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Title: Die weie Schlange
Author: Grimm, Jacob Ludwig Carl (1785-1863)
Author: Grimm, Wilhelm Carl (1786-1859)
Date of first publication: 1812 [original version]
Edition used as base for this ebook:
   Gttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, 1857
   [Kinder und Hausmrchen gesammelt durch die Brder Grimm.
   Erster Band. Groe Ausgabe. Siebente Auflage.]
Date first posted: 3 April 2012
Date last updated: 3 April 2012
Project Gutenberg Canada ebook #932

This ebook was produced by
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Titre: Die weie Schlange
Auteur: Grimm, Jacob Ludwig Carl (1785-1863)
Auteur: Grimm, Wilhelm Carl (1786-1859)
Date de la premire publication: 1812 [version originale]
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Gttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, 1857
   [Kinder und Hausmrchen gesammelt durch die Brder Grimm.
   Erster Band. Groe Ausgabe. Siebente Auflage.]
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   3 avril 2012
Date de la dernire mise  jour:
   3 avril 2012
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 932

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17.

Die weie Schlange.


Es ist nun schon lange her, da lebte ein Knig, dessen Weisheit im
ganzen Lande berhmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob
ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen
wrde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von
der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mute ein
vertrauter Diener noch eine Schssel bringen. Sie war aber zugedeckt,
und der Diener wute selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wute
es, denn der Knig deckte sie nicht eher auf und a nicht davon, bis er
ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da berkam eines
Tages den Diener, der die Schssel wieder wegtrug, die Neugierde, da er
nicht widerstehen konnte, sondern die Schssel in seine Kammer brachte.
Als er die Thr sorgfltig verschlossen hatte, hob er den Deckel auf und
da sah er da eine weie Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte
er die Lust nicht zurckhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stckchen
davon ab und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge
berhrt, so hrte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen
Stimmen. Er gieng und horchte, da merkte er da es die Sperlinge waren,
die mit einander sprachen und sich allerlei erzhlten, was sie im Felde
und Walde gesehen hatten. Der Genu der Schlange hatte ihm die Fhigkeit
verliehen, die Sprache der Thiere zu verstehen.

Nun trug es sich zu, da gerade an diesem Tage der Knigin ihr schnster
Ring fort kam und auf den vertrauten Diener, der berall Zugang hatte,
der Verdacht fiel er habe ihn gestohlen. Der Knig lie ihn vor sich
kommen und drohte ihm unter heftigen Scheltworten wenn er bis morgen den
Thter nicht zu nennen wte, so sollte er dafr angesehen und gerichtet
werden. Es half nichts da er seine Unschuld betheuerte, er ward mit
keinem bessern Bescheid entlassen. In seiner Unruhe und Angst gieng er
hinab auf den Hof und bedachte wie er sich aus seiner Noth helfen knne.
Da saen die Enten an einem flieenden Wasser friedlich neben einander
und ruhten, sie putzten sich mit ihren Schnbeln glatt und hielten ein
vertrauliches Gesprch. Der Diener blieb stehen und hrte ihnen zu. Sie
erzhlten sich wo sie heute Morgen all herumgewackelt wren und was
fr gutes Futter sie gefunden htten, da sagte eine verdrielich 'mir
liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Knigin
Fenster lag, in der Hast mit hinunter geschluckt.' Da packte sie der
Diener gleich beim Kragen, trug sie in die Kche und sprach zum Koch
'schlachte doch diese ab, sie ist wohl genhrt.' 'Ja,' sagte der Koch,
und wog sie in der Hand, 'die hat keine Mhe gescheut sich zu msten
und schon lange darauf gewartet gebraten zu werden.' Er schnitt ihr den
Hals ab, und als sie ausgenommen ward, fand sich der Ring der Knigin in
ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem Knige seine Unschuld
beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gut machen wollte, erlaubte
er ihm sich eine Gnade auszubitten und versprach ihm die grte
Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wnschte.

Der Diener schlug alles aus und bat nur um ein Pferd und Reisegeld, denn
er hatte Lust die Welt zu sehen und eine Weile darin herum zu ziehen.
Als seine Bitte erfllt war, machte er sich auf den Weg und kam eines
Tags an einem Teich vorbei, wo er drei Fische bemerkte, die sich im
Rohr gefangen hatten und nach Wasser schnappten. Obgleich man sagt,
die Fische wren stumm, so vernahm er doch ihre Klage da sie so elend
umkommen mten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so stieg er
vom Pferde ab und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie
zappelten vor Freude, streckten die Kpfe heraus und riefen ihm zu 'wir
wollen dirs gedenken und dirs vergelten da du uns errettet hast.' Er
ritt weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor als hrte er zu
seinen Fen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und vernahm wie ein
Ameisenknig klagte 'wenn uns nur die Menschen mit den ungeschickten
Thieren vom Leib blieben! da tritt mir das dumme Pferd mit seinen
schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!' Er lenkte auf
einen Seitenweg ein und der Ameisenknig rief ihm zu 'wir wollen dirs
gedenken und dirs vergelten.' Der Weg fhrte ihn in einen Wald und da
sah er einen Rabenvater und eine Rabenmutter, die standen bei ihrem Nest
und warfen ihre Jungen heraus. 'Fort mit euch, ihr Galgenschwengel,'
riefen sie, 'wir knnen euch nicht mehr satt machen, ihr seid gro
genug, und knnt euch selbst ernhren.' Die armen Jungen lagen auf der
Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen und schrien 'wir
hilflosen Kinder, wir sollen uns selbst ernhren und knnen noch nicht
fliegen! was bleibt uns brig als hier Hungers zu sterben!' Da stieg der
gute Jngling ab, tdtete das Pferd mit seinem Degen und berlie es den
jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehpft, sttigten sich und
riefen 'wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.'

