abrede, da ihm der Freund zu seinem Romanportrait
gesessen. Der Berichtiger der Geschichte des jungen Werther sagt
nicht uneben: Man wrde dem guten Kestner unrecht thun, wenn man ihn
blo nach dieser Schilderung beurteilte. Albert mute allemal
verlieren, wenn sein Mitbuhler interessant werden sollte. Wenn aber
der Dichter im knstlerischen Interesse darauf aus sein mute, in den
beiden Nebenbuhlern den Gegensatz feuriger Liebesglut und khler
Temperatur, der Genialitt und Nchternheit durchzufhren, so trifft
gerade das am wenigsten die Wirklichkeit. Tiefe nachhaltige Liebe, die
nicht genialisch explodierte, aber ein ganzes Leben zu erwrmen und zu
erhellen stark genug war, glhte in Kestner, das sagen uns seine
geheimsten Bekenntnisse. Und nach dem Grad dieser Liebe wenigstens --
wenn auch wohl nach der Art seiner Grundstze -- sagt sein Briefwort
nach dem Erscheinen des Werther kaum zu viel: Wenn ich von ihr
htte lassen mssen; so stehe ich nicht dafr, ob ich nicht Werther
geworden wre.




=VI.=

=Die Familie Buff.=


Goethes Leben in Wetzlar, das uere wie das innere, erhielt seine
Farbe doch erst durch die Berhrung mit der Buffschen Familie. Um
dieses Haus wie um seinen Mittelpunkt drehte sich in diesem freud- und
leidvollen Sommernachtstraum sein Dichten und Trachten. Und wie weit
noch ber diese Grenze hinaus jenes merkwrdige Verhltnis seine
Strahlen und Schatten in die Folgezeit warf, das wei die Geschichte
unserer Dichtung. Freilich ist es in diesem Familienkreis =eine=
Gestalt, von der vor allem oder allein diese Wirkung gilt. Aber diese
dem Dichter so teure Gestalt strahlt ihm hell genug, um auch ber ihre
Familienumgebung ihr Licht zu werfen. Darum ist es der Mhe wert,
diesem Kreise etwas nher zu treten.

Das Buffsche Haus gehrte nicht zu den aristokratischen der Reichs-
und Reichs-Kammergerichts-Stadt. Es stand gewissermaen zwischen den
Adelskreisen des Gerichtes und dem gehobeneren Wetzlarer Brgertum in
der Mitte. Alles in allem war es ein schlichtes tchtiges deutsches
Brgerhaus; -- deutsch dem vielfach franzsierten, stolz dem
anspruchsvollen Adel gegenber. Ehrbare Sitte und ein gemtliches
Stillleben hatte es sich in vielfach verschnrkelter Umgebung
gerettet. Aber auch Goethe hatte in dieser Jugendperiode keinen
aristokratischen Zug in sich; brgerlich von Herkunft, als
Reichsstdter stolz auf krftiges Brgerwesen, fand er in gesunden
Brgerkreisen seine natrliche Welt, in der es ihm wohl ward. Und wo
ihm ausnahmsweise Adelige gegenbergetreten waren, wie in den
Hofkreisen von Darmstadt und Homburg, da war es nicht =wegen=, sondern
=trotz= dem Adel, da er sich anziehen lie; das Menschliche,
Geistig-Gemtliche gewann ihn. Erst die Weimarer Zeit hat ihm eine
Vorliebe fr das Aristokratische aufgeprgt, aber auch hier mehr
sozial als persnlich. Denn es ist nicht zu bersehen, da gerade
damals der Adel eine Art Umbildungsproze durchmachte, da er durch
lebendigeres Eingehen auf die geistigen Interessen, die das Brgertum
hoben, die Kluft der Stnde schmaler machte, und da gerade in Weimar
der geniale Naturton durch Goethe selbst und seinen frstlichen Freund
zeitweise hoffhig wurde; endlich da sich gerade dort eine kleine
Zahl von Edelleuten nicht gewhnlichen Schlags zusammenfand. Und doch
-- mitten im weimarischen Hofleben wurde er spter in Hermann und
Dorothea der Dichter des deutschen Brgertums.

In einer Seitenstrae der hckerigen Reichsstadt, an der Pfaffengasse
und Gnseweide, lag der Deutschordens-Hof, umgeben von Wohn- und
Wirtschaftsgebuden, das groe Eingangsthor geschmckt mit dem Wappen
der Deutschherren, dem schwarzen Ordenskreuze. Im Hintergrunde des
Hofes stand und steht ein grerer Bau, der damals vermietet war (und
zwar an die dem Buffschen Hause befreundete und auch mit Goethe
verkehrende Familie des Prokurators und Hofrats Joh. Ferdinand Wilh.
Brandt), links am Eingangsthor aber das von der Familie Buff bewohnte
bescheidenere Haus -- der Hauptschauplatz der Goetheschen Liebe.
Zunchst aber betrachten wir dies Haus in der vorgoetheschen Zeit, wo
es noch unberhrt war von der Grung, die der geniale und strmisch
liebende Dichter in die friedlichen Rume brachte.

Wir fragen zuerst nach dem Hausvater. Der alte Ordensamtmann Buff,
damals ein Einundsechziger (geb. 20. September 1711), war ein
biderber, willensstarker, aufgeweckter Mann; auch sein erhaltenes Bild
zeigt den klugen, krftigen Kopf. Natur und Beruf hatten ihn, der dem
Boden des Volks und dieses Stammes gerade entsprungen war, nicht
hinter dem Schreibtisch und unter den Akten alt werden lassen, sondern
er stand mitten im Volk in Stadt und Land, der Landwirtschaft wohl
kundig, geschftsverstndig, gewissenhaft und wert gehalten von seinen
Oberen. Durch Migkeit und gute Natur noch stark, glich er die uere
Rauheit seines Wesens aus durch gutmtige Dienstfertigkeit und
Menschenliebe. Die Jagd in den damals noch wildreichen Wldern um
Wetzlar und ein scharfer Ritt waren seine Passion. Er hielt sich eine
schne Sammlung von Gewehren und tummelte noch in alten Tagen ein
wildes Pferd. Erst in seinen sptesten Jahren verzichtete er auf die
Jagdlust und fuhr in einem kleinen Wagen. Im Eifer des Gesprchs
pflegte er zu stottern. berhaupt besa er eine starke Dosis
Heftigkeit, auch wohl Grobheit. Noch in hohem Alter ohrfeigte er in
einem Dorfe bei Wetzlar, wo er Ordensgeflle zu erheben hatte, einen
Bauern, der mit der Pfeife im Munde zu ihm ins Zimmer getreten war.
Die Familie Buff hatte ihre Wurzeln ganz in jener Landschaft der
Wetterau, wo sie sich in ihren Verzweigungen, in lndlichen
Pfarrhusern namentlich, noch ber die Zeit des dreiigjhrigen
Krieges zurck verfolgen lt. Der Beruf des alten Amtmanns war eine
deutsche Reichsantiquitt und stimmte darum trefflich zu Reichsstadt
und Reichsgericht. Gerade in diesen Strichen des Lahnthals hatte der
deutsche Orden zahlreiche Besitzungen und Geflle. Sie gehrten zu der
Kommende Schiffenberg in der Ordensballei Hessen, nahe bei Gieen.
Hier hatte der Orden schon seit 1207 Fu gefat, die Ballei erwuchs
von der Kommende Marburg als ihrem Zentrum aus, wo die heil. Elisabeth
das von ihr erbaute Franziskanerhospital nach ihrem Tode dem Orden
berwiesen hatte. Schiffenberg war ein aufgehobenes
Augustiner-Chorherrenstift. Der alte Ordensamtmann Buff war durch
seinen Vater, einen Pfarrer im Ordensgebiet, damit verwachsen. In
Wetzlar selbst lagen zerstreut verschiedene Grundstcke des Ordens.
Ein Garten in der Stadt, nur hundert Schritt vom Ordenshofe, in
welchem Goethe der anmutigen Lotte, in den sten der Bume sitzend,
Birnen und Pflaumen ernten half; dann der Marmorberg am Wildbacher
Brunnen und Felder in unmittelbarer Nhe. Da auch Goethe den
schlichten Mann schtzte, bekennt er ebenso im Werther wie in den
Briefen nach Wetzlar, der besten Kontrolle fr seine wirklichen
Gesinnungen. Er nennt ihn gar einen braven Kerl und einen offenen,
treuherzigen Menschen.

Die Seele aber des Hauses war die Mutter gewesen. Der Dichter hat sie,
und damit den Hhepunkt des Familienlebens, nicht mehr gekannt; sie
war nach lngerem Kranksein am 13. Mrz 1771 noch in frischestem Alter
gestorben. Aber ihr Geist, ihre Seele, ihre lebendige Gegenwart
regierte das Haus noch und ergriff durch die Berichte der Tochter auch
den Dichter dergestalt, da er ihr in seinem Romane selbst ein in die
Weite und Ferne reichendes Denkmal errichtet hat. Magdalene Ernestine
Buff war die Tochter des Lieutenants, spteren Majors Peter Ernst
Feyler, der darnach an der Spitze der kleinen hessischen Garnison in
Wetzlar stand. Die Hochzeit war auf der Kommende Schiffenberg gefeiert
worden. Aus ihrer zwanzigjhrigen Ehe mit dem bei ihrer Vermhlung
doppelt so alten Mann stammten sechszehn Kinder, und sie hie in
Wetzlar nur die Mutter der vielen schnen Kinder. Zu Goethes Zeit
lebten noch elf von der groen Schar. Ihr Wesen interessiert uns um so
mehr, weil Lottens Bild fast als die Wiederholung der mtterlichen
Zge erscheint. Das Buffsche Haus war eines der gesuchtesten und
besuchtesten der Stadt, und alle Besucher, so weit noch Stimmen
vorliegen, sind einhellig in der fast schwrmerisch bekannten
Sympathie fr die nicht gewhnliche Frau. Ungewhnlich schn (auch ein
noch vorliegendes Bild bezeugt es), voll Anmut, Unterhaltungsgabe,
hilfreich und liebevoll, den Kindern die treueste und von diesen
angebetete Mutter, bei hoch und niedrig beliebt, nicht ohne einen Zug
von Weltklugheit, die sie bei dem Gedanken an die Zukunft und
Versorgung ihrer Kinder als Mutterpflicht erkannte. Der religise
Geist des Hauses war ein gemtvoller Rationalismus, kirchlich und
gottesfrchtig, doch mehr auf das =Thun= gerichtet, als nach der Tiefe
des inneren Lebens. Der alte Amtmann, vielgeschftig in seinem Berufe,
erschien wenig unter den Seinen. So war die Frau vielen vieles und
ihren Kindern das Beste. Es war ihr das Geheimnis eigen, es jedem, der
in ihre Kreise trat, wohl und heimisch zu machen, und die Wolken von
der Stirn zu scheuchen durch anteilvolles Verstndnis. So wurde das
deutsche Ordenshaus ein Magnet und eine Heimsttte fr manchen, zumal
solche, die das steife Zeremoniell der reichskammergerichtlichen
Kreise abstie oder die als Nichtadelige dort keinen Zutritt hatten.
Wir stellen ein kurzes Zeugenverhr an. So schreibt der Dichter
Gotter, der namentlich whrend seines =ersten= Wetzlarer Aufenthaltes
viel im Buffschen Hause verkehrte, an Lotte (12. Juli 1768): Ich
werde ewig stolz sein, mich zu einer Familie rechnen zu drfen, wo
alle jene diejenigen _(sic)_ huslichen Tugenden herrschen, die
erfordert werden, um, wie Medon im 'Codrus' (von Cronegk) sagt,

     Fern von Athen und Welt in einem stillen Hain,
     Nicht prchtig, nicht berhmt, doch glcklich stets zu sein;

und an Kestner (22. Mrz 1769): O die liebe, liebe Familie, wenn ich
doch auch ein Zeuge des allgemeinen Frohlockens gewesen wre. Mit
welchem Entzcken mu der Himmel eine solche Eintracht sehen! Ach es
ist ohnmglich, ganz ohnmglich, da es diesen Seelen, wenn sie ihren
Grundstzen und Gesinnungen treu bleiben, je bel gehen knne.

Unter unseren Zeugnissen figuriert ein achtzehnstrophiges[3] Loblied
eines Vetters der Frau Amtmannin Buffin vom Jahre 1769, worin Mutter
und Kinder im Barockstil dieser weichen komplimentenreichen Zeit
gefeiert und den Kindern, die smtlich zu Engeln werden, eine goldene
Lebensperspektive gezeigt wird:

     Noch prangt dein Antlitz mit des Sommers Jugend,
     So wie dein Herz mit himmlisch hoher Tugend;
     Du zeigst, was Menschenlieb und Freundschaft ist,
     Und da du stets der Schmuck der Frauen bist.

     Geschmack im Thun und Lassen, holde Wonne,
     Und Scherz und Freuden, heiter wie die Sonne,
     Bald Ernst und Sanftmut, bald Gelassenheit
     Sind stets abwechselnd um dich her verbreit't.

     Der beste Mann, vom Ewigen dir beschieden
     Und dir geschenkt, mit ihm in Ruh' zufrieden
     Zu leben und mit ihm beglckt zu sein,
     Ist dir auf Erden himmlisches Erfreuen.

     Welch Glck umringt dich. Sieh nur, ohne Mngel,
     O welche Wollust, sieh nur, lauter Engel,
     Siehst du in deinen Kindern um dich stehn,
     Ach Freundin, schnres habe ich nie gesehen! --

Als der dritte der Zeugen mag uns =Kestner= gelten, dessen Zeugnis
gewi darum nicht an Wert verliert, weil er bald durch seine Verlobung
mit Lotte dauernd an das Buffsche Haus gefesselt wird. Sie ist ihm die
beste Frau, die beste Mutter, die je gelebt, und wie sie die
Phantasie nur schildern mag; -- das schnste, sanfteste,
menschenliebendste, geflligste, zrtlichste Herz, Einsicht, Verstand
und wahre Weisheit, auch geflliger Witz. Und nach dem Tode widmet
ihr Kestner in einem Briefe an denselben Freund (von Hennings) einen
lngeren und warmen Nachruf mit der Liebe eines Sohnes, aus dem ich
nur wenige Stze heraushebe: Ihre Miene war einnehmend und ganz
Bescheidenheit, sittsam und jungfrulich. Sie errtete noch wie das
unerfahrene Frauenzimmer fr einen freien Ausdruck. -- -- -- Ihre
Seele war weiblich, aber sie dachte auch wie ein Mann, gro, edel und
war oft heldenmtig.

Endlich lassen wir noch den wilden Strmer und Drnger =Klinger=
zeugen, dessen Zeugnis darum besonderen Wert hat, weil es nach der
Mutter Tod und nach Lottens Entfernung von Wetzlar abgelegt wird; ein
Beweis, da deren Art und Gesinnung als ein =Familienzug= dort
fortlebte. Klinger schreibt nach einer Wallfahrt, die er als Gieener
Student zu Pfingsten 1776 nach Wetzlar unternommen, an Kayser: Ich
wollte, du httest das Bild dieser Gegenden mitgenommen und so unter
Lottens Vater, Geschwistern und Freunden -- es ist gut da, und ich bin
gut. -- Der frhe Tod der trefflichen Hausfrau schlug dem Manne und
dem Hause die tiefste Wunde. Zwei Tchter waren erwachsen, aber nicht
das Recht der Erstgeburt entschied ber die Frage, welche von den
beiden die Pflichten der Hausfrau und Mutter bernehmen sollte. Die
lteste Tochter Karoline, ein schnes aber wenig willenskrftiges
Mdchen, trat willig hinter die zweite, Charlotte, zurck. Sie war der
Stern der Familie und es schien als wenn die Weisheit ihrer Mutter
ihr zum Erbteil geworden wre. Ihr Bild ist auch in doppelter Gestalt
erhalten, in dem Bilde der Dichtung -- denn die Lotte im ersten Teile
von Werthers Leiden trgt, wie auch ihr Gatte Kestner spter
anerkannte, mglichst treu die Zge ihres Originals -- und in den
freilich minder farbenreichen berlieferungen der Wirklichkeit. In
Wahrheit und Dichtung hat Goethe nur wenige Striche zur Zeichnung
der Jugendgeliebten versucht. Aus dem einfachen Grunde, weil ihr Bild
eben in dem Roman zugleich als ein Bild der Wirklichkeit fortleben
sollte.

=Charlotte= Sophie Henriette =Buff= war geboren zu Wetzlar am 11.
Januar 1753. ber ihre Bildung und Entwickelung sind wir wenig
unterrichtet. Noch kaum zur Jungfrau erblht, eben fnfzehnjhrig,
verlobte sie sich, wenn auch nicht formell, offenbar unter der gide
der begnstigenden Mutter, die den jungen, sittenreinen und
pflichttreuen Mann liebgewonnen und ihre Tochter wohl versorgt wute,
mit Kestner. In einem fnfjhrigen Brautstande hatte der Brutigam,
wie ihn ganz Wetzlar trotz des offenen Geheimnisses nannte, Mue
genug, zur Fortbildung seiner lieblichen Braut das Seine beizutragen.
Denn die Bildungsmittel, welche die kleine Reichsstadt bot, waren
gering. Ein gewisser Kunstsinn, angeborene Liebe zur Musik und
Geschick zum Zeichnen waren ihr eigen. Geschmack an poetischer
Lektre, an unserer erwachten Dichtung war keineswegs der Hauptsinn in
dem Mdchen, wenn sie auch von einer Klopstockschen Ode tief ergriffen
werden konnte. Aber es war nicht ihr tgliches Brot, sondern wie ein
Dessert, das sie sich nur als Ausnahme gestattete. Als nach dem Tode
der Mutter das Leben sie in seine ernste Schule nahm, so trat der
angeborene Zug zur Wirklichkeit des Lebens noch strker hervor.
Zuhause war sie in dem Umkreis ihrer huslichen Pflichten. Es ist
eigen, da das Mdchen, das zur Heldin der Empfindsamkeit als Modell
gesessen, im wirklichen Leben so ganz und gar nicht empfindsam, so
realistisch und praktisch dasteht. Aber es ist auch nicht zu
vergessen, da die ursprngliche Natur in der Lotte des Werther,
hineingezogen in den geistigen Krankheitsproze des Liebenden, sich
allmhlich wandelt. Die Lotte der Wirklichkeit blieb durchaus die
nmliche, als welche sie im Anfang des Romans eingefhrt wird. Nichts
von Schwrmerei und Sentimentalitt, ja nicht einmal ein Hang zur
Beschaulichkeit, in der eine imaginative Traumwelt den Vorzug erhlt
vor der realen, keine tiefe, aber eine kerngesunde Natur. Es ist die
innere Harmonie ihres Wesens, die frische willenskrftige Natur, die
so viele und auch Goethe anzog. Gerade dieses innere Gleichma
schtzte sie auch vor leidenschaftlicher Erregung, die aus dem Rahmen
eines allgemeinen Wohlwollens, wie Goethes Rckerinnerung ihr Wesen
zeichnet, selten oder kaum heraustrat. Seelenkmpfe blieben ihr durch
den frhen Bund mit Kestner erspart, und wenn auch das Eintreten
Goethes in ihren Kreis eine Art Grung und Revolution zu machen
schien, sie hat, wie wir sehen werden, doch auch diese strkste
Feuerprobe der Treue rhmlich bestanden. Auch darin wiederholte sich
in ihr ein Zug der Mutter, da sie einen starken Trieb zu werkthtiger
Liebe, zum Helfen und Mitteilen in sich trug, der den Drftigen
gegenber als Wohlthun, den Gleichgestellten als herzlicher Anteil
auftrat. Dem entsprach das religise Element in ihr, das in dem
frommen Rationalismus des Hauses wurzelte. Ihr Gefhl setzte sich um
in Handeln. So wurde sie der Sonnenschein des Hauses und nicht blo
=ihres= Hauses. Manche Verehrer nahten sich dem liebreizenden Mdchen,
aber ihr Herz hatte frh entschieden und gewhlt. Diese innere
Sicherheit verbrgte die Stetigkeit und das Gleichgewicht ihres
Wesens. So ernst der Grundton ihres Lebens durch die frhe Verlobung
und der Mutter Tod geworden war, es stellte sich doch neben die ernste
eine sehr heitere Seite, oder vielmehr diese beiden Seiten standen in
engster Verbindung. Denn um diesen Frohsinn um sich verbreiten, die
Wolken von anderen Stirnen scheuchen zu knnen, dazu gehrte der Quell
eigener unverwstlicher Freude, die Gabe, allen Dingen die lichte
Seite abzugewinnen. Unverstimmbare Laune und schelmischer Mutwille,
frischer Humor waren die Wrze ihrer Unterhaltung. Goethe selbst fragt
Kestner noch nach Jahren (23. Januar 1778), ob denn Lotte immer noch
so schnippisch sei; und es ist nicht unmglich, da er in der
bekannten Fauststelle:

     Und etwas schnippisch doch zugleich

und

     Wie sie kurz angebunden war,
     Das ist nun zum Entzcken gar,

an diesen Zug der Geliebten gedacht hat. Denn ein hervorstechender Zug
ist dies an seinen brigen Freundinnen nicht. Mit diesen
Charakterzgen stimmt ihre uere Erscheinung. Eine seltene Anmut in
Gestalt und Gesichtsausdruck -- blaue Augen, blondes Haar -- spricht
uns noch heute aus dem allbekannten Bilde an, das doch, ein Jahrzehnt
erst nach dem Verkehr mit Goethe in Pastell (von Schrder) gemalt, die
neunundzwanzigjhrige Frau und Mutter mehrerer Kinder darstellt. Auch
der neckische Zug verleugnet sich nicht im Mundwinkel und den Augen.
Aber wir knnen von der neunundzwanzigjhrigen auf die neunzehnjhrige
den Schlu machen. Lotte ist sich, auch nachdem sie wider Willen zur
deutschen und zur Welt-Berhmtheit geworden, in ihrem Wesen gleich
geblieben. Eine Reihe von Briefen aus weit spterer Zeit zeigt berall
die treue, sorgliche, verstandestchtige Mutter, die mit Klugheit und
Eifer die Erziehung der Kinder leitet und das Familieninteresse wahrt.
Noch von der angehenden Greisin bezeugt Schillers Witwe am 9. Oktober
1816: Sie ist eine sehr hbsche Frau, wohl weit in den Sechzigen;
bedeutende Augen und schne Gestalt hat sie sich erhalten und ein
schnes Profil, allein leider wackelt der Kopf, und man sieht, wie
vergnglich die Dinge der Erde sind. Sie ist geistreich, gebildet und
nimmt groes Interesse an den Weltbegebenheiten. Ein groes lbild
aus dem Jahre 1822, von dem Mnchener Knstler Chr. Heinr. Hanson in
Frankfurt a./M. gemalt, besttigt dieses Urteil ber die uere
Erscheinung der edeln Frau. Doch wir kehren von dem Alter zur
blhenden Jugend zurck.

Kein Wunder, da Kestner von solchen Reizen und Tugenden bald gefangen
war. Schon ein halbes Jahr nach dem Betreten des gastlichen Hauses
erklrte er der ber alles verehrten Mutter seine Neigung und Absicht.
Mit dem Vater sprach er kein Wort ber seine Wnsche. Eine frmliche
Verlobung fand nicht statt; namentlich darum nicht, weil Kestner einen
Widerstand seiner Eltern, des Vaters namentlich, gegen den Bund mit
einem mittellosen Mdchen aus kinderreichem Hause besorgte. Ohne der
Eltern Ja und Segen wollte er keine geheime Verbindung. Selbst nach
des Vaters Tod (12. Juli 1772) gelang der Mutter Einwilligung nicht
ohne Schwierigkeit. Sein =Herz= entdeckte Kestner nur der Schwester
und dem vertrauten Freunde in der Ferne, Hennings. Damit wir sehen,
wie sich die Geliebte in seinem Geiste spiegelt, hren wir Bruchstcke
solcher Briefbekenntnisse. Den Eltern hatte er nur von seinem Behagen
in der Familie Buff berhaupt erzhlt; er wagte kein weitergehendes
Gestndnis. Der Schwester Eleonore schreibt er gleichzeitig 1768:

     Du kannst schon denken, da es eine Demoiselle Buff
     ist. Es ist die zweite, sie ist 15 Jahr alt. Eine
     auerordentliche vollkommene Beaut ist sie nicht; doch
     ist sie, was man ein hbsches Mdchen nennt, und mir
     hat noch keine besser gefallen. Und sie gefllt auch
     andern, worunter es einige giebt, welche sterblich
     verliebt waren, denen ich aber den Rang abgewonnen.
     brigens hat sie allgemeinen Beifall bei alt und jung,
     und ich habe meine Wahl nie tadeln gehrt. Eine
     freundliche, einnehmende und lebhafte Miene ist fr
     mich ihre grte uerliche Schnheit, dabei hat sie
     Verstand und ist von lustigem Temperament und
     unterhaltend und hat gute Einflle, nicht zu vergessen:
     sie hat ein vortreffliches Herz, ist edel,
     menschenliebend, gutthtig und gromthig. Sie hat
     keine Schtze als Tugend, guten Namen und den Segen
     einer der rechtschaffensten, verehrungswrdigsten
     Mtter mitzubringen. Ich habe mein Auskommen, fr die
     Zukunft darf ich hoffen, und ist mein Unterhalt nicht
     schwer, weil ich mich an keinen berflu gewhnt habe.

Das deutsche Haus war das tgliche Refugium fr Kestner aus und nach
der oft bermigen Arbeit. Nach Tisch eilte er eine Stunde dahin,
nach Beendigung der Geschfte kehrte er wieder und beschlo nach dem
Abendbrot von neun bis elf Uhr seinen Tag in dem trauten Kreise. Aber
in aller Liebeswrme lt er die strenge trockene Pflicht keinen
Augenblick aus dem Auge; er sieht vielmehr, wie er dem Freunde
ausdrcklich bekennt, die Reize jenes Verkehrs als den Lohn treuer
Pflichterfllung an. Es ist das wohlthuende Bild einer festgegrndeten
und doch fortwhrend wachsenden, sich verinnerlichenden Liebe, welche
die Verheiung eines dauernden Lebensglcks in sich trug. Ich wei,
da ich das Herz meiner Geliebten ganz besitze -- schrieb Kestner
schon am 2. November 1768, fgte aber wie bangend in allem Glck bei:
der Himmel erhalte es mir.

Gerade die Bewhrung des Mdchens nach der Mutter Tod vergrerte, wie
er selbst gesteht, ihren Wert in Kestners Augen. Er rhmt, sie sei
durch diese volle Thtigkeit vor manchen Abwegen unbeschftigter
Mdchen, vor eitler Putzsucht, vor bertriebenem Bcherlesen, bewahrt
geblieben.

Eine noch strkere Erprobung erfuhr die Treue der Geliebten und die
innere Festigkeit des Bundes durch Goethes Eintritt in das deutsche
Haus.




=VII.=

=Goethe und Lotte.=


Es war am 9. Juni 1772, als Goethe auf dem lndlichen Balle zu
Volpertshausen Lotte zum erstenmale sah. Auch dieses weltabgeschiedene
Walddorf gehrt zu den klassischen Orten unserer Litteraturgeschichte.
=Ohne= das dort Erlebte gbe es keinen Werther, keinen wenigstens in
der Gestalt, wie er damals das junge Deutschland, ja die junge Welt im
Sturm erobert hat, d.h. aber, es wrden die strksten Impulse zu der
Sturm- und Drangzeit unserer Dichtung fehlen. Es ist darum das Memento
wohl angebracht, das auf einer schwarzen Marmortafel an dem weiland
Forsthaus des Dorfes dem Wanderer zuruft:

                                 =Goethe=,
                              zum Gedchtni
                        gestiftet 28. August 1869.

Nur schade, da man mit dem Erinnerungszeichen nicht gerade bis zum
vollen Ablauf des Jahrhunderts gewartet hat. Junge Leute vom
Reichs-Kammergericht mit ihren Damen -- es war eine Gesellschaft von
25 Personen -- hatten den Ball arrangiert. Volpertshausen ist eine
Meile sdlich von Wetzlar hinter dem Stoppelberg, der die Gegend
beherrschenden waldbewachsenen Basalthhe, gelegen. Der Weg fhrt ber
das Jgerhaus am Stoppelberg, welches, 1716 von einem Frsten von
Nassau-Weilburg erbaut und von Grten umgeben, damals aus der Nhe und
Ferne als bevorzugter Vergngungsort viel besucht wurde. Offenbar
hatte der Dichter diesen schnen Waldplatz bei dem Jagdhause im Auge,
wenn er aus diesem Lotte durch Werther abholen lt. In Wahrheit holte
Goethe Lotte Buff aus dem deutschen Hause selbst ab. Goethe, noch ein
Neuling in Wetzlar, hatte seine Cousine (Johannette Elisabeth
Christine) Lange engagiert. Ihnen schlo sich Lotte Buff an, deren
stiller Verlobter, Kestner, Geschfte halber erst ein paar Stunden
spter zu Pferde nachkam. Wir drfen annehmen, da die im Werther
und durch Kaulbachs Zeichnung verewigte Scene, wie Lotte im einfachen
Ballstaat den Geschwistern noch das Brot schneidet, ein Zug der
Wirklichkeit ist. Noch erinnerte sich ein Bruder im Greisenalter, der
weiland hollndische Major Fritz Buff, da er, als seine Schwester
einstieg, am Kutschenschlag gestanden habe. Auch diese kleine
Thatsache nutzt, aber verndert der Dichter im Werther. Man fuhr
durch einsame Waldwege nach Volpertshausen, das am Abhang eines Berges
mit den benachbarten Filialen Vollnkirchen und Weidenhausen zwischen
Wald und Hhen geborgen liegt. Das Jagdhaus, wo damals getanzt wurde,
ist schon lange zum Schulhaus geworden; jene Tafel aber bezeugt die
Erinnerung, die das einfache Haus umschwebt. Von dem Verlauf des
Balles berichtet die berlieferung nur wenig. Kestner hat lakonisch
genug in sein Tagebuch die Worte eingetragen: _Le 9^me Juin fut un
Bal  Volpertshousen village  Deux lieues de Wetzlar. Il tait
compos de 25 Personnes. On s'y rendit le soir en Carosses et 
Cheval, et on revint le lendemain matin._ Das klingt freilich so
farblos wie mglich, aber schon Kestner hat einen zweiten Bericht in
deutscher Sprache hinterlassen, geschrieben erst am Ende des Verkehrs
mit Goethe in Wetzlar, der mehr Farbe und Leben zeigt. Denn da er ihn
schrieb, blickte er auf diesen Anfangspunkt einer bedeutsamen Episode
seiner Lebensgeschichte mit ganz anderen Gefhlen zurck. Er berichtet
darin, wie Lotte, unbefangen und unbewut der Freude des Tanzes
hingegeben, den Dichter ganz erobert habe, der noch nichts davon
gewut, da sie nicht mehr frei war. Goethe war ausgelassen lustig;
Lotte in kunstlosem Putz; das bltenfarbene Band, das sie trug,
schickte sie spter als wehmtige Reliquie dem Dichter nach Frankfurt,
dem es zum Sinnbild verblater Freude wurde. Naturfreude und frische
Laune fesselten ihn zuerst. Andern Tages bei seinem ersten Besuche sah
er Lotte in ihrem Element, ihrem huslichen Walten. Es war ein
poetisches Motiv, das den Dichter des Werther bestimmte, seinen
Albert von dem Balle auszuschlieen, denn die Liebe mute in Werther
erst ungehemmt Wurzel schlagen. Er kam, sah und ward besiegt. Gerade
jenes innere Vakat, von dem oben die Rede war, bezeichnet Goethe
selbst als die Lage, wo uns die Neigung, sobald sie nur einigermaen
verhllt auftritt, unversehens berschleichen und alle guten Vorstze
vereiteln kann. -- Mit Kestner war Goethe schon vorher bekannt. Jener
erzhlt selbst brieflich von dem ersten Zusammentreffen in dem Dorfe
Garbenheim, wohin er mit Gotter einen Spaziergang machte. Leider hat
sein Tagebuch keine Notiz ber Thatsache und Datum aufbewahrt. Er fand
den Dichter im Wirtsgarten auf dem Rcken im Grase liegend und in
Unterhaltung mit Kielmannsegge, _Dr_. Koenig und Gou ber
philosophische Fragen. Kestner nahm von diesem ersten Sehen den
Eindruck eines nicht unbetrchtlichen Menschen mit. Die Dichtung
fllt die Lcke der Geschichte jenes Balles, aber wir drfen annehmen,
da die Ausfllung fast durchgehends historisch ist. Nur gegen zwei
Punkte erhebt Kestner noch nach mehr denn zwanzig Jahren Protest:
gegen die Ohrfeigen, die der Dichter seine Lotte im Spiele austeilen
lt, um den Tnzerinnen ber die Gewitterfurcht hinauszuhelfen, und
gegen das vorzeitige Verraten ihrer Verlobung. Am frhen Morgen des
folgenden Tages fuhr man nach der Stadt zurck, und es war nur die
natrliche Folge dieses Geleites, da Goethe dann seinen Besuch im
Buffschen Hause machte. Bald gehrte er zu den stehenden Hausfreunden
und war der Liebling aller. Er selbst leitet von diesem Ball seine
Neigung zu Lotte her. Seine Tage in Wetzlar hatten Ziel und Inhalt
gefunden. Mein Genius, schreibt er spter, war ein bser Genius,
der mich nach Volpertshausen (_sic_) kutschierte. Und doch ein guter
Genius. Meine Tage in Wetzlar wollte ich nicht besser zugebracht
haben. --

Goethe war wie ein Sohn und Bruder im deutschen Hause aufgenommen. Der
alte Amtmann liebte die frische, krftige Natur in ihm, die Tchter
waren angezogen von dem schnen Jngling und seiner alle Zeit
belebenden Unterhaltung. Aber auch in der Kinderwelt war er heimisch.
Ja es war dies eine Hauptgabe des jungen Goethe, der Kindernatur
gerecht zu werden. Obwohl selbst ohne die Erfahrung an eigenen
jngeren Geschwistern, verfolgte er mit Liebe die Zge der
ursprnglichen Natur in der Kinderart, eine Neigung, die ungleich mehr
ein Ausflu seiner Genialitt -- und =jede= echte Genialitt wei
etwas von der Wahrheit des wenn ihr nicht werdet wie die Kinder --
als das Resultat der durch Rousseau erhaltenen Impulse war. Denn so
sehr dieser als Pdagogischer Theoretiker die Natur im Kinde betont
und gewrdigt wissen will, so wenig versteht er als =Dichter=, diese
Natur zu zeichnen und zu Wort kommen zu lassen. Beides hat Goethe, der
Kinderfreund, verstanden. Er verstand es, wie keiner, den Buffschen
Kindern Mrchen zu erzhlen; auf dem Boden liegend, lie er sie auf
sich herumkrabeln wie junge Katzen und war ein Kind unter Kindern.
Noch spter in Frankfurt schreibt er, er erhalte ein komplettes
Verzeichnis smtlicher Lcher und Beulen der Buben im deutschen
Hause, und er gedenkt des Familienbildes, in dem: Mit dreckigen
Hnden und Honigschnitten Mit Lcher im Kopf, nach deutschen Sitten
Die Buben jauchzen mit Hellem Hauf Thr ein Thr aus, Hof ab Hof auf.
Wir wissen nicht, wann und wie er die Verlobung Lottens erfahren hat,
andeutend wohl schon durch die Cousine auf der Hinfahrt, wenn der
Roman auch hier das Wirkliche berichtet. Lange kann ihm die Sache kein
Geheimnis geblieben sein. Trotzdem entfloh er nicht der Gefahr, er
lie sich ungehemmt gehen, und so wuchs jenes wunderliche Verhltnis
heran, da die beiden jungen Mnner =ein= Mdchen von Herzen liebten,
da diese Liebe, statt mit der Eifersucht Zwietracht zu wecken, gerade
umgekehrt zum Bindemittel treuer Freundschaft wurde. Man darf sagen,
dieses selbsterlebte unerhrte =psychische= Problem mute in einem
Dichter zum =poetischen Problem= werden. Gerade das rckhaltlose
Vertrauen Kestners gegen den sittlichen Adel und die Ehrenhaftigkeit
Goethes, die fast eifersuchtslose Toleranz, da wo ausschlieende
Intoleranz die Regel ist, gewann diesem des Dichters Herz. Beide
handelten als nicht gewhnliche Naturen, der =ethische= Vorzug aber
fiel ohne Frage dem schlichten Kestner zu. Goethes Achtung gegen Lotte
steigerte sich, da sie in unbeirrter Treue dem fast Unwiderstehlichen
widerstand. Und Goethe selbst hat es gegen seinen Duzfreund, den
Konsul v. Born, ausgesprochen, da eine grere Annherung Lottens an
ihn sofort ihn von ihr wrde entfernt haben. Aber doch werden wir
sehen, da die immerhin gewagte und gefahrvolle Situation nicht ganz
ohne Bedenken blieb.

