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Title: Rapunzel
Author: Grimm, Jacob Ludwig Carl (1785-1863)
Author: Grimm, Wilhelm Carl (1786-1859)
Date of first publication: 1812 [original version]
Edition used as base for this ebook:
   Gttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, 1857
   [Kinder und Hausmrchen gesammelt durch die Brder Grimm.
   Erster Band. Groe Ausgabe. Siebente Auflage.]
Date first posted: 22 January 2012
Date last updated:  22 January 2012
Project Gutenberg Canada ebook #907

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Titre: Rapunzel
Auteur: Grimm, Jacob Ludwig Carl (1785-1863)
Auteur: Grimm, Wilhelm Carl (1786-1859)
Date de la premire publication: 1812 [version originale]
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Gttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, 1857
   [Kinder und Hausmrchen gesammelt durch die Brder Grimm.
   Erster Band. Groe Ausgabe. Siebente Auflage.]
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   22 janvier 2012
Date de la dernire mise  jour:
   22 janvier 2012
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 907

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12.

Rapunzel.


Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wnschten sich schon lange
vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe
Gott werde ihren Wunsch erfllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus
ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prchtigen Garten sehen,
der voll der schnsten Blumen und Kruter stand; er war aber von einer
hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer
Zauberin gehrte, die groe Macht hatte und von aller Welt gefrchtet
ward. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten
hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schnsten Rapunzeln
bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grn aus, da sie lstern
ward und das grte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das
Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wute da sie keine davon
bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah bla und elend aus. Da
erschrack der Mann und fragte 'was fehlt dir, liebe Frau?' 'Ach,'
antwortete sie, 'wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter
unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.' Der Mann, der sie lieb
hatte, dachte 'eh du deine Frau sterben lssest, holst du ihr von den
Rapunzeln, es mag kosten was es will.' In der Abenddmmerung stieg er
also ber die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile
eine Hand voll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich
sogleich Salat daraus und a sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr
aber so gut, so gut geschmeckt, da sie den andern Tag noch dreimal so
viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mute der Mann noch einmal
in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddmmerung wieder
hinab, als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrack er gewaltig,
denn er sah die Zauberin vor sich stehen. 'Wie kannst du es wagen,'
sprach sie mit zornigem Blick, 'in meinen Garten zu steigen und wie ein
Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? das soll dir schlecht bekommen.'
'Ach,' antwortete er, 'lat Gnade fr Recht ergehen, ich habe mich
nur aus Noth dazu entschlossen: meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem
Fenster erblickt, und empfindet ein so groes Gelsten, da sie sterben
wrde, wenn sie nicht davon zu essen bekme.' Da lie die Zauberin in
ihrem Zorne nach und sprach zu ihm 'verhlt es sich so, wie du sagst, so
will ich dir gestatten Rapunzeln mitzunehmen so viel du willst, allein
ich mache eine Bedingung: du mut mir das Kind geben, das deine Frau zur
Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will fr es sorgen wie
eine Mutter.' Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in
Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen
=Rapunzel= und nahm es mit sich fort.

Rapunzel ward das schnste Kind unter der Sonne. Als es zwlf Jahre alt
war, schlo es die Zauberin in einen Thurm, der in einem Walde lag, und
weder Treppe noch Thre hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen.
Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin, und rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 la mir dein Haar herunter.'

Rapunzel hatte lange prchtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn
sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zpfe los,
wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare
zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, da der Sohn des Knigs durch den
Wald ritt und an dem Thurm vorber kam. Da hrte er einen Gesang, der
war so lieblich, da er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die
in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre se Stimme
erschallen zu lassen. Der Knigssohn wollte zu ihr hinauf steigen und
suchte nach einer Thre des Thurms, aber es war keine zu finden. Er ritt
heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerhrt, da er jeden
Tag hinaus in den Wald gieng und zuhrte. Als er einmal so hinter einem
Baum stand, sah er da eine Zauberin heran kam und hrte wie sie hinauf
rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 la dein Haar herunter.'