Er mute jetzt seine eigenen Beine gebrauchen, und als er lange Wege
gegangen war, kam er in eine groe Stadt. Da war groer Lrm und
Gedrnge in den Straen, und kam einer zu Pferde und machte bekannt,
'die Knigstochter suche einen Gemahl, wer sich aber um sie bewerben
wolle, der msse eine schwere Aufgabe vollbringen, und knne er es nicht
glcklich ausfhren, so habe er sein Leben verwirkt.' Viele hatten es
schon versucht, aber vergeblich ihr Leben daran gesetzt. Der Jngling,
als er die Knigstochter sah, ward er von ihrer groen Schnheit so
verblendet, da er alle Gefahr verga, vor den Knig trat und sich als
Freier meldete.

Alsbald ward er hinaus ans Meer gefhrt und vor seinen Augen ein
goldener Ring hinein geworfen. Dann hie ihn der Knig diesen Ring aus
dem Meeresgrund wieder hervorzuholen, und fgte hinzu 'wenn du ohne ihn
wieder in die Hhe kommst, so wirst du immer aufs neue hinab gestrzt,
bis du in den Wellen umkommst.' Alle bedauerten den schnen Jngling
und lieen ihn dann einsam am Meere zurck. Er stand am Ufer und
berlegte was er wohl thun sollte, da sah er auf einmal drei Fische
daher schwimmen, und es waren keine anderen, als jene, welchen er das
Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er
an den Strand zu den Fen des Jnglings hinlegte, und als dieser sie
aufhob und ffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er
ihn dem Knige und erwartete da er ihm den verheienen Lohn gewhren
wrde. Die stolze Knigstochter aber, als sie vernahm, da er ihr nicht
ebenbrtig war, verschmhte ihn und verlangte er sollte zuvor eine
zweite Aufgabe lsen. Sie gieng hinab in den Garten und streute selbst
zehn Scke voll Hirsen ins Gras. 'Die mu er Morgen, eh die Sonne hervor
kommt, aufgelesen haben,' sprach sie, 'und darf kein Krnchen fehlen.'
Der Jngling setzte sich in den Garten und dachte nach wie es mglich
wre, die Aufgabe zu lsen, aber er konnte nichts ersinnen, sa da
ganz traurig und erwartete bei Anbruch des Morgens zum Tode gefhrt zu
werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, so sah
er die zehn Scke alle wohl gefllt neben einander stehen, und kein
Krnchen fehlte darin. Der Ameisenknig war mit seinen tausend und
tausend Ameisen in der Nacht angekommen, und die dankbaren Thiere hatten
den Hirsen mit groer Emsigkeit gelesen und in die Scke gesammelt. Die
Knigstochter kam selbst in den Garten herab und sah mit Verwunderung
da der Jngling vollbracht hatte was ihm aufgegeben war. Aber sie
konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen und sprach 'hat er auch die
beiden Aufgaben gelst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden,
bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.' Der Jngling
wute nicht wo der Baum des Lebens stand, er machte sich auf und wollte
immer zu gehen, so lange ihn seine Beine trgen, aber er hatte keine
Hoffnung ihn zu finden. Als er schon durch drei Knigreiche gewandert
war und Abends in einen Wald kam, setzte er sich unter einen Baum und
wollte schlafen: da hrte er in den sten ein Gerusch und ein goldner
Apfel fiel in seine Hand. Zugleich flogen drei Raben zu ihm herab,
setzten sich auf seine Knie und sagten 'wir sind die drei jungen Raben,
die du vom Hungertod errettet hast; als wir gro geworden waren und
hrten da du den goldenen Apfel suchtest, so sind wir ber das Meer
geflogen bis ans Ende der Welt, wo der Baum des Lebens steht, und haben
dir den Apfel geholt.' Voll Freude machte sich der Jngling auf den
Heimweg und brachte der schnen Knigstochter den goldenen Apfel, der
nun keine Ausrede mehr brig blieb. Sie theilten den Apfel des Lebens
und aen ihn zusammen: da ward ihr Herz mit Liebe zu ihm erfllt, und
sie erreichten in ungestrtem Glck ein hohes Alter.




[End of Die weie Schlange, by the Brothers Grimm]

[Fin de Die weie Schlange, par les frres Grimm]