Auergewhnlich und unnatrlich war sie unter allen Umstnden. Sie
wurde dies um so mehr, da Goethe ungleich mehr Zeit hatte, oder sich
nahm, zum Verkehr im Buffschen Hause als der vielbeschftigte Kestner,
der, wie wir sahen, nur ein Stndchen nach Tisch und in den
Abendstunden dort von bergroer Arbeit sich erholen konnte. Und so
verbrachte Goethe gar manche Stunde im Hause, mehr doch drauen mit
dem heigeliebten Mdchen. Nur hundert Schritte von dem deutschen
Hause lag der oben erwhnte, reich bestandene Obstgarten, ein Besitz
des Ordens. Der besonders schne Sommer 1772 schttete einen reichen
Fruchtsegen herab, und es ist ein heiteres Sommerbild, den Dichter auf
den Birnen- und Pflaumenbumen mit dem Obstbrecher in der Hand sitzend
oder schttelnd zu denken, whrend die Geliebte unten die Schrze
aufhlt, die Frchte in Empfang zu nehmen. Da wnschte sich der im
frohen Moment beglckte Dichter nach Rousseaus Heloise ein gleiches
idyllisches Glck heute morgen bermorgen und sein ganzes Leben
-- eine Redewendung, die er damals und spter wie eine stereotype von
seiner Lage in Wetzlar gebrauchte. Aber nicht blo in dem Hausgarten
trafen sie zusammen. Diese Liebe ging auf das innigste Hand in Hand
mit dem regen Naturverkehr, der diese vier Sommermonate schmckte. Wir
sahen oben, wie der Dichter, noch ehe er Lotte kannte, sich seine
eigenen Wege in die schne Landschaft bahnte. Die Pltze, in denen er
sich schon in seiner Einsamkeit festgesetzt hatte, lagen dicht bei den
Sttten, wo auch Lotte zu verkehren pflegte. Das Zentrum war der
Wildbacher Brunnen mit seiner lauschigen Khle. Sechs Wege fhren von
dem Brunnen, der in der Tiefe liegt, nach verschiedenen Seiten. Dicht
dabei um den Mamorfelsen, den Deutsch-Herrenberg, lagen die Felder und
Wiesen des Ordens, wo auch Lotte vielfach mit dem Freunde verweilte.
Aber auch weiter wanderten die Unzertrennlichen mit oder ohne Kestner,
mit einer Freundin etwa wie Dorthel Brandt, deren stattliche Gestalt
Goethe nicht unbeachtet lie. Und auch bei diesen Gngen trafen die
Neigungen der Freunde mit denen des Dichters zusammen. Auf der Hhe
oder am Fue des Lahnberges her zog man nach Garbenheim. Eine Stunde
weiter liegt das Dorf Atzbach, wo die Familie des Rentmeisters Rhodius
auch von Goethe manchmal besucht wurde. Und im Hause selbst galt die
gleiche Zwanglosigkeit. Lotte im blaugestreiften Nachtjckchen, das
strohgeflochtene Arbeitskstchen vor sich, Kestner sitzend und Goethe
liegend und mit der Garnitur von Lottens Kleid spielend. Auch hier ein
groes Kind unter kindlichen Menschen! Dabei redete er in dem
Geniestil das geliebte Mdchen durcheinander mit Sie oder Du an,
whrend sich das letztere nicht einmal der Brutigam gestattete. Nicht
die Poesie gab die Vermittelung in erster Linie, vielmehr scheint sie
ganz zurckgetreten zu sein. Goethe schenkt der Freundin wohl einmal
eine Dichtung der Zeit wie die Erzhlungen und Idyllen von Diderot und
Gener, selbst gebraucht hat er die Waffe nie, die in seiner Hand doch
zum wirksamsten Erospfeile htte werden knnen. Es war vielmehr die
Unmittelbarkeit des frischen Gesprchs, wie es der Moment gab, wohl
selten in die Tiefe gehend, aber mit allem Reiz einer tglich
wachsenden Neigung und echter Ursprnglichkeit. Goethe schritt
keineswegs immer auf hohem Kothurn, und gerade damals war sein Anteil
an der Alltagswelt, durch so liebe Hand vermittelt, eine Art Reaktion
gegen seine mchtig arbeitende innere Welt. Er verschmhte es nicht,
gelegentlich Bohnen schneiden zu helfen, und urteilt in seiner
Selbstbiographie, Lottens Art habe ihn mit der Wirklichkeit in
Verbindung gehalten. Wohl war es ein Sommeridyll, aber ein Idyll mit
Seelenkmpfen, der Tumult im Herzen, wenn die heiterste Sonne ber der
Landschaft schien.

Wie aber stellte sich =Kestner= zu Goethes Liebe? Wir sprachen oben
von seiner fast blinden Toleranz. Es tritt uns eine =dreifache=
Stimmung in ihm entgegen. Es steigert sich auf der einen Seite der
Stolz auf eine solche Braut, die den genialen Dichter anziehen und
fesseln konnte, ohne ihm selbst doch untreu zu werden; dazwischen
verstummte und beunruhigte ihn doch mitunter der Gedanke, ob nicht
Goethe die Geliebte tiefer und voller beglcken knnte, als er selbst.
So bald und so oft er sich aber als der glckliche Besitzer dieses
Herzens von neuem fhlte, da erfate ihn wohl ein gutmtiges Mitleid
mit dem hoffnungslos liebenden Freunde. In dieser Skala bewegt sich
auf und nieder seine Stimmung whrend der drei Sommermonde. Eifersucht
in greller Gestalt, die dem Verkehr des Freundes in den Weg trat,
entdecken wir nirgends.

Und =Lotte= selbst? Gewi fhlte sie sich von dem wunderbaren Jngling
angezogen; aber nicht ein Zug verrt ein Abweichen von der goldtreuen
Gesinnung, die dem Mann ihrer Wahl, den sie gleich von Anbeginn
verschiedenen Bewerbern vorgezogen hatte, ergeben blieb wie zuvor. An
Lottchen habe ich nicht einmal eine Ahndung von innerem Zweifel
bemerken knnen. Ob dieses Resultat ein =Sieg= nach irgendwelchen
ungesehenen =Kmpfen= war; ob etwa bei dieser Schluentscheidung die
ahnungsvolle Erkenntnis echter Weiblichkeit mitgesprochen habe, da
von dem erregbaren Dichter bei allem Feuer des Moments an einen
wirklichen Lebensbund doch nicht gedacht werde, -- diese Fragen
entziehen sich jeder Beantwortung. Und selbst wenn sie bejaht werden
mten, wrden sie in nichts die Ehre und den Wert der
Selbstentscheidung des Mdchens schmlern, der kein Rat einer Mutter
und schwerlich =der= des Vaters zur Seite stand. Es war ein Sieg
schlichter Treue, welche die Garantie der Dauer und des Lebensglcks
in sich trug, ber die momentan fast berwltigende Genialitt.
Gutherziges Mitleid mit dem hoffnungslos Liebenden und warmer Anteil
blieb die fortdauernde Stimmung Lottens. Wenn wir als =eine= von
=Kestners= Stimmungen =die= bezeichneten, da ihn ab und zu eine
Unruhe berkam ber die innere Sicherheit seines Besitzes, so haben
wir allerdings Zeugnisse, da der sonst so ruhige Mann, den Goethe
einmal in heiterem Humor einem Manne von Porzellan vergleicht, in
dieser auergewhnlichen Lage in eine gewisse leidenschaftliche
Bewegung gert. Ja es beginnt in der ersten Hlfte des August eine
Art Krisis, in der er reagiert gegen Goethes doch unhaltbare Stellung.
Man nimmt in der Regel an, Goethe habe =aus innerster und eigenster
Initiative= die Pflicht der Entsagung gebt, und es erscheint dann als
ein heldenmtiger Akt der Selbstverleugnung, da er das Feld gerumt
habe, wo doch kein Heil fr ihn zu erwarten stand. Es war nicht ganz
so.

Am 13. August war Kestner allein in Gieen; vielleicht hatten ihn die
Festlichkeiten zu Ehren des gerade anwesenden Landgrafen
hinbergezogen. ber Schiffenberg, die deutsche Ordens-Kommende,
kehrte er heim. Goethe mit Lotte und deren Freundin Dortchen Brandt
kamen ihm entgegen. Abends erhielt Kestner das Gestndnis von einem
von Goethe erhaltenen Ku. Die Mitteilung wirkte verstimmend, obwohl
Lotte offen und gewi mehr sich beklagend, als anklagend sie gemacht
hatte. Kestner trug tags darauf die Thatsache mit der Bemerkung in
sein Tagebuch: Kleine Brouillerie mit Lottchen, welche anderen Tags
wieder vorbei war. Das Tagebuch fhrt fort: Am 14. abends kam Goethe
von einem Spaziergang vor den Hof. Er ward gleichgltig traktiert,
ging bald weg. Am 15. ward er nach Atzbach geschickt, eine Aprikose
der Rentmeisterin zu bringen. Abends zehn Uhr kam er und fand uns vor
der Thre sitzen, seine Blumen wurden gleichgltig liegen gelassen; er
empfand es, warf sie weg; redete in Gleichnissen; ich ging mit Goethe
noch nachts bis 12 Uhr auf der Gasse spazieren; merkwrdiges Gesprch,
wo er voll Unmut war und allerhand Phantasieen hatte, worber wir am
Ende, im Mondenscheine an eine Mauer gelehnt, lachten. Es ist
dieselbe Scene, worauf in den Werther-Briefen (Nr. 40, S. 119) dunkel
angespielt wird. -- Am 16. -- es war ein =Sonntag= -- bekam Goethe
von Lottchen =gepredigt=, sie deklarierte ihm, da er nichts als
Freundschaft hoffen drfe; er ward bla und sehr niedergeschlagen. Wir
gingen aus dem Neustdter Thor spazieren, hernach in Bostels
Gesellschaft ich und Goethe, abends Bohnen geschnitten. -- Offenbar
in diese kritische Lage fllt auch ein undatiertes, sehr
charakteristisches Briefkonzept Kestners an Lotte, von dem wir
freilich nicht wissen, ob es zum Brief und zur Absendung gekommen oder
Monolog geblieben ist. Zum Brief =werden= sollte das Dokument beim
Niederschreiben jedenfalls:

Ich habe es Ihnen gesagt, da ich Sie nicht missen knnte. Aus der
Flle meines Herzens heraus habe ich es Ihnen gesagt und auf eine Art,
die Ihnen fr die Wahrheit davon Brge ist. Sie wissen, da ich Ihnen
schon einmal erklrt, da, wenn Sie ohne mich glcklicher sein
knnten, ich dieses meinem eigenen Glck vorziehen wrde. Meine
Ueberlegung wiederholt diese Erklrung, aber mein Herz, meine
Empfindung widerspricht ihr. Schon damals fhlte ich, da ich einen
Entschlu gefat, welcher meine Krfte berstieg. Ich habe es
krzlich, da ich die Gefahr oder wenigstens die Mglichkeit vor mir
sah, Sie zu verlieren, abermals in seiner ganzen Strke gefhlt und
noch kann ich die daraus in mir entstandene Furcht nicht berwinden.
Allein soviel Gewalt habe ich doch noch ber mich wenigstens in der
Stunde der Ueberlegung, wenigstens in meiner Einbildung, da ich die
Unbilligkeit fhle, Ihr bessres Schicksal meinem Wunsche und meinem
Glck aufzuopfern. Mein Schicksal ist noch zu sehr unentschieden als
da ich als ehrlicher Mann, als einer der seine Leidenschaft in seiner
Gewalt haben sollte, verlangen darf, das Ihrige von dem meinigen
abhngen zu lassen. In der Stunde der Ueberlegung glaube ich noch
jetzt von mir erhalten zu knnen, mein Recht fahren zu lassen, wenn es
Ihr bessres Schicksal erfordert. Ich =glaube= es, weil ich es
=sollte=. Was es mich kosten wrde, das kann ich nur empfinden, nicht
beschreiben. Meine Ueberlegung sagt mir auch: Wie, wenn Sie sich mir
nur aus Grundstzen, aus Ueberlegung lieen? wenn Sie Ihre
Verbindlichkeit wieder zurckwnschten? wenn Sie sich mir aus
Vernunft aufopferten? wenn Ihr Herz keinen Antheil daran htte? dann,
dann wollte ich meinem Rechte entsagen, und ich erliee Ihnen alle
Verbindlichkeiten; denn was ist Zuneigung, was Liebe aus Pflicht? Ich
kann auch unmglich darber unzufrieden sein, wenn Sie Anderen
gefallen, und ein freundlicher Umgang mit Andern, welcher bei der
Unterhaltung des Verstandes stehen bleibt, ist nie zu tadeln. Allein
sobald das Herz Antheil daran nimmt, sobald ich dieses befrchten mu,
so entsteht gegrndete Ursache zur Unruhe. Die Freundschaft nur lt
mehrere Gegenstnde zu, obgleich auch da der Vorzug unangenehm ist;
die Liebe leidet aber nur einen Gegenstand mit Ausschlieung aller
andern und ohne alle Einschrnkung. Hier ist auch eine kleine
Geflligkeit von Wichtigkeit und das bloe Annehmen auch ohne
Erwiederung ist schon gefhrlich. Die Tugend mu sich nicht in Gefahr
setzen. Besser die Flucht als ein ungewisser Kampf!

Es ist zu bedauern, da diesem Ergu das Datum fehlt. Nicht unmglich,
da Lotte, die bei ihrer unbeirrten Gesinnung sonst keine Ntigung
hierzu gesehen htte, nach dieser schriftlichen und der gleichzeitig
mndlichen Aussprache Kestners jenen Schritt Goethe gegenber gethan
hat.

Erst der von Lotte ausgehende Ansto brachte bei Goethe die Klrung
und volle Selbstbesinnung; er rttelte ihn auf aus dem halbpassiven
Sichgehenlassen, wo dem Herzgen wie einem kranken Kind all sein Wille
gestattet ward. Stand er doch an einem =Scheideweg=. Er mute sich
vor allem ja die Frage vorlegen: hatte er selbst in dem Falle, da
Lotte ihm innerlich nher zugehrte als dem mehrjhrigen allezeit treu
erfundenen Freunde, hatte er den ernsten Willen, dies Liebesglck in
einen =Ehebund= zu verwandeln? Denn =drei= Flle waren offenbar nur
mglich. Entweder suchte Goethe auf dem bezeichneten Wege seine
Neigung zu ihren letzten, eben bezeichneten Konsequenzen zu treiben,
oder er verzichtete, durch eine Rcksicht auf den Freund und durch
Lottens bewhrte Treue bestimmt, auf die Erfllung seiner Wnsche,
oder endlich er ging die dmonischen Wege, die er seinen Werther
gehen lie, d.h. er lie sich und sein Leben verzehren von einer
aussichts- und heillosen Liebe bis zur Selbstvernichtung. Denn die
Annahme eines =vierten= Wegs, des frivolen verfhrerischen Spiels, ist
bei Goethe nach seiner ausdrcklichen Erklrung gegen Born, von der
wir sprachen, und nach der ganzen inneren und ueren Sachlage, von
selbst ausgeschlossen. Von jenen drei =an sich= mglichen Wegen war
aber fr Goethe -- wie ein auch nur oberflchliches Verstndnis seines
Wesens zeigt -- nur der =mittlere= gangbar. An eine Ehe dachte er
nicht; seine frhere wie seine weitere Lebensentwickelung besttigt
die tiefe Scheu seiner Natur, sich zu binden, wo sein Genius auf den
bunten Wechsel von Lebenserfahrungen und Lebensbildern htte
verzichten mssen, in denen er doch den nhrenden Stoff seiner Muse
ahnte. Die Genialitt stand im Gegensatz zur ausharrenden Treue in
vollem ethischen Wortsinn, wo die ganze Person fr Zeit und Zukunft
eingesetzt wird. Auch sagt er selbst brieflich an Kestner: Da ich
sie so lieb habe, ist von jeher =uneigenntzig= gewesen. Gewi doch
auch inbezug auf =diese= Art von Besitz. Und was anderes wollen die
Stellen in Goethes Selbstbiographie sagen: Ein jeder gestand, auch
ohne diese Lebenszwecke (d.i. eheliche Verbindung) =eigenntzig= fr
sich im Auge zu haben, da sie ein wnschenswertes Frauenzimmer sei,
und, sie habe sich ja fr einen Mann bestimmt gehabt, der, ihrer
wert, sein Schicksal an das ihrige frs Leben zu knpfen sich bereit
erklren mochte? Die =Werther=-Wege aber waren nicht die Goethischen.
Wohl konnte er in dieser Zeit und in der leidenschaftlichen Glut, in
der er lebte, =Anwandlungen= tiefer Melancholie, auch wohl blitzartige
Gedanken an Vernichtung haben, Stimmungen, lebendig genug, um sie
spter in lebensvoller Anschaulichkeit im Werther aus einer anderen
Seele heraus zu reproduzieren, -- aber seine gesunde, optimistische,
aus einer Flle inneren, sich immer neu erzeugenden Lebens
herauslebende Natur kam aus pathologischer oder dmonischer
Willenlosigkeit immer rasch wieder =zu sich=; es waren nur
vorberziehende Schatten und Nebel, durch welche bald die Sonne
durchbrach. Und ihm war das nie versagende Heilmittel als Reaktion
seines schpferischen Vermgens gegeben, zu =sagen=, was er litt. Ja
man kann gerade in diesem Fall sagen, mitten in der Gluthitze von
Liebe und Leid beginnt schon die noch unsichtbare Arbeit des
dichtenden Geistes, und sobald diese eintrat, war damit eine andere
Leidenschaft, eine neue Befriedigung und eine Befreiung an die Stelle
gerckt. Wohl wei ich, da ich mit dieser chronologischen Aufstellung
der Ansicht des von mir sehr geschtzten Veteranen der biographischen
und exegetischen Goetheforschung H. Dntzer scheinbar entgegentrete,
der sich noch neuerdings gegen eine Genesis des Werther von langer
Hand erklrt hat, allein doch nur =scheinbar=. Denn die knstlerische
=Absicht= lege auch ich weit spter. Doch fllt die Frage nach der
Genesis des Werther nicht in die Schranken, innerhalb deren wir uns
hier begegnen. So bleibt nur die =mittlere= Mglichkeit, da Goethe,
nachdem ihm Lotte in sicherer Seelenhaltung und ethischer
berlegenheit den Standpunkt klar gemacht, aus Rcksicht auf den
Freund und auf Lottens wandellose Treue das Feld rumte. Der Not
gehorchte er, zunchst nicht dem eigenen Trieb. Es war der einzig
richtige, weil der Weg des Gewissens, immerhin auch so noch ein Sieg.
Jedenfalls ging die entscheidende Richtigstellung von dem zwiefach
umworbenen, aber von vornherein klaren und festen Mdchen aus. So
fehlte in der Wirklichkeit auch =das= Motiv, das im Roman mit einwirkt
auf den schwachen Helden, der Glaube nmlich, da er im Grunde doch
geliebt, mehr geliebt sei als der legitime Verlobte. Ein solcher Wahn
war nach der klaren Auseinandersetzung Lottens mit dem Dichter nicht
mehr mglich. Dieser Widerstand der Geliebten, die im Grunde nur das
=Natrliche= that, indem sie nach Pflicht und Gewissen handelte,
wirkte sichtlich auch auf Goethes innere Haltung zurck. Er erkannte
die Schranke des bis hierher und nicht weiter, die Macht eines
objektiven Lebensgesetzes, die ihn aus dem ueren Zwang zu einem
inneren Gesetze fhrte; aus der Not wurde eine Tugend. Auch die ernste
Erinnerung an Friederike mochte in dieser Schule der Selbstzucht
mitsprechen. So war er, wie er ein Jahr spter der Frau de la Roche in
dem Verhltnis zu deren Tochter Maxe Brentano zu sein gelobte --
brav. Er befolgte selbst den Rat, den er seinen Werther andern
geben lt: Sei ein Mann und folge mir =nicht= nach. =Nach= jener
Erklrung Lottens nahm das Verhltnis einen ruhigeren Charakter an,
ohne da Goethes Liebe abgenommen htte. Auch Kestners Beziehung zu
diesem gewann nun eine festere Gestalt. Aus dieser Stimmung, die auf
alle Rivalitt verzichtet hatte, stammen auch die wehmtigen
Dedikationsworte zu Goldsmiths _The deserted village_ -- vielleicht
ein Geburtstagsgeschenk am 28. August --:

     Wenn einst nach berstandener Lebensmh' und Schmerzen,
     Das Glck dir Ruh' und Wonnetage giebt,
     Vergi nicht den, der -- ach! von ganzem Herzen,
     =Dich, und mit Dir geliebt=."

Auch das Dich war eine Wahrheit. Freilich war das Verhltnis zu
Kestner frs erste ein abgeleitetes aus zweiter Hand. Aus der Liebe zu
Lotte stammte zunchst die Freundschaft gegen Kestner, und gerade die
vertrauende Toleranz, welche dieser bte und von der Goethe spter an
Kestner gesteht: wenn ich noch lebe, so bist du's, dem ich's danke,
-- wurde der Kitt, der die beiden sonst so ungleichartigen Mnner
aneinanderband. Sie hatten ein Gemeinsames, ihr Hauptgesprch war
Lotte, ihr Verkehr ein tglicher im deutschen Hause. Und es ist wie in
dem mathematischen Satz von den zwei Gren, die darum unter sich
gleich sind, weil sie einer dritten gleichen. Die gemeinschaftliche
Liebe setzte doch gewisse innere Analogieen der Liebenden bei aller
Ungleichheit voraus. Diese Ungleichheit springt sofort in die Augen,
jene Analogieen mssen gesucht werden. Noch in Wahrheit und Dichtung
rhmt Goethe dem Freunde der Jugend ein ruhiges gleiches Betragen,
Klarheit der Ansichten, Bestimmtheit im Handeln und Reden, heitere
Thtigkeit, eine durchaus rechtliche und treuliche Sinnesart nach,
und in diesen Charakterzgen wurzelte des Dichters Sympathie; aber da
Kestner einen Blick auch fr die werdende Gre Goethes hatte, wird
uns unten entgegentreten. Allein schon in der Jugendzeit erkannte
Goethe den Freund als das, was er war: Ihr seyd von der Art Menschen,
die auf Erden gedeyen und wachsen, von den gerechten Leuten und die
den Herrn frchten, darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben,
des lebest du noch eins so lange.

Was zog den Dichter in dem Wesen gerade dieses Mdchens an?

Die Frage hat ihr Recht, wenn wir aussagen mssen, da Lotte bei allen
Vorzgen nicht gerade zu den =bedeutenden= weiblichen Naturen gehrt;
da am wenigsten der Sinn fr des =Dichters= nchste und hchste
Interessen einen Grundzug an ihr bildete; da sie sich namentlich
stark unterschied von dem weiblichen Kreis, worin dem Jngling
unmittelbar zuvor in Darmstadt und Homburg so wohl geworden war. Das
war keine Natur wie Lila, Urania und Psyche, um sie wehte nicht die
poetische Luft und Stimmung, in der jedes Lied des Dichters ein
rasches Echo fand, wo Leben und Dichten fast unterschiedslos
zusammenflo. Eher konnte Lotte an Friederike erinnern, nur war sie
reifer, selbstndiger, schon von Haus aus als Kind der stdtischen
Bildungswelt, dann durch ihre leitende Stellung im Hause und als
Verlobte. Ihre Schule war das =Leben= selbst; sie bedurfte zu ihrer
Bildung nur wenig Bcher. Schon in dem oben gezeichneten Bilde
Lottens werden wir Zge genug finden, die uns des Dichters tiefe
Sympathie verstndlich machen. Es war gerade die reine gesunde Natur,
die frohe Lebensthtigkeit, die unbefangene Behandlung des tglich
Notwendigen, es war der realistische Sinn, die schne Harmonie der
Verstandes-, Willens- und Gemtskrfte, die Naturfrische und
Geistesfreiheit, die auch den Scherz verstand und bte, --
Eigenschaften, die in dem schwrmerisch-weichen
darmstadt-homburgischen Frauenkreise keineswegs dem Dichter in
gleicher Art entgegen traten. Und doch begegneten sich diese
Eigenschaften mit sehr wesentlichen Zgen in Goethes eigener Natur; es
wurde ihm wohl in solcher Atmosphre. Daher dort doch nur ein
gefesseltes =Interesse=, hier eine starke, tiefe =Liebe=. Und eine
Liebe, die zugleich gesttzt war durch die volle Hochachtung vor der
gewissenhaften Treue und inneren Tchtigkeit. Es fehlt uns nicht an
quellenmig bezeugten Urteilen Goethes ber Lotte. Die kurzen und
schnen Worte im Werther (16. Juni): So viel Einfalt bei so viel
Verstand, so viel Gte bei so viel Festigkeit und die Ruhe der Seele
bei dem wahren Leben und der Thtigkeit geben die Summe seines
Urteils. Aber der ganze erste Teil des Werther spiegelt, richtig
gelesen, ihr Wesen wieder. Sehen wir von dem Werther selbst ab, der
doch der Wetzlarer Zeit schon ferner liegt, so tritt uns zunchst eine
Briefstelle Kestners an seinen Freund v. Hennings aus dem November
1772 entgegen. Es heit dort: Ein Mensch, dessen Urteil von
Erheblichkeit ist, gestand diesen Sommer, er htte noch kein
Frauenzimmer gefunden, das so von den gewhnlichen weiblichen
Schwachheiten frei wre &c. Wenn ich vor Ende dieses Briefes die
Schilderung bekomme, welcher von Lottchen gemacht hat, will ich sie
noch hersetzen. Es ist kein Zweifel, da dieser Mensch kein anderer
als Goethe war, und es ist zu bedauern, da sein verheienes
schriftliches Urteil auf die poetische Einkleidung im Werther warten
mute. Charakteristisch aber ist, da in Goethes Geist schon damals
sich die Neigung regte, von der entfernten und verlorenen Geliebten
ein Bild zu versuchen; -- ein Element des Werther! Aber dieses
Urteil enthlt doch zuwenig =persnliche= Momente, welche die starte
Anziehungskraft vlliger erklren. Hierzu finden wir den sichersten
Schlssel an einem Orte, wo wir ihn am wenigsten suchen, mitten in
einer Rezension nmlich der Frankfurter Gelehrten Anzeigen. Goethe
bespricht die Gedichte von einem polnischen Juden. Mietau und Leipzig
1772. 8, 96 S. Er verurteilt die Gedichte, weil er sich in der
Erwartung, der polnische Jude werde darin mit einer Art naiven
Erstaunens aus der Wildnis seiner halbbarbarischen Verhltnisse in die
Wunder der Kulturwelt eintreten, vllig getuscht sieht. Nirgends
findet er etwas Eigenartiges, so da die angenommene Firma zum
nichtssagenden Aushngeschild wird. Nachdem er dieses abweisende
Urteil gefllt hat, zeichnet er das Doppelbild zweier Jnglinge in der
verschiedenen Art ihrer Liebe. Ein wunderliches Intermezzo, das der
Dichter selbst als solches erkennt, aber wir sehen an dem zweiten
Bild, worin er sich selbst und seine Liebe malt, wie sehr ihn diese
bewegt, wie davor alle Rcksicht schweigt und wie er des trockenen
Tones satt, wie unbewut das verrt, wovon sein Herz voll war. Das
Selbstgestndnis darf hier nicht fehlen: Aber dann, o Genius, da
offenbar werde, nicht Flche, Weichheit des Herzens sei an seiner
(d.i. des Jnglings) Unbestimmtheit schuld, la ihn ein Mdchen
finden, seiner wert! Wenn ihn heiligere Gefhle aus dem Geschwirre der
Gesellschaft in die Einsamkeit leiten la ihn auf seiner Wallfahrt
ein Mdchen entdecken, deren Seele ganz Gte zugleich mit einer
Gestalt ganz Anmut sich in stillem Familienkreis huslicher, thtiger
Liebe glcklich entfaltet hat, die, Liebling, Beistand, Freundin ihrer
Mutter, die zweite Mutter ihres Hauses ist, deren stets liebwirkende
Seele jedes Herz unwiderstehlich an sich reit, zu der Dichter und
Weise willig in die Schule gingen, mit Entzcken schauten eingeborene
Tugend, mit geborenem Wohlstand und Grazie. Ja, wenn sie in Stunden
einsamer Ruhe fhlt, da ihr bei all dem Liebeverbreiten noch etwas
fehlt, ein Herz, das jung und warm, wie sie, mit ihr nach ferneren,
verhllteren Seligkeiten dieser Welt ahnte, in dessen belebender
Gesellschaft sie nach all den goldenen Aussichten von =ewigem
Beisammensein=, =dauernder Vereinigung=, =unsterblich werbender Liebe=
fast angeschlossen hinstrebte. La die beiden sich finden; beim ersten
Nahen werden sie dunkel und mchtig ahnen, was jedes fr einen
Inbegriff von Glckseligkeit in dem andern ergreift, werden nimmer von
einander lassen. Und dann lalle er ahnend und hoffend und genieend,
'was doch keiner mit Worten ausspricht, keiner mit Thrnen, und keiner
mit dem verweilenden vollen Blick und der Seele drin'. Wahrheit wird
in seinen Liedern sein, und nicht lebendige Schnheit, nicht bunte
Seifenblasen-Ideale, wie sie in hundert deutschen Gesngen
herumwallen. --

Klingt diese fast unwillkrliche Digression, unerhrt mitten in einer
Rezension, nicht wie ein lautes Selbstgesprch? -- Und ein
Selbstbekenntnis!