Da lie Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr
hinauf. 'Ist das die Leiter, auf welcher man hinauf kommt, so will ich
auch einmal mein Glck versuchen.' Und den folgenden Tag, als es anfieng
dunkel zu werden, gieng er zu dem Thurme und rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 la dein Haar herunter.'

Alsbald fielen die Haare herab und der Knigssohn stieg hinauf.

Anfangs erschrack Rapunzel gewaltig als ein Mann zu ihr herein kam, wie
ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Knigssohn fing an
ganz freundlich mit ihr zu reden und erzhlte ihr da von ihrem Gesang
sein Herz so sehr sei bewegt worden, da es ihm keine Ruhe gelassen, und
er sie selbst habe sehen mssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als
er sie fragte ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah da er
jung und schn war, so dachte sie 'der wird mich lieber haben als die
alte Frau Gothel,' und sagte ja und legte ihre Hand in seine Hand. Sie
sprach 'ich will gerne mit dir gehen, aber ich wei nicht wie ich herab
kommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit,
daraus will ich eine Leiter flechten und wenn die fertig ist, so steige
ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.' Sie verabredeten da er
bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte.
Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfieng und
zu ihr sagte 'sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird
mir viel schwerer heraufzuziehen, als der junge Knigssohn, der ist in
einem Augenblick bei mir.' 'Ach du gottloses Kind,' rief die Zauberin,
'was mu ich von dir hren, ich dachte ich htte dich von aller Welt
geschieden, und du hast mich doch betrogen!' In ihrem Zorne packte sie
die schnen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar Mal um ihre linke
Hand, griff eine Scheere mit der rechten, und ritsch, ratsch, waren sie
abgeschnitten, und die schnen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war
so unbarmherzig da sie die arme Rapunzel in eine Wstenei brachte, wo
sie in groem Jammer und Elend leben mute.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoen hatte, machte Abends die
Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als
der Knigssohn kam und rief

 'Rapunzel, Rapunzel,
 la dein Haar herunter,'

so lie sie die Haare hinab. Der Knigssohn stieg hinauf, aber er fand
oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit
bsen und giftigen Blicken ansah. 'Aha,' rief sie hhnisch, 'du willst
die Frau Liebste holen, aber der schne Vogel sitzt nicht mehr im Nest
und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch
die Augen auskratzen. Fr dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie
wieder erblicken.' Der Knigssohn gerieth auer sich vor Schmerz, und in

der Verzweiflung sprang er den Thurm herab: das Leben brachte er davon,
aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte
er blind im Walde umher, a nichts als Wurzeln und Beeren, und that
nichts als jammern und weinen ber den Verlust seiner liebsten Frau.
So wanderte er einige Jahre im Elend umher und gerieth endlich in die
Wstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem
Knaben und einem Mdchen, kmmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und
sie duchte ihn so bekannt: da gieng er darauf zu, und wie er heran kam,
erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von
ihren Thrnen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und
er konnte damit sehen wie sonst. Er fhrte sie in sein Reich, wo er mit
Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glcklich und vergngt.




HINWEIS


Bei der ersten Nennung wird der Name "Rapunzel" im Original durch
Sperrung hervorgehoben; hier wurde diese Hervorhebung =so= nachempfunden.

Am Text wurden drei nderungen vorgenommen, die unten aufgelistet sind;
dabei folgt die genderte Fassung dem Original.


    Sie hatten ihr aber so gut (...) geschmeckt, das sie (...)
    dreimal so viel Lust bekam.
      Sie hatten ihr aber so gut (...) geschmeckt, da sie (...)
      dreimal so viel Lust bekam.

    meine Frau hat eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt
      meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt

    (...) den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und
    Mdchen
      (...) den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und
      einem Mdchen




[End of Rapunzel, by the Brothers Grimm]

[Fin de Rapunzel, par les frres Grimm]