Den unmittelbaren Verkehr mit Lotte, wie wir ihn aus Werther und dem
Briefwechsel teils erschauen, teils ahnen, steht das kurze Nachbild in
Wahrheit und Dichtung gegenber wie abgekhltes Metall der glhenden
Eisenmasse. Aber man fhlt doch auch diesen Erinnerungen an, da sie
einst eine wunderbar bewegte Wirklichkeit gewesen. Es ist ihm der
herrliche Sommer eine echt deutsche Idylle, wozu das fruchtbare Land
die Prosa und eine reine Neigung die Poesie hergab. Der reichen
Entfaltung, ja Entfesselung seines Gemtslebens trat, wenn auch erst
durch ueren Einspruch geweckt, eine strengere Selbstdisziplin
gegenber, und des Dichters Natur, in der er seinen Reichtum und sein
oberstes Gesetz ehrte, mute ein anderes, objektives Lebensgesetz
anerkennen. Noch in Wahrheit und Dichtung giebt er es zu, es sei
dieses Verhltnis durch Gewohnheit und Nachsicht leidenschaftlicher
als billig von seiner Seite geworden, whrend Lotte und Kestner sich
mit Heiterkeit in einem Mae gehalten, das nicht schner und
liebenswrdiger sein konnte. Und eben die hieraus entspringende
Sicherheit habe ihn jede Gefahr vergessen lassen.




=VIII.=

=Die Gieener Episode.=


Whrend der ersten drei Monate seines Wetzlarer Stilllebens blieb
Goethe, so viel wir wissen, lediglich auf den dortigen Kreis von
Jugendgenossen und auf das deutsche Haus beschrnkt. Nur in Briefen
wurden die Fden mit den alten Verhltnissen und Freunden in
Frankfurt, Darmstadt, Homburg und Bckeburg fortgesponnen. Einmal nur,
gegen Ende dieses Zwischenaufenthaltes, tritt der Dichter wieder in
unmittelbare Beziehung mit den Freunden frherer Zeit durch das
Zusammentreffen mit Merck, =dem= Genossen, der ihm damals durch
eigenen Wert wie als Vermittler der brigen Beziehungen in
Darmstadt-Homburg am nchsten stand, fr den er in Wetzlar keinen
Ersatz gefunden. Das nahe Gieen sollte der Treffpunkt sein; die
Frankfurter Gelehrten Anzeigen sollten ein Hauptgegenstand des
Austausches werden. Schon zur Zeit, da Goethe Abschied von der Heimat
nahm, hatten die beiden Freunde ein baldiges Wiedersehen in Gieen
verabredet. Vor allem wollte man den Professor der Rechte, Ludwig
=Julius= Friedrich =Hpfner=, einen alten Freund Mercks, der erst seit
einem Jahr in Gieen, seiner Vaterstadt, wirkte, zur Mitarbeit an der
genannten Zeitschrift willig machen. Am Dienstag, dem 18. August, zwei
Tage also nach Lottens abweisender Aussprache, in frhester
Morgenstunde, wanderte Goethe lahnaufwrts ber die wohlbekannten
Etappen Garbenheim und Atzbach nach der kaum zwei Meilen entlegenen
Universittsstadt. Der Freund war zur rechten Stunde eingetroffen,
denn es war doch eine schmerzliche Krisis, die Goethes innerstes Leben
durchzog, und er bedurfte des warnenden und ablenkenden wie des
ermutigenden Zuspruchs.

In der That war niemand damals, der ihm diesen so wirksam bieten
konnte wie Merck. Wir haben hier auf diesen in seine Zeit so vielfach
eingreifenden Mann, der dem Psychologen wie dem Litterar- und
Kulturhistoriker Rtsel genug zu raten aufgiebt, nicht tiefer
einzugehen. Was er Goethe gewesen, wei jeder, der dem Leben des
Dichters gefolgt ist. Vor diesem einzigartigen Genius verstummten die
Ironie, die tzende Negation, die neidartigen Zge in Merck. Er
=huldigte= dem Genius. Nur die =Kritik= schwieg nicht, aber es war
eine Kritik, die von dem Freunde das Grte glaubte und hoffte und
darum mit Leistungen des Mittelmaes sich nicht zufrieden gab. Und am
wenigsten damals war Merck blo Mephisto -- auch nicht in der
mildesten Fassung dieser diabolischen Mischgestalt --, sondern es
waren in der That zwei Seelen, Zge von Mephisto =und= Faust in ihm,
denn er =verstand= nicht blo den genialen Enthusiasmus und die
schwrmende Weichheit der Zeit, sondern er teilte sie zeitweise. Ja
nicht blo unter den Sentimentalen konnte er sentimental sein, sondern
er verstand sich auch mit dem trefflichen Jugendfreund, dem frommen
Herrnhuter Ludwig Balthasar v. =Schrautenbach-Lindheim=. Ein Dualismus
lag in Merck, ein Dualismus der Natur, der sich nur abspiegelte in den
inneren Widersprchen seines Lebensganges. Darum das Schwanken seines
Charakterbildes. So lange er in Goethes Nhe und unter den Augen des
schaffenden Knstlers whrend dessen schaffensfreudigster Periode
lebte, hielt, trug und spornte auch ihn dieser produktive
Positivismus. Der tiefkranke Zug der Menschenfeindschaft, die
Verbitterung gegen seine nchste Umgebung, die ungesunde
Vielgeschftigkeit, die ihn zuletzt ruinierte, wurde noch
niedergehalten. Neun Jahre lter als Goethe, stellte er sich dem
Jngling, dessen Superioritt im Schaffen und Dichten anerkennend,
doch vllig gleich. Wenn er gegen =Goethe= nein sagte, so fhlte
dieser vertrauend die =Liebe= durch, die aus dem Freunde sprach.

Gleich der Eintritt des Dichters in Gieen hat der Goethe-Forschung
einiges Kopfbrechen gemacht und ist mit einigen Zweifeln und Legenden
behaftet. Unter den Ein- und Auspassierenden vom 2. bis den 15.
August 1772 verzeichnet das Gieener Wochenblatt: Herrn Baron v.
Kilmansegg und =Herrn Legationssekretr Wanderer= von Wetzlar, logirt
im Einhorn. Der treffliche Goethe-Forscher, G.v. Loeper, bemerkt zu
der Notiz: Die wunderbaren Fremden machten auch die Behrde irre.
Denn nach 'Legationssekretr' ist der Name =Gotter= und vor 'Wanderer'
das Wort =Student= vermutlich ausgefallen. Doch gab es auch in Wetzlar
Einen dieses Namens, der gleichfalls Legationssekretr sein mochte.
-- Aber der Scharfsinn ist hier irre gegangen. Wie konnte auch Goethe
es wagen, in der nahen Festung Gieen unter falschem Namen und noch
dazu einem von einem wirklichen Legationssekretr in Wetzlar
erborgten, sich einzufhren? Denn =Wanderer= war wirklich
Legationssekretr, und niemand sonst als =er= und Kielmansegge waren
einige Tage vor Goethe in Wetzlar. Das klrt die Chronologie in
Kestners Tagebuch auf.

Das damalige Gieen war, schon von auen betrachtet, ein gar
jmmerliches Nest. Ein Stdtchen von noch nicht 4000 Bewohnern, eine
Festung, eng genug, um zu drcken, nicht fest genug, um zu schtzen.
Schmutz und Verkommenheit, kein Dutzend schner Wohnhuser in den
schmutzigen Gassen, die Stadt wie vergraben in ihren Wllen. Dagegen
ragte sie doch ber das Niveau ihrer Gre hinaus durch die, wenn
auch damals noch so armselige, Universitt, durch ein
Regierungskollegium, durch ein ganzes Regiment Soldaten und durch eine
bedeutende Anzahl adeliger Familien, welche die ungemeine Wohlfeilheit
des Ortes hingezogen hatte. Die Nachbarstdte Wetzlar und Gieen waren
zeitweise nicht ohne eine gewisse Rivalitt; die Reichsstadt fhlte
sich wie unter der lstigen Kontrolle der hessischen Landstadt. Heute
hat die hessische Universittsstadt die preuische Kreisstadt nach
allen Richtungen berflgelt; damals aber sah die Reichs- und
Reichskammergerichtsstadt, die nur den Kaiser und den Reichstag ber
sich sah, mit vornehmer berlegenheit auf die so unscheinbare und
einem kleinen Territorialfrsten unterthnige Nachbarin herab. Die
Natur ist schn auch dort, wenngleich die Landschaft um Wetzlar
mannigfaltiger und, weil das Lahnthal dort enger ist, malerischer
erscheint. Aber es fehlt auch dort nicht an schn gebauten hheren
Waldbergen. Zur rechten und linken ragen die Burgruinen Gleiberg,
Fetzberg und der klsterliche Schiffenberg, die ersten beiden berragt
von dem Dnsberg, dem Herrscher des Thals. Eine rege Verbindung des
Lehrkrpers der Gieener Hochschule mit den exklusiven Familien des
Kammergerichtes scheint nicht bestanden zu haben. Auch bot damals der
akademische Lehrkrper nur wenig von Bedeutung. Die bedeutendste Kraft
gerade und eine persnlich besonders achtungswerte war Hpfner, den
Goethe, wohl auch in der Absicht, juristisch von ihm sich beraten zu
lassen, aufsuchen wollte. Ja er hoffte -- aber vergebens -- Merck
werde sich lnger in Gieen festhalten lassen und ihm dadurch
ermglichen, ihn juristisch auszunutzen.

Berhmt, bald berchtigt genug war der Theologe K.F. =Bahrdt= in
Gieen. Goethe hat ihn, so viel wir sehen und wissen, in Gieen nicht
besucht. Zwar war Bahrdt des Dichters Kollege als fruchtbarer
Mitarbeiter an den Frankfurter Gelehrten Anzeigen, aber Goethe stand
doch, wie seine gleichzeitige Anzeige von Bahrdts Eden und seine
sptere Satire Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes zeigt, in
zu grellem Gegensatz gegen den gemt- und poesielosen, dabei sittlich
schon hchst bedenklichen frivolen Aufklrer von Profession, um sich
zu ihm hingezogen zu fhlen. In der erstgenannten Anzeige -- vom 29.
Juni 1772 -- zhlt er Bahrdt zu den erleuchteten Reformatoren, die
auf einmal die Welt von dem berrest des Sauerteigs subern und unserm
Zeitalter die mathematische Linie zwischen =ntigem= und =unntigem=
Glauben vorzeichnen wollen? Und sieht es nicht aus, als msse Goethe
manches, und nicht ehrenvolles, ber Bahrdts persnliches Leben gehrt
haben, wenn er fortfhrt, diesen Herren sollte ihr Herz sagen, wie
viel unzweydeutiger Genius, =unzweydeutiger Wandel= und nicht gemeine
Talente zum Beruf des neuen Propheten gehren. -- Auch Hpfner hlt
sich dem zuchtlosen und berall anstoenden Manne fern. Da dieser
trotz aller solcher Bedenken unter die Mitarbeiter der Anzeigen
aufgenommen wurde, das lag wohl teils in der bequemen Nhe des
schreiblustigen Vertreters eines Fachs, fr das die Krfte mangeln
mochten, namentlich aber in der Protektion, der sich Bahrdt damals
vonseiten des freidenkerischen Herrn v. Hesse (Herders spterer
Schwager) gegenber der Orthodoxie des Landes zu erfreuen hatte; mit
Hesse aber stand Merck in enger Verbindung.

Zu dem Bilde des damaligen Gieen gehrt vor allem die abschreckende,
alles Ma bersteigende Roheit des Studentenlebens; fr den feinen
Merck, wie Goethe erzhlt, ein solcher Ansto, da er dem Orte schon
darum mglichst bald den Rcken kehrte. Die kleine Hochschule zhlte
etwa 250 Studiosen. Die vielen relegierten Studenten, welche von Jena
nach Gieen bersiedelten, hatten den wsten Renommistenton dort
groziehen helfen. Die rechten geistigen Gegengewichte und sittlich
imponierende Persnlichkeiten im akademischen Lehrkrper fehlten.
Sonntag und Werktag im Flausch, lederne Beinkleider und
Kanonenstiefel, an der Seite den wuchtigen Hieber, eine dickgeknotete
Hetzpeitsche ber der Schulter, als gefhrliche Waffe, um sich vor dem
Duell in Avantage zu setzen, wie zu kindischem Knallen auf den
Straen geschickt -- darin bestand die Ausrstung eines Burschen von
echtem Schrot und Korn. Wehe dem, der etwa nach Gttinger Brauch
anstndigere Formen in Tracht und Art vorzog! Er galt als Drasticum
oder Theekessel und wurde so lange geqult, bis er in den
herrschenden Ton einstimmte. Die Orden der Amicisten und Konstantisten
vor allem bestimmten diesen Ton. Noch besitzen wir die Statuten des
Krnzchens der Fidelitt, die der theekesselischen Petitmaiterei den
Krieg erklren und die edlen Grundrechte und Pflichten eines Gieener
Studiosus aufstellen. Der Besitz nur =eines= Rockes war gestattet,
anstndiger Schritt und Gren auf der Strae verboten, geboten der
burschikose Jargon, der die Philister schwnzt (d.h. nicht bezahlt),
die Professoren prellt, wetzt (d.h. mit dem Degen aufs Pflaster
haut) u.s.w., ewige Feindschaft gegen Philister und Gnoten. Dieser
tiefe Kulturgrad, der jedem Anstand ins Gesicht schlug, Schnaps dem
Bier vorzog, sich in nchtlichem Gebrll auf den Gassen gefiel und in
roher Schlgerei den Gipfel aller Wonne sah, bte in dem kleinen Ort
einen vlligen Terrorismus, der nicht blo die Straen unsicher
machte. Die unritterliche Haltung dieser letzten Ritter gegen Frauen
und Jungfrauen, die Duldung von Liebschaften nur mit niedrigen
Frauenzimmern, Aufwrtermdchen, Wscherinnen, Obstmdchen und
solchen zeigte vollends, wes Geistes Kinder diese Musenshne waren.
Man sieht aus dem zum Teil martialischen Disziplinarstatute von 1779,
das unter dem Einflu des Kanzlers und Geheimrats-Prsidenten
Friedrich Karl Freiherrn v. Moser entworfen wurde, welche Feinde jeder
Bildung und Sitte es auf der Landesuniversitt zu bekriegen galt. Es
sind Studententypen, wie sie dem Dichter, als er die Faustscene in
Auerbachs Keller schrieb, vorschweben mochten, denn Gesellen wie
Brand, Frosch, Siebel, Altmayer knnten in der That auf der damaligen
Gieener Hochschule studiert haben. In Leipzig oder Straburg hat der
Dichter schwerlich die Modelle gefunden. Auch sagt Goethe selbst, er
htte einige Prachtexemplare dieser Renommisten als Masken in einem
seiner Fastnachtsspiele brauchen knnen. -- Wir kehren von der Skizze
des damaligen Gieen zu Goethes Wanderung dahin zurck.

Ein Magnet mehr war es fr ihn, da auch Lotte tags zuvor auf mehrere
Tage nach Gieen gefahren war, wo sie bei Verwandten wohnte. Goethe
traf sie nebst dem Freunde Merck bei dessen Kollegen, dem
Kriegszahlmeister Pfaff, bei dem sie dann zusammen mit Professor
Hpfner zu Mittag aen. Da dies urkundlich sichere Notizen aus
Kestners Tagebuch sind, so bleibt nichts anderes brig, als das
Eintreten Goethes bei dem ihm (der berlieferung nach) noch
unbekannten Hpfner im Inkognito in die frheren Vormittagsstunden zu
verlegen, wenn berhaupt der Bericht in Wahrheit und Dichtung auch
in diesem Stck mit der Wirklichkeit stimmt. Am Ziele meines Weges
angelangt, suchte ich Hpfners Wohnung -- sie lag in dem Haus am Ecke
der Neuen Bue, der jetzigen Rickert'schen Buchhandlung -- und pochte
an seine Studierstube. Hier spinnt sich nun die bekannte
Mystifikation ab, die uns an die hnliche im Eingang der Sessenheimer
Idylle erinnert, indem Goethe sein vielleicht auf dem Morgengang an
der Lahn ersonnenes Mrchen vortrgt, sich als jungen Fachgenossen
vorstellt, um dann, nach Schlossers Erscheinen, im Wirtshause sich vor
Hpfner und dem hinzugekommenen Professor der Beredtsamkeit und
Dichtkunst =Christian Heinrich Schmid= zu decouvrieren. Wir wissen,
da auch in dieser Geschichte Wahrheit und Dichtung spielt. Schlosser
war damals =nicht= in Gieen, Hpfner aber mte sich Goethe schon in
dessen Wohnung zu erkennen gegeben haben, da er bald darauf mit ihm
bei Pfaff zu Mittag speiste. Und =so= erscheint die Anekdote auch in
der Version der Wagnerschen berlieferung aus sicherster Quelle,
vielleicht aus dem Munde des landgrflichen Kabinettsrats
Schleiermacher, noch eines jngeren Genossen jenes Kreises, mit dem
sich der Herausgeber der Merckschen Briefe in Verbindung geseht hatte.
Er erzhlt: Ganz anders, d. h. drastischer nahm sich die Schilderung
Hpfners aus, wenn er sie dramatisierte, die seltsame Erscheinung des
wunderschnen jungen Menschen mit den feuervollen Augen und dem
unbeholfenen, linkischen Anstand beschrieb, seine komischen Reden
wiederholte und namentlich zur Explosion kam, wie der blde Student
aufsprang und Hpfner um den Hals fiel mit den Worten: 'Ich bin
Goethe! Verzeihen Sie mir meine Possen, lieber Hpfner, aber ich wei,
da man bei der gewhnlichen Art, durch einen dritten mit einander
bekannt gemacht zu werden, lange sich gegenber steif und fremd
bleibt, und da dachte ich, wollte ich in Ihre Freundschaft lieber mit
beiden Fen hineinspringen, und so, hoff' ich, soll's zwischen uns
sein und werden durch den Spa, den ich mir erlaubt habe.'

Hpfner war ein stattlicher Mann von edlem Gesichtsausdruck, gewinnend
und anziehend, zartbesaitet und jedem Eindruck in Natur und Kunst
offen. Sein geistiges Interesse ging weit ber die Schranken seiner
Fachwissenschaft hinaus. Er war nicht blo als gelehrter Jurist und
als Lehrer des rmischen wie des Natur-Rechts ein seiner Zeit hoch
angesehener Mann, er hatte auch mit der Dichtung der Zeit lebendige
Fhlung, wenn er auch die neu auftauchende geniale Schule mit
kritischen Augen ma. Klopstock vor allem war ihm teuer, und darin
traf er ja mit dem damaligen Goethe so ganz zusammen, den Messias
las er wie ein Andachtsbuch -- gewhnlich dessen zehn erste Gesnge in
der Passionszeit --, weil er mitten unter Gegenstzen ein treuer
Anhnger der christlichen Wahrheit geblieben war. In der Bibel war er
bis zum Auswendigwissen groer Partieen aus den Psalmen, Propheten und
Evangelien belesen; aber das Gleiche gilt von Homer und den rmischen
Klassikern. Er liebte und pflegte Musik und Deklamation. Als Jurist
hat er sich vor allem durch seinen Institutionen-Kommentar bekannt
gemacht, von dem Savigny rhmt, die Rechtslitteratur habe nicht viele
Werke in deutscher Sprache aufzuweisen, die so wie dieses durch gute,
klare Darstellung als wirklich lesbare Bcher genannt zu werden
verdienten. Gewi waren es nicht sowohl seine rmischen Rechtsstudien,
als seine eifrige Beschftigung mit dem Naturrechte, die mit Goethe
den juristischen Gesprchsstoff wird gebildet haben. Seine
naturrechtlichen Grundstze standen sichtlich unter dem Einflu
Rousseauscher Impulse. Goethe, der diese Gieener Episode berhaupt
mit sichtlicher Vorliebe behandelt, lt nun bekanntlich die vier
Freunde eine gemeinsame Attaque gegen den Professor der Beredsamkeit,
den sogen. Theorieen-Schmid, machen, bei welcher Goethe der
Hauptangreifer ist. An dem Faktum an sich zu zweifeln, ist kaum
mglich; dazu ist es zu charakteristisch und zu detailliert
berliefert. Die Frage ist nur, ob es wirklich in diese Augusttage
fllt. Darber gleich ein Wort! --

Am 19. August, einem Mittwoch, wanderte Merck mit Goethe lahnab nach
Wetzlar. Anfangs bestand der Plan, Lotte solle mitwandern oder
mitfahren. Doch war dies wohl nur =Goethes= Plan oder Wunsch. Lotte
selbst lehnte mit richtigem Takte ab und trug dem Dichter auf, ihren
Verlobten zu bestimmen, er mge herberkommen und sie zurckgeleiten.
Da Merck die Hauptpersonen, die ihn in Wetzlar interessieren konnten,
-- Goethe und Lotte -- bereits in Gieen gesprochen hatte, so fhrte
ihn offenbar der Wunsch, auch den Ort zu sehen, wo sein Freund ein so
schnes Stck Leben verlebte und zwar in dessen Gesellschaft,
vielleicht auch die Absicht, das Buffsche Haus und Kestner, wohl auch
Gotter kennen zu lernen, nach dem nahen Wetzlar. Jedenfalls kann das
Verlangen, =Lotte= kennen zu lernen, wovon in Wahrheit und Dichtung
die Rede ist, kein Motiv gewesen sein, weil er diese schon in Gieen
gesehen hatte. Zu Kestner eilte der von Gieen zurckgekehrte Dichter
noch abends zehn Uhr, ihm zu sagen, Merck sei hier, und Kestner solle,
seine Braut abzuholen, anderen Morgens in aller Frhe in Gieen sein.
Schon um fnf Uhr ritt Kestner weg und holte die harrende Braut im
dort gemieteten Carriolchen ab; Lotte selbst lenkte das Rlein. In
Atzbach auf der Durchfahrt wurde im Rhodiusschen Hause vorgesprochen;
gegen elf Uhr vormittags war das glckliche Paar wieder in Wetzlar. Am
Nachmittage geleitete das ganze Buffsche Haus, vielleicht mit den
Brandtschen Tchtern, Merck und Goethe auf dem Wege nach Gieen bis
Garbenheim. Von dort fuhren die beiden Freunde weiter nach Gieen, um
hier noch einen Tag zusammen zu sein. Sonnabend, den 22. August,
verlie Merck Gieen, um ber Frankfurt, wo er ber den Sonntag im
Goetheschen Hause blieb, heimzukehren. Wir knnen uns denken, wovon
vor allem zwischen den Freunden die Rede war. Den Frankfurter
Anzeigen galt es, aber auch Goethes persnlicher Lage. Merck wollte
den Freund bestimmen, Wetzlar mit ihm zu verlassen. Dazu konnte sich
dieser nicht alsbald entschlieen; wohl aber versprach er, binnen
kurzer Frist mit dem Merckschen Ehepaar in Ehrenbreitstein bei Frau de
la Roche zusammenzutreffen und dann rheinauf nach Frankfurt
zurckzufahren. Des Dichters Rckerinnerung ist, wie es nicht anders
sein konnte, auch hier mehrfach lckenhaft und bla geworden. So soll
ihm Mephistopheles-Merck die Hinneigung zu Lotten verleidet und ihn
als Ersatz auf eine Freundin von junonischer Gestalt (doch wohl
Dortchen Brand?) hingewiesen haben. Wohl mglich, da auch Merck dem
verliebten Freund ins Gewissen geredet nnd zur Besonnenheit geraten
hat. Aber Lottens Vorzge verkannte er so wenig, da er (nach der
schon oben [S. 74] teilweise angefhrten Briefstelle) seiner Frau
alsbald nach dem ersten Sehen schrieb: _Dans ce Moment je reviens de
Mr. Pfaff, o j'ai trouv aussi l'amie de Goethe de Wetzlar, cette
fille, dont il parle avec tant d'enthousiasme dans toutes ses lettres.
=Elle mrite rellement tout ce qu'il pourra dire de bien sur son
compte=_." --

Nicht besser also steht es mit der Goetheschen berlieferung, auch
Schlosser sei damals in Gieen gewesen. Die urkundlichen Quellen sagen
das Gegenteil. Es ist aber kaum zu zweifeln, da der Freund whrend
des Sommers mit Goethe in Gieen-Wetzlar zusammengetroffen; da sich
also dem Autobiographen zwei Thatsachen zu =einer= verschmolzen.
Schlosser war schon durch die Absicht, um Herz und Hand der Schwester
des Dichters zu werben, zu diesem getrieben worden, der eine solche
Macht ber der Schwester Herz besa. Dort erwartete er Rat und
Frsprache. Auch das spricht fr eine Anwesenheit Schlossers in
Wetzlar, da Kestner, als er im Oktober 1772 Frankfurt besuchte,
=zuerst= zu Schlosser ging, den er also gekannt haben mute. Zu
vermuten ist, da dieses Zusammentreffen Schlossers mit seinem
spteren Schwager in die Zeit vor Mercks Eintreffen fiel. Genaues ist
uns weder hierber, noch berhaupt ber andere Wanderungen Goethes
nach Gieen bekannt. Allerdings wre es auffallend, wenn er erst nach
drei Monaten die nahe Universittsstadt sollte aufgesucht haben. Ich
wage eine Vermutung. Hpfner schreibt drei Tage vor Goethes Eintreffen
an den Rat und Professor Rudolf Erich Raspe in Kassel, den Inspektor
des dortigen Kunst- und Mnzkabinetts: Heute Abend (am 16. August)
oder morgen kommt unser Merck zu mir. Wren Sie doch auch bei uns!
Sie und Gotter und Goethe (ein Mann von groem Talent) und Merck, was
sollte das fr eine Freude sein. -- Liegt hierin auch nicht mit
zwingender Ntigung, da Hpfner bereits mit Goethe bekannt gewesen --
denn jenes Lob konnte er auf Grund einer schriftlichen Mitteilung
Mercks ausgesprochen haben --, so scheint es doch das Wahrscheinliche.
Dann wrde wohl anzunehmen sein, da Goethe schon frher einmal und
zwar vielleicht, um mit =Schlosser= zusammenzutreffen, in Gieen war,
da in =diese= Zeit sein Inkognito fllt, als er sich Hpfner zum
erstenmal vorstellte, und da Goethe, Hpfner und =Schlosser= die
Trias bildeten, vor deren Tribunal der armselige Tropf Schmid so bel
bestand. Dann wird Schlosser, wie spter Merck, mit dem Dichter nach
Wetzlar gewandert sein, die Buffsche Familie und Kestner kennen zu
lernen. Bei dem Zusammentreffen mit Merck vermute ich sogar, da
Goethe mit diesem bei (dem noch unvermhlten) Hpfner gewohnt hat, da
sein Name sich nicht in dem Verzeichnis der einpassierenden Fremden
befindet. Dies erklrt sich aber schon einfach daraus, da er als
=Fugnger= in die Festungsthore eingewandert war und nicht im
Gasthofe abstieg.




=IX.=

=Dichten, Studien und Weltanschauung.=


Wo so viel =gelebt= ward in kurzer Frist, da drfte es von vornherein
nicht wundernehmen, wenn um so weniger =gedichtet= und gearbeitet
wurde. Und in der That liee sich nach den Erinnerungen in Wahrheit
und Dichtung und bei dem Mangel sichtbaren Ertrags vermuten, da
dieser Wetzlarer Sommer durch einen poetischen Stillstand ohnegleichen
in Goethes Jugendleben gekennzeichnet werde. Aber auch die =Arbeit=,
die Erweiterung der Kenntnisse, die Vertiefung der Bildung, die
Klrung und Festigung der Prinzipien scheint hinter der Anmut und der
Erregung des wirklichen Lebens zurckzutreten. Ein schrferes Zusehen
wird zeigen, da auf beiden Gebieten, im Dichten wie im Lernen diese
Sommermonate doch keineswegs ein _dolce far niente_ bedeuten. Voran
aber stellen wir die leidige Thatsache, da wir ber Ma und Art der
Geistesarbeit des Dichters in jenem Sommer allerdings keineswegs zur
Genge unterrichtet, da wir vielmehr meist auf eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung angewiesen sind. Die spten Reminiscenzen
in Wahrheit und Dichtung sind lckenhaft und schweigsam;
gleichzeitige und darum allein vollwichtige Briefbekenntnisse fehlen
gerade fr die Wetzlarer Zeit mehr denn anderswo. Die Briefe an Merck
aus diesem Sommer, die den Freund gewi auf dem Laufenden hielten,
sind -- wie wir sahen -- verloren, =die= an die Schwester, die gewi
am treusten den Sturm und Drang jener Monate wiedergespiegelt haben,
sind vernichtet oder sie liegen im Weimarer Gewahrsam oder bei den
Schlosserschen Erben fest. Ehe wir das =Was= und das =Wie= seiner
Thtigkeit beleuchten, ein Wort ber die Vorfrage: wann hatte Goethe
zum Dichten und Arbeiten berhaupt =Zeit=? -- In den ersten vier
Wochen seines Wetzlarer Lebens hatte er zu freier Geistesthtigkeit
noch mehr Raum, aber seit der Bekanntschaft mit Lotte wurde der Raum
immer enger und die innere Disposition immer unfreier. In die
Kammergerichts-Sessionen zwar kam der Dichter wohl nicht oft und gewi
nicht hufiger, als gebotene Rcksicht und der Wohlstand es forderten.
Nach Tisch traf er mit Kestner im Deutschen Hause zusammen. Dann,
wenn dieser zu den Geschften zurckkehrte, ging es mit Lotte aufs
Feld, in den Garten und sonst ins Freie, oder es wurde mit Freunden
ausgeflogen. Ebenso ward der Abend zwischen dem Deutschen Hause und
den Freunden im Kronprinzen, aber zu ungleichen Teilen, geteilt.
Also blieben in der Regel die Morgenstunden, die Goethe teils in
seiner Wohnung, teils im Garten am Lahnberg oder in Garbenheim
verbrachte. In der dsteren Wohnung hielt es ihn schwerlich lang, und
wohl nur fr die Arbeiten, die, weil sie einen Apparat von Bchern
forderten, den freien Himmel nicht vertrugen.

Wir beginnen mit der dichterischen Arbeit. Das poetische Inventarium
dieser Monde ist nicht blo drftig, sondern gleich Null. Auch nicht
ein einziges neues und selbstndiges Gedicht wird fr diesen Wetzlarer
Sommer verzeichnet. Dagegen begegnen wir (auer dem mitgebrachten
ersten Entwurf des Gtz) =vier= unmittelbar vorher entstandenen, die
Goethe in Wetzlar entweder zu Ende fhrt oder umgestaltet. Es ist die
lyrische Trias an die zurckgelassenen Freundinnen Lila, Urania,
Psyche und der Wanderer. -- Jene Liedertrias war mitgebrachtes Gut
und ist nicht auf Wetzlars Grund und Boden erwachsen. Sie gehren
einem ganz anderen Stimmungs- und Gedankenkreis an, auf den sie mit
sehnendem Heimweh zurckblicken. Die Motive in Elysium und
Morgenlied sind gutenteils jenem _voyage de fou_ Goethes und
Mercks und ihrem Zusammensein mit Lila, Urania und den La Roches
(Mutter und Tochter) in Homburg im Anfang April 1772 entnommen, wo die
Reize des malerischen Schloparks, des _pays de fes_, die Herzen
weit aufthaten. Aber zu Ende gefhrt oder wenigstens mit der letzten
Feile versehen scheinen alle drei Gedichte in Wetzlar zu sein, denn
erst von dort schickte Goethe die Lieder an Lila zur Austeilung an die
Freundinnen. Lt sich auch nicht haarscharf nach Ort und Zeit ihr
Ursprung bestimmen, so verraten sie doch einzelne Spuren zum
Verstndnis der Situation. Der Felsweihe-Gesang an Psyche und
Elysium, An Uranien sind offenbar whrend des Abschiedsbesuchs in
Darmstadt Ende April und Anfang Mai 1772, wo Goethe mit Merck, Lila
und der Flachsland im engsten Verkehr sich zusammenfand, empfangen,
vielleicht auch geboren worden, so da nur die formelle
Schluredaktion in die ersten Wetzlarer Tage fiele. In dem Lied an
Psyche weist auf diese Entstehungsart die Strophe hin:

     Und aus dem fernen
       unlieben Land
     mein Geist =wird= wandern
       und ruhn auf Dir!

Zwar knnte dieser Zukunftsgedanke auch in Frankfurt in den letzten
Tagen von Goethes Dortsein niedergeschrieben sein, allein die Stelle
wo meine Brust hier ruht deutet darauf, da Goethe noch einmal bei
seinem letzten Darmstdter Aufenthalt die Sttte vergangener Freuden
besucht hatte. Und dies ist ausdrcklich bezeugt. Karoline Flachsland
schreibt Ende April 1772 an Herder: Goethe und meine Lila sind wieder
hier; ich habe das warme feurige Mdchen nur eine Minute gesehen, und
mit Goethe waren wir gestern bei meinem Fels und Hgel. Ebenso
scheinen in Elysium, An Uranien die Worte:

     Seh' ich, verschlagen
     unter schauernden Himmels
     de Gestade, u.s.w.

auf die ersten unheiteren Eindrcke Wetzlars hinzuweisen. In diesem
Gedichte wird Lila, der sich der Dichter am nchsten fhlte, schon
mitgefeiert. Das ihr eigens bestimmte Pilgers Morgenlied ist
offenbar das zuletzt entstandene der Trias, vielleicht auf der Fahrt
von Frankfurt nach Wetzlar gedichtet, wie schon Merck vermutete.
Darauf geht auch der Anfang:

     Morgennebel, Lila,
     hllen deinen Turm um,
     Soll ich ihn zum
     letztenmal nicht sehn! --

Denn nicht wie Strehlke in der Hempelschen Goethe-Ausgabe seltsam
meint, ist unter diesem Turm -- ist das =Lilas= Turm? --die
Schloruine Karlsmund (l. 'Kalsmunt') an der Lahn d.h. dicht bei
Wetzlar, sondern der Homburger Schloturm, wo Lila wohnte, zu
verstehen, selbst wenn es zweifelhaft sein kann, ob man auf der
Landstrae, auf der Goethe vermutlich dahinfuhr, bei nebelfreiem
Wetter dieses Wahrzeichen der kleinen Residenz links konnte liegen
sehen. Ist doch auch =die= Mglichkeit nicht ausgeschlossen, da
Goethe, falls Lila inzwischen von Darmstadt wieder heimgekehrt war,
=ber= Homburg nach Wetzlar fuhr, wie er spter, bei seinem zweiten,
kurzen Besuch von Wetzlar im November, in umgekehrter Ordnung von
Friedberg ber Homburg nach Frankfurt zurckfuhr. Dieses dritte Lied
ist, wie das krzeste, so das zarteste, innigste und =persnlichste=.
Aber trotzdem und obwohl der Autor sagt, ewige Flammen habe Lila ihm
in die Seele geworfen, das Bekenntnis einer eigentlichen =Liebe= lebt
doch auch in diesem Liede nicht. Da aber jene Trilogie in sich durch
die Verwandtschaft der Stimmung wie der poetischen Form auf das engste
zusammenhngt, ist nur natrlich. Es ist jene seraphische Stimmung und
Empfindung, die trotz, ja mitsamt dem verstandesklaren Merck jenen
Kreis in platonischer Seelenfreundschaft und schmelzender Sympathie
durchdrang. Schon oben sahen wir, da Goethe, in der weichen Stimmung
eines psychischen Rekonvalescenten nach der Untreue gegen die
Sessenheimer Friederike sich zeitweise diesem sentimentalen Wesen
berlie; auf die Dauer htte dieses krnkelnde Sich-Verwhnen _ la_
Leuchsenring dem Dichter gewi nicht behagt, und schon darum war eine
Luftvernderung fr ihn heilsam. ber =allen= Teilnehmern dieses
Kreises lag eine Wolke der Wehmut, darum die Stimmungsverwandtschaft.
Auch die =Form= dieser drei Lieder zeigt ihre Zusammengehrigkeit. Es
sind jene antikisierenden reimlosen Verse eigener Erfindung, wie sie
Goethe damals liebte, entstanden unter dem Einflu Pindars, aber nicht
als steif-schematische Imitationen, sondern als freie metrische
Bildungen von hohem rhythmischem Gefhl. Diese neue Form ist, so
strmisch sie daherbrausen kann, dem Dichter doch nie zum Ausdruck
wirklicher Liebeslieder geworden, vielmehr hat er da stets den
volkstmlichen Reim gewhlt.

Auch den =Wanderer=, eine der Perlen seiner Jugendlyrik, hat Goethe
dem Gehalt nach fertig nach Wetzlar gebracht. Schon im Anfang April
1772 erwhnt Karoline Flachsland des Gedichts gegen Herder. Gegen Ende
Mai bersendet sie ihm eine Abschrift, die ihr der Dichter von Wetzlar
geschickt hatte, mit den Begleitworten: Ich habe lange, lange nichts
Rhrenderes gelesen. Der Wanderer auf den Ruinen -- die Frau mit dem
Knaben auf dem Arm -- und der Wanderer mit dem Knaben auf dem Arm --
und die letzte Bitte um eine Htte am Abend -- o ich kann Ihnen nicht
sagen, wie alles das mir in die Seele geht. Gott, wo werden wir,
zwischen der Vergangenheit erhabenen Trmmern unsere Htte flicken?
Htte der Liebe -- oder des Kummers! -- -- Mit dieser
vorwetzlarischen Entstehungszeit streitet aber eine zwiefache Angabe
Goethes in den Briefen an Kestner. Er schreibt: In Wetzlar hatte ich
ein Gedicht gemacht, das von Rechts wegen niemand besser verstehen
sollte als Ihr. Ich mchte es Euch so gern schicken, hab aber keine
Abschrift mehr davon. Boie hat eine durch Mercken, und ich glaube es
wird in den Musenalmanach kommen, es ist berschrieben ='der
Wanderer'= und fngt an: 'Gott segne dich junge Frau', ihr wrdets
auch ohne das gleich gekannt haben. Und nachdem das Gedicht im
Musenalmanach abgedruckt war, schreibt Goethe am 15. September noch
einmal darber: Du wirst auf der 15^ten S. den =Wanderer= antreffen,
den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an einem der
besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer ruhigen
Genglichkeit all eure knftige Glckseligkeit vor meiner Seele. Du
wirst, wenn du's recht ansiehst, mehr Individualitt in dem Dinge
finden als es scheinen sollte, du wirst unter der =Allegorie Lotten=
und mich, und was ich so hundert tausendmal bei ihr gefhlt, erkennen.
Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch aber heilig sein und
ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was schreibe. Eine neue
chronologische Schwierigkeit liegt darin, da Goethe, als er das
Gedicht Ende Mai an die Freundin in Darmstadt schickte, Lotte Buff
noch gar nicht mit Augen gesehen hatte. Also mten wir entweder eine
Unwahrheit oder eine Selbsttuschung annehmen, wenn wir nicht =den=
Ausweg vorziehen, da der Dichter spter noch einmal das Gedicht
berarbeitet, und da ihm bei dieser Schluredaktion Lottens Bild
vorgeschwebt habe. Neue wesentliche Momente sind allerdings dann
nicht mehr hinzugetreten, da wir in der Briefstelle Karolinens an
Herder diese alle schon zusammenfinden. Goethe hatte aber offenbar
noch einen besonderen Grund, die Beziehung des Gedichts auf Lotte zu
betonen. Es geschah in der Zeit von Lottens Vermhlung, und die erste
Erwhnung jenes angeblich ihr zu Ehren gesungenen Liedes trat
gleichsam an die Stelle eines unterbliebenen Hochzeitcarmens.

Sonderbar und nicht ganz schwindelfrei bleibt das Versteckspiel mit
dem Gedichte und seine untergeschobene Interpretation immerhin, und
die sonst zwecklose Warnung, es niemanden zu verraten, scheint auch
fast auf ein nicht ganz sicheres Gewissen zu deuten. Eine Wetzlarer
Frucht also ist es dem Grundgedanken und der Substanz nach nicht.
Darum hier nur ein Wort darber. Wohl ist es der metrischen Form nach
ein Seitenstck zu der spter entstandenen Trias von Liedern, von der
wir sprachen. Whrend aber diese nur Gelegenheitsgedichte im
subjektivsten und beschrnktesten Sinne sind, haben wir hier eine
Dichtung, die ber das persnliche Motiv sich hinaushebt zu objektiver
Gestaltung und fast zur Ballade wird. Auch die dramatische Form hilft
jenen Charakter der Objektivitt ausprgen. Eine sthetisch-kritische
Wrdigung des Gedichts gehrt nicht hierher, auch nicht die Frage nach
den ersten Ansten dazu, ob diese in Elssser Reiseerlebnissen ihren
Grund haben; aber mag dem Gedicht ein Elssser Reiseerlebnis, die
Anschauung der Niederbronner Bder, zugrunde liegen, es ist doch ein
persnlicher Lebensgedanke des Dichters, der dieses uere Bild
beherrscht und beseelt. Das persnliche und sachliche Moment schliet
sich in knstlerischer Reife, die in Goethes Jugenddichtung kaum
ihresgleichen hat, zusammen. Das immer sich neu gebrende Leben tritt
dem untergegangenen gegenber, das die Pflanzenwelt mit Epheugerank
und Brombeergrn, die Tierwelt als Schwalbe und Raupe, die
Menschenwelt mit improvisierter Htte berspinnt; Natur und Kunst,
Gegenwart und Antike, Leben und Tod treten einander gegenber. Und
doch nicht als Gegenstze. Und dem Dichter, dem die =Kunst=, vollends
in der idealen Gestalt der Antike, so hoch steht, steht doch am
hchsten das unmittelbare Leben mit Leid und Lust, die Natur, die
unsterbliche Mutter jeder Lebenserscheinung. Daher ist es wie eine
Symbolik von Goethes menschlicher Art und dichterischer Kunst.

Kein einziges Lied wurde, so weit unser Blick reicht, von Goethe in
Wetzlar gesungen, und wie wir an dem Wanderer sahen, mute der
Dichter seine so poesievolle und doch liederlose Gegenwart mit den
Federn der Vergangenheit schmcken. Allerdings fehlt es nicht an
Stimmen fr die Annahme, es seien in Wetzlar entstandene Gedichte
vermutlich verloren gegangen; er sei damals auf die Erhaltung kleiner
Produktionen wenig bedacht gewesen; es sei aber zu verwundern, wenn
Lotte keinen Anla zu Liedern sollte gegeben haben. Wre aber ein
Verschwinden solcher Lotte-Lieder aus Goethes poetischem Besitz
immerhin mglich, geradezu =unmglich= wre es bei Lotte und Kestner,
die mit sorglichster Gewissenhaftigkeit auch das kleinste
Erinnerungsblatt an den Dichter bewahrten. Auch die Durchmusterung der
handschriftlichen Originale der Wertherbriefe ergiebt kein anderes
Resultat. Wenn aber Goethe vierzig Jahre spter erzhlt, Gotter habe
ihn zu manchen kleinen Arbeiten angeregt, so ist dabei eher an
bersetzungen wie an die im Wettstreit entsprungene von Goldsmiths
_Deserted village_, als an selbsteigene Dichtungen zu denken. Da wir
also nicht den geringsten Grund haben, den Verlust damals gesungener
Lieder anzunehmen, da es vielmehr Goethe selbst ausdrcklich bezeugt
hat, da dieser Sommer poetisch unfruchtbar gewesen, so liegt die
Frage nahe nach dem =Warum= dieses Stillstandes. Der Dichter selbst
schreibt den Grund seiner damaligen Neigung zu sthetischem
Theoretisieren zu, welche die Produktion ins Stocken gebracht habe. In
der That war diese Neigung, wie wir bald sehen werden, seit dem
Verkehr mit Herder erwacht, durch die Berhrung mit Merck gestrkt
worden und zog sich dann auch in die Wetzlarer Zeit hinber. Aber ein
ausreichender Erklrungsgrund fr ein lyrisches Verstummen liegt bei
der inneren Macht dieses berreichen Jugendlebens hierin nicht. Wir
wissen: Goethes Lyrik luft seinem =Leben= parallel, vielmehr ist sie
die unmittelbare Spiegelung, die Frucht und der Reflex dieses Lebens.
In diesem also mssen wir die Erklrung auch des Verstummens suchen.
Die poetische =Stimmung= aber, zumal bei Goethe, thut sich vor allem
in der =unmittelbarsten Dichtungsform=, der Lyrik, kund. Und dieses
lyrische Element -- wie tief greift es auch in die meisten Dramen
Goethes. Der Dichter hatte in dem Buche seines Lebens durch die
Verpflanzung nach Wetzlar ein neues Blatt aufgeschlagen. Zwar war die
poetische Atmosphre des Darmstdter Kreises verlassen, aber wie
vieles schien in dem naturschnen Wetzlar und in dem Zauber gerade
dieses Sommers auch poetisch zu stimmen. Aber, als die Eindrcke der
nchsten Vergangenheit zurcktraten, erfllte an ihrer Stelle eine
Liebe des Dichters Herz, die lyrisch fast unverwendbar war. Von dem
Straburger Liebes- und Liederfrhling hat man wohl gesagt, Friederike
v. Sessenheim sei seine Muse gewesen. Sie war es. Das konnte Lotte,
die Verlobte eines dritten, unmglich werden. War es doch eine Neigung
ohne inneres Recht und gutes Gewissen, und ohne Aussicht auf Sieg und
Frieden. Inmitten dieses inneren Kampfes der sich anklagenden und
entschuldigenden Gedanken war kein unmittelbares reines Gefhl
mglich; eine Lyrik der Zerrissenheit, des Pessimismus, der
Resignation und des Weltschmerzes aber war am wenigsten die Art des
werdenden Dichterfrsten. Damit ist nicht geleugnet, vielmehr
zugegeben, da damals sich wohl lyrische Empfindungen in der Seele
und Imagination Goethes geregt haben mochten, aber sie fanden keine
knstlerische Gestaltung, sie ruhten als Elemente, bis sie im Werther,
der ja durch und durch lyrisch durchhaucht ist und eine ganze Skala
von Stimmungen und Seelenkmpfen beherbergt, ihre Auferstehung
feierten.

Gilt das tiefe poetische Schweigen auch inbezug auf grere Arbeiten?
Hier treten zwei Fragen und Mglichkeiten an uns heran, ob nmlich
Goethe in Wetzlar erstens an seinem =Gtz von Berlichingen=
fortgearbeitet hat, und zweitens, ob er schon mit dem =Faust= befat
gewesen?

Wir mssen annehmen, da Goethe seinen Gtz in der Gestalt nach
Wetzlar mitbrachte, wie er ihn Ende 1771 als Gottfried von
Berlichingen vorlufig abgeschlossen und Herdern, sowie seinen
Freunden Salzmann und Loose mitgeteilt hatte. Denn er hatte an Herder
ausdrcklich geschrieben, er unternhme keine Vernderung, bis er
seine Stimme gehrt; denn, schreibt er weiter, ich wei doch, da
alsdann radikale Wiedergeburt geschehen mu, wenn es zum Leben
eingehen soll. Diese Stimme des hochgehaltenen Kunstrichters lie
sich aber erst nach Monaten, dann aber warm anerkennend, wenn auch
nicht ohne kritische Schrfe vernehmen. Goethe selbst hatte den ersten
Entwurf als ein Skizzo bezeichnet, das zwar mit dem Pinsel auf
Leinwand geworfen, an einigen Orten sogar ausgemalt und doch weiter
nichts als Skizzo sei. Er sei jetzt von seiner Arbeit aufgestanden
und in die Ferne getreten. Herder urteilte zwar, da Shakespeare den
jungen Dichter ganz verdorben habe; er mu aber in dem verlorenen
Briefe, den Goethe ein Trostschreiben nennt, zugleich seine hohe und
berraschte Befriedigung ausgesprochen haben, wie er dies auch hinter
des Dichters Rcken gegen seine Braut thut. Es ist, so schreibt er,
ungemein viel deutsche Strke und Wahrheit drin, obgleich hin und
wieder es auch nur gedacht ist. Goethe aber verspricht als Summe
seiner berlegung: es mu eingeschmolzen, von Schlacken gereinigt,
mit neuem edlerem Stoff versetzt und umgegossen werden. Drfen wir
also annehmen, da der erste Entwurf des Dramas ohne jede erhebliche
nderung mit dem Autor nach Wetzlar gewandert war, so fragen wir, ob
der geplante Umschmelzungsproze schon dort begann. Da dieser Proze
erst im Frhjahr des folgenden Jahres in Frankfurt zu Ende gefhrt
wurde, ist bekannt. Fehlen auch die direkten Beweise, so hat es doch
einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, da der Dichter auch in
Wetzlar an sein Lieblings- und Probestck irgendwie die Hand gelegt
hat. Nicht das machen wir fr unsere Vermutung geltend, da in Wetzlar
bei der Nhe des alten Reichsgerichtes und jener ritterlichen
Maskerade, wo der Dichter den Namen seines Helden fhrte, eine
besonders gnstige Luft fr seine Dichtung wehte, denn =stofflich= war
ja das Drama vorher schon fertig, nur die Kunstform bedurfte der
Luterung. Wohl aber spricht das schon fr eine nderung, da der
=Titel= bereits aus Gottfried in Gtz verndert war. Strker noch
ist der Grund, da in Gous Masuren Fayel (Gotter) an Gtz die Frage
richtet: wie weit seyd ihr mit dem Denkmal, das ihr eurem Ahnherrn
stiften woll't? Und dieser antwortet: Man rckt so allgemach fort.
Denk' es soll ein Stck werden, das Meister und Gesellen aufs Maul
schlgt. Drfen wir annehmen, da diese Worte der damals wirklichen
Lage entsprechen -- und das ist nach dem ganzen Tenor des Masuren
gestattet --, so sehen wir daraus, da Goethe in der That schon damals
mit der Umarbeitung befat war. Damit stimmt auch die bekannte Epistel
Goethes an Gotter bei bersendung des Gtz aus dem Sommer 1773.
Schon die Stelle:

     mgt Euch nun auch ergetzen dran,
     so habt Ihr =doppelt wohlgethan=,

deutet auf einen Beirat Gotters in Wetzlar, und der Schlu

     wie Du schon ehmals wol gethan

mit Bezug auf die Wegschaffung anstandswidriger Ausdrcke im Gtz
besttigt diese Vermutung.

So stark sich aber nach der Natur der Sache wie nach diesen
ausdrcklichen Zeugnissen die berzeugung aufdrngt, da der Dichter
auch in Wetzlar sinnend und umschaffend in Fhlung mit seinem Werk
geblieben ist, ein weiterer Schritt vorwrts lt sich nicht thun; ein
Versuch, das =Was= und =Inwieweit= der Umbildung des Gtz whrend
dieses Sommers zu bestimmen, bleibt unmglich. Nicht einmal das wissen
wir, ob er sein Stck in der mitgebrachten Form anderen vorgelesen
hat, auch nicht, ob er auf Grund eigenen Gestndnisses oder der
Mitteilung anderer seinen ritterlichen Beinamen erhielt. Vielleicht
war nur Gotter der Eingeweihte; htte er Kestnern sein poetisches
Geheimnis anvertraut, dieser htte es in seiner Charakteristik Goethes
gewi nicht unerwhnt gelassen. Bei dieser Unsicherheit ber die
chronologische Vorfrage ist es noch weniger unsere Aufgabe, jene
Fortschritte von der Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der
eisernen Hand, dramatisiert zu Gtz von Berlichingen mit der
eisernen Hand. Ein Schauspiel darzulegen, -- eine Aufgabe, die
ohnehin wiederholt schon gelst wurde.

Noch schwieriger liegt die Frage inbezug auf =Faust=. Die Frage nach
der Genesis der Faust-Dichtung, die gegenwrtig die Goethe-Forschung
so lebhaft beschftigt, gehrt natrlich nur insoweit in den engen
Kreis dieser Schrift, als es sich um gewisse Punkte in der Chronologie
der Dichtung handelt. Denn hiervon ist die weitere Frage abhngig, ob
wir die Grundidee des Faust bereits hineinzurechnen haben in Goethes
damalige innere Grung und in seine Weltanschauung. Wie erweitert und
vertieft sich diese enge Wetzlarer Welt, wenn wir uns den Dichter
damals mit der Faust-=Idee= wenigstens beschftigt denken drfen,
mssen! Wie verstehen wir noch ganz anders den Zug zur Einsamkeit,
wenn ihn neben seiner Liebe auch dieses Leben in den grten Problemen
von den trivialeren Genossen unterschied und schied.

Wir werden dann zugleich tiefer hineingefhrt in die innere Welt des
Dichters als durch die sthetische oder historische Analyse
irgendeiner anderen seiner Dichtungen, denn gerade in dieser seiner
Lebensdichtung flieen Denken und Dichten, Weltanschauung und
schaffende Kraft vlliger zusammen als sonstwo. Und wie kann es ein
gltigeres Zeugnis geben fr die Energie des Genius, der nirgends dem
realen =Leben= unterthan wird, sondern es als Poet zu beherrschen
stark genug ist, als dies, da der Dichter, tief erregt durch eine
bermchtige Liebe, sich gleichzeitig trug mit dem gewaltigsten
Dichtungsstoff? Die Annahme, da Goethe schon damals mitten im
Schaffen am Faust zu denken sei, hat ihren eifrigsten Bundesgenossen
bekanntlich an Wilhelm Scherer. Niemand ist den Spuren der
Dichtungsanfnge mit feinerer Sprkraft, aber auch mit khnerer
Zuversicht nachgegangen als dieser in seiner Schrift: Aus Goethes
Frhzeit. Er nimmt bekanntlich eine prosaische Urgestalt des Faust
aus dem Jahre 1772 fr einzelne Partieen des ersten Teiles an, deren
Umgestaltung in Knittelversen und deren Weiterfhrung in die Jahre
1773-1775 falle, in das zuletzt genannte Jahr doch nur zum ungleich
geringeren Teile. Scherer gesteht (S. 92), einem Kunstwerke gegenber
lasse sich der Drang, es als ein =Ganzes= zu begreifen, nicht
unterdrcken. Darum stellt er -- doch mit der ausdrcklichen Reserve,
seine Leser nicht zur Nachfolge in diesem Punkte auffordern zu wollen
-- folgenden Satz auf: Wenn Gtz als ein Mrtyrer des Rechtes und der
Freiheit stirbt, konnte nicht Faust endigen als ein Mrtyrer der
Wissenschaft, der hheren Einsicht, welche mit der Kirche in Konflikt
gert? Konnte nicht die Selbstaufopferung im Dienste der Wahrheit als
eine Shne der Schuld an Gretchen gelten? Wir gehren zu den Lesern,
die von dieser Ansicht sich unberzeugt bekennen, ja wir knnen nicht
umhin, die =zweite= Frage namentlich fr eine unglckliche Idee zu
erklren. Gtz fiel als tragischer Held der Selbsthilfe in dem Chaos
grender politischer Zustnde, wo eine neue Staatsidee Herr ward ber
abwelkende Formen. Was hier an sich im =absoluten= Sinne das Hhere,
Bessere und Berechtigtere sei, bleibt unentschieden. Im Faust
handelt es sich um Verletzungen des =ewigen absoluten Sittengesetzes=.
Wie lassen sich diese ausgleichen durch inkongruente oder unadquate
Verdienste, auch wenn man sie unbedingt als =Verdienste anerkennen
will=, auf einem ganz anderen Gebiet? Und jedenfalls bestanden diese
Verdienste lange vor Gretchens Verfhrung. Die ursprngliche
Faust-Idee =kann= in Goethes Sinn nur =die= gewesen sein, die
Verschreibung an den Teufel, in welcher Gestalt immer dieser auftreten
mag, durch ein Leben der praktischen Shne, der befreienden That
wirkungslos zu machen, den Fluch in Segen zu verwandeln und Fausts
Seele zu retten. Dies ist um so selbstverstndlicher, als Faust und
der Dichter selbst ja im Grunde hnlich =identifiziert= werden, wie
zwischen Goethe und Werther eine relative Identitt besteht. Auch
Scherer (S. 92) sagt: Gott ist der ewig Verzeihende, Mephisto ist
kein Teufel: von einer Verdammung Fausts am Schlusse kann also nicht
die Rede sein. Gewi, und dasselbe besagt Goethes bekannter kaum acht
Tage vor seinem Tode geschriebener Brief an W.v. Humboldt (vom 17.
Mrz 1832): Es sind ber sechzig Jahre, da die =Konzeption des Faust
bei mir jugendlich von vornherein klar= -- die ganze Reihenfolge hier
weniger ausfhrlich vorlag. Die ursprngliche =Einheit= seines
Faust lag eben in dem von Anbeginn an vlligen Bewutsein (nach
seinem eigenen Worte) ber das =Ziel=, nicht ber den =Verlauf= des
Stcks. Der Faden aber, der Anfang und Ende verbinden sollte, konnte
kein =intellektueller=, sondern mute ein =ethischer= sein. Das =Wie=
jener Wandlung aber war das Problem der Dichtung; und weil hierin der
Knoten lag, darum das langsame Fortrcken des Dramas. Doch nicht
dieses Orts ist es, diese so schwierige und so fesselnde Frage genauer
zu prfen. Was die erstere Hlfte der Aufstellung Scherers betrifft,
die =chronologische=, so gehen wir nicht so weit, eine wirkliche
poetische Arbeit des Dichters schon in den Sommer oder gar in das
Frhjahr 1772 zu verlegen. Um so wahrscheinlicher ist es uns, da die
Faust=idee=, d.h. der Plan, aus dem Rohstoff der Sage, den Goethe
schon zur Zeit der Mitschuldigen kannte, eine Dichtung zu gestalten,
bereits in dem genannten Jahre, und zwar schon in den Wetzlarer
Monaten, vorhanden war. Es giebt nun ein =direktes= Zeugnis fr diese
Annahme, die bekannte Stelle am Schlu der poetischen Epistel Gotters
an Goethe, von der wir oben schon handelten, und auch diese spricht
nicht zweifellos fr die Wetzlarer Zeit. Von dieser gehen wir aus.
Gotter schliet seine humoristische Epistel in Knittelversen, nachdem
er dem Frankfurter Freunde die in Wielands Merkur verffentlichte
Epistel ber die Starkgeisterei in nahe Aussicht gestellt hat, mit den
Worten:

     Schick mir dafr den Doktor Faust,
     Sobald dein Kopf ihn ausgebraust.

Liegt in diesen Worten auch kein Beweis, der fr das Vorhandensein der
Faust-Idee in der Wetzlarer Zeit jeden Zweifel ausschliet, so erhlt
die Stelle doch ausreichende Beweiskraft, wenn wir uns die Situation,
aus der sie hervorgegangen, grndlich vergegenwrtigen. Gotter hatte
fast gleichzeitig mit Goethe Wetzlar verlassen, um nach seiner
Vaterstadt Gotha zurckzugehen. Da sich beide Dichter in Wetzlar
selbst vielfach und nahe berhrt, haben wir oben gesehen, auch
tauschten sie das brderliche Du, aber wir sahen auch, da die
innerste Geistesverwandtschaft beider keine besonders nahe war, da
ihr Verhltnis nicht ohne Trbungen blieb. Diese Differenz erweiterte
sich sogar, wie wir auch bereits sahen, zeitweise nach der Trennung.

Spuren eines Briefwechsels finden wir in dem Winter und Frhjahr
1772/73 nur aus Anla litterarischer Zusendungen. So schickt Goethe --
und auch dies erst weit spter als anderen Freunden -- seinen Aufsatz
von deutscher Baukunst im November 1772 an Gotter, im Juni 1773
seinen Gtz. Von weiteren Briefen findet sich keine Spur. Da er
aber der =poetischen= Begleitepistel zu Gtz noch ein verloren
gegangenes =prosaisches= Postskriptum mit der Nachricht ber den
begonnenen Faust sollte angehngt haben, ist vollends
unwahrscheinlich. Warum sollte es unterdrckt worden sein? Goethe
hatte aber ein Interesse daran, seinen theatralisch ziemlich ungefgen
Gtz von dem bhnenenthusiastischen Gotter verkrpert zu wissen. War
das Verhltnis zwischen beiden Dichtern auch kein gespanntes, so doch
damals ein nichts weniger als warmes und vertrauendes. Pat aber in
ein solches Verhltnis hinein die Annahme, da Goethe sein poetisches
Geheimnis -- und =wie= wute er Dichterplne von lngerer Hand als
Geheimnis in sich zu verschlieen! -- dem fernen Genossen brieflich
sollte weiter verraten oder entwickelt haben, als es bereits in dem
unmittelbaren mndlichen Verkehr in Wetzlar geschehen war? Denn im
=mndlichen= Verkehr ist es ein ganz anderes, wo die begeisterte
Stunde die Herzen aufthut und auch das im geheimen Werdende an das
Licht zieht. Und Gotter war in Wetzlar immerhin der einzige, zu dem
Goethe als Poet zu dem Poeten reden konnte. Unserer Auffassung
entspricht auch eine einfache Interpretation von Gotters Worten. In
dem Begleitbriefe zu der deutschen Baukunst vom November 1772 war
die Mitteilung schon deshalb nicht mglich, weil in den ersten Wochen
nach Wetzlar Goethe auf keinen Fall sich mit Faust beschftigt haben
konnte. Der Ausdruck ausgebraust spricht doch offenbar nur von einer
=ideellen Existenz=, die es noch nicht zur schriftlichen Fixierung
gebracht hat, von einer Grung, die sich noch strubt gegen
knstlerische Gestaltung.

Mit diesem ueren Zeugnis stimmen innere Grnde dafr, da des
Dichters Geist damals bereits von der Faustidee bewegt war, -- Grnde,
denen freilich nur in ihrer Verbindung mit dem ersten Zeugnis eine
relative Beweiskraft beiwohnt.

Goethe hatte sich nach der Vollendung seines Gottfried von
Berlichingen mit aller poetischen Energie gerade =den= dichterischen
Themen zugewandt, die auf tiefe und prinzipielle Lebensfragen gingen
und in typischen Gestalten diese Fragen zu dramatischer Anschauung
bringen sollten. Auf dieser Linie liegen, wie wir oben (S. 9) sahen,
der geplante Sokrates, Mahomet, spter Prometheus, Ahasverus.
Gerade weil der Dichter mit den grundstzlichen Fragen und Problemen
damals befat war, geriet er zu seinem rger in den Ruf eines
Philosophen. Aber =da= er in einen solchen Ruf geraten konnte,
spricht fr die Vorliebe, mit welcher er sich in jenen Gedankenkreisen
bewegte. Wir wissen, wie der Stoff des Faust" allmhlich ber jene
konkurrierenden Stoffe den Sieg davontrug. =Wie= er mit dem
philosophisch-theologischen Triebe des jungen Goethe zusammenhing, das
werden wir alsbald unten zu berhren haben, wo von der prinzipiellen
Weltanschauung des Dichters ein Wort gesagt werden mu. Es ist aber
von vornherein klar, da, wenn wir den Dichter in Wetzlar uns noch
nicht an der =ausfhrenden= Arbeit am Faust denken drfen, aber
annehmen mssen, da er bereits erfat war von dem Stoffe, da es dann
gerade die Fundamentalidee nach Grund und Folge, nach Beginn und Ziel
gewesen sein =mu=, die ihn damals mchtig bewegte. Nicht das
=partiell= Interessante an dem Faust-Stoff, sondern das =Totale=,
Universale mute ihn in seine Kreise ziehen. Und gerade, weil die
lyrische Muse ihm damals keine Blumen und Bltter zuwarf, konnte sein
Innerstes sich konzentrieren in dem Sinnen und Brten ber den grten
Aufgaben. Stellt aber der Dichter in seiner Selbstbiographie jene
Sommerzeit als eine poetisch thatenlose hin, so steht diese
Vorstellung nicht im Widerspruch mit jener =unsichtbaren= Arbeit, die
ich allein den Wetzlarer Tagen vindiziere. Aber gewi steigert sich
das Interesse an diesen Tagen, wenn wir uns den Dichter auf seinen
Wanderungen in Berg und Thal, in seinem stillen Gartenasyl neben Homer
und Pindar beschftigt denken drfen mit der grten Dichtung seines
Lebens. Goethe hat nie jene abstrakte Scheidung von der natrlichen
Wirklichkeit des Lebens gekannt und gebt, da je nach Zeit und
Stimmung immer nur =eines= von beiden, das Nchste =oder= das Hchste,
in seinem Geiste htte vorhanden sein knnen. Da er an das Werk schon
ausfhrend Hand angelegt habe, das ist schon darum hchst
unwahrscheinlich, weil wir erst um die Jahreswende 1772 auf 1773 den
metrischen Formen bei Goethe begegnen, in die er im wesentlichen den
ersten Teil des Faust gekleidet hat, dem Knittelverse. Einer
Urgestalt aber des Faust, d.h. grere Stcke des ersten Teils in
Prosaform anzunehmen, ist eine Hypothese, mit der ihr Urheber W.
Scherer schwerlich durchdringen wird. Bei den erhaltenen prosaischen
Bruchstcken erklrt sich die gewhlte Form durchweg und leicht aus
ihrem Inhalt, der wirkungsvoller hervortrat in der Gestalt
schmuckloser Unmittelbarkeit; -- auch dies nach Shakespeares Vorbild.
Eine Analogie aber der Iphigenia, des Tasso in ihrer
Travestierung von Prosa in das italienisch-englische Dramametrum des
fnffigen Jambus wrde fr eine bertragung der Prosa in
Knittelverse vllig unzulssig sein.

Aber auch von der erst embryonisch vorhandenen Idee -- wie gern wten
wir, =wie weit= und in =welcher Gestalt= dieselbe in Wetzlar vorhanden
war. Wir drfen diesen Schritt, der hchstens zu unbeweisbaren
Vermutungen fhren knnte, nicht wagen. Aber damit halte ich nicht
zurck, da eine andere Annahme nicht mglich erscheint als =die=: der
Dichter mu die =allgemeinste= Seite und die =individuellste= --
Gretchens und vor allem Fausts Schlugeschick -- zuerst an dem
gewhlten Stoff erkannt haben, ehe ihn dieser Stoff ergriff. Denn
gerade in dieser Doppelseite lag der Grund, da der Faust-Stoff die
anderen verwandten Stoffe prinzipieller Art allmhlich verdrngte und
berlebte.

    *    *    *    *    *

Wir sehen, es ist nicht die poetische =Arbeit=, die knstlerische
Gestaltung, die Goethes Zeit und Kraft in Wetzlar erkennbarerweise in
Beschlag nimmt, sondern nur die vorbereitende Meditation, der freie
Flug der voraustastenden Phantasie, die in ihm keinen Stillstand
kennt; -- sein =Studium= galt den kritischen Beitrgen zu den
Frankfurter gelehrten Anzeigen, einzelnen bersetzungsversuchen und
vor allem der Lektre =Homers= und =Pindars=; -- Studien allerdings,
die er ebenso wie die dichterischen Plne von Frankfurt nach Wetzlar
schon mitgebracht hatte.

Wir sprechen zuerst von Goethes =griechischen Studien=, die
bekanntlich ihre lteste Wurzel in der Straburger Zeit und in dem von
Herder empfangenen Ansto hatten, dann nach dem Abschlu der
Geschichte Gottfriedens von Berlichingen in Frankfurt wieder
aufgenommen und dort wie in Wetzlar in ausgiebigerer Gestalt
fortgesetzt wurden. Man kann das Jahr 1772 das =philologische Jahr=
des jungen Goethe nennen, und der Wetzlarer Sommer bildet davon die
Spitze oder Krone. Wie der wiedererwachte Hellenismus im 15. und 16.
Jahrhundert die Zeit der Renaissance mit herauffhren half, so datiert
von Goethes Hinwendung zu der altgriechischen Dichtung eine neue ra
fr des Dichters Kunstentwickelung und durch ihn fr unsere Litteratur
berhaupt. Und auch das war eine schne Fgung, als deren persnlicher
Vermittler gleichfalls Herder dasteht, da Goethes griechisches
Litteraturstudium mit =Homer= begann, der seitdem der Begleiter, in
manchem Betracht der Leitstern seines Schaffens blieb. Noch in
Frankfurt schritt er zu =Pindar= fort, las einzelnes von Theokrit, die
Tragiker lie er noch links liegen. In der Wetzlarer Zeit war ihm
Homer bereits gelufig geworden, er blieb sein tglich Brot. Damms
treuherzige Prosa-Verdeutschung war schon lngst verdrngt durch
Clarkes lateinische bertragung und den Grundtext selbst, den er
zuerst der Ernestischen, dann der Wetsteinschen Handausgabe entnahm.
Die Wirkung der Homerischen Epen, von denen er zuerst die Odyssee,
spter die Ilias las, war eine berwltigende. Das Homerische Licht
nennt er selbst in Wahrheit und Dichtung die empfangene Erleuchtung.
Es war das poetische Naturevangelium, das berall vorbildlich =die=
Wahrheit predigte und darstellte, da in der Einfalt die Gre liege,
da die sinnliche plastische Klarheit eine Grundbedingung aller Poesie
sei. Auch in die Homerische Litteratur der Zeit that er einige Blicke,
wie seine Beitrge zu den Frankfurter gelehrten Anzeigen beweisen.
Allerdings hat auch er den in der Luft der Zeit liegenden Rangstreit
zwischen Homer und Ossian, der hellenischen Sonne und dem nordischen
Nebel, in sich durchgekmpft, wie das die Klopstocksche Schule, selbst
der handfeste, unschwrmerische Vo, gleichfalls und gleichzeitig
gethan. Wenn aber im Werther Ossian zuletzt als der Bevorzugte
erscheint, so will auch damit der Dichter offenbar ein pathologisches
Symptom aussprechen. Wenn Goethe von Homer zu Pindar fortschritt, so
sieht es aus, als ob er dabei eine historische Methode im Auge gehabt
habe. Daran ist aber nicht zu denken. Zwar widerspricht dem nicht die
in Frankfurt eingeschobene Lektre Platons und Xenophons, denn diese
war nur unmittelbare Vorarbeit fr das geplante Drama Sokrates. Aber
Goethe las auch Anakreon und Theokrit vor oder neben Pindar. Von
diesen ist in Wetzlar nicht mehr die Rede, wir wissen vielmehr aus dem
lebensvollen Briefe an Herder vom Sommer 1772, da sich sein Interesse
auf Pindar konzentriert hatte. Ja er ruht nicht, bis er einzelne
Bruchstcke aus Pindar in sein geliebtes Deutsch bertragen hat, eine
Probe, da nun der schwierigste aller Lyriker fr ihn erst =Leben=,
greif- und geniebares Leben geworden war. Die Sympathie fr Pindar
lag damals in der geistigen Luft. Sie wurde durch die Analogie mit
Klopstocks Oden, durch Heynes Gunst, Herders Wrdigung genhrt. Ja man
darf sagen: Goethe hat in dieser rezeptiven Gestalt und in einigen
Schlingen, die seine Muse zeitigte, das modische Odenfieber
durchgemacht, von dem er sich sonst nirgends ergriffen zeigt. Aber wie
sollte Goethes stmperhafte Kenntnis des Griechischen in dieses dunkle
Dickicht eindringen? Schon der Apparat an Ausgaben und Hilfsmitteln,
der damals dem Pindar-Leser zu Gebote stand, kam seinem Verlangen
nicht sehr entgegen. Eine kritisch gesichtete, handliche, mit bndiger
Erklrung versehene Ausgabe fehlte; die Heynische, vielfach als ein
Bedrfnis empfunden, erschien erst 1773. Wir knnen hchstens
=vermuten=, da Goethe eine der oft aufgelegten Ausgaben des H.
Stephanus benutzt hat. Kaum gab es eine andere Wahl. Aber die Ausgabe
des Stephanus hatte auch eine lateinische Version, der Goethe nicht
entraten konnte, war handlich zum Einstecken (in 16) und enthielt
zugleich den Anakreon, den Goethe gleichzeitig las. Aber kurz zuvor
(1770-71) war auch eine deutsche bertragung in Prosa von Damm, dem
Homer-bersetzer, erschienen; und es ist wahrscheinlich, da erst mit
diesem noch sichereren Ariadnefaden in der Hand der Dichter den Mut
gewann, sich in das Labyrinth zu wagen. Schon in den letzten
Frankfurter Frhlingsmonden sa er (neben Theokrit und Anakreon)
hinter Pindar, wie wir aus Wanderers Sturmlied wissen, wo er u.a.
von des Dichters innerer Glut singt. Vielleicht lt sich ein
Schritt weiter thun. In den Frankfurter gelehrten Anzeigen vom 1.
Mai 1772 (Nr. _XXXV_, S. 280) findet sich eine Anzeige der dritten und
vierten Abteilung der genannten deutschen bertragung, die nach Ton
und Geist nur von =Herder= oder =Goethe= stammen kann. Ist jener der
Verfasser -- was allerdings wahrscheinlicher --, so gewinnen wir eine
genauere chronologische Bestimmung fr den Beginn von Goethes
Pindar-Lektre, denn es liegt dann die Vermutung nahe, da Goethe erst
durch die Anzeige zur Lektre des Pindar gereizt worden, also kurz vor
seinem Abschied von Frankfurt daran gegangen sei; ist es Goethe
selbst, so wre es eine Probe und Besttigung, da er schon seit
Wochen im Pindar lebte. Allerdings, so sehr der Inhalt auch Goethes
Anschauungen entspricht, und wiewohl die Empfehlung des Hans Sachs an
ihn erinnern kann, das Ganze scheint doch zu reif und zu sachlich fr
ihn. Damms mhseliges Werk wird scharf getadelt als unedel,
umschreibend, zerronnen, uerst prosaisierend, und in einem ganz
falschen Geschmack von Allegorie. Die Anzeige schliet: Wir
verzweifeln auch fast auf immer an einer bersetzung: denn wer wird in
dem Labyrinth von griechischer Mythologie und kleinen Stadtgeschichten
die fortgehende Musik und den edlen Gang Pindars erhalten knnen, der
immer dabey nur Blumen und die hchsten Blthen zu pflcken scheint,
in seinem Fluge nur immer mit der Spitze des Fittigs das berhrt, in
das auch dieser Uebersetzer, als in einen Morrast, hinein sinket.
Sonst aber sagt schon =J. Aventinus=, da unsre deutsche Sprache mehr
sich der griechischen, denn der lateinischen vergleichet, und kann
ohne Erknntni der griechischen Sprache nicht recht, wie sie von Art
seyn soll, geschrieben werden, und von der Seite wrde Pindars sein
Spruchreiches, seine Wortflechtung, seine dorische Strke, auf gewi
ungemeine deutsche Art seyn knnen. -- In Wetzlar trat Pindar in den
Vordergrund seiner griechischen Studien. Zuletzt zog mich was an
Pindarn, wo ich noch hnge, schreibt er im Juli an Herder. Ob er ihn
=ganz= gelesen, wissen wir nicht; da er =viel= gelesen, dafr spricht
die verhltnismig =lange= d.h. mindestens viermonatliche
Beschftigung. Spuren seiner Lektre aus den Olympisches, Nemeischen
Oden finden sich. Und, was wichtiger ist, es ist uns eine Probe
eigener Uebersetzerarbeit Goethes aus Pindar erhalten: die fnfte
Olympische Ode. Ob sie in Wetzlar entstanden oder noch in das
Frankfurter Frhjahr gehrt, wissen wir nicht; das erstere ist das
wahrscheinlichere, weil vor dem Wagnis doch eine gewisse Orientierung
gewonnen sein mute. Es gehrte =Mut= dazu, einen solchen Versuch zu
wagen. Aber der Versuch ist charakteristisch fr den Dichter, der
nicht zufrieden war mit dmmerndem Halbverstndnis, der vielmehr
=klar= sehen und das Selbstgestaltete genieen wollte. Was an
Sprachkunde fehlte, das ersetzte die Begeisterung und das lebendigste
Nachgefhl. Natrlich ist es eine Zeichnung aus freier Hand, die nur
=persnlichen= Wert, keinen sachlichen hat. Metrisch genau war die
Nachbildung in keiner Weise, weder in der damals freilich noch sehr
elementaren Erkenntnis des Strophengesetzes, indem nicht einmal der
Verszahl nach Strophe und Antistrophe korrespondieren, noch in dem Bau
der einzelnen Verszeilen; wohl aber ist das Ganze sehr les- und
geniebar durch den rhythmischen Wohllaut. Und hierfr hatte der
bersetzer kein Vorbild. Seine Eigenart zeigt am besten eine
vergleichende Gegenberstellung der Epode in der mhsamen Dammschen
Buchstabennachzeichnung und der Goetheschen:

     Hoch in den Wolken herschender Retter, Zevs, der du
     den Kronischen Hgel besitzest, und den
     breit-strmenden Alpheus werth achtest, und die
     wrdigen Idischen Hlen: ich komme demthig-bittend,
     und mit Lydischen Flten tnend, zu dir, dich
     anzuflehen, du wollest diese Stadt mit
     weit-erschallenden herrlichen Mannes-Thaten
     ausschmcken; und da du, Olympischer Sieger, der du an
     Neptunischen Pferden deine Freude siehest, ein hohes
     Alter bey gutem Muthe, bis ans Ende zu ertragen haben
     mgest, in Gegenwart deiner Shne, o Psavmis. Genieet
     nun iemand die Glckseligkeit der =Gesundheit=, und
     kann dabey mit seinen =Glcks-Gtern= vllig zufrieden
     seyn, und hat bey dem allen auch =allgemeines Lob= zur
     Zugabe: der begehre ja nicht etwa, gar eine =Gottheit=
     werden zu wollen!


     Erhalter, wolckentroh'nender Zevs Der du bewohnest
     Kronions Hgel, ehrest des Alpheus breitschwellende
     Fluten und die Idische heilige Hle, Bittend tret ich
     vor dich In Lydischem Flten Gesang Flehe, dass du der
     Stadt Manneswerten Ruhm befestigest. Du dann
     Olympussinger Neptunischer Pferde Freudmtiger Reuter
     Lebe heiter dein Alter aus rings von Shnen, o Psavmis
     umgeben. Wem gesunder Reichtuhm zufloss, und
     Besitztumsflle huffte, und Ruhmnahmen drein erwarb
     wnsche nicht ein Gott zu seyn.

Man sieht, die Parallele ergiebt keinen =zwingenden= Grund, die
Benutzung anzunehmen, so wahrscheinlich sie ist. Dasselbe gilt von der
freien von Melanchthon stammenden lateinischen Version bei H.
Stephanus. Es liegt aber auch in der Natur der Sache, da bei der
Freiheit des Goetheschen Versuchs eine derartige Kontrolle nicht wohl
mglich ist. Man sieht weiter, da Goethe in =seiner= Art der
Schwierigkeiten Herr geworden ist. In seinen selbstgewhlten Maen
herrscht ein ungewhnliches rhythmisches Gefhl, sprachbildende Kraft
und das lebendige Empfinden einer echten Dichternatur. Unbeirrt von
exegetischen Sorgen und metrischen Bedenken gewinnt er rasch ein
=unmittelbares= Verhltnis zu dem Autor; die Schranken der Zeit und
Sprache fallen dem Genius, und er tritt auf familiren Fu mit dem
erhabensten und schwierigsten der Lyriker. Und fr dieses freie
menschliche Verhltnis zeugt auch, da er sofort praktische
Nutzanwendung von der Lebens- und Kunstweisheit des Dichters auf sich
und sein Streben macht. Von keinem Zeitgenossen und vielleicht niemals
wieder ist die Kraft der Antike so ursprnglich erlebt und bekannt
worden wie hier. Seit ich, heit es in dem bedeutenden
Briefbekenntnis an Herder vom Anfang Juli 1772, die Kraft der Worte
[Griechisch: stthos] und [Griechisch: prapides]
(die er an der Stelle aus Pindar nimmt) fhle, ist in mir selbst eine
neue Welt aufgegangen. =Armer Mensch, an dem der Kopf alles ist!= Ich
wohne jetzt in Pindar, und wenn die Herrlichkeit des Pallastes
glcklich machte, mt ich's sein. Wenn er die Pfeile ein- bern
andern -- nach dem Wolkenziel schiet, steh' ich freilich noch da und
gaffe, doch fhl' ich indes, was Horaz aussprechen konnte, was
Quintilian rhmt, und was Thtiges an mir ist, lebt auf, da ich Adel
fhle und Zweck kenne. _Eids phya, psephnos anr murian aretan
atelei no geuetai, oupot atrekei kateba podi, mathontes_ &c. -- Diese
Worte sind mir wie Schwerter durch die Seele gangen. Ihr wit nun,
wie's mit mir aussieht, und was mir Euer Brief in diesem
Philoktetschen Zustande worden ist." Dem Pindarischen Citat sieht man
an, da es kein Philologe gemacht hat. Es ist zusammengeschweit aus
zwei, allerdings inhaltlich verwandten Stellen (_Pind. Ol. II, 162;
Nem. III, 77-80_), aber mit Auslassungen und Umstellungen. So ist der
Anfang des Citats ohne das vorausgehende _sophos ho polla eids_ ganz
unverstndlich, aber Goethe hatte den Sinn der Stelle darin richtig
verstanden, da der _polla eids_, der den _mathontes_ gerade
entgegengestellt wird, kein Vielwisser ist, sondern einer, der in der
eigenen angeborenen Natur den Schlssel zum Verstndnis gttlicher und
menschlicher Dinge trgt und eben darum keines Lehrers und keines
Interpreten bedarf. Es war dem jungen Goethe aus der Seele
geschrieben; -- Pindarische Maximen, in denen wir Goethesche
wiedererkennen. Da nicht Nachahmung und von auen kommende Weisheit,
sondern die mit instinktiver Sicherheit und Initiative schaffende,
waltende Dichterkraft allein die wahre Kunst erreiche, das war fr
Goethes mchtig erwachtes, aber noch tastendes Streben Sporn und
Besttigung zugleich. Es wirkte wie ein befreiendes Wort, schon bei
dem althellenischen Dichter dem Gegensatz der eingeborenen
Naturbegabung und des Angelernten zu begegnen. Das vor allem war es,
was ihn an Pindar zog. Ist dies der erste Satz und Grundsatz, der
ihm aus Pindar wie Orakel und Offenbarung klang, so trat diesem
_Alpha_ das _Omega_ zur Seite; nmlich dem Anfang das Ziel poetischer
Kunst, das Goethe in dem Pindarischen _hepikratein dinasthai_ (_Nem.
VIII, 10_) erkennen wollte. Er erklrt das Verb mit Meisterschaft,
Virtuositt, und =diese= msse an Stelle des Dilettantismus, jenes
spechtischen Wesens, das Herder an ihm getadelt hatte, sich
herausbilden. Freilich eine bedenkliche Probe Goethescher Exegese! Er
geht mit Texten gerade so frei-genial um, wie mit Menschen und
Verhltnissen. Denn das Objekt zu _hepikratein_(_tn hareionn
herton_) lt Goethe ganz unbercksichtigt, nimmt _hepikratein_
absolut und verfehlt somit den Sinn der Stelle: Zufrieden mag sein,
wer, zu jeglichem Ding (nicht blo in Liebe und Ehe) das rechte Ziel
nicht verfehlend, die bessere Liebe zu erreichen imstande ist. Aber
wie ungrndlich immer der Buchstabe des Textes von dem Dichter
angesehen wurde, er hat sich einen =feinen= Sinn aus der Stelle
herausgeholt, eben das Wesen der Meisterschaft, das ihm in dem Drein
greifen, packen statt des berall herumspazierens und dreinguckens
besteht. Was er meint, erlutert das den Pindarischen Siegesliedern
abgesehene stolze Bild von dem sicheren Lenken des wilden Viergespanns
zu dem gewollten Ziel. Natur und Kunst, Genialitt und Methode --
beides lernt er von dem grten der hellenischen Meliker. Dessen Wesen
selbst historisch oder sthetisch zu begreifen und zu
charakterisieren, dazu gelangt er nicht. Dafr nimmt er ihn ohne
Umstnde =persnlich=, wie es kein anderer damals zu thun imstande
war. Da aber Pindar gerade solche Sympathie in der Sturm- und
Drangperiode fand, ist nur daraus erklrlich, da man von dem strengen
Kunstbau seiner Lieder noch keine Ahnung hatte, da man sie fr
gesetzlose halbdithyrambische Naturausbrche hielt. Auch Goethe nutzt
die wuchtigen Sentenzen des Melikers, aber eine
litterargeschichtliche, metrische und allseitig
sthetisch-knstlerische Wrdigung liegt ihm fern.

Es war von Bedeutung, da Goethe erst verhltnismig spt in
Berhrung trat mit der griechischen Dichtung. Man mag das im Hinblick
auf den heutigen Bildungsgang unmethodisch nennen, da er erst in
gereiften Jnglingsjahren zu Homer im Original kam. Aber es hatte
dieser Gang seiner Bildung auch einen offenbaren Vorzug. Wenn unsere
Jugend auf der Schulbank Griechisch lesen und verstehen lernt, so kann
nur bei den bevorzugteren eine vollere Ahnung von der eigentmlichen
Schnheit und Gre dieser Schpfungen entstehen. Es klebt fr sie zu
viel Schwei der Arbeit an den Autoren, und der Sinn fr das
Stoffliche ist noch zu mchtig, als da die einfache Gre und
Feinheit der =Form= die jungen Geister ganz ergreifen knnte. So liegt
fr die meisten das auf der Schule Gelernte wie eine Aussaat da, die
erst weitere Bildung und Geisteserfahrung zu vollem Leben aufgehen
lassen kann. Goethe hatte durch Oeser und Winckelmann den Charakter
antiker Einfalt und Gre verstehen gelernt, ehe er zu den
litterarischen Quellen des griechischen Geistes kam. So brachte er
den Schlssel des Verstndnisses mit. Daher die innere Sicherheit und,
ich mchte sagen, das geistige Heimatgefhl, womit er im Homer lebte
und Pindar gegenbertrat. Wie sehr die griechische Lektre zu den
unterscheidenden Merkmalen seines damaligen Strebens gehrte, davon
hat er selbst im Werther gezeugt, wo dieser sein Zeichnen und seine
Kenntnis des Griechischen zwei Meteore hier zu Land nennt.

    *    *    *    *    *

Einen nicht geringen Teil seiner Wetzlarer Zeit fllte Goethe mit
seiner kritischen Thtigkeit an den neugegrndeten Frankfurter
gelehrten Anzeigen. Auch diese Thtigkeit hatte Goethe von Frankfurt
nach Wetzlar mitgebracht. Gewi ist es charakteristisch, da unser
grter Dichter, der, in seinem tiefsten und eigensten Wesen genial
und optimistisch angelegt, ungleich lieber sich in eigenen Werken als
schaffender bettigte, als da er andere Werke be-und verurteilte,
schon in jungen Jahren auch das kritische Handwerk bte, er, der in
jenen bekannten Versen (Der unverschmte Gast) das Totschlagen des
Rezensenten mit gutem Humor empfiehlt. Allerdings bestimmte ihn hierzu
der uere Anla, da er von den Freunden Merck und Schlosser zur
Teilnahme an jener Genossenschaft, zunchst fr das Gefach der
schnen Wissenschaften geworben wurde, die in der neuen Zeitschrift
dem im Anbruch begriffenen neuen Geiste die Bahn brechen und die Wege
weisen wollte. Auer den Genannten gehrten Wenk und Petersen in
Darmstadt, Hpfner und Bahrdt in Gieen zu dem gewhlten Kreise, vor
allem aber war es Herders Genius, der als der fhrende Geist ber
jener Gemeinschaft der Heiligen schwebte, als deren Neophyten nur
Goethe sich bekannte. Seine Grundgedanken von dem, was der nationalen
Litteratur notthue, um sie zu einem neuen Leben zu erheben, wurden die
Leitsterne auch dieses Unternehmens. Vor allem bei Goethe selbst, in
dem der in Straburg begonnene Einflu Herders fortwirkte und
aufgefrischt wurde durch das gerade in die Wetzlarer Zeit fallende
Studium von Herders Fragmenten, auf das wir alsbald zurckkommen
werden. Erst mute ein =Prinzip= gefunden sein, mit welchem wie mit
einem Mastab die Erscheinungen der Zeit gemessen, das Absterbende in
den Bann gethan, zu Neuem der Ansto gegeben werden konnte. Jedes
Bauen setzt ein Einreien voraus. Und dies gerade, das Bedrfnis,
Stellung zu nehmen zu dem Vorhandenen, um fr sich und sein Streben
den Platz zu finden, war es, was Goethe, auch abgesehen von dem
uerlich empfangenen Antrieb, zeitweise zur Kritik willig machte.
Dabei war es nur eine andere Form jener =kunsttheoretischen= Richtung,
die ihn in Frankfurt und Wetzlar ergriffen hatte, die ihn die
betreffenden Hauptautoren des griechisch-rmischen Altertums, wie
Aristoteles, Longin, Quintilian u.a., wenn auch nicht studieren, so
doch anschmecken lie. Und was er gegen andere bt, das hatte er zuvor
als Selbstkritik, an seinem Gtz zumal, an sich selbst gebt. Aber
sein eigentliches Metier war die Kritik nicht, vielmehr stand sie wie
ein fremdes Element in seinem Leben. Das fhlte niemand lebhafter als
er selbst, und wir haben die Gestndnisse, wie froh er war, als er
nach Jahresfrist die kritische Sonde niederlegen konnte. Leider mu
ich nun -- so schreibt er am 26. Dezember 1772 an Kestner -- die
schnen Stunden mit Rezensiren verderben ich tuhs aber mit gutem Muth
denn es ist frs letzte Blat. Es fehlten dem Dichter die
Hauptvoraussetzungen des Kritikers: die analytische und dialektische
Schrfe, die Geduld, sich vllig in den Gedankengang oder die
besondere Geistesart hineinzuversetzen, um diesen dann zu besttigen
oder zu widerlegen. Er reproduzierte entweder oder er setzt =sich=
einfach dem Autor entgegen. Diese thetische und antithetische Art
charakterisiert Goethes Jugendkritiken. Nicht minder fehlte, z.B. bei
den beurteilten Schriften aus der griechischen Litteratur die
grndliche Sachkunde. So blieb es oft bei der Wiedergabe des
Eindrucks, bei Einfllen und einzelnen Geistesfunken, die mehr an- und
aufregen als aufklren. Es ist das, was Herder das lordmige
Auftreten des jungen Rezensenten nennt, das sich dann auch in den
Hahnenfen d.h. in den vielfach wiederkehrenden Ausrufungs-und
Fragezeichen kund giebt. Je mehr es aber darin an geschulter Methode
und an objektivem Gehalt fehlt, wodurch uns die angezeigten Bcher
selbst vor Augen treten, je mehr sich das Subjekt hervorwagt, um so
ausgiebiger sind diese kritischen Gnge fr die Kenntnis der Person.
Wie vieles steht hier in und zwischen den Zeilen fr den, der zu lesen
versteht, von der Geistesart und Stimmung des damaligen Goethe. Ja es
werden diese kleinen Abflle seiner Geistesarbeit mitunter geradezu zu
Verrtern seines geheimsten Lebens. So sagt uns die befremdend lange
Pause zwischen dem 30. Juni und 25. August, die eigentliche
Entwickelungszeit seiner Liebe zu Lotten, da er da nicht disponiert
war, elende Gedichte oder schwache Beitrge zur altgriechischen
Litteratur zu beleuchten. Und als er sein langes Stillschweigen brach,
da zeigte er zuerst die Idyllen von Gener an, die er dann dem
geliebten Mdchen zum Geschenk machte, dann aber jene Gedichte des
polnischen Juden (Isaschar Falksohn), worin, wie wir sahen (S. 125),
jener pltzliche Ausbruch seiner tiefsten Gefhle den Rezensenten
berwand; eine Rezension, dergleichen wohl nie wieder geschrieben
wurde, wo der Kritiker seine Liebe wie Kontrebande einschmuggelt in
eine so fremdartige Umgebung. Den Ausgangspunkt seiner Rezensionen
bildet ein einheitlicher Zug und Trieb seines Geistes. Er bekmpft
berall die Mechanisierung durch die uere Regel, das Konventionelle,
die unfreie Imitation, die unnatrliche Isolierung der Poesie von dem
Leben, dessen Ausdruck und Spiegel sie doch sein soll; die innere
Unwahrheit gemachter Empfindungen, und wenn er zu diesen auch die
Vaterlandsliebe rechnet, so hat er, so sehr wir das beklagen mgen,
den realen Verhltnissen seiner Gegenwart gegenber doch recht. Er
betont das Volkstmlich-Natrliche, das wahr und frei Empfundene, das
Einfache und Gesunde. berblicken wir die Zahl der kritischen
Leistungen, die in die vier Wetzlarer Monate fallen, so erscheint
unter den angezeigten Schriften freilich kaum eine von Bedeutung; das
meiste von jener Gott und Menschen verhaten Mittelmigkeit bis zum
Schund herunter mute den Spott oder die Ironie des genialen
Dichterjnglings reizen. Das eine Gute hatte das Quodlibet, da Goethe
dadurch zum Umgehen der nchstgestellten Aufgabe und zur Entwickelung
allgemeiner, =seiner= Grundstze gelockt wird. Wie gerne shen wir
darunter z.B. ein eingehendes Urteil ber Lessings eben erschienene
Emilia Galotti, die den Dichter bei seiner Umarbeitung des Gtz so
lebhaft beschftigte! Offenbar whlte Goethe nicht selbst, was er
beurteilen wollte, sondern er erhielt litterarische Neuheiten ohne
Ansehen der Person von Schlosser zugeteilt. Bekanntlich ist die
Autorschaft bei mehreren Beitrgen nicht zweifellos. Die erste
Aufnahme in die Gesammelten Werke ist keineswegs von entscheidendem
Gewicht. Namentlich wissen wir durch Goethes eigenes Gestndnis, da
bei verschiedenen Anzeigen der Besitztitel sich darum schwer bestimmen
lt, weil =mehrere= Mitarbeiter beteiligt sind, und schlielich auf
dem Wege des Referats, des Korreferats und der Prototolle ber die
mndliche Verhandlung das Endresultat festgesetzt wurde. Doch gerade
von =Wetzlarer= Beitrgen lt sich annehmen, da sie wesentlich
Goethes ausschlieliches Eigentum gewesen, weil die Mglichkeit
gemeinsamer Besprechung (vielleicht die Gieener Zusammenkunft
abgerechnet) fast ausgeschlossen war. Eine vllig sichere Ausscheidung
des Goetheschen Anteils an jenen Rezensionen ist kaum mehr mglich.
Neuerdings hat Woldemar Freiherr v. Biedermann die Auseinandersetzung
versucht und ist damit der Wahrheit gewi sehr nahe gekommen. Er hat
vor allem =das= Kriterium seiner Arbeit zugrunde gelegt, da sich
Goethe nach Herders eben angezogenem Ausdruck durch sein lordmiges
Auftreten und durch seine scharrenden Hahnenfe verrate. Das
erzielte Resultat fr die ganze Dauer von Goethes Mitarbeit an den
Anzeigen darf uns hier nicht beschftigen. Was die =vier Wetzlarer
Monde= betrifft, so fallen in diese 15 unangezweifelte Rezensionen: Zu
den schnen Wissenschaften, Goethes eigentlichem Rezensionsgebiet,
haben wir dabei moderne und antike Poesie zu zhlen. So Homers
Iliade von Kttner, Seybolds Schreiben ber Homer, Franken zur
griechischen Litteratur, Diderots und S. Geners Moralische
Erzhlungen und Idyllen, die Gedichte von einem polnischen Juden,
Cymbeline. Zu dem Nichtpoetischen, das ich zusammenfasse, gehrt die
Besprechung von Sonnenfels ber die Liebe des Vaterlandes, Leben
und Charakter Klotzens, Epistel an Oeser, Kanut d.Gr., Eden von
Bahrdt, Lobrede auf Herrn Creuz, Struensees Bekehrung, Die
erleuchteten Zeiten, Meine Vorstze. =Vier= der genannten Stcke
(Die erleuchteten Zeiten, Franken, Cymbeline, Meine Vorstze)
fallen allerdings jenseits der Wetzlarer Tage, vom 15. bis zum 22.
September, sind aber wohl noch in Wetzlar entstanden; die Anzeige
Meine Vorstze, die nicht =blo= Goethes Hand zeigt, ist vielleicht
in Ehrenbreitstein mit Merck gemeinsam verfat worden.

Diese Rezensententhtigteit schon erinnert an =Herder=, dessen Geist
in der That ber dem kritischen Unternehmen schwebte. Aber auch direkt
und persnlich blieb Goethe mit Herder in Zusammenhang. Dessen
Neckereien und ble Laune, die er von Straburg her gewohnt war,
ertrug Goethe; er reagierte aber auch, doch unbeirrt festhaltend an
dem groen Eindrucke des seltenen Mannes. Ein halbes Jahr lang hatte
ihn Herder trotz dem berschickten ersten Entwurf des Gtz ohne
Antwort gelassen. Endlich kam der Brief. Herder hatte im Gtz trotz
aller Gebrechen den Genius erkannt; damit war das ganze Verhltnis
beider Geister auf einen anderen Fu gestellt. Aus dem Schler und
Jnger war ein Gleichberechtigter geworden. =Was= Herder ber Gtz
geurteilt, wissen wir im einzelnen nicht. Nur aus Goethes Erwiderung
erfahren wir, da ihm Herder vorgeworfen, Shakespeare habe ihn ganz
verdorben. Aber da auch warme Sympathie darin bekannt worden, das
giebt Goethe zu erkennen, indem er Herders Brief ein Trostschreiben
nennt. Er wird trotz der Ausstellungen sich hier hnlich ausgelassen
haben, wie an seine Braut, der er schreibt: Es ist ungemein viel
deutsche Strke, Tiefe und Wahrheit darin, obgleich hin und wieder es
auch nur gedacht ist. --Goethes Antwort auf dieses Trostschreiben ist
einer der gehaltvollsten Briefe, den wir von dem jungen Goethe
besitzen, dabei der einzige ausfhrlichere, der aus der Wetzlarer Zeit
erhalten ist. Goethe befand sich wie in einem fortgesetzten
Zwiegesprch mit dem fernen Meister. Es vergeht kein Tag, da ich
mich nicht mit Euch unterhalte und oft denke, wenn sich's nur mit ihm
leben liee. Der strkste Wrmeleiter waren Herders schon fnf bis
sechs Jahre zuvor erschienenen Fragmente zur deutschen Litteratur,
die Goethe damals zum erstenmal -- seit Ende des Juni -- und mit
hingebender Begeisterung whrend einiger Wochen las. Zwei Punkte
besonders zogen ihn an: Herders Charakteristik der griechischen
Dichter, vor allem aber die Offenbarung, wie =Gedank'= und
=Empfindung= den =Ausdruck= bilde. Das, sagt er, ist wie eine
Gttererscheinung ber mich herabgestiegen, hat mein Herz und Sinn mit
warmer heiliger Gegenwart durch und durch belebt. Es ist das Kapitel
in der dritten Sammlung (_III_, _I_, 6, Suphan _I_, 394). In der
Dichtkunst ist Gedanke und Ausdruck wie Seele und Leib, und nie zu
trennen. Herber weist die Analogie mit dem Verhltnis von Kleid und
Krper, von Haut und Krper, von zwei Geliebten, von Zwillingen als
unzureichend zurck. Dagegen fllt ihm als zutreffendes Bild ein
platonisches Mrchen ein, wie der schne Krper ein Geschpf, ein
Bote, ein Spiegel, ein Werkzeug einer schnen Seele sei, wie in ihm
die Gegenwart der Gtter wohne, und die himmlische Schpfung einen
Abdruck in ihn gesenkt, der uns an die obere Vollkommenheit erinnert.
Wie Platons Seele zum Krper sollen sich Gedanke und Wort,
Empfindung und Ausdruck zu einander verhalten. -- Weit lauer spricht
Goethe von den ber die griechischen Dichter empfangenen Aufschlssen.
Da ich Euch, von den Griechen sprechenden, meist erreichte, hat mich
ergtzt ist alles, was er zu rhmen wei. Und in der That war hier
keine grndliche Aufklrung zu holen. Und zwar darum besonders, weil
Herder immer einen hellenischen Dichter einem modernen deutschen
vergleichend gegenberstellt. So erhlt Homer sein Pendant in
Klopstock, Pindar in dem Dithyrambisten, Anatreon und Tyrtus in
Gleim, Theokrit in Gener, Alciphron in Gerstenberg, Sappho in der
Karschin. Dies Verfahren konnte zu keinem Reinertrag unbefangener
Charakteristiken fhren. Am drftigsten ist, was Herder ber Pindar
sagt. Doch scheint Goethes damalige Wahl seiner griechischen
Dichterlektre -- Homer, Pindar, Anakreon, Theokrit -- durch Herders
Wink und Vorgang bestimmt worden zu sein, auch wenn er die Fragmente
noch nicht durchgelesen hatte. An die Tragiker geht er damals, wie
schon oben bemerkt, so wenig wie Herder, der an sie nicht gehen
konnte, weil er ihnen keine deutschen Parallelen an die Seite zu
stellen hatte.

Diese enthusiastische Hingabe an die Antike in Poesie und Kunst hatte
aber alsbald ihre Wirkungen, wenn auch die volle Wirkung erst spter
zutage trat. Der hchsten Kunstform der berlieferung stand eine
geniale Dichternatur gegenber. So konnte der Rapport nicht
mechanisch, am wenigsten als unfreie Nachahmung, sondern nur dynamisch
wirken. Aber sie =wirkte=. Goethe sah an Homer und Pindar, wie
=Wahrheit= und =Einfalt= in der Auffassung der Natur, hoher Adel,
Zweckgemheit und Schnheit, Einheit, Klarheit und geordnetes Ma das
Wesen hellenischer Kunst, des geistigen Nachbildes der Natur mache.
Sie enthllt darum immer mehr, je lnger man sie betrachtet; sie
duldet kein Unma, keinen Luxus zgelloser Phantasie, kein
Effekthaschen, keine ziellose Willkr. Schon bei dem zweiten Gtz
hat solche Erkenntnis, die in dem Dichter zur Kraft wurde, sichtlich
gewirkt, doch =hier= geringer, weil der Stoff zu sprde und die
hellenische Tragdie dem Dichter noch nicht vertraut geworden war. An
Werther aber ist trotz dem modern-sentimentalen Inhalt die Wirkung
sichtbar. Der Roman, worin wenige Figuren sich im Vorgrund bewegen,
kennt kein unntzes Beiwerk, aller Schmuck dient dem Zweck und der
Schnheit; die Handlung schreitet unbeirrt geradeswegs dem Ziele zu.
Aber wie in der Komposition, so zeigen sich auch in der Sprache, die
trotz der in Stoff und Stimmung liegenden Versuchung nirgends auf den
Abweg von Schwulst und berschwang gert, die Spuren der Antike.

    *    *    *    *    *

Wir kommen von den Werken, Plnen und Studien des Dichters zu der
Persnlichkeit des Menschen, wie sie sich bezeugt in den Spuren, einer
werdenden Weltanschauung. Ist es doch nur natrlich, da das Werden
des inneren Menschen mehr hervortritt, wo das knstlerische Schaffen
und Gestalten als solches zeitweise zurcktritt oder nur in
vorbereitender innerer Arbeit auftritt. Denn so sehr diese noch fr
lange Zeit im Flu bleibt, sie bildet doch in gewissem Sinne die
Grundsubstanz, aus der sich das Tiefste auch seiner Poesie nhrt, die
bei Goethe berall Konfession seiner Weltbetrachtung ist. Und gerade
in der Wetzlarer Zeit, wo die unmittelbare Produktion sich nur leise
nachklingend und vorbereitend regt, glauben wir eine Entwicklungsstufe
fr den Ausbau der inneren Welt Goethes annehmen zu drfen. Und wie
drften wir, wenn wir den =ganzen= Menschen nach Krften begreifen
wollen, gerade vor dieser inneren Welt, vor dem eigentlich
Charakteristischen stille stehen? Freilich ist an diesem
allerpersnlichsten Punkte der Zusammenhang der Gegenwart mit der
Vergangenheit vollends unzerreibar, und doch lt sich dieser Faden
nur in Andeutungen aufnehmen. Im brigen mssen wir uns auf
Voraussetzungen verlassen. Es sind uns in dieser inneren Welt fr die
Zeit, von der wir reden, wie berhaupt in die Jugendnatur des Dichters
Einblicke gestattet durch die gleichzeitigen Memorabilien Kestners. Es
ist das bekannte Fragment eines Brief-Entwurfs aus Kestners Papieren
im Eingang von Goethe und Werther. In der That sind diese Bltter
ein besonders treuer Spiegel von dem Wesen des Dichters. Sie sind dies
um so mehr, weil sie =nicht=, wie der Druck besagt, im Anfang von
Kestners Bekanntschaft mit Goethe geschrieben sind, sondern erst zwei
Monate und, lnger nach Goethes Abschied von Wetzlar.

Hierauf htte schon die Stelle (S. 36): Da ich ihn =nachher genau=
kennen gelernt habe, hinweisen knnen. Aber das Original der Stelle
zeigt, da sie einem Briefe an den Freund A.v. Hennings vom 18.
November (abgeschickt den 28. November) 1772 entnommen ist. Es geht
ihr dort ein lngerer Passus ber Kestners Liebesglck vorauf; -- eine
Introduktion, die dem Briefsteller Herzensbedrfnis sein mochte vor
der gleich folgenden Schilderung der Krisis. Also enthlt sie nicht
den Reflex des ersten flchtigen Eindrucks, sondern die Summe der
Beobachtungen und Erfahrungen, die Kestner in diesen wunderbar
bewegten Sommermonden an und mit dem Dichter gemacht hatte. Wir haben
von dem jungen Dichter keine andere gleich treue und wertvolle
Charakteristik. Zwar ist der Zeichner des Bildes dem Dichter geistig
nicht kongenial; aber um sieben Jahre lter als Goethe, steht er als
der gereifte Mann dem grenden Jngling gegenber, und ist seiner
ganzen Art nach ein besonnener, gewissenhafter Beobachter. Nicht wie
Platon, sondern wie Xenophon dem Sokrates gegenber giebt er mehr die
buchstabentreue Wirklichkeit als die ideelle Wahrheit. Aber gerade sie
hat besonderen historischen Wert, da wir den einfachen Konturen aus
anderen Quellen leicht wenigstens etwas von Leben und Farbe geben
knnen. Die Charakteristik, die, obwohl lngst gedruckt, hier nicht
fehlen darf, lautet:

-- -- -- Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie, und ein
Mensch von Charakter; besitzt eine auerordentlich lebhafte
Einbildungskraft, daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen
ausdrckt. Er pflegt auch selbst zu sagen, da er sich immer
uneigentlich ausdrcke, niemals eigentlich ausdrcken knne; wenn er
aber lter werde, hoffe er die Gedanken selbst, wie sie waren, zu
denken und zu sagen.

Er ist in allen seinen Affecten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt
ber sich. Seine Denkungsart ist edel; von Vorurtheilen so viel frey,
handelt er, wie es ihm einfllt, ohne sich darum zu bekmmern, ob es
Andern gefllt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller
Zwang ist ihm verhat.

Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschftigen. Er ist
=bizarre= und hat in seinem Betragen, seinem Aeuerlichen
verschiedenes, das ihn unangenehm machen knnte. Aber bey Kindern, bei
Frauenzimmern und vielen Andern ist er doch wohl angeschrieben.

Fr das weibliche Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung.

=In principiis= ist er noch nicht fest, und strebt noch erst nach
einem gewien System.

Um etwas davon zu sagen, so hlt er viel von _Rousseau_, ist jedoch
nicht ein blinder Anbeter von demselben.

Er ist nicht was man orthodox nennt. Jedoch nicht aus Stolz oder
=Caprice= oder um etwas vorstellen zu wollen. Er ussert sich auch
ber gewisse Hauptmaterien gegen Wenige; strt Andere nicht gern in
ihren ruhigen Vorstellungen.

Er hat zwar den =Scepticismum=, strebt nach Wahrheit und nach
Determinirung ber gewisse Hauptmaterien, glaubt auch schon ber die
wichtigsten determinirt zu seyn; so viel ich aber gemerckt, ist er es
noch nicht. Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl,
betet auch selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lgner.

Zuweilen ist er ber gewisse Materien ruhig, zuweilen aber nichts
weniger wie das.

Vor der Christlichen Religion hat er Hochachtung, nicht aber in der
Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen.

Er =glaubt= ein knftiges Leben, einen bessern Zustand.

Er strebt nach Wahrheit, hlt jedoch mehr vom Gefhl derselben, als
von ihrer Demonstration.

Er hat schon viel gethan und viele Kenntnisse, viel Lectre; aber
doch noch mehr gedacht und =raisonnirt=. Aus den schnen
Wissenschaften und Knsten hat er sein Hauptwerck gemacht, oder
vielmehr aus allen Wissenschaften, nur nicht den sogenannten
Brodwissenschaften.

Am Rande dieses flchtig hingeworfenen Brouillons fgt Kestner noch
hinzu:

Ich wollte ihn schildern, aber es wrde zu weitluftig werden, denn
es lt sich gar viel von ihm sagen. =Er ist mit einem Worte ein sehr
merkwrdiger Mensch.=

Weiter unten ferner:

Ich wrde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte.

Wir bercksichtigen hier nur die eigentlich =prinzipiellen= Punkte,
die Goethes theologisch-philosophische Lebensansicht wiedergeben, und
zu denen sich die folgenden Stze wie ein Kommentar zum Texte
verhalten sollen. Diese seine =Weltansicht= anzudeuten, ist so sehr
die Absicht der Kestnerschen Charakteristik, da darber der
Schwerpunkt von Goethes Streben, sein =poetischer= Beruf, kaum erwhnt
wird, eine Besttigung der Thatsache, da Kestner in diesem Stck
wenig eingeweiht war, da Goethe berhaupt mit dieser Seite seines
Wesens damals noch zurckhielt. So wichtig dieser Beitrag zum
Verstndnis des jungen Goethe ist, er hebt doch den Schleier nur halb,
indem er mehr negativ das aussagt, was Goethe damals =nicht= war, als
positiv, was er dachte und glaubte. So wird er als =nicht= fertig,
=nicht= orthodox, =nicht= kirchlich, =nicht= skeptisch bezeichnet,
whrend nach der positiven Seite nur eine allgemeine, brigens
heterodoxe Hochachtung der christlichen Religion, der Glaube an ein
knftiges Leben (und dies zweimal) und ein Streben nach Wahrheit
zugegeben wird. Wie erwnscht namentlich wre eine weitere Auslassung
ber die gewissen Hauptmaterien, in denen er trotz seines
gegenteiligen Glaubens nach Kestners Ansicht noch nicht zum Abschlu
gekommen war. Zunchst haben wir den Eindruck, da Goethe fort und
fort damals mit den tiefsten Lebensfragen, mit den hchsten Zielen des
Denkens beschftigt war. Dies allein erklrt es auch, da ihn seine
Freunde seinem Protest zum Trotz zu den Philosophen zhlten. Eine im
Druck unterdrckte Stelle des eben citierten Briefes sagt: -- und
passierte hier fr einen Philosophen, welchen Titel er aber nicht auf
sich kommen lassen wollte. --Und hierin hatten beide Teile recht. Die
Freunde, weil eben der Inhalt seiner Interessen jenen prinzipiellen
Untergrund oder Hintergrund hatte; er selbst, weil seine Intuition
nach Form und Methode ihn nichts weniger als den dialektisch
verfahrenden Philosophen anreihte. Die Kestnerschen Andeutungen
fhren aber vor allem doch auf das theologische Gebiet oder zu dem
Grenzgebiet zwischen Theologie und Philosophie. Es konnte das zum Teil
darin seinen Grund haben, da der Dichter gerade hier dem Freunde am
ersten Gelegenheit gab zur Beobachtung und zum Widerspruch. Denn
Kestner, wie wir sahen, hatte und pflegte eine Stellung zur Kirche.
Und offenbar war es eigene Erfahrung des Berichterstatters, wenn er
rhmt, Goethe stre andere nicht gern in ihrer ruhigen Vorstellung.
Namentlich den Satz, der Dichter =glaube= ein knftiges Leben, einen
besseren Zustand, knnen wir auf eine bestimmte Erfahrung
zurckfhren, denn offenbar hatte Kestner hierbei ausschlielich oder
vorzugsweise jenes Gesprch kurz vor dem Scheiden im Auge, auf das wir
alsbald zurckkommen, und an diesem Gesprch nahm auch Lotte teil.
Diese Analogie aber zwingt uns auch da, wo seiner Fernhaltung von
Kirche, Abendmahl und Gebet gedacht wird, an bestimmte Gesprche zu
denken, wie ja auch der Zusatz: denn, sagt er, ich bin dazu nicht
genug Lgner, beweist. Ja nach der Analogie jenes Abschiedsgesprches
erscheint es uns nicht unwahrscheinlich, da Goethe sich ber solche
Fragen wohl auch unter vier Augen gegen Lotte ausgesprochen habe, in
deren Art es lag, ohne Umschweife solche Gewissensfragen zu stellen.
Bei dem lebhaften Gedankenaustausch der beiden Verlobten ber den
gemeinsamen Freund werden auch diese Seiten in ihm zur Sprache
gekommen sein. Ist es doch nicht unmglich, da jene Katechisation
Goethes im Faust auf solche Eindrcke zurckgeht. Denn schwerlich
beruht diese auf Erinnerungen an =Friederike=, weil Goethe in jener
Zeit noch anders stand und im Sessenheimer Pfarrhaus wohl am wenigsten
Anla zu solcher Gewissensprfung gab. Stellen wir dagegen die
Kestnerschen Memorabilien mit der Katechisationsscene im Faust in
Parallele, so ergeben sich frappante Analogieen.


Will Niemand sein Gefhl und seine Kirche rauben.

Du ehrst auch nicht die heil'gen Sakramente.

    *    *    *    *    *

Doch ohne Verlangen.
Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
Gefhl ist Alles.


strt andre nicht gern in ihren ruhigen Vorstellungen.

Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch
selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lgner.


[Er] hlt jedoch mehr vom =Gefhl= derselben (der Wahrheit), als
von ihrer Demonstration.


Kestner hat richtig gesehen, wenn er fand, Goethe sei =in principiis=
noch nicht fest, strebe erst nach einem System und sei ber gewisse
Materien noch nicht ruhig. Ein ruheloses Gren und Wogen, eine
Mischung von Elementen bezeichnete recht eigentlich damals den inneren
Zustand des Dichters. Ein theistisches und pantheistisches Element
lagen in ihm neben einander. Aber diese Gegenstze dulden auf die
Dauer keinen Parallelismus, das eine mu das andere ausstoen, und so
fhrte die natrliche Entwickelung Goethes dazu, da der Pantheismus
schlielich den Sieg davontrug. Dies geschah durch die Hinneigung zu
Spinoza, in dem er, wie nirgendwo sonst frher oder spter, die
Grundzge des eigenen Erkennens und Ahnens fand. Aber in Wetzlar war
er an diesem Punkte noch nicht angelangt. Und dieser Kampf zwischen
dem berkommenen Theismus und seinem werdenden Gegensatz ist der
Proze, den Kestner bezeichnen will. Wir wissen, da noch in der
ersten Hlfte des Straburger Lebens der christliche Theismus in
ungestrtem Alleinbesitz in dem jungen Dichter lebte, da er vollends
Spinoza -- allerdings ohne wirkliche Kenntnis -- weit von sich wies,
whrend ihn einzelnes in Giordano Bruno, dem pantheistischen Vorlufer
Spinozas, sofort packte und anzog. Vom Krankenbette in Leipzig
datierte jene Umbildung zum Positiven, die zwischen Leipzig und
Straburg liegenden anderthalb Jahre strkten sie, der tiefgehende
Einflu der Frulein v. Klettenberg und der Verkehr mit der
Brdergemeinde entwickelten sie ebenso, wie sie den Jngling dem in
Frankfurt herrschenden orthodoxen Luthertume immer feindlicher
stimmte. Der junge Goethe war mittelbar ein Zgling der
Brdergemeinde, wie es Schleiermacher unmittelbar war, und es ist
charakteristisch, da das =Gefhl= (das unmittelbare Bewutsein)
beiden, dem grten Dichter und dem ersten Theologen seiner Zeit, als
das religise Organ galt. Goethe, so lange er berhaupt noch mit der
christlichen Substanz in Verbindung stand, lie sich festhalten durch
den Grundgedanken der =gttlichen Liebe=, in der er Seele und Wesen
des Christentums erkannte. Hier lag fr ihn eine Zeit lang die
Gegenwehr wider die pantheistische Weltanschauung, der sich sein
inneres und eigentliches Wesen zukehrte, die aber damals noch nicht
die Herrschaft ber seinen Geist gewonnen hatte. In Wetzlar war er
auch hier auf sich selbst zurckgewiesen. In die Kirche ging er nicht,
auerhalb der Kirche fand er keine prinzipielle Frderung. Nur in
einzelnen Briefen mochte der verbindende Faden mit der frommen
Freundin in Frankfurt fortdauern. Es ist keine Spur davon erhalten.
Aber nirgends gehen die Andeutungen seiner religisen Polemik ber die
theistische Linie hinaus, wenn auch das spezifisch-christliche
zurckgetreten ist. Die Abweichungen mssen also noch innerhalb jener
Linie liegen. Und so ist es. Kein Bruch tritt uns entgegen; der
persnliche Verkehr mit dem persnlichen Gott im Gebet ist ihm nicht
vllig fremd geworden, doch hat er selten das =Bedrfnis=, zu beten.
Schon dies Gestndnis deutet auf hindernde innere Mchte, d.h. (von
ethischen Hemmungen abgesehen) auf den nicht ausgetragenen Gegensatz
pantheistischer Elemente gegen den alten Glauben. Doch zunchst sind
die innerkirchlichen Hauptdifferenzpunkte noch zu bestimmen. Wir
wagen eine Vermutung. Wenn Goethe seine damalige Differenz von dem
Glauben der Kirche unumwunden bekennt, so nehme ich an, da er dabei
hauptschlich =einen= Grundgedanken im Auge hatte, die [widerwillige]
Opposition gegen das Dogma von Snde, Bue, gttlicher Gerechtigkeit,
ewiger Verdammnis. Hieran vor allem nahm der Optimismus des Dichters
Ansto, und dies gerade war der Punkt, worin er sich, freilich in
=seiner= Art, damals mit seiner Freundin, der Frulein v. Klettenberg,
berhrte. Es war die Lehre von der =Apokatastasis=, von der
Wiederbringung oder Herstellung aller Dinge, der endlichen
Allbeseligung, die in jenen frommen Kreisen im Gegensatz gegen die
orthodoxe Kirchenlehre gehegt wurde. Seit dem Ausgang des 17.
Jahrhunderts war diese ursprnglich origenistische Lehre von
zweifelhafter biblischer Legitimation wieder aufgekommen. Die
Englnderin Jane Leade und der Deutsche J.W. Petersen, sich sttzend
nicht blo auf die betreffenden Schriftstellen, sondern auch auf
angeblich erhaltene besondere Offenbarungen, hatten die Lehre mit
Nachdruck verkndet. Der Anhang jener Englnderin, die
philadelphische Societt, dann Schriften von Petersen und L.
Gerhard, endlich die Berleburger Bibel, sorgten fr die Ausbreitung
der Lehre, der auch Zinzendorf, F. Christoph tinger, J.A. Bengel,
aber mit geheimnisvoller Zurckhaltung zustimmten. Ein =indirekter=
Beweis dafr, da diese Lehre auch an Goethe durch Vermittelung der
Klettenberg herangetreten war, liegt darin, da der Dichter den Grafen
Zinzendorf den Hllischen gegenberstellt. Aber wir besitzen auch
direkte und unwiderlegliche Zeugnisse dafr. In dem fast
gleichzeitigen Brief des Pastors u.s.w., worin die ewige Liebe
Gottes verkndet und von der Erbsnde wie von der wrklichen gesagt
wird, der Mensch knne nichts dafr, heit es: Ihr wit, lieber Herr
Amtsbruder, da viele Leute, die so barmherzig waren wie ich, auf die
=Wiederbringung= gefallen sind, und ich versichere Euch, es ist die
Lehre, womit ich mich insgeheim trste; aber das weis ich wohl, es ist
keine Sache davon zu predigen. Und in demselben Brief spricht er von
der ewigen wiederbringenden Liebe, der er alle Unglubigen
berlassen will. Ja auch der griechische Ausdruck (aus Apg. 3, 21)
findet sich bei Goethe (DjG. _III_, 23) wenn auch zu einer
ungriechischen =Ana=katastasis entstellt, an einer inhaltlich
brigens neutralen Stelle.

Was Goethe ber das groe Thema, das damals lebhafter denn je die
Geister beschftigte, gelesen, oder ob er sich an den Anregungen der
Klettenberg (von der wir brigens keinerlei Aussprche mehr ber jene
Lehre besitzen) und deren Verweisungen auf Zinzendorf gengen lie,
das lt sich nicht mehr feststellen. Seine Ephemeriden enthalten
nichts von der einschlagenden Litteratur, doch she es dem originellen
Grbler nicht hnlich, wenn er nicht auch selbstndige Wege gegangen
wre. Wahrscheinlich hat er sich, was die =Tradition= anlangt, auf
Zinzendorfische Auslassungen ber die esoterische Lehre beschrnkt.
Denn seine Bemerkung, =es sei keine Sache davon zu predigen=, stimmt
ganz mit den Bedenken des Grafen, der sie weder homilelisch noch
dogmatisch gelehrt haben will. So sagt dieser in den Reden ber die
Augsburgische Confession: Ich habe auch observirt, da die meisten
Pfarrer, die das ewige Evangelium glauben (und es glauben es mehr, als
es gestehen), faule Leute sind -- oben nennt er sie mausetodte
Leute --, die ihr Amt nicht thun und, wenn sie sehen, da sie mit
ihren Predigten in der Zeit Nichts ausrichten, sich mit der knftigen
Erlsung trsten. =Ich halte also dafr, da es eine weise Vorsehung
Gottes sei, da dergleichen Lehren und Principien auf den Kanzeln
verboten sind=, und da den Pfarrern ein Zaum und Gebi in's Maul
gelegt ist, da sie nicht von solchen Materien schwtzen drfen, davon
kein einziger ihrer Zuhrer einigen Nutzen hat, und davon sie auch
nicht Verstand genug haben zu raisonnieren, weil diese Materie in
solche Gottestiefen hineinschlgt, davon wir in den Heilands Reden
nicht ein einziges Wort, in der Apostel Schriften aber nur lauter
solche Spuren haben, daraus man keinen completen Satz formiren kann.
Neben dieser Erklrung gegen menschlichen Frwitz, die ihn die ganze
Lehre fr Spekulation, und weiter nichts erklren lt, steht aber
die strkste persnliche Hinneigung, die ihn diese Idee zu den
Grundprincipien und Centralerkenntnissen in der Kinder Gottes ihren
Herzen, zu den _arrta rhmata_ stellen lt, die nur unser Herz
fhlt. Wnsche gottseliger Herzen sind es ihm, und wenn man so
redt und wnscht, philosophirt man nicht, sondern man ist =in
ecstasi=, _pheromenos_ von der Liebe, die den Heiland ans Kreuz
gebracht hat, und darum gefallen dem Heiland seiner Kinder und Diener
absurde Wnsche besser als die Raisonnements der trockenen Leute, die
nicht wissen, was Liebe, was Feindesliebe, was Treue und Herzlichkeit
ist gegen allen Undank, Verdru und Verfolgung. Es sind ihm in der
That wirklich objektive Wahrheiten, die nur fr jetzt unter
konomisch-providentiellem Verschlusse liegen, und eben darum wollte
er Niemandem Brief und Siegel geben, da es geschehen werde.

Wir sehen, da wir nicht ntig haben, noch weitere Quellen als
Zinzendorfs Erffnungen fr Goethes Aneignung dieser Geheimlehre
anzunehmen. Auch hier ist die Beobachtung interessant, da der junge
Goethe und Schleiermacher, der halbe und ganze Jnger der
Brdergemeinde, bereinkommen, aber, was der Meister und Fhrer
Zinzendorf mit solcher Reserve bekannte, fast zum offenen Glaubenssatz
stempeln. Denn Schleiermacher (Glaubenslehre _II_, 551) hlt nicht
blo in der Jugendzeit, sondern sein Leben lang die Wahrscheinlichkeit
fest, da durch die Kraft der Erlsung dereinst eine allgemeinere
Wiederherstellung aller menschlichen Seelen (also nur dieser!)
erfolgen werde.

Wenn irgendein Satz Goethes inneren Widerstand gegen die christliche
Wahrheit apologetisch berwinden konnte, so war es =der= von der
schlielichen Wiederherstellung der Weltharmonie, in der die gttliche
Liebe triumphiere ber die starre Gerechtigkeit. Diese hoffende
Fernsicht auf die letzten Dinge war dem Dichter fast ebenso ein
sthetisches Bedrfnis, das den Kosmos dessen Idee nach, wie in seinem
Anfang und Ende als ein Kunstwerk ansah, wie ein ethisches. Gerade
aber die zweifelhafte biblische Begrndung dieser Lehre, die von ihren
Anhngern deshalb wesentlich durch das Vorgeben empfangener
Inspiration gesttzt wurde, empfahl sie dem Dichter nur um so wrmer,
dem Inspiration und Imagination verwandte Offenbarungsorgane waren,
und der an dem Mangel exegetischer Begrndung am wenigsten Ansto
nahm. Dabei lag es in seiner Natur, dem Aparten und Originellen mit
Vorliebe Raum zu geben. Dieser Satz von einer endlichen =restitutio in
integrum= scheint in der That das Bindemittel gewesen zu sein, das den
Dichter noch zeitweilig mit der christlichen Weltanschauung im
Zusammenhang erhielt. Und -- was bedeutungsvoll ist --man wird kaum
verkennen, da diese Lehre auch in der =Faustidee=, die sich damals
allmhlich in Goethes Bewutsein gestaltete, zur Geltung kam. Freilich
nicht absolut, sondern relativ und partiell nur, aber doch begegnet
sich das Finale des Faust mit jener Doktrin. Der teleologische
Grundgedanke des Dramas, die =Rettung= des Faust, =mute= von Anbeginn
feststehen, weil mit der auch =persnlich= genommenen Lehre von der
Wiederbringung -- wie wir sahen -- auch eine Herabsetzung der Snde
und Schuld nach Grad und Art fast notwendig verbunden war. Schlo das
Wesen der Menschennatur die Snde als unvermeidliche Lebensuerung in
sich, so da die Selbstverantwortung fr die =Schuld= zurcktrat, so
entsteht gewissermaen die gttliche Pflicht nicht blo einer
Veranstaltung zur Erlsung, sondern auch einer schlielichen Rettung
und Herstellung unter allen Umstnden. Diese Betrachtung fhrt den
Dichter zu dem Postulat einer ewigen Lebensversicherung. Und diese
Garantie, wo das =Ende= gesichert ist, lt nun freien Raum zur
ungehemmten Entfaltung der Krfte des strebenden und darum auch
irrenden Menschen, auch der titanischen, gegen Gott anstrmenden,
prometheischen Krfte. Wohl aber hlt er sich fern davon, auch die
Erlsung der Teufel aus der Hlle in sein groes Weltdrama einzuweben,
auch hier vielleicht durch Zinzendorf gewarnt; er setzt nicht eine
=absolute=, sondern nur eine =relative= Herstellung, =die= der
Menschenwelt, voraus; eine Annullierung jedoch der diabolischen
Einwirkungen, die in Fausts Verschreibung an Mephistopheles gipfelte.
Die Autonomie aber, die das anthropologische Moment in seiner freien
Berechtigung gegenber dem theologischen stark betont, lag dem
Menschen Goethe besonders am Herzen, wie auch der Dichter Goethe in
dieser Annahme den ungehemmtesten Spielraum fr die Gebilde seiner
Phantasie fand. Im Faust finden die beiden scheinbaren Gegenstze ihre
poetische Vershnung. Ob die logische oder ethische Vershnung
gleichermaen erreichbar, oder ob das Lebens- und Weltrtsel nun erst
recht rtselhaft werde durch die Verwandlung des sittlichen in einen
Natur-Proze, =die= Frage aufzuwerfen oder gar zu beantworten, das war
keine Forderung der Goetheschen Natur. Keineswegs aber wollte er
damals des gttlichen Faktors neben dem menschlichen entraten, den er
am Schlu der Dichtung wie seines Lebens betont:

     Wer immer strebend sich bemht,
     Den =knnen= wir erlsen;
     Und hat an ihm die =Liebe= gar
     =Von oben= teilgenommen,
     Begegnet ihm die sel'ge Schar
     Mit herzlichem Willkommen.

Auch einen =chronologischen= Fingerzeig enthlt diese Hypothese, nicht
zwar fr die Zeit der Geburt, der Anfnge der Faust=dichtung=, aber
fr die Empfngnis der Faust=idee=, insofern diese unter jener
Voraussetzung in einen Zeitpunkt fallen mu, wo sich noch kein Bruch
mit dem positiven Christentum, noch kein bergewicht pantheistischer
Weltansicht in dem Dichter vollzogen haben konnte.

Dabei bedarf es der Verwahrung nicht, da der Dichter nicht dem
Interesse an der Doktrin tendenzis die Absicht des Dramas entnommen
habe. Vielmehr war und erschien ihm der Stoff der Sage an sich
tiefpoetisch, aber der Schlssel zur Gestaltung des Stoffs, zur
Umbildung der berlieferung, der Wegweiser zum schlielichen Ausweg
lag allerdings in jener Ansicht von menschlicher Freiheit und
gttlicher Weltkonomie. Auch die Stockungen, die spter die Dichtung
erfuhr, erklren sich aus den inneren Wandlungen des Dichters, in
denen er zeitweise den ursprnglichen Schlssel verloren hatte.




=X.=

=Letzte Tage; Vorblick.=

Epilog.



Wir nehmen den abgebrochenen Lebensfaden hier wieder auf, um ihn bis
zum Ende der Wetzlarer Episode fortzuspinnen. Wir brachen ab in jenen
Augusttagen, wo sich Goethes Stellung zu Lotte Buff klrte durch deren
eigene klare Haltung und unzweideutige Erklrung. Der strmische
Jngling hatte den Widerstand einer reinen edlen Weiblichkeit
erfahren, die schon damals nach Grundstzen handelte, wie sie von
sich und anderen ihr Leben lang verlangte. Die natrlichen, gegebenen
Verhltnisse selbst hatten gesprochen, und Goethe wute, woran er war.
Die unmittelbare Folge war ein ruhigeres Verhalten, ein Kampf der
Selbstbeherrschung, und im Hintergrund stand der Gedanke an den nahen,
festbeschlossenen Abschied. Der Verkehr blieb ununterbrochen,
ungetrbt. Der Doppelgeburtstag Goethes und Kestners am 28. August
wurde gemeinsam im Deutschen Hause und originell genug gefeiert. Schon
am 27^sten brachte Goethe fast den ganzen Tag dort zu. Da wurden
Bohnen geschnitten bis Mitternacht, und der Geburtstag selbst
feierlich mit Thee und freundlichen Gesichtern und kleinen sinnigen
Gaben angetreten. Vierzehn Tage spter stand Goethe reisefertig. Man
stellt den, wie es schien, pltzlichen Abbruch des dortigen
Aufenthaltes in der Regel als eine =Flucht=, auch wohl als tapfere
Flucht dar, als eine Abkrzung also der anfangs geplanten Zeit, um
den Konsequenzen einer aussichtslosen Neigung zu entfliehen. Die
wirkliche Sachlage aber war eine andere. Schon bei seiner
Verabschiedung von den Darmstdter Freunden hatte Goethe ausdrcklich
erklrt, er kehre in =drei Monaten= von Wetzlar zurck. Und in der
That scheint ein Vierteljahr die gewhnliche Zeit gewesen zu sein,
binnen deren die jungen Praktikanten den Reichsproze erlernten. So
ist es von dem Freiherrn vom Stein z.B. ausdrcklich bezeugt. Nun war
Goethe einen vollen Monat lnger in Wetzlar, also kann nicht von einer
Verkrzung, sondern von einer Verlngerung mte die Rede sein. Da
Mercks Besuch in Gieen und Wetzlar gerade mit dem Vierteljahrstermin
zusammenfllt, und da es ausdrcklich bezeugt ist, da Merck den
Freund damals hat mitnehmen wollen, so drfen wir wohl annehmen, da
Goethes Familie den ursprnglichen Termin festhielt. Wir erinnern uns
nun, da wenige Tage vor Mercks Eintreffen das Wechselverhltnis der
wunderlichen Trias eine Art Krisis erfahren hatte, und es ist
anzunehmen, da Goethe von den liebgewordenen Menschen nicht unter dem
Eindruck dieser Krisis scheiden mochte. Er verabredete also mit Merck
einen spteren, aber bindenden Termin, wo sich die Freunde in Koblenz
im Hause der Frau de La Roche zu treffen versprachen. Htte Goethe
auch noch ber diesen Termin hinaus seinen Aufenthalt verlngert, der
nun durch nichts als durch seine Liebe motiviert erschienen wre, so
htte er dieses Motiv offen den Seinigen bekennen und vor seinem
eigenen Gewissen rechtfertigen mssen. Das konnte er nicht, und vllig
unabhngig war er nicht. Schon vorher hatte er Kestner einen Wink
gegeben, er werde pltzlich und ohne Abschied lahnabwrts gehen.
Freilich war das Band so fest geworden, da Kestner an die rasche
Lsbarkeit nicht glaubte. Auch wohl Lotte kaum. Das Brautpaar konnte
den Freund als dritten im Bunde kaum herausdenken aus der wunderlichen
Gemeinschaft.

Der 10. September war der letzte volle Tag in Wetzlar. Zu Mittag a
der Dichter bei Kestner in dessen Hausgarten, den wir kennen (S. 91).
Kestner wute nicht, was der Freund im Schilde fhrte. Ebenso wenig
wuten es die guten Leute im Deutschen Hause, als er dorthin seinen
gewhnlichen Abendgang richtete. Die Trias sa, wie so oft, noch
einmal zusammen; und ungewollt fhrte Lottens Ansto zu einem Gesprch
ber das Jenseits, von dem Zustande nach diesem Leben, vom Weggehen
und Wiederkommen, Ernst und Phantasie woben sich ineinander. Die
Freunde machten mit einander aus, wer zuerst strbe, sollte, wenn er
knnte, den Lebenden Nachricht von dem Zustande des Jenseits geben.
Goethe lie dem Gefhl und der Imagination freien Lauf, und wir knnen
denken, wie sein Innerstes sich in die Zeichen- und Bildersprache
kleidete. Goethe war bewegt, aber mehr von dem Gedanken an den
morgenden als an den ewigen Abschied. Welcher Geist brachte euch auf
den Diskurs, schreibt er, und ich war sehr gefat, aber euer
Gesprch hat mich auseinandergerissen. Und wre ich einen Augenblick
lnger bei euch geblieben, ich htte nicht gehalten. Die Nachwirkung
dieses Gesprchs war tief genug, um noch zwei Jahre spter zum
Niederschlag in dem Schlubrief vom ersten Teile des Werther zu
werden.

Der alte Amtmann begleitete ihn zum letztenmal die Treppe hinab. Die
tiefe Bewegung seines Herzens, die sich in einsamen Thrnen in
kummervoller Nacht Luft machte, spricht sich in den warmen
Abschiedszeilen Goethes an Lotte und Kestner aus. Sie wissen alles,
heit es an Lotte, wie glcklich ich diese Tage war. -- -- Immer
frhlichen Muts, liebe Lotte, Sie sind glcklicher als hundert, nur
nicht gleichgltig, und ich, liebe Lotte, bin glcklich, da ich in
Ihren Augen lese, Sie glauben, ich werde mich nie verndern. Adieu,
tausendmal adieu! Kestners Tagebuch hat uns aufbewahrt, wie das
Gefhl der Lcke ihn selbst und das ganze Deutsche Haus ergriff. Lotte
war betrbt, es kamen ihr die Thrnen beim Lesen der Abschiedszeilen
in die Augen. Vorher, auf die erste Kunde kehrte ihr bald der Humor
wieder, das beste Zeichen dafr, da von einer =Liebe= in dem Sinne,
wie sie Goethe zeitweise erstrebt hatte, bei ihr keine Rede war. Das
Motiv ihrer Thrnen war freundschaftliches Wohlwollen =und= wehmtiges
Mitleid. Als Goethes Grotante, von der eiligen Abreise des Neffen
unterrichtet, durch eine Magd in das Deutsche Haus sagen lie: Es
wre doch sehr ungezogen, da Doktor Goethe so ohne Abschied zu
nehmen, weggereist sei, lie Lotte zurcksagen: warum sie ihren
Neffen nicht besser erzogen htte? So spricht keine unglcklich
gewordene Liebe. Doch war es ihr lieb, da er fort war, da sie ihm das
nicht geben konnte, was er wnschte. Der Abschiedstag war ein Freitag.
Goethe aber ritt, von dem jungen Born bis gegen Braunfels begleitet,
in aller Morgenfrhe davon und wanderte dann allein das Lahnthal
abwrts. Er gedachte gegen Born noch des gestrigen Abendgesprchs, er
trug eine bekmpfte, aber noch unberwundene Liebe mit sich fort, war
aber auch um eine schwere und groe Lebenserfahrung reicher.

    *    *    *    *    *

Unsere Aufgabe im strengen Wortsinne ist abgeschlossen mit dem
Abschied des Dichters von der Reichsstadt an der Lahn. Nur noch ein
=epilogisches= Wort, das einen Ausblick ffnen soll auf die
Weiterentwickelung des Verhltnisses von Goethe zu Kestner und Lotte!
Dasselbe soll keineswegs alle ferneren Beziehungen der so eng
verbundenen Trias vorfhren, sondern nur die charakteristischen
Hauptzge des weiteren Verlaufs hervortreten lassen. Es war ein
schnes Leben, auf das ich ganz heiter zurcksehe, schreibt der
Dichter, wohl an die Parallele mit Sessenheim denkend, an Kestner. Auf
der Wanderung von Wetzlar thalabwrts nach Thal-Ehrenbreitstein lag so
zu sagen die ganze Linie von Erlebnissen, die spter dem Werther das
Leben gaben: die endende Liebe zu Lotte Buff und die keimende zu Maxe
de la Roche, den beiden Modellen des Romans, beide zusammengehalten
durch Jerusalems Geschick, das allerdings erst mehrere Wochen nach
Goethes Entfernung seinen tragischen Schlu fand. Noch einmal zog es
den Dichter bald nach Jerusalems Tod auf wenige Tage (vom 6. bis 10.
November) an den liebgewonnenen Ort, und die Art, wie er auch da
wieder mit den Insassen des Deutschen Hauses, vor allem mit Lotte
selbst verkehrte, zeigte mit zweifellosem Nachdruck, da die Eindrcke
von Ehrenbreitstein die von Wetzlar in keiner Weise berschattet
hatten. Vielmehr brachen bei diesem Wiedersehen die noch ungeheilten
Wunden aufs neue auf, und es waren hngerliche und hngenswerte
Gedanken, mit denen er zu ringen hatte. Seitdem hat Goethe Kestner
nie, Lotte erst in spten Jahren wiedergesehen. Wohl dachte er von
Weimar aus an einen Besuch in Hannover, aber es blieb bei Plnen.
Natrlich konnte jenes leidenschaftliche Verhltnis nicht andauern;
Lottens Vermhlung und Werthers Entstehung streifen den
leidenschaftlichen Charakter ab und bilden den bergang von der Liebe
zur Freundschaft, endlich zu leisem Verklingen. Der einst so
vollrauschende Strom wird zum bescheidenen Bach, einem der zahllosen
Zuflsse, die in des Dichters breit dahinstrmendes Leben einmnden.
Aber =ohne= solche Bche wre der Strom nicht so breit und tief
geworden. Die Werther-Briefe fhren uns in frischester
Unmittelbarkeit jene Stadien vor, die wir hier nicht nachzeichnen
knnen; aber ein nahes und treues Verhltnis blieb auch ohne Sehen,
auch trotz rumlich und innerlich weit auseinandergehender Lebenswege.
Kestner schlo am 14. April 1773 -- es war am Palmsonntag -- seinen
Ehebund mit Charlotte Buff. Der alte Vater wute wohl, was er that,
als er damals dem Schwiegersohne die lakonischen Worte ins Stammbuch
schrieb: =Finis coronat opus=. Zunchst blieb das junge Paar noch in
Wetzlar, dann siedelte es in Kestners Heimat, nach Hannover ber, wo
es bald Wurzel schlug. Goethe hatte die Trauringe besorgt und steckte
den ihm bersandten Brautstrau auf einer seiner Wanderungen nach
Darmstadt vor. Aber das schnste Denkmal nicht blo, sondern auch
=Grab=denkmal schuf er seiner =Liebe= im Werther; schaffend nach
Dichterart lie er die schne Wirklichkeit in dem schneren zweiten
Leben der Dichtung ausklingen. Doch diese =Prolegomena= zu Werther
haben den zwei Jahre spter erschienenen Roman nicht zu wrdigen,
dessen Einzigartigkeit darin liegt, da man darin, wie nirgendwo sonst
mit gleicher Evidenz, durch einen hellen Einblick in die
Dichterwerkstatt erkennen kann, wie dort die Poesie sich dem Boden
der Wirklichkeit entwindet. =Kann= aber eine groe Dichternatur =ein
solches= Erlebnis als bloe schlummernde Erinnerung, als poetisch
totes Kapital in sich herbergen? -- Gerade der Roman aber ward zur
harten Probe fr den Fortbestand der Freundschaft zwischen Goethe und
Kestner. Dachte Goethe in rcksichtslosem Dichterbermut daran -- doch
fehlten offenbar auch die gegenteiligen Gedanken nicht --, im
Anschauen der genialen Schpfung wrden die Freunde, wie er, =sich
selbst= vergessen oder statt einer indiskreten Blostellung eine Art
Apotheose in dem Werk erkennen, Kestner, der nchterne, konnte sich
auf diese nicht jedem zugngliche, vielen bedenkliche Hhe und in die
zu feine Luft nicht hinaufschwingen. Er sah darin eine Art Verrat des
alten Bundes, und er erschien sich selbst wie ein Opfer, dargebracht
den Gesetzen der Dichtung und dem Ruhme des Autors. Es widerstand ihm,
den schweren und schnen Sommertraum, der sein wirkliches Leben bis
in seine Tiefen bewegt hatte, nun als schtzbares Material poetisch
gebraucht, mibraucht zu sehen. Er am wenigsten vermochte das Gedicht
von der Geschichte zu lsen: Und das elende Geschpf von einem
Albert! -- Kestner warf dem Dichter geradezu vor, er habe den Rivalen
zum Klotz gemacht, um stolz auf ihn hintreten und sagen zu knnen:
Seht, was =ich= fr ein Kerl bin! -- In nichts konnte sich die
Verschiedenheit der Arten und Naturen so grell spiegeln als in diesem
Gegensatz des =realen= und =idealen= Bekenntnisses. Aber die Prfung
ward berstanden, nur nahm sich Kestner die Warnung eines Freundes zu
Herzen: =Il est dangereux d'avoir un auteur pour ami=. Die
Freundschaft der beiden Mnner blieb bis zu Kestners Scheiden, whrend
mit Lotte ganz naturgem die direkten Beziehungen zurcktraten.
Goethe lie den Faden nie ganz reien; zu der aufrichtigen Sympathie
fr den Jugendfreund gesellte sich die Dankbarkeit und eine Art
Schuldgefhl.

Um ihrentwillen werde ich sie alle lieben mein Leben lang, schreibt
Goethe -- schon am 16. Mrz 1773 -- an Kestner; und =nach= dem
Werther (Oktober 1774): Ja meine Besten, ich, der ich so durch Lieb
an euch gebunden bin, muss noch euch und euern Kindern ein Schuldner
werden fr die bse Stunden, die euch meine -- nennts wie ihr wollt,
gemacht hat. Kestner, bald milder gestimmt, nennt's Autor-Wrme,
oder =Entourderie=. Es liegt nahe, die parallele Lebensentwickelung
Goethes und des Kestnerischen Ehepaares zu berschauen, aber es thut
nicht not, dabei die eine der parallelen Linien, Goethes Lebensweg,
irgendwie zu charakterisieren. Dieser Weg ist allbekannt. Aber es ist
wie die Parallele zwischen dem glnzenden Weltruhm und der stillen
Tchtigkeit. Die Kluft zwischen beiden Seiten wird weiter und weiter,
die Kluft von Stand, Rang und Ruhm. Und doch =dauert= das Verhltnis,
und in =einem= Stck doch berragt das Lebensgeschick des glcklichen
Paares weitaus das des weltberhmten Dichters, in dem Frieden und
Glck einer durchweg befriedigenden, reich gesegneten Huslichkeit.
Ein kinderreiches Haus, wo die Eltern wieder jung werden konnten in
der Jugend wohlgeratener Kinder, die sie umgab. Kestner selbst erlebte
noch die Zeit der Reife fast von allen seinen Kindern. Die uere Lage
freilich war keine glnzende, kaum immer -- im Anfang der Ehe
wenigstens -- eine gnstige. Mit einem Gehalt von 350 Thalern, die
zwei Jahre spter auf 500 und wieder zwei Jahre spter auf 700 erhht
wurden, begann Kestner seinen Hausstand in Hannover als
Archivsekretr. Schmerzliche Vermgensverluste trafen ihn. Im Jahre
1784 wurde ihm der Charakter eines Rats, spter der Titel Hofrat
verliehen. Auch wurde er zum Lehnsfiskal und Kammerkonsulenten ernannt
und durfte daneben Privatprozesse bernehmen. Endlich war er als
Regierungsbevollmchtigter an den Verhandlungen des lneburgischen
Landtags zu Celle beteiligt. Noch einmal fhrte ihn ein amtliches
Interesse in die Nhe der Sttte seines Jugendglcks, dann auch in
diese selbst, wo sein alter Schwiegervater noch lebte. Er war nmlich
als Botschaftssekretr zur Kaiserwahl Leopolds _I._ nach Frankfurt
gesandt worden, eine Ehre, die ihm zwei Jahre spter, bei der Wahl
Franz' _II._ noch einmal widerfuhr. Damals, im Juli 1792, begab sich
auch Lotte mit ihrer ganzen Kinderschar und deren Hauslehrer -- eine
wandernde Karawane -- in das Elternhaus nach Wetzlar. Die Kinder
sollten doch ihr berhmt gewordenes Stammhaus mit Augen sehen. Nach
uraltem Herkommen wurde Kestner beide Male mit den brigen
protokollfhrenden Sekretren dem neuen Kaiser in einer Audienz
vorgestellt. Es wurde ihm damals von Gnnern und Freunden nahe gelegt,
um den Adelsbrief einzukommen, wie dies vonseiten der
Botschaftssekretre bei dem feierlichen Anla vielfach und meist mit
Erfolg geschah. Kestner aber antwortete, er wolle das lieber kommen
lassen, weil er den Adel nicht brauche und es von seinen Kindern noch
nicht wisse.

Erschien der Dichter auch nicht =persnlich= im Kestnerschen Hause, in
Briefen und in seinen Werken erschien er fortdauernd bis zu Kestners
Heimgang. Noch werden die Goetheschen Schriften, wie sie der Dichter
geschickt, von der Familie aufbewahrt, auch ein Schatz fr immer.
Das ursprnglich geschenkte Exemplar des Werther war, wie Kestner
schreibt, verloren gegangen. Doch befindet sich die Weygandsche
Ausgabe von 1774 in der Hinterlassenschaft. So auch die gesammelten
Schriften von 1787-89; Von Deutscher Baukunst, _D.M. Erwini a
Steinbach._ 1773. Verschiedene Schriften der Werther-Litteratur
schlieen sich an. Interessant ist, da sich auch die
Lebensbeschreibung Herrn Gtzens von Berlichingen, Nrnberg bei A.J.
Felsen von 1731 in der kleinen Sammlung findet, als htte Kestner,
etwa durch Lessing angesteckt, die Kunstform gegen den Rohstoff
abwgen wollen. -- Kestner starb zu Celle in Ausbung seines Berufes
am 24. Mai 1800.

Lotte hat ihre Heimat wiederholt wiedergesehen. Ihr Vater verschied
hochbetagt am 3. Januar 1795, aber auch dann fehlte es nicht an
Verwandtschaftsbeziehungen in jenen Gegenden. So fhrte sie wenige
Jahre nach dem Tode ihres Gatten die franzsische Occupation Hannovers
1803 in die alte Heimat zurck. Und es konnte nicht fehlen, da die
Berhrung mit diesem Boden auch die Erinnerung an den groen
Jugendfreund in ihr doppelt lebendig machte. Sie schrieb nach Weimar
und erhielt eine Antwort Goethes, die mit den Worten anhebt: Wie gern
versetze ich mich wieder an Ihre Seite zur schnen Lahn. -- Die
Erscheinung von Wahrheit und Dichtung frischte, so wenig unmittelbar
noch von des Dichters Jugendliebe darin pulsierte, doch die alten
Erinnerungen auf. Und diese Fhlung des Alters mit der Jugend mochte
der nun Dreiundsechzigjhrigen den Mut geben, den Freund aus uralter
Zeit noch einmal wiederzusehen. Lottens Schwester Amalie war in Weimar
seit 1791 mit Kammerrat Riedel vermhlt. Ein Besuch bei dieser
Schwester -- Anfangs Oktober 1816 -- wurde die Brcke, die Lotte auch
zu Goethe fhrte. Es war ein Wagnis, das nicht zu voller Befriedigung
gedieh und gedeihen =konnte=. Es lagen mehr denn vierzig Jahre
zwischen Jugend und Alter, und es war bedenklich, als eine jener
schwankenden Gestalten aus der Frhzeit seines Lebens vor den groen
Dichter zu treten. Wer vermag so lange abgerissene Fden in wenigen
Stunden wieder anzuspinnen? -- Doch dauerte bei Goethe der alte
Anteil. Als Eckermann mehrere Jahre spter (im Mai 1824) nach Hannover
reiste, trug ihm Goethe Gre an die alte Jugendfreundin auf. Noch
erlebte diese die Jubelausgabe von Werthers Leiden. Sie starb am 16.
Januar 1828, wie eine Patriarchin verehrt als das Haupt einer groen
Schar von Kindern und Enkeln.

Goethe hat Wetzlar seit jenem zweiten Besuch im November 1772 nicht
wieder gesehen. Als das Kestnersche Paar die Reichsstadt verlassen
hatte, war ihm das schne Thal wie ausgestorben. Wohl hat er es noch
einmal gestreift -- im Sommer 1815 --, aber bis Wetzlar kam er nicht.
Aber was von dort kam, erinnerte an alte unvergessene Zeiten. Als der
berhmte Philologe Fr. Gottl. Welcker, damals noch jung und unberhmt,
im Herbst 1805 auf einer Fuwanderung von Gieen nach Weimar-Jena und
Halle sich mit einem Empfehlungsschreiben auch zu Goethe wagte,
empfing ihn dieser stehend, in der Mitte des Zimmers, ein krftiger,
rstiger Mann, auch dem Anzuge nach mannhaft, etwa wie ein Forstmann,
und setzte sich mit ihm an ein Fenster. Er fragte den jungen Dozenten
und Gymnasiallehrer nach den wissenschaftlichen Zustnden Gieens. Das
Gesprch fiel auch auf =Wetzlar=. Welcker war, wie er selbst gesteht,
naiv genug, auch Werthersche rtlichkeiten (also wohl Garbenheim und
das Deutsche Haus vor allem) zu berhren. Da sagte Goethe: Ja, das
war ein Stoff, bei dem man sich zusammenhalten oder zugrunde gehen
mute. -- Als im Jahre 1820 ein Rekrut auf dem Marsch von Wetzlar
nach Berlin durch Weimar kam und in Goethes Gesichtskreis trat, wurde
er mit Geld beschenkt, zu Mittag bewirtet und nach der Familie Buff
und nach anderen Personen in Wetzlar und Garbenheim ausgefragt. --

Wir knnen diese wrmeleitenden Zge hier nicht weiter verfolgen. Es
wre eine solche Verfolgung wie ein weitstiger Stammbaum von
geistig-gemtlich-sittlichen Zusammenhngen, die sich von dem
Ursprung, dem Sommer 1772, zu weit entfernen.

Man kann aber Wetzlar und den dort verlebten Sommer nicht hinwegdenken
aus des Dichters Jugendleben -- =le printemps de son gnie=, wie es
ein Franzose nennt --, ohne ein vor vielen wichtiges Glied aus der
glnzenden Kette seiner Lebensstadien herauszureien.




=Quellen und Belege.=


=S. 2, Z. 2:= ber die mutmaliche Durchschnittszahl der von Goethe
geschriebenen Briefe f. =W.v. Biedermann=, Goethe-Forschungen, S. 360.

=S. 4, Z. 4:= Der Ausdruck stammt aus dem Briefe Goethes an Kestner
d.d. 25. September 1772, Nr. 11, S. 53.

=S. 5, letzte Zeile:= Aus =Eckermann= _III_, 37.

=S. 10, Z. 16 und 18:= Aus Herders Nachla߫ _III_, 182. Karoline
Flachsland an Herder d.d. 6. Februar 1772.

=S. 11, Z. 12:= So lautet bekanntlich die mehrfach bezeugte
berlieferung, doch mu ich bemerken, da der Name von Goethes Vater
in der Matrikel des Reichs-Kammergerichtes (s. unten S. 33) sich
=nicht= findet.

=S. 11, Z. 14:= Dies mchte man versucht sein, aus Goethes eigener
Andeutung in Wahrheit und Dichtung zu schlieen, wo es heit: Fr
einen frohen, vorwrtsschreitenden Jngling war doch hier kein Heil zu
finden u.s.w.; -- doch gebe ich das nur als Vermutung, denn die Worte
lassen auch eine engere Auslegung zu.

=S. 11, Z. 17:= Goethe hatte in seiner Eingabe bei dem hchsten
Gericht seiner Vaterstadt (vom 28. August 1771) u.a. bemerkt: Da mich
nhmlich, nach vollbrachten mehreren akademischen Jahren, die ich mit
mglichstem Flei der Rechtsgelehrsamkeit gewidmet, eine ansehnliche
Juristen Fakultt zu Straburg, nach beyliegender Disputation, des
=Gradus= eines =Licentiati Juris= gewrdiget; so kann mir nunmehro
nichts angelegner und erwnschter seyn, als die bisher erworbenen
Kenntnisse und Wissenschaften meinem Vaterlande brauchbaar zu machen,
und zwar vorerst als Anwald meiner Mitbrger in ihren rechtlichen
Angelegenheiten anhenden zu gehn, und =mich dadurch zu denen
wichtigeren Geschfften vorzubereiten, die, einer hochgebietenden
und= =verehrungswrdigen Obrigkeit mir dereinst hochgwillet
aufzutragen gefllig seyn knnte.= =G.L. Kriegk=, Deutsche
Kulturbilder aus dem achtzehnten Jahrhundert u.s.w., S. 265.

=S. 13, Z. 14:= Aus Herders Nachla߫ _I_, 32, mit Note 2.

=S. 14:= Zu dem Abschnitte Wetzlar bemerke ich im allgemeinen, da
meine Hauptquelle die Autopsie und rtliche Erkundigungen sind. Fr
das Geschichtliche, soweit dasselbe fr den Zweck dieser Schrift
wichtig und wesentlich ist, besitzen wir in =F.W. v. Ulmensteins=
Geschichte und topographische Beschreibung der Kaiserl. freyen
Reichsstadt Wetzlar (3 Bde. 1802-1810), ein stoffreiches Hilfsmittel,
das zwar, nach dem Standpunkte seiner Entstehungszeit, in der
Geschichte des Mittelalters im allgemeinen der kritischen Sichtung
entbehrt, fr das vorige Jahrhundert aber groenteils urkundlichen
Wert hat. Auerdem sind =Bschings= Erdbeschreibung _III_, 1040 u.
2058, Der Antiquarius des Lahnstroms (S. 440 ff.) und =Merians=
Topographie herangezogen. Einzelnes, doch nicht viel, bietet =Dr.=
=Paul Wigand= (der bekannte Jurist und Geschichtsforscher) in Wetzlar
und das Lahnthal, 1862.

=S. 16, Z. 7:= ber die Bedeutung der Namensform Wetasalar =s. W.
Arnold=, Deutsche Urzeit, S. 225.

=S. 17, Z. 12:= =_Merian_=, =Topographia Hassiae et regionum
vicinarum= 1655, _p._ 140.

=S. 21, Z. 18:= ber jene hessisch-wetzlarischen Hndel vgl. man auer
=Ulmenstein= _II_, 707 f. auch =O. Buchner=, Gieen vor hundert
Jahren, 1879, S. 104 f.; doch schpft dieser Abschnitt der kleinen
Schrift fast durchgehends aus Ulmenstein.

=S. 23, Z. 16:= ber die Zurckfhrung der Familie v. Klettenberg auf
ein wetzlarisches Patriziergeschlecht s. =Ulmenstein= _III_, 343.
Spter findet sich die Familie, und zwar unter den Geschlechtern der
Gesellschaft des Hauses =Frauenstein=, in Frankfurt a./M.; s.
=Lersners= Chronik _I_, 256. Der Stammbaum der Seiffart v.
Klettenberg, den =J.M. Lappenberg= in den Reliquien der Frulein
Susanna Katharina v. Klettenberg (am Schlu) zusammengestellt, geht
nicht bis zu der Wetzlarer Zeit zurck.

=S. 24, Z. 17:= =F.E. Laukhards= Leben und Schicksale _I_, 141.

=S. 26, Z. 3:= S. Gedichte von F.W. =Gotter= (1787-1802), Biographie
von Fr. =Schlichtegroll= _III_, 27.

=S. 26, Z. 8:= s. =O. Buchner= a.a.O., S. 1 f.

=S. 26, Z. 16:= s. =P. Wigand= a.a.O., S. 41.

=S. 26, Z. 24:= Nach mehrfachen vergeblichen Versuchen in Gieen und
Wetzlar gelang es mir, auf der groherzoglichen Hofbibliothek in
Darmstadt ein Exemplar der Wezlarschen (=sic=) Zeitung aufzutreiben,
die seit dem 1. Juli 1789 in dem Kammerat Seidelischen privilegierten
Zeitungscomptoir viermal wchentlich erschien, seit 1790 mit einem
Extrablatt ber die Reichshofrats-Sachen. Man vgl. =Schwarzkopf=, ber
Zeitungen, Frankfurt 1795, S. 30. -- Fr unsere unmittelbaren Zwecke
war also nicht viel zu entnehmen. Frher, zu Goethes Zeit, erschienen
auch, wie ich aus einem Citat ersehe, Wetzlarische Neuigkeiten fr
das Frauenzimmer vom Jahre 1773, doch besa die Darmstdter
Hofbibliothek kein Exemplar, und in Wetzlar selbst scheinen solche
Reliquen kaum mehr vorhanden oder sie verkriechen sich in
unzugngliche Winkel. Man sollte dort zu retten suchen, was noch zu
retten ist.

=S. 27, Z. 8:= s. =Laukhard= a.a.O., S. 138.

=S.27, Z. 10:= s. =Fr. Thudichum=: Das vormalige Reichs-Kammergericht
und seine Schicksale, in Zeitschrift fr deutsches Recht von Beseler,
Reyscher und Stobbe, Bd. _XX_, 1861, S. 202, nach v. Cramer (dem
Herausgeber der 128 Bde. Wetzlarische Nebenstunden, 1755-1772),
_Obsen_. _I_, 272.

=S. 27, Z. 25:= Nach dem Cameral-Kalender auf 1772.

=S. 30, Z. 2:= Steins Leben von =G. H. Pertz= _I_, 14-16. Pro
Memoria.

=S. 31, Z. 21:= =Ulmenstein= _II_, 666 und _III_, 167f., Nr. _XXIV_,
_Pro Memoria_.

=S. 32, Z. 14:= ber v. Spangenberg vgl. Chr. =Wilh=. v. =Dohm=,
Denkwrdigkeiten meiner Zeit _III_, 11, Note.

=S. 33:= Wir besitzen noch keine wissenschaftlich ausreichende
Monographie ber die Geschichte des Reichs-Kammergerichts und sind
darum noch immer auf die Schriften aus dem vorigen Jahrhundert
angewiesen, unter denen sich wohl manche gelehrte und grndliche
befinden, wie =die= von =Malblank= (Anleitung zur Kenntnis der
deutschen Reichs- und Provinzialgerichts- und Kanzleiverfassung und
Praxis, 4 Tle., 1799-1795), und =Hberlin= (Handbuch des deutschen
Staatsrechts), die aber doch den Anforderungen neuer
Geschichtschreibung nicht entfernt gengen; s. =Thudichum= a.a.O., S.
148. brigens findet sich zur Kontrolle und Ergnzung von Goethes
historischem Abri die Hauptlitteratur zusammengestellt in =Loepers=
Kommentar zu Dichtung und Wahrheit _III_, 318 f.

=S. 33 Z. 3 v.u.:= =L.v. Ranke=, Hardenberg _I_, 20 f. Nach Note 1 war
der junge v. Hardenberg am 15. Juli 1772 von der Heimat weggereist;
im Oktober war er in Darmstadt; ber Wetzlar, wo er sich gegen Ende
September aufhielt, teilt Ranke kein Wort aus Hardenbergs
Reisejournal, seiner Quelle, mit. Noch liegen Tagebuchaufzeichnungen
Kestners in dem Dresdener Familienarchiv vor ber Hardenbergs Reise
von Wetzlar nach Frankfurt, auf welcher Kestner den vornehmen
Landsmann begleitete.

=S. 34, Z. 11:= Goethe und Werther, Bd. _N._ 88, S. 193.

=S. 34, Z. 19:= Pertz _I_, 14. Steins juristischer Mentor war der
Assessor Hofmann, in dessen Hause er wohnte, der Grovater des
Geschichtsforschers _Dr._ Bhmer in Frankfurt a./M.

=S. 35, Z. 8 v.u.:= Von Goethes mutmalicher Lektre zum Zweck seiner
Episode ber das Reichs-Kammergericht in Wahrheit und Dichtung s.
=v. Loeper= a.a.O. Wahrscheinlich hat der Dichter, was Loeper nicht
bemerkt, zu gleichem Zweck auch =Ulmensteins= Geschichte von Wetzlar
eingesehen. Wenigstens steht sein Name unter den Abonnenten zu dem
Werk (_III_, 15), welches (_II_, 761) auch in einem besonderen
Paragraphen, mitten zwischen sehr heterogenen Stoffen, des Werther
als eines Meisterstckes der Teutschen Litteratur und Dichtkunst und
des Autors als eines der besten Kpfe unseres Vaterlandes gedenkt.

=S. 35, letzte Zeile v.u.:= Nach dem Kameralkalender auf 1772.

=S. 36, Z. 8:= So =Thudichum= a.a.O., S. 206.

=S. 36, Z. 8 v.u.:= Von allgemeinen Quellen ist =Huer=, Deutsche
Geschichte I, 74; K.A. =Menzel=, Neuere Geschichte der Deutschen (2.
Aufl.) VI, 87 ff.; auerdem sind =Ptters= Staatsverfassung III, 135
ff.; =Ulmenstein=, S. 733 ff. und =Thudichum= a.a.O. benutzt.

=S. 40, letzte Zeilen:= ber J. Ph. Falcke s. unter S. 89.

=S. 41, Z. 17:= s. =Ulmenstein= _II_, 755.

=S. 42, Z. 8 v.u.:= Warum soll Deutschland einen Kaiser haben? ohne
Druckort 1787, s. bei =Cl. Th. Perthes=, Das deutsche Staatsleben vor
der Revolution, S. 256.

=S. 43, Z. 3 v.u.:= s. =Kriegk= a.a.O. in der Einleitung zu Goethe
als Rechtsanwalt.

=S. 45, Z. 8 v.u.:= Karoline Flachsland an Herder d.d. 25. Mai 1772,
Aus Herders Nachla߫ _III_, 252; die Worte sind wohl Citate aus
Goethes Briefen an Lila (Luise v. Ziegler).

=S. 46, Z. 7:= ber Goethes Grotante Lange hat ausfhrlich gehandelt
H. =Dntzer= im Morgenblatt von 1864: Charlotte Buff und ihre
Familie, S. 1057. Ich trage aus dem Wetzlarer Kirchenbuch nach, da
dort aus der zweiten Ehe dieser Grotante mit dem Prokurator Hofrat
Lange vier Kinder eingetragen sind, nmlich: 1) Johannette Elisabeth
Christine, geb. 30. Mrz 1755; 2) Wilhelm Christoph Jakob, geb. 5.
Januar 1757; 3) Dorothea Henriette Marie Jakobine, geb. 30. September
1758; 4) Friedrich Ludwig Wolfgang, geb. 23. August 1760.

=S. 48, Z. 13:= In J.Ch. Kestners Nachla findet sich noch das
Dokument ber dessen Ernennung zum Minister vom 16. Oktober 1769.
Als Kuriosum mag es hier eine Stelle finden: _Wir Rochus_ Frst zu
_Bunpfskowitz, souverainer_ Herzog zu _Prohsutz_, Graf von _Litum_ und
_Mogath_, Herr von _Felfolks_ und _Zuarositz_ u.s.w. -- Demnach Wir
uns gndigst entschlossen haben, Unsern bisherigen _Titular_ Geheimen
Rath, auch Geheimen Regierungs Rath _Freyherrn von Kestner_ zu der
Wrde eines wrklichen Staats _Ministers_ zu erheben; Also wollen Wir
solches hierdurch mnniglich angezeiget und Ihn in der Qualitt als
wrklichen Staats- und Minister erkannt, auch mit dem Prdicat:
_Excellenz_ hinknftig begabt wissen. Zu dem Ende Wir auch unserm
Gro-Canzler Feldmarschall Grafen von _Wanderer_, den gndigsten
Auftrag gegeben, besagten _Minister_ Freiherrn _von Kestner_ in
nechster Session in das Geheime Rathscollegium zu introduciren.

Gegeben in Unsrer Residenz _Bunpfkowitz_ 10 Oct. 1769.

                    _ad Mandatum        Rochus.
     Serenissimi                        Welker._

=S. 48, Z. 17:= Man schrieb die poetischere Travestie des Ordens =H.
G. v. Bretschneider= (s. unten S. 56 u. 58) zu; s. =v. Loeper= a.a.O.,
S. 326. Bretschneiders Korrespondenz mit dem brandenburgischen
Legationssekretr Ganz im alten Ritterstil gab den Anla; s. Bltter
fr litterarische Unterhaltung 1851, Nr. 126. Reise nach London und
Paris, 1817, S. 313, und =B.R. Abeken=, Goethe in den Jahren 1771 bis
1775, S. 105, Note 2.

=S. 48, Z. 21:= =Gous= Masuren gehrt bereits zu den litterarischen
Seltenheiten. Hirzels so reichhaltige Goethebibliothek in Leipzig hat
das Stck nicht; ich habe es aus der Meusebachschen Sammlung der
kniglichen Bibliothek in Berlin erhalten. Die Namendeutung ist
schwierig und bedarf der Vorsicht. Auer Masuren selbst und Couci,
der Krone der Ritterschaft (S. 12), ist nur Fayel zweifellos. Der
Beweis fr die Identitt mit =Gotter= liegt in den Stellen S. 9, 23:
Fayel soll ein ganz vortrefflicher Acteur sein; S. 88: [Ich --
Fayel --] wrd's (nmlich die Kunde von Masurens Selbstmord) in eine
Epistel (d.i. die bekannte Epistel ber die Starkgeisterey)
hineinzubringen suchen. --ber weitere Namendeutungen s. =v. Loeper=
a.a.O., S. 325 (gegen =K. Goedeke=, Grundri, S. 715).

=S. 49, Z. 14:= ber =Gou= stellte schon =K. Goedeke= a.a.O., S. 663
f. das Wichtigste zusammen. Ich habe auerdem benutzt: =H. W.
Rotermunds= Gelehrtes Hannover _II_, XXV; =Mensel= _IV_, 312;
=Ersch= und =Gruber=, Encykl. _LXXVI_, 268; Allgemeine deutsche
Biographie _IX_, 521 ff. (der Artikel von Bodemann bringt wenig
Neues); Bltter fr litterarische Unterhaltung 1852, Nr. 52: Der
Ritterbund mit dem Orden des bergangs zu Wetzlar u.s.w., S. 1226
(nach =K. Goedeke=, Grundri, S. 664 von Fr. Voigts), wo ein Zeugnis
des Reichs-Kammergerichts-Assessors Frz. Dietr. v. Ditfurth ber Gou
angerufen wird. Jeder Ritter hatte neben dem Ordensnamen einen
Beinamen von einer persnlichen Eigenschaft, z.B. der Eigensinnige,
der Streitbare, der Vorsichtige u.s.w. Noch ist nachzutragen, da Gou
eben seines ungeordneten Wesens und Lebens wegen seine Wetzlarer
Stelle aufgeben mute. -- Manches habe ich aus J.Chr. Kestners
Aufzeichnungen brauchen knnen. Unter dessen hinterlassenen Bchern
finden sich, vermutlich als des Autors Geschenk, verschiedene Dramen
seines Landsmannes.

=S. 53, Z. 1:= Die Litteratur ber Gotter im allgemeinen
zusammenzustellen, wrde hier zu weit fhren. Das Wichtigste ist,
neben den Gedichten selbst, das von Fr. Schlichtegroll gezeichnete,
freilich weitaus berschtzende Lebensbild in =Gotters= Gedichten
_III_, >_XIII-LVI_. Eine kurze Skizze giebt auch die Allgemeine
deutsche Biographie" _IX_, 450 f. (von J. Franck).

=S. 53, Z. 11 v.u.:= So =Sonnet sur Madame Caroline Lanchery, 
l'occasion du ballet de Diane et d'Endymion= a.a.O., _p. XXIII_.

=S. 54, Z. 5 v.u.:= Von kleinen Arbeiten Goethes, zu denen Gotter
angeregt haben soll, ist uns nichts bekannt als die Notiz von einer
(unverffentlichten) bertragung von =Goldsmiths= =Deserted
village=.

=S. 54, letzte Zeile:= Die Stellen ber Goethe stehen: Goethe und
Werther, s.S. 62. 64. Die zweifelhafte Stelle _d.d._ 24. Juni 1784
(S. 261): G.... konnte euch wenig von mir sagen, ich habe nichts
gemeines mit ihm. Es ist ein triger Mensch, der sich zu Grunde
richtet, kann kaum auf einen anderen als auf Gotter gehen; denn an
Gou ist wohl nicht zu denken?

=S. 55, Z. 15:= ber die Beziehungen Gotters und Boies in Gttingen s.
H.Chr. Boie von =K. Weinhold=, S. 20 ff. 146 ff.

=S. 55, Z. 21:= s. =Weinhold= a.a.O., S. 22. 232 ff.

=S. 55, Z. 6 v. u.= und die =vorletzte Zeile:= =Gotters= Gedichte
_III_, _XXVII_.

=S. 56, Z. 17:= s. Goethes Werke _ed._ Hempel _III_, 142.

=S. 56, vorletzte Zeile:= Man vgl. ber Kielmannsegge =Weinholds=
Boie, S. 37 und 250, Note 1.

=S. 57, Z. 18:= s. Berichtigung der Geschichte des jungen Werthers,
1775, S. 9.

=S. 58, Z. 1:= Ich hoffe, das Richtige getroffen zu haben, wenn ich in
dem Abonnenten-Verzeichnis zu =Ulmensteins= Geschichte Wetzlars den
Prsidenten in Gstrow und Goethes Jugendfreund fr ein und dieselbe
Person halte. Dies noch bestimmter festzustellen, fehlte mir die
Gelegenheit.

=S. 58, Z. 7 v. u.:= Ernst Friedrich Hektor =Falcke=, Sohn des S. 40
und 89 erwhnten Johann Philipp Falcke, war 1751 geboren zu Darmstadt,
wo sein Vater zeitweise im Justizdienste stand, machte nach seinem
Wetzlarer Aufenthalt von 1774-1775 Reisen in Italien, wurde 1784
Brgermeister der Altstadt Hannover und starb dort 1809; s.
Allgemeine Biographie _VI_, 543 (von Fr. Frensdorff). Sein Name
kommt mehrfach in den Werther-Briefen vor.

=S. 59, Z. 20:= Besonders wichtig fr Jerusalem sind die von O. v.
Heinemann im Neuen Reiche" 1874 _I_, 970-980 verffentlichten Briefe
aus der Wolfenbttler Bibliothek. Die brigen Quellen, auer den
bisher ungedruckten, sind bekannt und von Loeper a.a.O. citiert.

=S. 61, Z. 16:= ber Nieper s. [v. Breidenbachs] Berichtigung
u.s.w., S. 9; ebenda S. 15 ber die Freundschaft mit =v. Schleinitz=.

=S. 61, Z. 5 v. u.:= =Gotters= Gedichte" _III_, _XXIX_.

=S. 63, Z. 12:= Ein Bild von Jerusalem ist unsers Wissens noch nicht
verffentlicht. Doch giebt es ein solches, das mir als Photographie
vorliegt, von dem zehnjhrigen Knaben. Es soll von einem lteren
Mitschler herrhren, aber, wie die jngere Schwester, Friederike
Jerusalem -- spter Chanoinesse (Klosterstelle) in Wlfinghausen,
geboren 1759, selbst Dichterin und Herausgeberin mehrerer Schriften
ihres Vaters --, bezeugt, dem unglcklichen Bruder sehr hnlich
gewesen sein. In der That stimmt das Bild zu dem runden hbschen
Gesicht, den weichen ruhigen Zgen, den anziehenden blauen Augen nach
Goethes Schilderung.

=S. 64, Z. 4 v.u.:= So Masuren, S. 10. 24: Der alte pnktliche
Narr, Der krimmische Grtzkopf, Die tatarische Excellenz, Ein
seltsames Gemisch von Stolz, Unsinn und Unvertrglichkeit.

=S. 69, Z. 12:= Berichtigung, S. 12.

=S. 69, Z. 22:= s. =O. v. Heinemann= a.a.O. Der nachfolgende Brief des
Abtes Jerusalem aus dem Kestnerschen Familienarchiv war bisher
ungedruckt.

=S. 70, Z. 22:= Das Wechselverhltnis zwischen Goethe und Lessing hat
krzlich (seit =Danzel-Guhrauers= Lessing-Biographie, 2. Aufl. von
Maltzahn und Boxberger _II_, 360 ff.) eine grndliche Behandlung
erfahren durch =W. v. Biedermanns= Goethe und Lessing im
Goethe-Jahrbuch von L. Geiger _I_, 17-44, worauf wir im allgemeinen
verweisen knnen. Doch hat Biedermann gerade die Stellen aus Werther
und deren Widerlegung in Philosophische Aufstze von Karl Wilhelm
Jerusalem, herausgegeben von G.E. Lessing, 1776, S. 4 ff.
auffallenderweise unbercksichtigt gelassen.

=S. 75, Z. 17:= Man sehe bei =E. Schmidt=: Richardson, Rousseau und
Goethe, S. 228 ff. die einschlagende Litteratur.

=S. 79, Z. 6 v.u.:= Zu der Stelle aus Goethes Rezension (Frankfurter
gelehrte Anzeigen vom 22. Mai 1772) von J. V. Sonnenfels giebt durch
Ideen- und Stimmungs-Association eine interessante Parallele der Vers
in dem gleichzeitig entstandenen Gedichte Felsweihe an Psyche
(Karoline Flachsland):

     Da wo wir lieben,
     Ist Vaterland;
     Wo wir genieen,
     Ist Hof und Haus.

=S. 81, Z. 18:= Man vgl. =E. Schmidt= a.a.O., S. 184 ff.

=S. 85, Z. 17:= Diese Dorftradition ist mir selbst vor einem halben
Jahr noch in Garbenheim zu Ohren gekommen. Man vgl. brigens den
Garbenheimer Ruheplatz u.s.w. bei =J. W. Appell=, Werther und seine
Zeit, S. 68 f. Der =Sohn= war der =Hans= Bamberger im Werther.

=S. 87, Z. 1:= Die gedruckte Hauptquelle ber Kestners Leben in
Wetzlar ist natrlich sein Briefwechsel mit Goethe, aus dem ich indes
nicht fr erforderlich hielt jede einzelne Belegstelle zu bezeichnen.
Mir ermglichte der Einblick in die Tagebcher, Briefe und
gelegentliche Aufzeichnungen, das urkundliche Material berall zu
vervollstndigen.

=S. 89, Z. 6:= ber A.v. Hennings enthalten meine Biographieen von M.
Claudius und J. H. Vo mannigfaches Material, worber die
betreffenden Register orientierende Auskunft geben. Eine kurze, aber
wertvolle Lebensskizze hat neuerdings die Allgemeine deutsche
Biographie _XI_, 778 von der Hand des Historikers W. Wattenbach,
eines Verwandten von Hennings, gebracht. Hennings, Sohn des Etatsrats
Martin Nikol. Hennings, war geboren 19. Juli 1746 zu Pinneberg in
Holstein, starb am 17. Mai 1826 zu Ranzau in Holstein. Er hatte ein
Jahr lang (von 1760 auf 1761) auch das Gymnasium in Hannover besucht,
von 1763 bis 1766 in Gttingen mit seinem Bruder gemeinsam studiert
und promoviert, von St. Ptter mit einem glnzenden Zeugnis
ausgerstet. Das Xenion gegen A.v. Hennings (Nr. 257, G.d.F.)
lautet:

          Dich, o Dmon, erwart ich und deine herschenden Launen,
           Aber in hrenem Sack schleppt sich ein Kobold dahin.

=S. 89, Z. 20:= ber J.Ph.K. Falcke vgl. oben S. 40. Auch ber ihn hat
=F. Frensdorff= in der Allgemeinen deutschen Biographie _VI_, 543
ausreichend gehandelt. Er war geboren 1724 zu Elze und starb 1805 als
Justizkanzlei-Direktor (seit 1787) in Hannover. Er war seit jungen
Jahren Ptters vertrauter Freund. In Wetzlar lebte er von 1767-1776.
Spter fungierte er in seinem Vaterland auch als _advocatus patriae_
d.h. als Rechtskonsulent der Landesregierung, namentlich in Prozessen
ber Gerechtsame des Frsten.

=S. 95, Z. 5 v.u.:= Berichtigung u.s.w., S. 8.

=S. 99, Z. 14:= Man vgl. =H. Dntzer= im Morgenblatt von 1864, S.
1086.

=S. 101, Z. 4 v.u.:= Die Stelle aus v. Cronegks Codrus steht in der
Ausgabe von 1761, Akt _IV_, Sc. 7, V. 23 in Medons Monolog.

=S. 102, Z. 10:= Das seltsame poetische Aktenstck lautet
buchstblich:

                           An die
                    =Frau Amtmannin Buffin=
                 gebohrene =Feilerin= in Wetzlar
                             von
             Ihrem ergebensten Verehrer und Vetter
                 =Ernst Christoph Dresler=.
                             1769.

     Noch prangt dein Antlitz mit des Sommers Jugend
     so, wie dein Hertz mit himmlisch hoher Tugend;
     du zeigst was Menschen Lieb und Freundschaft ist
     und da du stets der Schmuck der Frauen bist.

       Geschmack im Thun und Laen, holde Wonne,
     und Schertz und Freuden, heiter wie die Sonne,
     bald Ernst und Sanfftmuth, bald Gelaenheit,
     sind stets abwechselnd um Dich herverbreit.

       Der beste Mann, vom Ewigen Dir beschieden
     und Dir geschenkt, mit ihm in Ruh zufrieden
     zu leben, und mit ihm beglckt zu seyn;
     ist Dir auf Erden himmlisches Erfreun.

       Welch Glck umringt dich. Sieh nur! ohne Mngel,
     o welche Wohllust!, sieh nur! lauter Engel
     siehst du in deinen Kindern um dich stehn
     ach, Freundin! schners hab ich nie gesehn.

       Schau _Carolinens_ Reitz! Ihr sanfftes Ween,
     Ihr Hertz, das sich zum Vorwurf stets erleen
     was nur dein Auge will. Sie sieht dirs an
     ein Wink! so ist schon was du wilt gethan.

       Umhllet dich zu Zeiten trber Kummer,
     ernsthaftes Ween, oder sanffter Schlummer;
     so schertzt und bndelt _Lotchens_ munterer Sinn
     und spricht und lacht. Nun sag: wo ist dein Kummer hin.

       Wie aufmerksam, geschftig, unverdroen,
     noch Kind, doch weit entfernt von ihren _Possen_
     ist _Lengen_. Alle Art von Hulichkeit
     in ihrem Thun; dis ist was dich erfreut.

       Nicht seine Zeit unntzlich zuzubringen,
     nein. Schon beschfftiget mit hhern Dingen
     eilt schon dein _Hans_ im Geist mit khnem Sinn
     zum _Procurator_ und _Assessor_ hin.

       Mit deinem _Wilhelm_ bist du auch zufrieden.
     Was ihm in Zukunfft vor ein Loo beschieden
     wei der, der alle Dinge wei und sieht
     und welche Freude dir in ihm noch blht.

       Ein immer whrendes dir eigenes ziehen
     vermischt mit Ernst und Liebe reitzt Sophien
     macht da ihr braunes Auge nach dir blickt
     da sie die Puppen lst, sich setzt, und, strickt.

       Wenn dir dein _Fritz_ bald di bald jenes saget,
     wenn er der Loe! den, bald die verklaget;
     dis ist ein Zeit Vertreib. Es komt die Zeit
     gewi sie komt, da er dich gantz erfreut.

       Der liebe _Georg_, der Hoffnung schnste Blhte
     bezeiget sein Gesicht und gut Gemthe;
     welch eine Lust fr dich! wenn er geschickt
     einst dich, die Seinigen durch sich beglckt.

       _Amaliens_ dir werthe Schmeicheleyen,
     wie englisch men die dich nicht erfreuen?
     Sie tantzt und spielt und plaudert dir was vor,
     schafft Freuden deiner Brust wie deinem Ohr.

       Wenn _Albrechts_ munterer Geist ein wenig schwrmet
     mit seinem hlsernen Engelnder lrmet;
     sein Spiel ist Lust fr dich. Wilt dus nicht mehr
     so wird er wrcklich zum _Secretair_.

       Auch _Ernst_ ist deine Lust. Sein junges Dencken
     wird dir in Zukunfft schon noch Freuden schenken
     du wirst ihn immer heitrer lchlen sehen.
     Wie offt und gern wird er noch zu dir gehen.

       Und _Louys_ des gtgen Himmels jngste Gabe.
     O da er doch stets sanfften Schlummer habe,
     von Engeln ihn bewachendt eingewigt
     wenn er in deinen Armen schlaffen ligt.

       Sieh! welch ein Choor von Engeln welche Freude?
     Welch irdisch Wonne? Welche Augenweide?
     Welch blhend knfftiges Glcke zeigt sich hir
     in allen deinen Kindern, Freundin dir.

       Wie glcklich wirst du seyn, wenn diee Freuden
     dereinst sich dir verdoppelnd schon verbreiden
     wenn Schwieger Shn und Tchter Seegen blhn
     und sich um deine Lieb und Huld bemhn.

Ehringshauen den
  10 Aprl. 1769.                   _Christoph Ernst Reiz._


=S. 103, Z. 10:= Klinger in der Sturm- und Drangperiode von =M.
Rieger=, S. 36.

=S. 104, Z. 15:= Da Lotte musikalisch gewesen, beweist schon
Werther; auch wird das Klavier im Werther-Zimmer zu Wetzlar noch als
Reliquie aufbewahrt. Was ihr Zeichnen betrifft, so bewahrt ein
Landpfarrer in der Wetzlarer Gegend noch ein Aquarellbild von Lottens
Hand, Wetzlar nach der Garbenheimer Seite darstellend, als Albumblatt.

=S. 104, Z. 19:= Man erinnert sich der Stelle im Werther (Brief vom
16. Juni; D.j.G. _III_, 258), -- zugleich Goethes vielsagende
Huldigung fr den Odensnger.

=S. 106, Z. 8 v.u.:= Brief von Schillers Witwe an Knebel.

=S. 110, Z. 2 v.u.:= Dieser Bericht in den Wertherbriefen Nr. 2 (S.
40) wird dort als Fragment eines Brief-Entwurfs bezeichnet. Der
Brief war fr Hennings bestimmt, ist aber nicht expediert worden.

=S. 112, Z. 10. v.u.:= Man vgl. =E. Schmidt= a.a.O., S. 202.

=S. 114. Z. 2 v.u.:= Ich hatte in Kestners Papieren den Namen des
Hauses in dem nassau-weilburgische Dorfe Atzbach (schon im M.-A. als
Adispach vorkommmd), in der Mitte zwischen Wetzlar und Gieen gelegen,
gefunden, das auch Goethe, durch die Familie Buff dort eingefhrt,
manchmal besuchte. Wie ich erst jetzt sehe, findet sich der Name
=Rhodius= bereits in dem Aufsatz von =H. Dntzer= (Morgenblatt von
1864, S. 1084), aber als =unsicher= bezeichnet. Die Sache ist aber
tatschlich. Vielleicht die leidende Frau im Werther (1. Juli;
D.j.G. _III_, 263)? Denn da in dem Hause Krankennot drckte, scheint
aus mehreren Stellen der Werther-Briefe hervorzugehen. Frau
Rentmeister Rhodius soll -- wie man mir von dort schreibt --, nachdem
sie als Witwe lngere Zeit in Wetzlar gelebt, dort 1816 gestorben
sein.

=S. 114, Z. 11:= So Werther-Briefe, S. 46 u. 158; -- brigens eine
freie Anspielung auf eine Stelle in =Rousseaus= =Nouv. Heloise=, s.
=E. Schmidt= a.a.O., S. 124; =v. Loeper=, S. 341.

=S. 115, Z. 11:= Das Exemplar der Moralischen Erzhlungen und Idyllen
von Diderot u. S. Gener 1772, mit der Inschrift der Eigentmerin
Charlotte Buff befindet sich noch in der kleinen hinterlassenen
Bchersammlung Kestners; vermutlich das Rezensionsexemplar Goethes,
der das Buch in den Frankfurter gelehrten Anzeigen, Nr. _LXVIII_, S.
136, vom 25. August 1772 angezeigt hatte.

=S. 115, Z. 12:= Da Viehoff (Erluter. 1, 191; _III_, 420) das
Gedicht =Brief an Lottchen= (D.j.G. _II_, 35) mit Unrecht auf Lotte
Buff bezogen hat, bemerkt schon =Th. Bergk=, Acht Lieder von Goethe,
S. 16.

=S. 120, Z. 21:= Es ist bekanntlich die Werther-Stelle (13. Mai;
D.j.G. _III_, 238).

=S. 121, Z. 18:= Die Zuverlssigkeit von Goethes Angaben u.s.w. in
=L. Geigers= Goethe-Jahrbuch, S. 141 ff.

=S. 123, Z. 17:= Werther-Briefe, S. 173.

=S. 125, Z. 12:= Die merkwrdige Rezension steht Frankfurter
gelehrte Anzeigen", Nr. _LXX_ vom 1. September 1772, S. 555-558;
D.j.G. _II_, 439.

=S. 128, Z. 15:= Dies folgt aus dem falsch datierten Brief bei K.
Wagner _III_, 22, der ins Frhjahr 1772 fllt. Merck schreibt seiner
Frau: =Si tu pouvais faire parler  Jaup= (Professor in Gieen) _pour
un lit chez lui dans sa grande chambre pour Goethe et moi._"

=S. 129, Z. 8:= ber =Merck= kann man nun auer den fr das
Verstndnis des merkwrdigen Mannes grundlegenden und bahnbrechenden
drei Briefsammlungen =K. Wagners= (von A. Stahrs wenig bedeutender
Leistung abgesehen) auf =G. Zimmermann=: J.H. Merck (1871) verweisen
und speziell auf die allgemeine und allseitig abwgende
Charakteristik, S. 550 ff. ber die Gieen-Wetzlarer Zusammenkunft
Goethes und Mercks bringt die Biographie allerdings nichts Neues, s.S.
131 u. 161 ff. --Dagegen giebt sie ein ausgefhrtes Charakterbild
=Hpfners=, S. 129 bis 150, auf das ich hier verweise. Auch die
wesentliche Litteratur ber Hpfner findet sich dort S. 129, Note 7
zusammengestellt. In der Hauptquelle Leben und Charakter etc. (mit
einem trefflichen Portrt Hpfners) von H.B. =Wenck= fllt es auf, von
einem Verhltnis Hpfners zu Goethe kein Wort zu lesen. Hpfner ist
auch ziemlich der einzige Professor, den =Laukhard= a.a.O., S. 72
ungergt lt; -- immerhin eine _vox populi academici_.

=S. 130, Z. 7:= =v. Loeper= a.a.O., S. 344.

=S. 130, Z. 10:= ber das damalige Gieen s. =Laukhard= a.a.O., S. 67
ff.; _Dr._ =C. Fr. Bahrdts= Geschichte seines Lebens u.s.w. _I_, 152
ff.; vgl. _Dr_. =O. Buchner=, Gieen vor hundert Jahren (1879), z.B.
ber Universitt und Studentenleben, S. 28-55. Der Abschnitt Goethe
in Gieen, S. 55-60 enthlt brigens nichts Neues. Fr die
studentischen Zustnde bietet am meisten =Laukhard= a.a.O. _I_, 93 ff.

=S. 132, Z. 1:= Goethes Anzeige von Bahrdts Eden steht in den
Frankfurter gelehrten Anzeigen vom 19. Juni 1772, Nr. _XLIX_,
385-87; D.j.G. _II_, 435.

=S. 134, Z. 18:= ber die Schilderung der ersten Bekanntschaft Goethes
und Hpfners s. =K. Wagner=, Briefe aus dem Freundeskreise u.s.w., S.
186, Note.

=S. 136, Z. 14:= So lehrte Hpfner (Naturrecht des einzelnen
Menschen, der Gesellschaften und der Vlker,  175 u. 176): Zur
Errichtung eines Staates gehren notwendig drei Vertrge: der
Vereinigungsvertrag, der gesellschaftliche Vertrag und die Verabredung
ber das Staatsgrundgesetz. Alle diese Vertrge mssen die
Eigenschaften haben, die zu einem gltigen Vertrage gehren.

=S. 138. Z. 4 v.u.:= s. Weimarer Jahrbuch von 1855 _III_, 65; der
Brief ist vom 16. August 1772.

=S. 139, Z. 12:= Von dem viel schreibenden und wenig geltenden =C. H.
Schmid= hier eingehend zu handeln, lag kein Anla vor. Alles
Wichtigere hat v. Loeper zusammengestellt a.a.O., S. 346; doch fehlt
dort die Erwhnung =Laukhard= a.a.O., S. 77 ff., woraus wenigstens die
ffentliche Meinung der Studenten ber den Reimenschmid entnommen
werden kann. ber die ble Behandlung, die Schmid in Gieen von der
verbndeten Trias erfuhr, vgl. vor allem auer K. =Wagner=, Briefe
_III_, 186; Weimarer Jahrbuch _III_, 66 (Hpfner an Raspe d.d. 19.
Oktober 1772). Diese Stelle verbietet, wie schon mein Vorwort
berichtigt, den =Schlu= meiner Annahme, da =Schlosser= (statt Merck)
bei der Persiflierung Schmids mitgewirkt habe oder anwesend gewesen
sei.

=S. 142, Z. 1:= Die Lieder-Trias s. D.j.G. _II_, 20-28; bei Hempel
III, 35-39.

=S. 142, Z. 6 und 10:= Die Ausdrcke sind einem Briefe an seine Gattin
entnommen; s. =K. Wagner= _III_, 21.

=S. 142, Z. 9 v.u.:= Schon =Th. Bergk= a.a.O., S. 67, 85 u. 89 hat von
der Chronologie dieser Gedichte gehandelt. Inbezug auf das
Morgenlied hat schon =Merck= selbst, der das Lied eigenhndig
kopiert hatte (Br. _II_, 38), bemerkt, vermutlich sei es gesungen
worden, als der Dichter auf seiner Reise nach Wetzlar den Turm zum
letztenmal sah.

=S. 143, Z. 2:= Aus Herders Nachla߫ _III_, 239.

=S. 144, Z. 6 v.u.:= Aus Herders Nachla߫ _III_, 226 u. 262. --Die
neuere Litteratur ber den Wanderer hier anzufhren, thut nicht not.

=S. 145, Z. 7=: Goethe und Werther, S. 151 und 182.

=S. 147, Z. 14=: z.B. =B.R. Abeken= a.a.O., S. 121: Von kleineren
Gedichten aus der wetzlarischen Periode wissen wir nichts Bestimmtes;
doch wre es zu verwundern, wenn Lotte nicht solche eingegeben haben
sollte; gar manches aus jenen Jahren, da der Dichter, wie er selbst
sagt, dessen wenig achtete, ist zerstoben; s. Note 3 die Stelle aus
=Eckermann= _III_, 19. Da aber weder Proben noch Spuren lyrischer
Produkte aus dieser Zeit, vielmehr die Versicherung des Vakat
vorliegt, so ist es richtiger und wichtiger, die Ursachen dieses
Schweigens, wie ich gethan zu haben meine, nachzuweisen, als
Thatsachen zu erdichten oder zu vermuten.

=S. 149, Z. 17:= Aus Herders Nachla߫ _I_, 35.

=S. 150, Z. 5 v.u.:= s. oben zu S. 56.

=S. 150, Z. 17:= =Gous= Masuren, S. 9.

=S. 152, Z. 19:= Aus Goethes Frhzeit, S. 76; vgl. Deutsche
Rundschau, Augustheft 1878, Bd. _XVI_, S. 329.

=S. 154, Z. 11:= In =diesem= Punkte also, d.h. in der Annahme, da
Goethe in Wetzlar noch nicht an dem Faust-Drama gearbeitet habe,
treten wir H. Dntzer (in Schnorr v. Karolsfelds Archiv 1880) bei.

=S. 154, Z. 20:= Goethes Gedichte ed. Hempel _III_, 142.

=S. 162, Z. 16:= Das Original von Goethes Pindar-bersetzung, die
bekanntlich zu der Hirzelschen Sammlung der Leipziger
Universitts-Bibliothek gehrt, hat mir vorgelegen, sie ist brigens
buchstblich abgedruckt in D.j.G. _II_, 14-16. M. Bernays hatte sie
vorher schon verffentlicht in Goethes Briefe an Fr.A. Wolf, S. 122
f.; vgl. daselbst S. 7, Note 10, wo des spter nachlassenden
Interesses Goethes fr Pindar gedacht wird. H. Dntzer hatte in einer
Note Aus Herders Nachla߫ I, 38, Note 2 dem Dichter noch ein anderes
und dazu noch metrisches Stck Pindar-bersetzung (_Ol. II, 162
sq._) vindiziert. A. Schll aber hat (Grenzboten 1867 _II_, 112) den
Irrtum aufgedeckt; es war =seine= Arbeit, nur in schlechter
Versabteilung abgesetzt.

=S. 167, Z. 5:= D.j.G. _III_, 241.

=S. 169, Z. 2:= =K. Wagner=, Mercks Briefe _I_, 37.

=S. 169, Z. 20:= Goethes Leben und Schriften von =K. Goedeke=, S.
80.

=S. 172, Z. 14:= =H. Dntzer= (Aus Herders Nachla߫) _II_, 44
schliet aus einer Briefstelle von Karoline Flachsland an Herder
(_III_, 308) vom 7. August 1772 auf einen verloren gegangenen Brief
Goethes an Herder. Mit Unrecht. Karoline Flachsland bezieht sich in
ihrem Briefe lediglich auf Goethes Brief vom Anfang Juli und Herders
von Mitte Juli 1772 (S. 299 ff.).

=S. 174, Z. 18:= Man vgl. =E. Schmidt= a.a.O., S. 4.

=S. 175, Z. 8 v.u.:= Die im Druck der Werther-Briefe weggelassene
Introduktion lautet: Sie irren gar sehr, wenn Sie glauben, da meine
Liebe gegen Lottchen lau geworden sey, da ich so wenig davon sage. Ich
hatte zu viel davon zu sagen, als es in wenigen Zeilen thun zu
knnen, und hierzu einen besonderen Brief bestimmt, wovon ich schon
einen groen Teil fertig hatte, als Lottchen mich einen Abend
erinnerte, an Sie zu schreiben und als ich gerade tags darauf von
Ihnen den letzten Brief erhielt. Ich will itzo den angefangenen Brief
liegen lassen, weil er noch lange kein Ganzes ausmacht und eine neue
sehr interessante Begebenheit, welche in die Geschichte meiner Liebe
schlgt, erzhlen. Vorher mu ich Ihnen sagen, da meine Liebe sich in
ihrer ersten Wrme erhalten, und unauslschlich geworden ist, da mein
Mdchen von Tag zu Tag immer mehr eines der besten, der
vortrefflichsten weiblichen Geschpfe geworden ist. Bieten Sie mir
alles an, und meine Seele wrde nicht einmal unternehmen, eine Wahl
gegen mein Mdchen anzustellen. Doch werde ich umsonst versuchen Ihnen
zu beschreiben, wie sehr ich sie liebe und ich werde nicht mde, es
ihr zu sagen: jedoch ohne darum ein Romanhafter Liebhaber zu seyn,
weil ich wei, da ich ihr Herz ganz besitze, mithin ruhig liebe, wenn
ich gleich ber einen bloen Schein des Gegenteils unruhig werden
kann. In dieser sen Lage ist diese Jahre hindurch mein Herz gewesen,
Tage lang knnen wir ohne eine minutenlange Langeweile zusammen
zubringen, und ob dieses gleich nicht immer geschieht, so sehe ich sie
doch oft und jedesmahl ist mir, als wenn ich sie das erstemal she.
Ich sage Ihnen, ich zittere oft vor dem Gedanken, ob mein Glck noch
lange dauern kann, da es so lange fortdauert und so gro ist. Folgende
Geschichte wird Ihnen mehr entdecken und manche Reflexion aufklren,
die Sie vielleicht machen.

=S. 180, Z. 4 v.u.:= s. die Ephemerides bei =A. Schll=, Briefe und
Aufstze von Goethe, S. 104: _Testimonio enim mihi virorum tantorum
sententia, rectae rationi quam convenientissimum fuisse =systema
emanationis=_ (das des Giordano Bruno), _licet nulli subscribere velim
sectae, valdeque doleam, Spinozismum, teterrimis erroribus ex eodem
fonte manantibus, doctrinae hinc purissimae iniquissimum fratrem natum
esse_.

=S. 180, Z. 2 v.u.:= a.a.O., S. 101 ff.

=S. 182, Z. 9:= Auf die dogmatische Seite des Problems habe ich hier
natrlich nicht einzugehen. Die dogmatische und dogmengeschichtliche
Litteratur findet sich (neben einer bndigen kritischen Errterung der
Frage) in Herzogs Realencyklopdie, 2. Aufl. (die erste Auflage hatte
keinen besonderen Artikel, sondern nur eine gelegentliche kurze
Behandlung des betreffenden _locus_) _I_, 477-483, von J. Kstlin
zusammengestellt.



[Anmerkung 1: Jerusalem war fast 2-1/2 Jahre lter als Goethe, geb. am
21. Mrz 1747 zu Wolfenbttel. (Mitteilung O. v. =Heinemanns= in Elf
Briefe von Jerusalem-Werther im N. Reich 1874 I, 971 Anm. aus dem
Wolfenbttler Kirchenbuch, als Berichtigung der Angabe bei =Appelt=,
Werther und seine Zeit, S. 71.)]

[Anmerkung 2: Diesen dem Kestnerschen Familienarchiv in Dresden
entnommenen, bisher ungedruckten Brief teile ich natrlich
=buchstblich= (auch der Schreibart nach) mit. Er ist aus der kleinen
Anzahl unverffentlichter Briefe Jerusalems, die jenes Archiv bewahrt,
der am meisten charakteristische.]

[Anmerkung 3: Wir teilen das =Ganze= als ein charakteristisches
Kuriosum im Anhang mit.]




[End of _Goethe in Wetzlar_ by Wilhelm Herbst]

[Fin de _Goethe in Wetzlar_ par Wilhelm Herbst]
